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Im Schatten des Einheitstags

von Tobias Prüwer

Leipzig, 3. Oktober 2019. "Wir müssen unsere Männlichkeit wiederentdecken. Denn nur, wenn wir unsere Männlichkeit wiederentdecken, werden wir mannhaft. Und nur, wenn wir mannhaft werden, werden wir wehrhaft." Mit den Worten Björn Höckes unterbricht Hermann der Cherusker den Schlussapplaus. Thusnelda sekundiert mit weiteren rechten bis faschistischen Zitaten.

"Die Hermannsschlacht" soll nicht falsch verstanden werden, dieses Bemühen des Regisseurs Dušan David Pařízek macht der nachgereichte Beipackzettel deutlich. Immerhin hat Heinrich von Kleists teutonisches Drama am Tag der Deutschen Einheit Premiere. Und zwar in Leipzig, die Stadt, die das Label "Heldenstadt" für sich reklamiert.

Kein Held nirgends

Heldisch kommt der Germanenführer aber überhaupt nicht daher. In der Gefahr, zwischen Römern und Sueben zerrieben zu werden, agiert Hermann als Ränkeschmied. Er streut blutige Gerüchte. Schließlich paktiert er mit dem einen Feind – immerhin sind die Proto-Schwaben Deutsche –, um Roms Legionen zu vernichten.

Hermannschlacht2 560 RolfArnold u"Die Hermannsschlacht" auf fünf Darsteller konzentriert: Julian Kluge, Thomas Braungardt, Markus Lerch, Bettina Schmidt, Dirk Lange © Rolf Arnold

Der Stoff strotzt vor Patriotismus und Römer- sprich: Franzosenhass. Bricht heldischem Deutschtum eine Lanze und liefert eine Projektion in eine ruhmreiche Vergangenheit. So wurde der Stoff jedenfalls immer gelesen. Das macht "Die Hermannsschlacht" auch zum Stück der Stunde. Sind doch Teile des Zeitgeistes ähnlich national-chauvinistisch aufgeladen wie die Zeit nach den Kriegen gegen Napoleon, in die das Stück über die Varusschlacht im Teutoburger Wald damals hineinplatzte. Schon bei Kleist wird Hermann nicht heldisch gezeichnet. Die Inszenierung treibt das auf die Spitze.

Deutschland an der Rampe

Zu Beginn verteilt Hermann Kräuterschnaps und Bier im Publikum, das er als sein Volk anspricht. Gattin Thusnelda tritt unterstützend zu ihm auf die in den Raum ragende Rampe, die hinten angehoben zur Spielfläche des Populismus wird. Denn das macht das Paar von Beginn an klar: Es geht ihm nur um sich. Das aus eigentlich 32 Figuren bestehende Stück findet sich auf fünf Darsteller und Rollen reduziert.

Konzentriert auf die ums Herdfeuer versammelte Cheruskersippe treten noch der Rat Eginhardt sowie Feldherr Varus und der Legat Ventidius auf. In Monologen und langen Schlagabtauschen wird Kleist rezitiert. Manchmal ist es mühsam, der gestelzten Sprache zu folgen, was den Abend dann zäh macht. Viel Platz für Spiel haben die Darstellenden nicht, sie nutzen aber auch die kleinsten Möglichkeiten, um die Inszenierung zu dynamisieren. Dadurch gelingen schillernde Momente. Als großes Duo fallen hier Dirk Lange und Bettina Schmidt ins Gewicht, die die Cheruskeranführer als egomanische Karrieristen zeichnen. Da ist keine Geste zu groß, um die eigene Bedeutung zu unterstreichen. Und bleiben nach ihrem Sieg auch nichts als Trümmer, so zeigen sie sich doch noch immer in Gewinnerpose.

Römer vertragen kein Bier

Der Verzicht auf üppiges Bühnenbild und Kostüme und damit auf Klischeedarstellungen ist gut, aber geht nicht auf. Denn er zwingt auf anderer Ebene zum Bedienen von Abziehbildern. Wird der im blauen Anzug auftretende Lange einmal auf seinen Fellüberwurf angesprochen, gelingt noch das Spiel damit, ob hier ein Germanenideal des 19. Jahrhunderts zu sehen ist oder man aus dem Heute spricht. Doch solche Brüche in der Darstellung sind zu selten.

Hermannsschlacht1 560 RolfArnold uCheruskerführer Hermann, gespielt von Dirk Lange: Ränkeschmied, Karrierist und Männlichkeitswitzfigur © Rolf Arnold

Wird "Felicita" von Al Bano & Romina Power angestimmt, verträgt der Römer kein Bier, greift die Regie doch auf plumpe Nationalvorstellungen zurück, die zu direkt bedient werden, um sie zu hintergehen. Es schwäbelt, Norddeutsch und Ruhrpottsprech kommen von der Bühne und bedienen, ob indirekt oder gewollt, doch die Idee der deutschen als Sprechergemeinschaft und als gemeinsames Volk.

Appell der Schicksalsgemeinschaft

Denn das waren ja Crux und Sonderstellung der deutschen Idee zu Kleists Zeit: Volk ohne Nation zu sein, eine auf einen Flickenteppich von Herrschaftsbereichen verteilte Schicksalsgemeinschaft, geeint durch Sprache und Kultur. An diesem sich hartnäckig haltenden Konstrukt rüttelt der Abend nicht entschieden genug, bewegt sich weitestgehend auf dem Boden dieser Übereinkunft. Sind die Anführer eklige Intriganten, die keine Bluttat scheuen, braucht es halt andere Leitfiguren, die das Volk verdient hat, damit es zu sich kommt und ganz Volk sein kann. Das drängt sich als gewiss unfreiwillige Botschaft, gerade im Schatten des Symboltags 3. Oktober auf.

Dass es der Inszenierung nicht gelingt, direkt aus dem Stoff den alldeutschen Klebstoff herauszuklopfen und als lächerlich zu präsentieren, scheint Regisseur Pařízek bemerkt zu haben. Sonst hätte er nicht im Epilog nach dem Applaus zu Männlichkeitswitzfiguren wie Höcke gegriffen, die Deutschlands heiligen Platz in der Welt für die nächsten tausend Jahre beschwören, um den Abend abzusichern. Dass diese nur so daherschwurbeln können, weil noch immer die Vorstellung besonderer deutscher Kultur und eines 2000-jährigen Abstammungsprinzips weit verbreitet sind, hätte man aber besser direkt an Kleists Text herauspräparieren können. An diesem Abend bleiben die Deutschen so weiter an der Rampe stehen.

Die Hermannsschlacht
von Heinrich von Kleist
Regie und Bühne: Dušan David Pařízek, Kostüme: Kamila Polívková, Dramaturgie: Matthias Döpke, Licht: Veit-Rüdiger Griess. Mit: Dirk Lange, Bettina Schmidt, Julian Kluge, Markus Lerch, Thomas Braungardt.
Premiere am 3. Oktober 2019
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.schauspiel-leipzig.de

 

Kritikenrundschau

"Reduziert und mit einfachen Mitteln" komme Dušan David Pařízeks Inszenierung daher, so Matthias Schmidt bei MDR Kultur (4.10.2019). Auf den ersten Blick seien die vielen Regieeinfälle "urkomisch". Auf den zweiten Blick entpuppe sich Hermann, der die ersten Sitzreihen per Handschlag begrüßt und Schnaps verteilt, als skrupelloser Populist: "Er redet die Leute schwindlig, er arbeitet mit Fake News und ziemlich fiesen Methoden." Ohne dass es der Regisseur groß herausstelle, sei das vielleicht "die Ebene, die man am ehesten als einen Zeitbezug zum Heute verstehen" könne, so Schmidt. Hermann werde "wirklich sehr cool gespielt von Dirk Lange", und Bettina Schmidt als Thusnelda allein sei es "wert, sich diesen Abend anzuschauen". Der ende allerdings, mit dem laut Schmidt fürs Verständnis der modernen, sehr gelungenen Kleist-Interpretation unnötigen Epilog aus Propaganda-Zitaten, "ein wenig belehrend".

"Famos" gelinge es Dirk Lange als Cheruskerfürst, aus Kleists Sätzen "diesen schamlosen Alternativlos-Duktus aktueller Politiker herauszuhören", schreibt Diemo Riess in der Leipziger Volkszeitung (5.10.2019). Und wenn Bettina Schmidt als Thusnelda italienische Schlagermusik trällere, "die ja eher nicht in direkter Tradition antiker römischer Kultur steht", sei das ein "verschmitzter Hinweis darauf, dass das Konstrukt 'Nation' als Hort ureigener, unauslöschlicher Charakteristika nichts als Fiktion ist". Wohltuende Distanz zum historischen Pathos des Textes flirre durch den Abend, ohne Kleists Sprache zu verbiegen. "Die Folien aus historischem Stoff und heutigem Rechtspopulismus fügen sich recht knitterfrei übereinander", so Riess. Allerdings reiche das Konzept "über diese nicht unerwartete Deutung" nicht hinaus. Und ob das "plakative Finale" gesetzt sei, weil der Abend "sich selbst nicht so ganz über den Weg" traue?, fragt sich auch dieser Kritiker.