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Gute Welt, schlechte Welt

von Georg Kasch

Magdeburg, 3. Oktober 2019. Zum Schluss stehen sie wieder aufgereiht da, die Schauspieler in weißen Hemden und schwarze Hosen: Der Vorhang zu und alle Fragen offen. Nur dass die letzten Zeilen gestrichen sind, der Abend mit dem Aufruf endet: "Der einzige Ausweg wär aus diesem Ungemach: Sie selber dächten auf der Stelle nach."

 Sezuan1 560 Andreas Lander uMaike Schroeter als Shen-Te und Shui-Ta © Andreas Lander

Das sitzt. Aber ob es was bringt? Das Rätsel, wie man in einer schlechten Welt ein guter Mensch bleiben kann, ist ja seit der Entstehungszeit von Bertolt Brechts "Der gute Mensch von Sezuan" von 1940 ungelöst: Die mitleidige, gütige Shen Te würde untergehen angesichts all der Bittsteller und Bedürftigen, wenn sie nicht ihren skrupellosen Vetter Shui Ta erfände, der das Geld eintreibt. Hilft's, die Welt zu ändern? Und was, wenn dieser Versuch schon mal so schief gegangen ist wie in der DDR?

Times they are a-changing

In Magdeburg geht der neue Schauspielchef Tim Kramer – vorher war er in St. Gallen – auf diese Fragen allenfalls indirekt ein: Am Anfang summen und singen die Schauspieler*innen zart Bob Dylans "The times they are a-changing". Dann schlüpfen sie in ihre Hüte, Kleider, Perücken und klappern munter durch die Geschichte wie durch ein spärlich skizziertes Bilderbuch. Gernot Sommerfeld zitiert sich Ausstattung andeutungsweise durch Chinoiserien. Sezuan wirkt wie hinkalligraphiert, Bambusstäbe tragen das Tabakladendach, Laub fügt sich auf einem Zwischenvorhang zu Ornamenten. Fürs Spiel gibt's Europaletten und mit Schriftzeichen bemalte Treckerschläuche.

Sezuan3 560 Andreas Lander uDie Welt beschwören: "Der gute Mensch von Sezuan" in Madgeburg © Andreas Lander

Hier ist Maike Schroeters Shen Te ein eher schwaches Kraftzentrum. Schön, dass bei ihr Shui Ta keine klare Abspaltung ist, sondern sich beide Figuren überlappen. Aber ihre Shen Te ist wie gehemmt, Shui Ta deutlich eine Popanz. Die Nebenrollen hingegen wirken wie aus dem Typenkabarett, und es hilft nicht, dass Kramer, statt die Komik des Stücks herauszukitzeln, Boulevard-Albernheiten inszeniert: Beim Abgang klapst die Vermieterin dem Polizisten auf den Hintern, die Witwe Shin kommuniziert nonverbal mit ihrem Eimer, bei der Hochzeit führt der Kellner eine Quatschnummer mit einer Schampusflasche auf. Das ist alles so platt wie die Pappwäsche, die in einer Szene von der Leine hängt.

Möglichkeiten des epischen Theaters

Lichtblicke sind Iris Albrecht, die ihre Rollen mit wenigen Strichen als kleine Charakterstudien zeichnet. Und einige der Paul-Dessau-Lieder, etwa das "Vom Sankt Nimmerleinstag" und das "Vom achten Elefanten", weil Tobias Schwencke sie schön arrangiert hat und auf seiner Gitarre sanft Richtung Jazz treibt, Valentin Kleinschmidt sowohl seiner Tenorstimme als auch seiner Trompete schöne Töne entlockt und auch Maike Schroeter plötzlich Strahlkraft besitzt.

Aber warum hat Kramer, wenn er schon auf die Lieder besteht, die Zwischenspiele gestrichen? Und warum spielt er nicht stärker mit den Möglichkeiten des epischen Theaters, wenn er schon einen verfremdenden Rahmen baut und auf den Vorhang "Vorhang" projizieren lässt? Fragen über Fragen. Und wir stehn selbst enttäuscht da.


Der gute Mensch von Sezuan
von Bertolt Brecht
Mitarbeit Ruth Berlau und Margarete Steffin
Musik von Paul Dessau
Regie: Tim Kramer, Musikalische Leitung: Tobias Schwencke, Bühne/Kostüme: Gernot Sommerfeld, Dramaturgie: Laura Busch.
Mit: Maike Schroeter, Valentin Kleinschmidt, Peter Donath, Susi Wirth, Burkhard Wolf, Philip Heimke, Frederik F. Günther, Undine Schmiedl, Iris Albrecht.
Premiere am 3. Oktober 2019
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.theater-magdeburg.de

 

Kritikenrundschau

"Die schönen komödiantischen Erfindungen für die jeweiligen Figuren" reichten nicht für gut zwei Stunden aus, "die Dürftigkeit von Fabel und Handlung zu kompensieren", schreibt Gisela Begrich in der Volksstimme (5.10.2019). Tim Kramers Werktreue, so anerkennenswert sie sei, führe "zu einer misslichen Zeitferne, weil eine Inspiration, um an eine Gegenwärtigkeit anzudocken, fehlt", so Begrich. "Das Lehrstückhafte lastet auf dem ganzen Abend wie Blei und treibt die Aufführung ins Dröge."