Politische Selbstkastration

von Nikolaus Merck

Berlin, 4. Oktober 2019. Am Schönsten, wenn Kathleen Morgeneyer als Gustchen und Lise juchzt und g'schamig dem Hofmeister auf die Pelle rückt. Am Schönsten, wenn Samuel Finzi die Begeisterung des Lehrers Wenzeslaus laut heraus kräht, weil sich der Lehrerkollege Läuffer kastriert hat, um einen Job zu ergattern. Am Schönsten, wenn Peter-René Lüdecke den Sumpf und das Brackwasser vertont, in dem Gustchen sich als-ob ersäufen will.

Einbruch des Punk in die Schlaghosenwelt

"Nicht wundern", sagt Regisseur und Mitspieler Jürgen Kuttner im Kino Babylon am Berliner Rosa-Luxemburg-Platz, schräg gegenüber der Volksbühne, "wenn wir HansAlbersmäßig in die Ferne gucken, der Text wird an die Empore projiziert." HansAlbersmäßig ist dann aber weniger der blaue Blick ins imaginär Weite, als das Verfertigen von Atmosphäre beim Sprechen. Albers war der erste, der im Tonfilm Geräusch-Kehricht zwischen die Sätze streute. Die drei Schauspieler vom Deutschen Theater, die einen aus Standfotos von Brechts "Hofmeister"-Inszenierung am Berliner Ensemble 1950 komponierten Film synchronisieren, tun es ihm mit Herzenswonne quiekend und murrend, krähend und knoddernd, brummend und schnarrend, rumpelnd und schmatzend nach. Das Ganze ist Teil der Versammlung aller frisch restaurierten, digitalisierten, archivierten, komponierten Film-Arbeiten des Bertolt Brecht, die an vier Tagen im traditionsschwersatten Kino Babylon am Berliner Rosa-Luxemburg-Platz gezeigt werden.

Hofmeister korrigiert Brecht Theaterarbeit Die "Hofmeister"-Besetzung vor der Kinoleinwand, von links: Tom Kühnel, Anna Vavilkina, Samuel Finzi, Jürgen Kuttner, Kathleen Morgeneyer, Peter-René Lüdecke  © Babylon

"Der Hofmeister", schreibt Heiner Müller, der alles wusste, "war der Höhepunkt von Brechts Arbeit am Berliner Ensemble." Eine "ganz scharfe, elegante, schöne Aufführung". Mit der Brecht, der Theaterstar, ungeliebt, aber renomeehalber dringend benötigt in der jungen DDR, ganz schön wider die offizielle GoetheundSchillerundMannKulturpolitik der SED aninszenierte. Lenz, den sein Freund Goethe verstieß wegen Unbotmäßigkeit in Weimar, Lenz, bei dem sich der Hauslehrer kastriert und die Soldaten in die Büsche werfen, Lenz versteht man am besten als eine Art Einbruch des Punk in die wohl geordnete Popperwelt von Föhntolle und Schlaghosen.

Bitte ins Repertoire!

Fast 70 Jahre nach der Premiere ist im Babylon von Punk nicht mehr viel zu bemerken. Wenn eine will, mag sie die Exaltiertheiten von Hans Gaugler als Hofmeister (=Privatlehrer) Läuffer beim Menuett und beim Schlittschuhlauf im schwarz-weiß verschwommenen Filmbild als Keimzelle der späteren Energieleistungen an der Castorfschen Volksbühne identifizieren. Aber in Wirklichkeit waren die Regie- und Spielleistungen der Leopold Jessners und Erwin Piscators und ihrer Schauspielagenten in der Weimarer Republik schon weiter gewesen. Auch die brave Bühne von Caspar Neher, die für Arbeiters einige historische Stubenteile zum Wiedererkennen bereithielt, war schon 1950 nicht gerade dernier cri. Aber es war diese Mischung aus Realismus, politischer Scharfzüngigkeit (der deutsche Mann richtet die Waffe lieber gegen sein Geschlecht = Vitalität, "entmannt" sich eher, als gegen die Obrigkeit zu rebellieren) und die schauspielerische Lust, die damals den Welterfolg des "Hofmeister" ausgemacht haben müssen.

Und in dieser Hinsicht schließt das Team vom Deutschen Theater in der Gegenwart leibnah auf. Die Schauspieler*innen haben sichtlich das größte Vergnügen an der Live-Synchro, der Regisseur und Lautsprecher Kuttner (Kollege Kühnel hält sich bedeckt im Parkett) insinuiert eine politische Bedeutung (die es auf alle Fälle gibt, denn was anders als politische Selbstkastration der abhängig Beschäftigten ist die Wahl der AfD?), Anna Vavilkina an der Kino-Orgel rückt das fotografisch-filmische Dokument der Ruth Berlau von 1950 noch einmal um gut 30 Jahre zurück in die totale Stummfilmzeit etwa der Kleinen Strolche, während das Publikum vor Vergnügen ausdauernd giggelt. Ein unendlicher Spaß, den, das sei angeraten, Ulrich Khuon scheunigst eingemeinden sollte in sein Repertoire im Deutschen Theater, wo "Der Hofmeister" am 15. April 1950 auch Premiere gehabt hat.

 

Der Hofmeister
Brecht in echt – Alle originalen Brechtfilme!
vom 3. bis 6. Oktober im Kino Babylon, Berlin

babylonberlin.eu