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Selbstbehauptung mit Schleudergang

von Dieter Stoll

Nürnberg, 5. Oktober 2019. Sie stehen an der Bühnenrampe und stopfen sich hektisch immer mehr von den landestypisch tröstenden Süßigkeiten in den Mund. Ihre skandierende Selbstbehauptung ist folglich von fliegenden Krümeln aus türkischem Nougat durchsetzt. Oder der Zuckerwatte, die das darzustellen hat. "Ausnahmezustand, Ausbadezustand, Aushaltezustand", lautet der trotzige Kanon von drei Frauen (Wissenschaftlerin, Übersetzerin, Journalistin) und zwei Männern (ein queerer Radiomoderator, ein Ex-Manager), alle kulturaffin und arbeitslos, vor dem gruppendynamisch eroberten Gebäude.

Vermutlich wird niemand auf die Idee kommen, den unwirtlichen Istanbuler Waschsalon mit seinem rotierenden Schaumschlag hinter den gestapelten Bullaugen als "wunderbar" zu bezeichnen. Obwohl er für die jungen Kunden mit ihrer Konfliktsammlung aus Schmutzwäsche und Angstzuständen inmitten einer vom Staat bedrohten Gesellschaft einige Anzeichen eines magischen Ortes hat.

Waschverweigerung und anderer Widerstand

Hier treffen sie sich mit Plastiktaschen voller verschwitzter Textilien, weil daheim das Wasser gesperrt oder die Kommunikation gestört ist, und hier kämpfen sie im Schleudergang der Gefühle wütend an gegen die eigenen Fluchtreflexe im Heimatland, das es ihnen grade so schwer macht.

"Seit 92 Tagen dusche ich nicht", stellt die entlassene Journalistin ihren aktuellen Protest gegen Unterdrückung vor. Zum Lebenserhalt übersetzt sie Bedienungsanleitungen für Elektromüll, kann im Schnellverfahren türkische Untertitel für amerikanische TV-Serien transponieren. Oder Filmkunst ohne Verfallsdatum entdecken. An Pasolini denkt sie laut Autorin Ceren Ercan.

I love you Turkey 6987 560 Konrad Fersterer uWunderbarere Waschsalon? Das Ensemble in "I love you, Turkey!" © Konrad Fersterer

Doch Selen Kara, die Nürnberger Regisseurin der deutschsprachigen Erstaufführung, schiebt zur Akzentuierung die Behauptung anderer Erinnerungen drüber. Rainer Werner Fassbinders Beitrag zum Episodenfilm "Deutschland im Herbst" von 1978, wo er die RAF-Hysterie im eigenen Land fassungslos mit seiner Mutter diskutiert ("Das Beste wäre so ein autoritärer Herrscher, der ganz gut ist und ganz lieb", sagte sie zum Wert von Demokratie), schlägt so über 40 Jahre und viele Grenzen hinweg den Bogen zur aktuellen Befindlichkeit der "heutigen Türkei".

Nischen-Panorama

Man liest das in verteilten Rollen vor, als prototypischen Konflikt. "Ich habe auch Angst, aber ich hab das Gefühl, dass ich nicht weg kann", gesteht der Sohn. Im Waschsalon ist das mehrheitsfähig, obwohl dort grade der Besitzer im Auftrag der Behörde penibel den Widerstandsgeist protokolliert. Ein verdächtiges Beatles-Shirt mit der Aufschrift "HELP" wurde gesichtet, das kann Folgen haben.

Wer die Absicht von Theaterstücken am liebsten gleich in ihrem Titel finden will, der darf in diesem Fall alles auf eine Karte setzen. Auf ihr steckt gedrängt Ironie, Trotz, sogar Sarkasmus und eben auch das irritierende Bekenntnis zu Patriotismus als stabile Liebesbeziehung. Das Ausrufezeichen ist der dramaturgische Knackpunkt in "I love you, Turkey!". Die unheimliche, bewundernswerte Entschlossenheit, unter keinen Umständen aufzugeben.

Konflikte der Gebliebenen

Im Bühnenessay der zur Premiere angereisten und bei der Verbeugung mit Bravo-Rufen empfangenen Ceren Erkan, die den Text 2017 am Stadttheater des Arbeitervororts Bakirköy entwickelte, wo er seit dem Erfolg beim Internationalen Theaterfestival Istanbul "unter Aufsicht" im Repertoire steht, ist eine Trilogie des Wiedersehens angelegt. Über "Die Gegangenen" gab es schon einen ersten Teil, an der Vollendung mit den "sich Versteckenden" wird noch geschrieben, das jetzt gezeigte Stück zielt mitten ins Herz der "Gebliebenen".

I love you Turkey 6858 560 Konrad Fersterer uHausbar hinter den Waschmaschinen im Bühnenbild von Lydia Merkel in "I love you, Turkey!" © Konrad Fersterer

Am besten gelingt das, allen zu gut gemeinten Einlassungen entkommend, mit der Wucht-Energie der Groteske. Zwischen trügerisch flackernden Erinnerungen an optimistische Zeiten ("2003. Endlich sind wir Erste beim Eurovision Song Contest. – Europa erwartet uns") und fuchtelnden Handbewegungs-Klischees für die Relativierung gesellschaftlich akzeptierter Sehnsuchtsfloskeln wie den Begriff von den "Mädchen zum Heiraten" flimmern live Channel-Spots als Ratgeber-Format fürs soziale Netzwerk: Wie man kurze, problemfreie Gespräche führt, wird mit breitem Grinsen gelehrt.

Groteske mit Emotion

Auf eine schmerz- und herzhafte Spitze getrieben, gruselig-komisch ist es, wenn sich die Akteure im Zustand der Anbiederungs-Simulation suhlen und "den Deutschen", den Generalvertretern vom guten Europa, die eigenen Vorteile zum Schleuderpreis anbieten: Helle Haut, hoch gebildet, keine Plastiktüten, keinerlei extreme Ansichten, der Schweiß stinkt nicht. Lieblingsworte? "Danke. Entschuldigung. Bitte." Körpersprache und Gedanken recken und verrenken sich.

Mit vollem Risiko mag Regisseurin Selen Kara das Drama, das ihr wichtig ist, nicht ins Absurde stürzen. Die komödiantisch topfit aufgestellten Schauspieler*innen (Süheyla Ünlü, Lisa Mies, Lea Sophie Salfeld, Amadeus Köhli, Nicolas Frederick Djuren – dem Ensemble-Geist des Maxim-Gorki-Theaters allesamt recht nah) springen an elastischer Leine in die Groteske und schnalzen zurück in die Melancholie. Die Sprache, eben noch zur Attacke gerast, macht spaßigen Show-Zitaten und gefühligem Rundgesang Platz. Da wird es arg nett.

Projekt für die ganze Saison

Dem drehbaren Käfig mit dem gekachelten Waschsalon (Bühne: Lydia Merkel) ist auf der Rückseite plötzlich eine Hausbar für Partystimmung angewachsen. An der Vorderfront schäumt die Waschlauge über die Köpfe des Ensembles und hochprozentig bleibt da nur das Ausrufezeichen. Von der Journalistin, die ihr Kind auf den türkischen Namen für "Widerstand" taufte, künden die Mitwisser: "Sie will nicht länger schweigen". Geduscht hat sie ja bereits.

Ob die türkischstämmigen Franken, gut 100.000 Personen dürften es in der Nürnberger Region derzeit mindestens sein, so enthusiastisch reagieren wie das Premierenpublikum, ob sie Zuwendung erkennen oder Affront vermuten, das wäre die interessanteste Frage, die dieser Abend anstoßen kann. Sie ist ein Projekt für die ganze Saison.

I love you, Turkey!
von Ceren Ercan
Regie: Selen Kara, Bühne: Lydia Merkel, Kostüme: Anna Maria Schories, Dramaturgie: Christina Zintl Musik: Vera Mohrs, Licht: Frank Laubenheimer, Choreografie: Ingo Schweiger.
Mit: Süheila Ünlü, Lisa Mies, Lea Sophie Salfeld, Amadeus Köhli, Nicolas Frederick Djuren
Premiere am 5. Oktober 2019 in den Kammerspielen
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-nuernberg.de

 

Mehr zu: Die Uraufführungs-Inszenierung von I loveyou,Turkey! des Istanbuler BBT Theaters, in der Regie von Yelda Baskın, gastierte im Mai beim Türkei-Schwerpunkt des Heidelberger Stückemarkts.

 

Kritikenrundschau

"Die Stärke dieses Stücks der Istanbuler Dramatikerin Ceren Ercan liegt nicht in dem, was auf der Bühne passiert", schreibt Wolf Ebersberger in der Nürnberger Zeitung (7.10.2019). "Sie liegt in den fünf Figuren und dem, was sie von sich erzählen, ja preisgeben – simpel und humorig von der Rampe ins Publikum." Fast dokumentarisch reihe der Abend "diese Aussagen aneinander, verbindet sie aber mit Geschick und genug musikalischer Gleitcreme zu einer frechen kleinen Generations-Revue, die eher erheitert als deprimiert." Der Rezensent hofft, "dass auch ein paar türkische Zuschauer (es gibt sogar Übertitel) diesen wichtigen und aufgeweckten Not-Ruf aus dem Nürnberger Theater wahrnehmen".


"Eine flotte Nummern-Revue mit einigem szenischen Spektakel, mit besinnlichen Momenten und eindringlichen Monologen", hat Wolfgang Reitzammer für die Nürnberger Nachrichten (7.10.2019) gesehen, bei der das "neue Grundprinzip der Diversität ist in jedem Fall gewahrt" bleibe. Auch der "Der traditionell deutsche Besucher des Staatstheaters erhält einen lohnenswerten Zeitgeschichte-Crash-Kurs 'Türkisch für Anfänger'" – ob allerdings auch "Deutsch-Türken aus der Umgebung in großer Zahl diese Einladung zur Selbstreflexion annehmen werden", bleibe abzuwarten.


"Ceren Ercans Text ist der Versuch eines ambivalenten Stimmungsbildes", meint Barbara Bogen im BR (6.10.2019). "Doch das Gefühl der Klaustrophobie, der Ohnmacht, der Angst und der nostalgisch-utopischen Sehnsüchte kann Regisseurin Selen Kara nicht annähernd glaubhaft machen." Das Ensemble agiere "weitgehend charismafrei" und sage "immer wieder plump Texte an der Rampe in Richtung Publikum auf". In seiner "verblüffenden Kunstlosigkeit" seit das "nicht nur ärgerlich, sondern auch politisch eine knallhart verpasste Chance, eine Brücke zu schlagen".