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Gedankenströme

von Falk Schreiber

7. Oktober 2019. Alte Theatermenschen kennen das noch: die Vorstellung, dass Schauspieler*innen bessere Requisiten seien, Material für die künstlerische Idee der Regie. Heute würde das kaum noch jemand so eindeutig sagen (gut, Ersan Mondtag vielleicht), aber im hierarchischen Staatstheaterbetrieb wird trotzdem fast nie die ästhetische Autorität der Regieposition in Frage gestellt.

Insofern ist es ein ehrenwertes Unterfangen, wenn die Theaterwissenschaftler Leon Gabriel und Nikolaus Müller-Schöll in dem Sammelband "Das Denken der Bühne" die Bühnenpraxis aus einer ganz neuen Perspektive betrachten: als Denkprozess, der sich in der Performance manifestiert. Der "denkende Schauspieler" muss hier gar nicht postuliert werden, wer auf der Bühne steht, ist von vornherein Teil des Denkens.

Bewusstsein schaffen

Natürlich ist das, was Gabriel und Müller-Schöll hier machen, Wissenschaft. Mit konkreter Theaterpraxis kann das nichts zu tun haben. Und natürlich ist das Thema der Wissenschaft nicht in erster Linie die Emanzipation von hierarchischen Strukturen. Aber sie ist die Basis für solch eine Emanzipation. Die Vorüberlegungen, die mit "Das Denken der Bühne" angestellt werden, schaffen mittelbar ein Bewusstsein für Praxis und strukturelle Zwänge – weil Denken Voraussetzung für ein Bewusstsein ist.

Cover Das Denken der Buehne"Das Denken der Bühne" entpuppt sich allerdings weniger als Theaterwissenschaft (die die Herausgeber in Bochum und Frankfurt lehren) denn als Philosophie, weil der Band sich über weite Strecken an der Frage abarbeitet, was Denken eigentlich ist, unabhängig davon, ob das nun im Bühnenkontext oder anderswo passiert. Der Untertitel "Szenen zwischen Theater und Philosophie" macht das schon deutlich, indem er das Buch explizit zwischen den Disziplinen verortet.

Interdisziplinärer Ansatz

Die Selbstbezeichnung "Szenen" allerdings ist eher Wortgeklingel: Der Begriff aus dem Drama ist nur ein Label, das nicht bedeutet, dass hier tatsächlich szenisch argumentiert würde. Im Gegenteil erscheinen die präsentierten Szenen manchmal etwas trocken, weil die Anbindung an die Bühnenrealität immer wieder neu konstruiert werden muss, ermöglichen allerdings auch immer wieder überraschende Verknüpfungen mit Nachbardisziplinen.

Am deutlichsten wird dieser interdisziplinäre Ansatz in Lydia J. Whites Beitrag "Die Bühne mit der Bühne denken", in dem die Autorin Pirandellos Meta-Drama "Sechs Personen suchen einen Autor" mit Brechts "Der Messingkauf" kurzschließt – ein naheliegender Gedanke, der hier aus philosophischer, theater- und literaturwissenschaftlicher Perspektive immer wieder durchdekliniert wird, bis sich schlagartig eine Erkenntnis auftut.

"Wir als Leser*innen, das heißt Zuschauer*innen dieses Theaters im Text, sehen immer sowohl das Geschehen auf der Bühne als auch die Tatsache, dass etwas geschieht, was das Dargestellte und die Darstellung auseinanderhält", beschreibt White am Beispiel des Brecht-Stücks die bekannte Differenz von Zeichen und Bezeichnetem als "Geschehen", das sich als Denken identifizieren lässt.

Fußnotenstarke Konstruktionen

Die Autorin verortet dieses Denken im Gespräch: "Das Denken dieser Bühne, das im unvollendeten Fragment nie zu Ende gedacht wird, bleibt also als das, was die Figuren im Gespräch miteinander praktizieren, sowohl die 'Handlung' des Textes als auch der Gegenstand des Denkens." Was am Ende zwar auf ein ziemlich textzentriertes Theaterverständnis hinausläuft, so aber eine gedankliche Brücke ermöglicht zu Freddie Rokems theaterhistorisch aufgebautem Aufsatz "Besessen vom Theater" über die Bedeutung der hebräischen Sprache in der Aufführung der jüdischen Geisterfabel "Der Dibbuk", 1922 am Moskauer Habima Theater.

Rokem argumentiert mit Walter Benjamin, so Müller-Schöll in seinem einleitenden Text "Über Theater überhaupt und das Theater des Menschen" (was für ein großartiger, weltumspannender Titel – dieses Denken hat auch eine selbstironische Qualität!) mit Jacques Derrida – das sind fußnotenstarke Konstruktionen, die Verächter wissenschaftlichen Schreibens schnell abschrecken werden.

Konzentriert auf Performance

Wobei sich hin und wieder originelle Analysen praktischer Theaterarbeit finden lassen: Müller-Scholl etwa kommt von der dekonstruktivistischen Denktradition zu einer scharfsinnigen Analyse von Xavier Le Rois peripherem Stück "low pieces" (2013), Leonie Otto beschreibt in "Was heißt: Sich im Tanzen orientieren?“"Laurent Chétouanes "Hommage an das Zaudern" (2012), Julia Schade untersucht in "Hold Your Breath Against Time" ausführlich das Werk William Kentridges.

Auffallend: dass sich diese stärker auf die konkrete Bühnenaktion beziehenden Beiträge vor allem mit Arbeiten beschäftigen, bei denen der Denkprozess weniger auf der Textebene deutlich wird, sondern die vom Tanz kommen, von der Performance, von der Bildenden Kunst.

Kluft zur Theaterpraxis

"Das Denken der Bühne" ist so selbst ein mäandernder Denkprozess, ein Gedankenstrom, der mal ins Stocken kommt, mal auf eine falsche Fährte führt und mal eine Erkenntnis als Überraschung präsentiert. Mit dem Alltag der deutschsprachigen Bühnen hat das Beschriebene wenig zu tun, mit dem Untersuchen dessen, was Theater sein könnte, umso mehr. Theater könnte sein: eine Struktur, in der sich Schauspieler*innen organisch bewegen, ein Abwägen von Argumenten, ein Assoziieren. Ein Denken, warum nicht?

Das Denken der Bühne
Szenen zwischen Theater und Philosophie
Herausgegeben von Leon Gabriel und Nikolaus Müller-Schöll
Transcript Verlag, 278 S., 26,99 Euro