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Wie Theater den Hass therapiert

von Verena Harzer

New York, 8. Oktober 2019. Ein Mann sitzt in sich zusammengesunken in der U-Bahn. Der Kopf ist tief gesenkt, die rechte Hand bedeckt die Augen. "Gerade habe ich 'Slave Play' mit meinem weißen Freund gesehen und jetzt geht es ihm beschissen. Mach etwas @jeremyoharris", schreibt @GrapefruitKING auf Twitter.

Der Mann, an den sich der Hilferuf richtet, ist der 30-jährige Dramatiker und Schauspieler Jeremy O. Harris. Ihm ist in dieser Theater-Saison etwas Außergewöhnliches gelungen: Noch nie wurde am Broadway ein Stück von einem so jungen, schwarzen Autor gezeigt. Slave Play heißt das provokante und umstrittene Stück über Rassismus in den USA. So provokant zumindest, dass nach jeder Vorstellung psychologisch geschultes Personal in der Theaterlobby steht; für verstörte Zuschauer mit Gesprächsbedarf. Der Freund von @GrapefruitKING hätte dort vielleicht Hilfe gefunden.

Thema seit 400 Jahren

Jeremy O. Harris gehört zu einer ganzen Reihe von schwarzen Theatermachern, die in New York gerade große Aufmerksamkeit bekommen. Sie alle haben eines gemeinsam: Sie holen das meist weiße New Yorker Theaterpublikum aus der liberalen Komfortzone. Die New York Times spricht von einem "radikalen Moment im amerikanischen Theater" und die Washington Post schreibt, dass zu spüren sei, wie sich "die Erde zugunsten von afro-amerikanischen Theatermachern verschiebt".

New York 3 JordanECooper 280Jordan E. Cooper © Ambe J. WilliamsEs hat schon viele herausragende schwarze Theatermacher in New York gegeben, die sich mit ihrer Identität als Afro-Amerikaner in der US-Gesellschaft auseinandergesetzt haben. Aber die Tatsache, dass ein offener Rassist im Weißen Haus sitzt, die immer wiederkehrende Gewalt von Polizisten gegen Schwarze und die andauernde strukturelle Ungleichbehandlung hat ihren Themen eine neue Brisanz gegeben.

Jordan E. Cooper, neben Harris einer von drei weiteren Dramatikern, die derzeit besonders herausstechen, sagt in der Washington Post: "Plötzlich sind alle alarmiert. Während wir bereits seit 400 Jahren alarmiert sind". Vor 400 Jahren begann die Sklaverei in den USA.

Coopers Stück "Ain't No Mo" ist im März 2019 am Public Theater, einem der renommiertesten Off-Broadway-Theater in New York, uraufgeführt worden. Es ist ein satirisches Exodus-Stück und spielt in einer unbestimmten Zukunft. Um das Problem des Rassismus zu lösen, greift die US-Regierung auf eine alte Nazi-Idee zurück: Sie bietet allen Afro-Amerikanern ein kostenloses Rückflug-Ticket nach Afrika an. Dieser Ausgangssituation lässt Cooper einen rasanten stilistischen Mix an Szenen folgen. Sie erzählen von der Komplexität und den vielen Facetten afro-amerikanischer Identitäten in den USA. Zum Teil brüllend komisch, zum Teil bitter ernst. Kritiker und Publikum waren begeistert, das Stück wurde zwei Mal verlängert.

New York 3 Fairview MaYaa Boateng Heather Alicia Simms 280 Gerry GoodsteinJackie Sibblies Drurys "Fairview" mit MaYaa Boateng und Heather Alicia Simms © Gerry Goodstein

Die Dramatikerin Jackie Sibblies Drury sieht eine größer werdende Bereitschaft des Publikums, sich auf rassismuskritische Themen einzulassen. "Du musst nicht mehr diese fast unüberwindbare Hürde nehmen, sie überhaupt erst dazu zu bringen, zuzugeben, dass diese Themen existieren." Drurys mit einem Pulitzer-Preis gekröntes Stück "Fairview" wurde 2018 in New York uraufgeführt, gerade in Washington gezeigt und geht demnächst nach London. Es beginnt ganz harmlos mit fast Sitcom-ähnlichen Vorbereitungen für ein Geburtstagsdinner in einer schwarzen Mittelstandsfamilie. Und zieht dann mit mehreren überraschenden Wendungen dem Publikum den Boden unter den Füßen weg. Am Ende werden alle weißen Zuschauer aufgefordert, ihre Plätze im Publikum zu verlassen und auf die Bühne zu kommen. Nicht um sie einzubinden. Sondern um sie auszuschließen. Das Stück geht danach im Zuschauerraum weiter.

Weiße müssen den Saal verlassen

Für einen ähnlichen Schritt hat sich Aleshea Harris in ihrem Stück "What to Send Up When it Goes Down" entschieden. Das im Herbst 2018 von der Off-Off-Broadway-Truppe The Movement Theatre Company uraufgeführte Stück ist eine Art ritualisierter Gottesdienst für schwarze Männer und Frauen, die von Polizisten erschossen wurden. Kurz vor Schluss werden alle weißen Zuschauer aufgefordert den Raum zu verlassen. Die letzte Szene dürfen nur noch schwarze Besucher sehen. 

Für Harris ist dieser Moment des Stückes von großer Bedeutung. "Viele Schwarze fühlen sich mit dem Stück verbunden", sagte sie der Washington Post. Die Anwesenheit weißer Zuschauer würde diese Verbundenheit stören. Den schwarzen Zuschauern wollte sie deshalb diesen einen besonderen Moment schenken. Ihren Rassismus können Weiße eben nicht einfach abstreifen, nur weil sie erklären, keine Rassisten zu sein, sagt Harris. Und: "Auf eine Art bist du trotzdem mitschuldig."

New York 3 Aleshea Harris 280 Andrew Wofford Costa CiminielloAleshea Harris © Andrew Wofford und Costa CiminielloJeremy O. Harris lässt sein Stück "Slave Play" auf einer Plantage in den Südstaaten beginnen. Drei schwarz/weiße Paare sind in verschiedenen Sexszenen zu erleben, mit unterschiedlichen Zuordnungen: Einmal ist der Mann der Master und die Frau die Sklavin, einmal ist es umgekehrt. Das dritte Paar ist schwul. Hier dominiert der schwarze Mann den weißen. Harris spielt mit den Klischees. Die Herrin wird zur Latex-Domina mit riesigem schwarzen Dildo in der Hand. Der Master weiß nicht, wie man eine Peitsche richtig schwingt und trifft sich selbst. Die Sklavin putzt zu Rhiannas Song "Work" lasziv den Boden. Es wird viel gelacht im Publikum. Und viel bedrückt geschwiegen. Klar ist: Hier stimmt etwas nicht.

Überwältigender Widerspruch

Die Plantage entpuppt sich als Kulisse für eine Gruppen-Therapie im Hier und Jetzt. Den schwarzen Partnern der drei Paare soll geholfen werden, ihre weißen Partner sexuell wieder attraktiv zu finden. Die Therapie hat sogar einen fiktiven Namen: Antebellum Sexual Performance Therapy. Antebellum bezeichnet die Epoche der Südstaaten, bevor der amerikanische Bürgerkrieg ausbrach. Eine Zeit, in der Sklaverei in den Südstaaten brutaler Alltag war.

New York 3 Jackie Sibblies Drury 280 Sebastian VenuatJackie Sibblies Drury © Sebastian Venuat

Die Stücke dieser Dramatiker geben eine Ahnung davon, wie tief die rassistischen Traumata immer noch in der amerikanischen Gesellschaft verankert sind. Aufgeklärte Amerikaner, die gedacht haben, dass die Wahl von Barack Obama das Thema Rassismus vom Tisch gefegt hätte, bekommen von diesen Theatermachern "einen überwältigenden Widerspruch", schreibt der Theaterkritiker Peter Marks in der Washington Post. 

Jeremy O. Harris bekommt jetzt für seinen "überwältigenden Widerspruch" die ganz große Bühne. Er hat trotz des schwierigen Themas Broadway-Produzenten gefunden, die seinem Stück zutrauen, die Produktionskosten von 3,9 Millionen Dollar wieder einzuspielen. Am 6. Oktober war die Premiere, geplant sind 17 Wochen am Golden Theatre. Gefüllt werden müssen zum Teil zwei Mal täglich gut 800 Plätze. Die aller Voraussicht nach vor allem von weißen Zuschauern besetzt werden. 75 Prozent der Broadway-Besucher sind weiß.

Denen macht es Harris nicht leicht. Die thematische Verknüpfung von Sex und Sklaverei in einem stellenweise aberwitzig komischen Stück ist ein riskantes Gemisch für eine Broadway-Produktion. Wenn es "Slave Play" gelingen würde, diese Themen einem größeren Publikum nahe zu bringen, wäre das eine durchaus "wunderbare Überraschung" schrieb die New York Times nach der Premiere. Selbst wenn es sich dann um ein "geschocktes und beleidigtes" Publikum handeln würde.

Das Stück der Stunde

Hoffnung dürfte den Produzenten gemacht haben, wie das Stück aufgenommen wurde, nachdem es im Herbst 2018 am New York Theatre Workshop, einem 200-Plätze-Off-Broadway-Haus, uraufgeführt wurde. Die Kritiker überschlugen sich vor Begeisterung. Ein Theaterkritiker der New York Times nannte es "das herausragendste und gewagtestes" Stück, dass er seit langem gesehen hätte. Alle Aufführungen waren ausverkauft, Stars wie Madonna, Whoopi Goldberg und Scarlett Johansson waren da. "Slave Play" war das Stück der Stunde, über das alle sprachen.

New York 3 Jeremy O. Harris 280 Quil Lemons 2 Jeremy O. Harris  © Quil Lemons 

Aber es gab auch Morddrohungen, unter anderem gegen Harris und einige der Schauspieler. Auf Twitter formierte sich Widerstand. Der Hashtag #ShutDownSlavePlay wurde tausende Male geteilt. Eine Petition, in der die Initiatoren ebenfalls die Absetzung des Stückes verlangen, haben knapp sechstausend Menschen unterschrieben. Das Theatre Workshop reagierte mit erhöhten Sicherheitsvorkehrungen.

Dass das Stück Protest hervorrufen würde, damit hatten alle Beteiligten gerechnet. Aber nicht damit, dass der Protest größtenteils aus der schwarzen Community kommen würde. Von Menschen, die das Stück oft gar nicht gesehen hatten. Hauptgrund für die Empörung war ein bereits vor der Premiere veröffentlichtes Foto, auf dem eine schwarze Frau zu sehen ist, die in einem Sklavenkostüm vor einem weißen, als Aufseher gekleideten Mann kniet.

Zum Probenbeginn für den Broadway-Lauf von "Slave Play" hielt Regisseur Robert O'Hara deshalb eine Ansprache an das gesamte Team. Die New York Times berichtet, er habe alle zu einem äußerst sensiblen Umgang mit dem Stück aufgerufen. Sein Leben lang hätten ihn weiße Amerikaner nach dem Ursprung seines Namens gefragt. Er habe immer höflich geantwortet: Sklaverei. Jeder hier solle sich bewusst machen, dass sie nur wegen dem, was ihre schwarzen Vorfahren "ausgehalten, überlebt und abgeschafft hätten" hier stehen würden, sagte O'Hara. Ganz besonders die mehrheitlich weißen Produzenten des Stückes sollten sich, gerade wenn es um die Außenkommunikation geht, fragen, "ob sie diesem Erbe gerecht würden".

Alles, nur kein netter Abend

Jeremy O. Harris hat von Anfang an klar gemacht, dass der Erfolg von "Slave Play" am Broadway nicht am Profit gemessen werden kann: "Darum geht es weder mir, noch geht es darum in dem Stück." Seine Vision ist es, mit seinem Stück ein neues Interesse am Theater zu entfachen.

Er wünscht sich viel mehr junge und vor allen Dingen viel mehr schwarze Menschen im Zuschauersaal. Sie sollen mit dem Gefühl nach Hause gehen, dass dieses Stück sie wirklich etwas angeht. Sie sollen das Bedürfnis haben, über das zu reden, was sie da gerade gesehen haben. Harris will das komplette Gegenteil dessen, was den Broadway heute in weiten Teilen ausmacht, mit seinen Disney-Adaptionen von "Frozen" oder "König der Löwen". Alles, nur nicht wieder ein netter Abend soll es sein für den "Slave Play"-Zuschauer.

New York 3 SLAVE PLAY 560 Matthew MurphyAnnie McNamara und Sullivan Jones in Jeremy O. Harris' "Slave Play" © Matthew Murphy

Harris versucht deshalb, die Broadway-Strukturen aufzubrechen. Schwarze Theatermacher sollen nicht länger nur der "Black Slot" an der bekanntesten Theatermeile der Welt sein. Was da lange Zeit normal war, zeigt Harris zusammen mit befreundeten Künstlern auf der Webseite blackworkbroadway.com. Dort ist eine Liste mit allen Broadway-Stücken von schwarzen Autoren seit dem späten 19. Jahrhundert zu sehen. Meistens war es nur eine Produktion pro Saison. Der "Black Slot" eben. Das Feigenblatt.  

Um das zu ändern, gehen zehn Prozent der Einnahmen von "Slave Play" an das National Black Theatre in Harlem, das junge schwarze Theatermacher fördert. Und an das britische Black-Ticket-Project, das für schwarze Jugendliche Freikarten für Theateraufführungen vergibt. Harris hat außerdem durchgesetzt, dass "Slave Play" an einem Abend vor einem rein schwarzen Publikum aufgeführt wurde, die sogenannte "Black Out Night".

Damit diese Vorstellung nicht von vornherein von Kritikern gestört wird, hat Harris sie größtenteils im Alleingang über seine sozialen Netzwerke beworben. Mit Erfolg. Das Theater war brechend voll. Der Abend selbst hätte sich wie eine Zeitreise in die Zukunft angefühlt, "wo das Standard, und nicht nur eine Möglichkeit ist", sagte Harris dem Magazin American Theatre.

@GrapefruitKING und sein verzweifelter weißer Freund haben auf Twitter natürlich eine Antwort von Harris bekommen. "Schickt bitte alle Therapie-Rechnungen an @yaledrama", schreibt er. An der renommierten Drama School der Yale Universität war Harris einer von wenigen schwarzen Studenten unter vielen, vielen weißen. Im ersten Studienjahr dort hat er "Slave Play" geschrieben. Auch eine Form der Therapie.

VerenaHarzer 140Verena Harzer studierte in Berlin und Paris Theater-, Literatur- und Kunstwissenschaften. Als Dramaturgin war sie unter anderem für die Oper Dortmund, German Theater Abroad, posttheater, spreeagenten Berlin, die Internationalen Gluck Opern-Festspiele und writtenotwritten tätig. 2014 leitete sie den Stückemarkt des Berliner Theatertreffens. Seit 2017 lebt sie in New York und arbeitet dort als Kulturjournalistin.

 

Mehr über New Yorks Theaterszene: Im Juni berichtete Verena Harzer über einen Boom des Sprechtheaters am Broadway, das sich selbst erneuert – und das Musical gleich mit. Im August schrieb sie über Frauen-Figuren im New Yorker Theater.

Auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung bejubelt in einer Kritik (8.10.2019) SLave Play