Arbeit am Abbau des Mythos

von Andreas Wilink

Bochum, 11. Oktober 2019. Das Feuer mit flackernder Flamme wird zum Erlöschen gebracht und ersetzt durch eine Stehlampe, eine ziemlich scheußliche. Das Licht, das Prometheus den olympischen Göttern stahl und den Menschen brachte, ist gedimmt zum kleinbürgerlichen Requisit. Auf der Bühne der Bochumer Kammerspiele weht kein Wind vom Paradiese her und es stürmt auch nicht durch die Geschichte. Die Windmaschine blättert vielmehr sacht durchs Werk des 1995 gestorbenen Dramatiker-Dichters, dessen letztes Stück "Germania 3 Gespenster am toten Mann" an der Bochumer Königsallee posthum uraufgeführt worden war. "Mach's leicht", soll der Autor dem Regisseur Leander Haußmann geraten haben.

Wie man die Hydra zähmt

Leicht macht es auch Sandra Hüller, die sich zunächst ein fesches blondes Leutnants-Bärtchen unter die Nase klebt und mit ihren zwei Adjutanten Moritz und Sandro beratschlagt, ob das denn überhaupt ginge, was sie da machen wollten, mit dem Sound der Anlage, deren Boxen das Bühnenrechteck in den Bochumer Kammerspielen nach hinten hin abschließen, mit der so genannten Feedbackschleife und der "Spur als Signal". Lässt sich so die Hydra zähmen, indem man sich schlicht keinen Kopf macht? Jedenfalls keinen, der zu rauchen beginnt. Tom Schneiders Inszenierung ist gut durchlüftetet – heiter bis wolkig.

Hydra 1 560 ThomasAurin uBeunruhigende Friedfertigkeit: Sandra Hüller spielt Heiner Müller auf der vollgerümpelten Bühne von Michael Graessner © Thomas Aurin

Über den Boden kriecht ein granatrot glimmendes künstliches Krokodil, Überbleibsel aus grauen Vortagen und schwer tragend an seinem Echsen-Erbe. Noch so ein Tier, das es nicht gibt. Wie die Hydra, das neunköpfige mythologische Ungeheuer, dem das Haupt – einmal abgeschlagen – doppelt nachwächst. Der Schoß bleibt fruchtbar, doch das Grab wartet schon. Die Hydra wurde von Herakles mit Stumpf und Stiel verbrannt. Der Zeus-Sohn erlöste, neben seinen anderen blutigen Großtaten, den Prometheus aus der Gefangenschaft am Felsgebirge des Kaukasus.

"Es folgte der Selbstmord der Götter"

Ein ungeheurer Satz – als wären die Lettern in Erz geschmiedet für einen kryptischen Letzten Willen – beendet Müllers ganz andere Prometheus-Erzählung: "Es folgte der Selbstmord der Götter." Geschrieben aus dem Wissen, dass Befreiung noch nicht Freiheit bedeutet, dass dem Überwinden immer schon die Niederlage inne wohnt. Die Sage von Herakles deutet Müller um. Bei ihm muss der Halbgott lernen, dass er sich selbst sein eigentlicher Feind sei und nicht die Bestien, die zu besiegen er in die Schlacht zieht. Und findet in ihr die Parabel: Der staatliche Leviathan wird sich selbst zum Schrecknis.

Hydra 2 560 ThomasAurin uDer Engel der Verzweiflung als Haus-Fee: Sandra Hüller, begleitet von Sandro Tajouri und Moritz Bossmann © Thomas Aurin

Hüller, die Lakonie in Person, zieht den Prometheus-Text auf ihre fräuleinwundersame Art zu sich heran wie ein Wiegenkind. Steht da im grünen Hängekleid, als hielte sie in ihrer Hand ein Taschentuch mit Knoten verborgen, der sie erinnern soll, ja nie ihre Kindheit zu vergessen. Sie und ihre zwei Partner – kostümiert, als wollten sie Alice hinter den Spiegeln besuchen – begleiten und unterstreichen die Verse mit manchmal bewusst verrutschenden pantomimischen Gesten.

So verwandelt sich der Engel der Verzweiflung, der oft durch Müllers Werk rauscht, in eine sanfte, versonnene Haus-Fee. Und die Bühne mit einigem Geschleppe und Gewuchte in eine vollgestellte, komplett eingerichtete Wohnung samt Kühl- und Kleiderschrank, Klappbetten, Spüle und Toilette, Sitzgarnitur und Fernseher. Darüber schwebt eine riesige kohlschwarze Matratze, die später ihre Füllung abwirft, damit bis zum zerschlissenen Skelett abmagert und unter sich qualmende Verwüstung anrichtet.

Schauspieler als Durchgangszimmer

Hüller geht ihren Verrichtungen nach, streicht scheinbar absichtslos über Möbel, setzt sich an die Heimorgel, schmiert sich ein Butterbrot, unternimmt einiges an Leibesübungen und Krafttraining, forscht sich überlegt und in konzentrierter Beiläufigkeit in den "Arbeiter" Herakles hinein und dessen Antriebe, reflektiert – halblaut und wie für sich allein – über Max Webers protestantisches Arbeitsethos, über Arbeit und Struktur und den Lohn der Mühen, über Fehler, ohne die kein Fortschritt ist, über das Scheitern, das in jedem Tun begründet liegt, stellt das System, in dem wir alle gefangen sind, zur Rede, votiert für das Poröse statt Kontingente von Geschichte. Und hofft auf den Abriss der vierten Wand. Denn immer auch spricht sie von: sich und den Aggregatzuständen ihrer Profession und Professionalität. Schauspieler seien wie "ein Durchgangszimmer für die Gedanken anderer Leute".

Hydra 4 560 ThomasAurin uKein Sturm weht vom Paradiese her: Sandro Tajouri im Auge der Windmaschine © Thomas Aurin

Gewiss, es rattert auch mal Müllers "Zement"-Mischmaschine, und die wummernden Musikbatterien spenden Energie. Aber so, wie hier ein Tischflämmchen einsam glüht zwischen all den angehäuften Wohnutensilien, findet Hüller auch für Furcht und Schrecken der antiken Schicksalsgebundenheit, die Müller ins Neu-Preußische überführt, eine beunruhigende Friedfertigkeit.

Das ist Arbeit am Abbau des Mythos. Wer Heiner Müller spricht, liest und hört, steht zumeist an den "Mauern aus Gestank", errichtet vor einer Zeitwand, die kein konkreter Raum definiert. Urzeit, Gegenwart, die Apokalypse der Zukunft – "Ein Flügelschlag / und hinter uns Äonen", wie der Pfarrerssohn Gottfried Benn von kosmischer Warte aus dichtete und in dem großen Nichts doch noch den Takt des Herzschlags vernahm – ähnlich wie sein ostdeutscher Kollege.

"Der Mund entsteht mit dem Schrei", schreibt Müller. In Bochum aber, bei Hüller, Schneider und ihrem Team, entsteht der Mund mit dem Lächeln. Es trifft seine eigene Wahrheit.

 

Die Hydra
Texte von Heiner Müller
Regie: Tom Schneider, Bühne/Kostüme: Michael Graessner, Musik: Moritz Bossmann, Sandra Hüller, Sandro Tajouri, Dramaturgie: Tobias Staab, Lichtdesign: Wolfgang Macher.
Mit: Sandra Hüller, Moritz Bossmann, Michael Graessner, Sandro Tajouri.
Premiere am 11. Oktober 2019
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.schauspielhausbochum.de


Hier lesen Sie über den Monolog-Hit Bilder deiner großen Liebe von Sandra Hüller und Tom Schneider, der am Zürcher Neumarkt herauskam und aktuell ebenfalls in Bochum zu sehen ist.

 

Kritikenrundschau

"Was macht der Mensch, wenn er frei ist?", fragt Achim Lettmann mit Heiner Müller im Westfälischen Anzeiger (online 13.10.2019): "Müller stellt die Frage, und Sandra Hüller trägt den Text konzentriert, dann im Plauderton ganz locker vor". Hüller erscheine "nachdenklich, reduziert sich, spricht unser Gewissen an". Wenn zu "Herakles 2" die Möbel zusammenbrechen, herrsche "Endzeitstimmung". Das sei "bedrückend und unabwendbar".

Man müsse schon "die Ohren spitzen", um diese Texte zu verstehen, schreibt Martin Krumbholz in der Süddeutschen Zeitung (online 13.10.2019): "Sandra Hüller spricht dezidiert leise, wie zu sich selbst. Neben dem Mikroport hat sie einen Knopf im Ohr, die Texte werden ihr zugespielt. Das gibt ihrem Sprechen eine Beiläufigkeit, ein kühles Understatement, das zu dem Pathos der Müller-Monologe den größtmöglichen Kontrast herstellt." Heiner Müller selbst, ist sich der Autor gewiss, "hätte an diesem von dem Regisseur und Musiker Tom Schneider eingerichteten Abend vermutlich seine Freude gehabt".

Die Inszenierung nehme den Charakter einer Installation an, die Müllers Texte nicht deute, sondern sie als düstere Solitäre ausstelle, umgeben von simplen Bildmetaphern und Alltagstexten. "Die gedankliche Fallhöhe Müllers wird damit allerdings verfehlt und auch die Ideen zu sozialer Arbeit oder Kollektivität halten zeitgenössischen Theorien kaum stand“, bemängelt Hans-Christoph Zimmermann vom WDR (14.10.2019). "Man verlässt das Theater mit einem Gefühl einer Leere."

 

 
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