Wenn der Baseballknüppel tanzt

von Jürgen Reuß

Freiburg, 11. Oktober 2019. Zu Jubiläen lässt man Vergangenes Revue passieren, 30 Jahre nach dem Mauerfall also das Jahr davor und das danach: "89/90". Den Vorher-Nachher-Effekt mit der Coming-of-age-Geschichte einer Ostanarcho-Clique zu verknüpfen, ist als Theateridee verlockend, hat ja auch schon einmal gut funktioniert: Claudia Bauer kam mit ihrer Leipziger Bühnenversion von Peter Richters "89/90" zum Berliner Theatertreffen 2017.

Richters Romanvorlage ist dick und bietet viel Auswahlmaterial. Sascha Flocken hat in seiner Fassung daraus eine Geschichtsrevue mit musikalischen Einlagen von "Die Partei hat immer recht" über Hasselhoffs Wendehymne "Looking for Freedom" und Phil Collins Wessie-wie-Ossi-Tophit "Another Day in Paradise" bis Techno gestaltet.

Nackt unterm Wachturm

Durch die Revue führt eine Auswahl an Charakteren, die das Spektrum vom angepassten Parteijugendlichen bis zum unangepassten Segment mit Anarcho, Transe und Fußballnazi abbildet und deren Lebenswege bis in die Nachwendezeit verfolgt werden. Richtig greifbar werden sie nicht, was aber nicht an den Schauspieler*innen liegt, die das prima machen, sondern daran, dass ihre Funktion, Geschichte erlebbar zu machen, zu präsent ist. Das lädt dazu ein, bei der Inszenierung eher darüber zu sinnieren, was man bei ihr denn über den Osten lernt.

89 90 3 560 RainerMuranyi uBack in the GDR: Frederik Gora, Clara Schulze-Wegener und Raphael Westermeier blicken in die sächsische Wendezeit. © Rainer Muranyi

Die Bühne im Kleinen Haus des Theaters Freiburg beherrscht ein Hochgerüst, von dem aus Gestalten im Trenchcoat ab und an Blendscheinwerfer aufs Publikum richten. Die Tellkamp'sche Turmgesellschaft zeigt sich als Gesellschaft unterm Wachturm, unter dem Watchtower ("There must be some way out of here"). Punkig wird reflektiert, dass die DDR ihre Zukunftszugewandtheit seit den 1970ern eingestellt hat.

Wir lernen also, dass neben jeder Menge Blauhemden, die noch Systemkonformität verchoren, schon die späteren Szenen der Anarcho-Hausbesetzer, der Systemgewinnler und der Faschoprügler vorhanden waren, aber noch gemeinsam schwimmen gingen. War es nackt egal, ob man FDJ-Eurythmie betrieb oder als Sachsen-Hool die "Preußenjuden" in Berlin "vergasen" wollte?

Der Aufmarsch der Geldscheinjunkies

Nach der Pause, die mit dem Mauerfall zusammenfällt, gewinnt das Stück an Überdeutlichkeit. Die pure Konsum- und Geldgeilheit, die die Mitglieder des Jungen Theaters statt in linientreuen blauen Trainingsanzug nun als strumpfmaskig gesichtslose Geldscheinjunkies verkörpern, dazu die Werbesprüche als neuer Parteieid, ausgerollte Banner für den neuen Gott Mammon, Ausflüge zu den "Fidschis", dem Vietnamesenmarkt in der "Tschechei", wo die Nazis ihre Bomberjacken kaufen, um darin die Vietnamesen und Mosambikaner daheim preisgünstig aufzumischen – da kann sich der Wessi im Ossiklischee sonnen.

89 90 1 560 RainerMuranyi uTumulte nach der Wende: das Freiburger Ensemble spielt auf der Bühne von Nina Hofmann © Rainer Muranyi

Aber lügen solche Geschichtsrevuen? Sind die auch nach der Wende noch im angepassten Blauhemd verlesenen Nachrichten ein Hinweis, dass nach dem Mauerfall eben die "Lügenpresse" übernommen hat, und raten zu Vorsicht bei öffentlichen Verlautbarungen?

Techno als Freibad

Ein schöner Einfall ist der Gedanke, dass Techno das Freibad von heute ist. War man früher von rechts bis links gemeinsam schwimmen, geht man heute gemeinsam raven. Mehr Versöhnungsutopie ist nicht. Nicht bei zwei Szenen, die sich schon seit dem Mauerfall im Kriegszustand befinden, in dem es keine Anarchos, Transen oder sonstige Abweichler gibt, sondern nur noch links und rechts und dazwischen der Baseballknüppel.

Was macht man mit einer Erinnerungsshow, die das Publikum in den sächsischen über dreißigjährigen Bürgerkrieg entlässt? Am besten zum Techno auf der Premiere abtanzen. Wie wurde an der Westseeküste mal so schön gesungen: Some dance to remember, some dance to forget.

 

89/90
nach Peter Richter
Bühnenfassung des Romans von Sascha Flocken
Regie: Sascha Flocken, Bühne und Kostüme: Nina Hofmann, Musik: Jan Paul Werge, Dramaturgie: Michael Kaiser.
Mit: Frederik Gora, Clara Schulze-Wegener, Jan Paul Werge, Raphael Westermeier, Marta De Altin, Emma Salomé Baumann, Felipa Calero, Casimir Fedeler, Hannah Lea Hasenfuß, Fee Heck, Moritz Herlyn, Arjuna Hummert, Hanna Jäkel, Judith Jäkel, Lilith Korbel, Luka Mahlmann, Friederike Mehler, Laurin Pfau, Amaya Molina Sander, Simao Smith, Lou Söhnlein, Lumea Welter.
Premiere am 11. Oktober 2019
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, eine Pause

www.theater.freiburg.de

 

Kritikenrundschau

In der Badischen Zeitung aus Freiburg schreibt Bettina Schulte (online 13.10.2019, 19:30 Uhr): Sascha Flockens Adaption von "89/90" sei "eine Art Revue der Wendezeit geworden". Eine "offene, fast improvisatorisch wirkende" Inszenierung, mit "episodischen Szenen und pantomimischen wie chorischen Auftritten" sei keine "schlechte Methode, um klarzumachen", hier werde nicht der Roman illustriert. Die Musik transportiere "das Lebensgefühl der Heranwachsenden". Doch die politische Entwicklung nach rechts schon in der Wende reduziere sich auf der Bühne auf "ein paar Typen mit Strumpfmasken und Baseballschlägern". Nach der Pause greife Flocken zu "recht eindeutigen Mitteln". Für die politische Gegenwart lasse sich aus dieser Inszenierung nichts lernen.

 

 
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