logo_nachtkritik_klein.png
Drucken

Als ginge sie über Eis

von Shirin Sojitrawalla

15. Oktober 2019. Wer Karin Henkels Inszenierung der Drei Schwestern am Deutschen Theater Berlin gesehen hat, genießt daran womöglich nur eine bleibende Erinnerung: An ein Mädchen im Kleid, das mit einer unverwechselbaren, der Welt abhanden gekommenen Stimme Sätze für die Ewigkeit spricht: "Und ich glaube, bald werden wir wissen, warum wir leben und warum das so wehtut (..)." Es ist Angela Winkler in der Rolle der jüngsten Schwester Irina. "Spielt Theater, als würdet ihr über Eis gehen und könntet jederzeit einbrechen", lehrte sie einst Klaus Michael Grüber, einer ihrer maßgeblichen Regisseure. Sie hält sich bis heute daran.

Exzentrisches Bühnenwesen

Über ihren Auftritt in "Drei Schwestern" schreibt sie am Ende ihrer soeben erschienenen Autobiographie: "Diese Sätze gehen mir so nah. Viel näher als Schauspieler-Könnerei." Damit spricht sie vielen aus dem Herzen. Mit "Schauspieler-Könnerei" hat Angela Winkler ebenso wenig am Hut wie mit anderen Gepflogenheiten ihres Berufsstands. Schauspielkunst ist nicht das, um was es ihr im Theater geht, eher schon um Wahrheit und um Einfachheit.

Cover Mein Blaues ZimmerDabei scheint es nur Menschen zu geben, die sie entweder sehr mögen oder gar nicht mögen. Gerhard Stadelmaier formulierte es so: "Man muss sich in sie verschauen – oder wegschauen. (Es gibt kein Drittes.)". Das mag auch an ihrer eigentümlichen Exzentrik liegen, sie fügt sich nicht richtig ein, stört ein bisschen die Szenerie, scheint wie von einem anderen Stern. Ein Bühnenwesen.

Theater ist nicht Familie

Auch in "Mein blaues Zimmer", das sie zusammen mit der Dramaturgin Brigitte Landes verfasste, erweist sich Angela WInkler als exzentrisch. Ungeordnet, wild und spontan wechseln sich Erinnerungen und Tagebucheinträge ab, Banales und Grundsätzliches reihen sich munter aneinander. Nicht streng chronologisch erzählt sie aus ihrem Leben und von ihrem Beruf, wobei der in solchen Erinnerungen übliche Klatsch und Tratsch im Grunde flach fällt. Das könnte auch daran liegen, dass die 1944 in Templin geborene Angela Winkler das Theater nie als ihre Familie gesehen hat. Warum auch? "Familie habe ich selber, die suche ich im Theater nicht."

Die eigene Familie als Schutzmantel. Mit dem Bildhauer Wigand Witting hat sie vier Kinder, darunter die Schauspielerin Nele Winkler, kein Sorgenkind, sondern eines, das in sich glücklich ist, wie Angela Winkler schreibt. In ihrem Buch veröffentlicht sie teilweise rührende Schwarz-Weiß-Fotos aus dem Familienalbum, ihre Kinder, wie sie in die Welt staunen, Häuseransichten, die sich wie Gesichter lesen lassen. Viel mehr private Fotos als solche aus ihrem Schauspielerleben sind abgedruckt. "Das Leben ist mir einfach wichtiger", schreibt sie gleich zu Beginn. Ihre ungeheure Liebe zum Leben schlägt sich auch in langen Auszeiten nieder, ihrem Leben auf dem Land, ihrer Gier nach Natur.

Eigener Weg querfeldein

Lebensgierig präsentiert sie sich, als eine, die sich nichts vormacht, die weiß, was sie zum Glücklichsein braucht, die einen unbändigen Freiheitswillen kultiviert, sich nicht einfach ein-, unter- oder zuordnen lässt. Der Wunsch, Schauspielerin zu werden, überkommt sie als junges Mädchen im Kino wie eine heiße Erkenntnis. Die Schauspielschule in Stuttgart stellt sich dann als Enttäuschung heraus. Angela Winkler jobbt als Souffleuse, Parkplatzwächterin und Kirschenverkäuferin auf dem Viktualienmarkt. Später spielt sie an der Komödie in Kassel, geht ans Landestheater Castrop-Rauxel, nach der ersten Spielzeit kommt auch schon das erste Filmangebot: "Jagdszenen in Niederbayern". Screenshot Angela Winkler Jagdszenen 280Angela Winkler als Dienstmädchen in "Jagdszenen aus Niederbayern", ihre erste Filmrolle im Jahr 1969

Frech schreibt sie Peter Stein "Komme gerade aus 'Easy Rider' und möchte an die Schaubühne...". Sie dreht mit Schlöndorff ("Die verlorene Ehre der Katharina Blum", "Die Blechtrommel"), arbeitet mit Klaus Michael Grüber, Luc Bondy, Peter Zadek, dessen "Hamlet" sie 1999 verkörpert. "Es ist die Hölle, es ist die Hölle, es ist die Hölle", notierte sie sich damals über die Schwierigkeiten, diese Rolle zu erarbeiten.

Mit Ehrlichkeit

Sie spielt unter Robert Wilson, tourt mit einem Else-Lasker-Schüler-Abend (nicht zufällig erinnert der Titel des Buches an das berühmte Else-Gedicht "Mein blaues Klavier"), singt Chansons, steht mit ihrer Tochter im RambaZamba Theater auf der Bühne und und und. Dazwischen baut sie mehrere Häuser um, lebt in Frankreich, in Italien und sonst wo, watet im Matsch, arbeitet gern mit den Händen.

Von all dem handelt dieses fein gesponnene, intensive Buch. Aber auch vom "Hundekackort“ Berlin, dem Muttermal über ihren Lippen ("Es sieht einfach hässlich aus und ich zupfe ab und zu Haare aus, die darauf wachsen."), von Krankheiten, dem Älter und Alt werden, dem näher kommenden Tod. Kurz: Ein im besten Sinne einfaches Buch, und ein wahres.

Mein blaues Zimmer
Autobiographische Skizzen.
von Angela Winkler, mit Brigitte Landes
Kiepenheuer & Witsch Verlag, 229 Seiten, 22 Euro