Die Hölle auf Erden: ein Büro

von Gabi Hift

Wien, 17. Oktober 2019. Freilich, wie soll das alles gehen: Der Teufel kommt in die Stadt in Begleitung einer riesigen sprechenden Katze, mischt die korrupte Gesellschaft aus feigen Duckmäusern auf, die alle behaupten, es gäbe keinen Gott. In Gestalt des schwarzen Magiers Mr. Woland treibt er sie ins Irrenhaus, in die Verzweiflung, er feiert den jährlichen Satansball mit allen Mördern der Weltgeschichte und bringt dem Liebespaar, dem verbotenen Dichter "Meister" und seiner Geliebten Margarita, die auf dem Besen zum Ball reitet, die Erlösung. Dazwischen noch der Roman über Pontius Pilatus, den der Meister geschrieben hat. Michail Bulgakows "Der Meister und Margarita": ein Buch, das den Kopf beim Lesen so berauscht, dass manche Russen es noch mehr lieben als den Wodka, sagt man, und viele können es auswendig. Kann eine Theateraufführung daran überhaupt herankommen?

No magic realism!

Das estnische Regieduo Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo wollte sich dieser Konkurrenz offenbar gar nicht stellen. Ihre Inszenierung am Burgtheater wirkt, als hätten sie gegen die Zumutung gestreikt und wollte justament das Gegenteil des überbordenden magischen Realismus machen. Hier also: keine Menschen, die sich in Tiere verwandeln, keine Hexen auf Besen, keine mysteriöse Wohnung, kein schmieriges Varieté, kein Irrenhaus. Alles spielt in einem ebenso unspezifischen wie hässlich-realistischen Einheitsbüro unter tristen Energiesparlampen. Ein Büro-Flur, nach hinten zu vier Kojen mit identischen Tischen und Drehstühlen, zur Rampe ein schlammfarbener Teppichboden, drüber eine riesige Videoleinwand. Die Hälfte der Zeit wird mit der Livekamera mitgefilmt, die Bilder sind so groß, dass sie nicht mehr ganz scharf sind, es sieht aus wie Reality-TV.

MeisteruM4 560 MatthiasHorn u"The office", das Theaterstück © Matthias Horn

Dieses Büro ist nun manchmal die Redaktion der Literaturzeitschrift, mit deren Chefredakteur der Teufel als erstes anbandelt, dann wieder sind einzelne Büroräume Zimmer der Wohnung des Meisters. Spielt eine Szene im Irrenhaus, dann trägt einer eine Zwangsjacke, im Varieté wird das Licht unwesentlich mehr rosa, und bei Szenen aus "Pontius Pilatus" werden zwei Bürostühle nach vorn auf den Teppichboden gerollt, ein Riechfläschchen des Teufels lässt den Bürovorsteher zu Pilatus werden, und Jesus setzt sich zu ihm, um mit ihm zu diskutieren (Jesus arbeitet die restliche Zeit in voller Montur, blutüberströmt und mit Dornenkrone, als Putzkraft im Büro – eine der wenigen schönen poetischen Ideen).

Undankbar für die Spieler*innen

So lassen sich Bulgakows Szenen zwar halbwegs erzählen, sie werden aber quasi nur zitiert, es entsteht keine differenziertes Verhältnis der Figuren zueinander und erst recht keine Stimmung. Vom Schrecken und vom Vergnügen des Buchs ist kaum noch etwas übrig. Glänzen und erfreuen darf einzig und allein der Teufel in Gestalt von Norman Hacker: Er brilliert in einem roten Paillettenanzug, lässig und sexy. Norman Hacker ist nach Anfängen am Wiener Theater am Petersplatz und langen Wanderjahren durch große Theater zurück nach Wien ans Burgtheater gekommen und ist jetzt ein echter Gent, ein geborener Teufel, hat ihn auch schon einmal im Jedermann gespielt. Er suhlt sich aasig noch im schalsten Energiesparlampenlicht, als wär's Honig, fettige Federn bis zu den Schultern, lasziv, hässlich, selbstverliebt, ungeheuer charmant. Seinetwegen schaut man bis zum Ende gern zu.

MeisteruM3 560 MatthiasHorn uNorman Hacker als Teufel © Matthias Horn

Aber sonst hätte man fast allen von Kušej Neuengagierten, die sich hier zum ersten Mal dem Wiener Publikum präsentieren, eine bessere Gelegenheit dazu gewünscht. Die meisten Situationen sind so unterspannt, unklar und beliebig angelegt, dass sich nur allgemeiner Schwampf spielen lässt. Manche retten sich in ein elegantes Pokerface. Mehmet Ateşçi, frisch vom Gorkitheater, und Philip Hauß wirken bei der Sache – man weiß zwar nicht bei welcher, aber sie sehen dabei gut aus. Marcel Heupermann, ganz jung und vom Residenztheater mitgekommen, scheint wild entschlossen, mutiger zu spielen, nur was?

MeisteruM2 560 MatthiasHorn uRainer Galke und Annamária Láng als Meister und Margarita © Matthias Horn

Am schwersten hat es das große Liebespaar, Rainer Galke als "Meister" und Annamária Láng als Margarita. Die beiden sollen nämlich die ganz großen Gefühle spielen, und dabei werden ihre Gesichter riesenhaft übertragen, so dass man jede Unehrlichkeit sofort sieht. Bei Rainer Galke wirkt das peinlich. Annamária Láng hingegen "kann" es. Sie ist Ungarin, hat bisher im Proton Theater von Kornél Mundruczó gespielt. Wegen ihres starkes Akzents spricht sie mit besonders großem Bemühen um – auch innere – Deutlichkeit, das macht ihre Art zu sprechen faszinierend und persönlich. Und sie kann tatsächlich aus dem Stand weinen und zittern. Aber weil die Situationen so allgemein sind, keine Verortung und keine Tiefe haben, erkennt man es als schauspielerisches Zauberkunststück.

Des Teufels Coolness

Im Ganzen bleibt es völlig unklar, was die Inszenierung überhaupt erzählen möchte. Nach der Pause kommt ein rührender Moment, alle singen: Jesus' blood never failed me yet. Der Zusammenhang mit der Stimmung davor und danach stellt sich aber nicht her.

Bei Bulgakow sehnen sich alle nach Erlösung, mindestens genauso wie nach Geld und Sex und Erfolg. Sie sind schrecklich, aber auch wie die Kinder, und genau diese brodelnde Mischung ist das Leben selbst. Deshalb macht die Lektüre des Buches tatsächlich glücklich. Dem Druck, die Versprechungen des Romans auf Vergnügen und Glück einlösen zu müssen, hat sich die Truppe auf sympathische Art verweigert - sie sind alle einfach unter der Latte durchgegangen.

Aber diese Lässigkeit passt unter all den getriebenen und gebeutelten Figuren eben nur zu einer einzigen: zum Teufel. Als Norman Hacker beim unentschiedenen Schlussapplaus irgendein Spassettl macht, sagt einer hinter mir bewundernd: "Der ist so eine coole Sau!" Und das stimmt.

 

Meister und Margarita
Regie, Bühne, Kostüme, Video: Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo, Musik: Jakob Juhkam, Körperarbeit: Jüri Nael, Licht: Marcus Loran, Dramaturgie: Götz Leineweber.
Mit: Norman Hacker, Felix Kammerer, Stefanie Dvorak, Rainer Galke, Annamária Láng, Philipp Hauß, Tim Werths, Mehmet Ateşçi Sokow, Johannes Zirner, Hanna Binder, Marcel Heuperman.
Dauer: 3 Stunden 20 Minuten, eine Pause

www.burgtheater.at

 

Kritikenrundschau

"Der Teufel ist von allen Figuren immer die sympathischste. Nicht nur modisch setzt der Höllenfürst ein ums andere Mal alle anderen matt", schreibt auch Margarete Affenzeller im Standard (19.10.219) über den Sympathieträger des Abends. Die Zeitebenen verbinden Semper und Ojasoo in der mit "denkwürdigen Momenten gespickten" Inszenierung leichthändig. Der Abend wahre den Überblick, verschränke die Schauplätze und Zeiten mit einem schnellen Bürosesselrutscher und ergötze sich zugleich an Details. Aber den vielschichtigen Wälzer in ein abendfüllendes Theaterformat zu packen, gehe ein Stück weit immer mit Scheitern einher. "Semper und Ojasoo lassen in ihrer respektablen Exposition den Schauspielern zu wenig Raum. So kühlt der Abend allmählich aus."

Semper und Ojasoo gelinge es, "über fast dreieinhalb Stunden, doch einen überraschend haltbaren Spannungsrahmen zu bauen", berichtet Christina Böck von der Wiener Zeitung (online 18.10.2019). "Es steckt viel drin in dieser Inszenierung, außer der Erkenntnis, dass es das Böse braucht, um das Gute zu erkennen. Wer aber mit dem Stoff nicht sehr vertraut ist und womöglich nicht trefflich belesen ist, dem wird nicht weniges davon rätselhaft bleiben. Das macht "Meister und Margarita" zu einer ambitionierten, aber alles andere als niederschwelligen Bearbeitung. Was sie geschafft hat, und das ist dann doch ein bisschen unheimlich: Der Aggressionspegel von Teilen des Premierenpublikums war erheblich."

Kein Abend für Konservative, "aber ein toller, frecher Wurf und im zweiten Teil fast ein Geniestreich, der es mit dem grandiosen Roman aufnehmen kann": Für Barbara Petsch von der Presse (23.10.2019) wirkt in der bildstarken Inszenierung zwar "manches wie eine billige Kopie von Frank Castorf oder Christoph Marthaler". Doch "am Ende klang der begeisterte Applaus echt".

 

 
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