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Weniger Gift!

von Nikolaus Merck

21. Oktober 2019. Der Schriftsteller Thomas Melle beklagt in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung anlässlich der Debatte um die Nobelpreis-Verleihung an Peter Handke, dass diejenigen, "die sich gegen den Hass, zumal den rechten, positionieren und für die Betroffenen und Diskriminierten einstehen, bisweilen dem Reiz des virtuellen Schauprozesses nachgeben und so selbst eine Unterform der symbolischen Gewalt ausüben". In diese Kritik schließt er nachtkritik.de, auch wenn er den Namen nicht nennt, ausdrücklich mit ein. Dabei bezieht sich Melle auf das "offiziell als Kommentar zum Nobelpreis gepostete" Video von Mateja Meded, das er als "alberner Quatsch" apostrophiert.

 Künstlerposition gegen das Trennende

Ist die künstlerische Position der Schauspielerin Mateja Meded wirklich nur ein alberner Quatsch? Ist nur die wieder und wieder rekonstruierte Trennung des politischen vom literarischen Handke sachlich (schon 2006 fasste Der Perlentaucher die Debatte um Handkes "Jugoslawien-Äußerungen zusammen)? Ist die Trennung einem Preis angemessen, der kein reiner Kunstpreis ist, sondern eine dezidiert politische Ausrichtung hat und nach dem Testament von Alfred Nobel Persönlichkeiten auszeichnet, die dem "Wohl der Menschheit den höchsten Beitrag geleistet haben" ("have conferred the greatest benefit to humankind")?

Ist es so schwierig zu denken, was Felix Stephan in der Süddeutschen Zeitung so beschreibt: "Wie sollen die Bosniaken, deren Nachbarn und Verwandte in Srebrenica oder Višegrad den serbischen Genoziden zu Tausenden zum Opfer gefallen sind, die Entscheidung der Schwedischen Akademie anders verstehen, als: Eure tausend Tode, eure Vertreibung, euer Leben im Exil ist uns letztlich nicht ganz so wichtig wie die Autonomie der Prosa Peter Handkes? Man darf nicht vergessen: In Handkes Fall geht es für viele nicht zuerst um abstrakte Größen wie Meinungsfreiheit oder Kunstautonomie. Sondern erst einmal um Kinder, Frauen, Männer, die erschossen in Hauseingängen liegen, und einen Schriftsteller, der diese Verbrechen erst jahrelang bemäntelt, bevor er später in mehreren Zeitungen Abbitte leistet. Hätte Handke den Preis auch bekommen, wenn der Genozid an den Schweden begangen worden wäre?"

Kein Schauprozess

Mateja Meded stammt aus dem ehemaligen Jugoslawien. Ihre Familie war direkt vom Krieg betroffen. Ich glaube, dass Stimmen von dieser Seite gehört werden müssen. Umso mehr wenn andere, auch im Kommentar-Thread zum Video, um Peter Handke als "Genie der Wahrnehmung" (Thomas Assheuer) zu verteidigen, auf der Trennung von literarischer und öffentlicher Person bestehen oder die Anklagen gegen serbische Politiker wie Slobodan Milošević, an dessen Grab Peter Handke glaubte sprechen zu müssen, als westliche Verschwörung darstellen.

Zum Schauprozess-Vorwurf von Thomas Melle nur so viel: Der historische Schauprozess im 20. Jahrhundert funktionierte so, dass das Opfer vor seinem Auftritt durch Folter dazu gebracht wurde oder werden sollte, die absurdesten Anklagen zu bestätigen. Die Verteidigung war nicht unabhängig von der anklagenden Staatsgewalt und keineswegs frei, Entlastungszeugen oder Belege zu präsentieren. Das Urteil im Schauprozess stand fest und zielte auf physische Vernichtung.

Die Auseinandersetzung um Peter Handke aber ist ein heftiger Schlagabtausch wie ihn der Dichter, der leidenschaftlich Journalisten beschimpft, selber gerne führt. Die Kritik an Peter Handke handelt von physischer Vernichtung und ihrer Sichtbarkeit und Vernehmbarkeit, sie zielt nicht auf Handkes Vernichtung.

Vielleicht sollten diejenigen wie Melle, die die vergiftete Atmosphäre beklagen und kritisieren, nicht selber durch unangemessene Vergleiche die Giftdosis erhöhen.

 

Chronik der Handke-Debatte

Wir geben hier ein Liste mit Meldungen, Artikeln und Kommentaren, die Online auffindbar sind. Dank für die Zusammenstellung der Reaktionen gilt dem Perlentaucher.

 

10. Oktober 2019. Die polnische Schriftstellerin, Essayistin und Psychologin Olga Tokarczuk (*1962) und der österreichische Romanautor und Dramatiker Peter Handke (*1942) erhalten die Nobelpreise für Literatur für die Jahre 2018 und 2019. Das hat die Schwedische Akademie in Stockholm am heutigen Donnerstag bekannt gegeben.

Der österreichische Bundespräsident Alexander van der Bellen, ehedem Vorsitzender der österreichischen Grünen, gratuliert auf Twitter:

Van der Bellen vanderbellen Twitter

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Elfriede Jelinek findet die Entscheidung "großartig", Wim Wenders, für den Peter Handke das Drehbuch zu "Himmel über Berlin" schrieb, wird von Spiegel Online so zitiert: "Wer sonst hat das Gewicht der Welt getragen mit nichts als dem Vertrauen in die Worte?" Weitere Reaktionen hier.

 

11. Oktober 2019. Der Perlentaucher fasst die Elogen der Feuilletons auf Peter Handke zusammen.

Der Tagesspiegel aus Berlin sammelt Stimmen zur Nobelpreis-Entscheidung und fragt: Peter Handke als Literaturnobelpreisträger unzumutbar? Die Kontroverse um die politische Haltung des österreichischen Schriftstellers als Literaturnobelpreisträger verschärft sich.

Christoph Schröder auf Zeit Online wundert sich, "wie viele es noch gibt, die die politischen Verirrungen des Autors verteidigen."

Felix Stephan fragt in der Süddeutschen Zeitung, ob man wirklich "Kunst und Leben" so säuberlich trennen kann, wie es die Literaturwissenschaft vorschreibt.

Im Wiener Standard glaubt die Literaturwissenschaftlerin Pia Janke, dass es sich bei der Kritik an Handke wegen seiner "Positionierung zum Krieg in Serbien" um ein Missverständnis handele, weil es Handke recht eigentlich "um sein großes Thema" gegangen sei, "nämlich wie mit Sprache, durch Medien, Wirklichkeit geprägt und manipuliert wird".

Michael Wurmitzer konstatiert in derselben Zeitung: " Wer wie Handke an der allgemein verwendeten Sprache zweifelt, muss notgedrungen an der Welt zweifeln, die abzubilden sie vorgibt."

In der Neuen Zürcher Zeitung kommentiert Andreas Breitenstein und zeigt sich über die Preisvergabe an Handke "irritiert", weil der Literaturnobelpreis auch eine "moralische Anstalt" sei, in der sich Ethik und Ästhetik miteinander "verrenken".

 

12. Oktober 2019. Michael Martens verzeichnet in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Reaktionen auf den Nobelpreis "auf dem Balkan".

 

13. Oktober 2019. In der Neuen Zürcher Zeitung schaut der serbische Schriftsteller Bora Ćosić von Handke zu Knut Hamsun und Ezra Pound und wieder zurück zu Handke.

Für die Schriftstellerin Jagoda Marinić in der taz ist die Auszeichnung für Handke "ein Schlag ins Gesicht, nicht nur für die Betroffenen der Massaker in Bosnien".

 

14. Oktober 2019. In seiner Dankesrede zur Verleihung des Deutschen Buchpreises "echauffiert" sich Saša Stanišić "kurz" dass Handke sich die Wirklichkeit in seinen Texten der neunziger Jahre so zurecht gelegt habe, "dass dort nur noch Lüge besteht".

Auf der Nachrichten-Website The Intercept wendet sich der Journalist Peter Maass, während des Bosnienkriegs als Auslandskorrepsondent für die Washington Post in Bosnien, gegen Peter Handkes Darstellung des Krieges. Auf Twitter gibt er in einem längeren Thread eine Textdiskussion zum Serbien-Buch "Eine winterliche Reise ...", um Handkes "Apologie des Völkermords" nachzuweisen.

15. Oktober 2019. "Als Bob Dylan der Völkermord-Apologeten" bezeichnet der in Bosnien geborene Schriftsteller Aleksandar Hemon Peter Handke in der New York Times.

Margarete Stokowski fragt auf Spiegel Online, ob man die Kunst vom Künstler trennen könne? Und antwortet: "Na klar. Es ist jedoch ein Luxus, den man sich leisten können muss."

 

16. Oktober 2019. Gefragt nach Stanišić' Kritik an ihm, gibt Peter Handke den Journalisten, die zu ihm gekommen sind, Bescheid: " Ich bin ein Schriftsteller, komme von Tolstoi, ich komme von Homer, ich komme von Cervantes, lasst mich in Frieden und stellt mir nicht solche Fragen", sagte Handke laut dem im Ö1-'Morgenjournal' gesendeten Mitschnitt."

Mladen Gladić empfiehlt im Freitag ein "genaues Lesen" von Peter Handkes Texten zu Jugoslawien und den Nachfolge-Staaten. Denn eine Apologie der Morde von Višegrad fände sich da nicht. 

Im Disput um Handke gehe es um den "innigste(n) Kern von Literatur", schreibt Mely Kiyak anlässlich von Stanišićs Buchpreis-Rede in ihrer Kolumne bei Zeit Online: "Wer spricht, wer erfindet, wer stellt sich an wessen Seite?" Zwischen zwei Buchdeckeln könne Dichtung wahrste Wahrheit sein, "das ist das Wundersame an Literatur", so Kiyak. "Die gleiche Geschichte in die Realität übertragen wird aber zur plumpen Lüge und verletzt die Würde der Geschädigten."

 

17. Oktober 2019. nachtkritik.de veröffentlicht ein Video, in dem die Schauspielerin Mateja Meded die Preisverleihung an Handke polemisch zugespitzt kommentiert.

Auf Spiegel Online verteidigt Henrik Petersen, der dem Nobelpreiskomitee für Literatur an der Schwedischen Akademie als externer Experte agehört, die Entscheidung für Peter Handke.

Nach Auffassung von Mats Malm, dem Ständigen Sekretär der Schwedischen Akademie, ist und war Peter Handke kein "Kriegstreiber", berichtet der Bayerische Rundfunk.

 

18. Oktober 2019. Claus Peymann, der viele Uraufführungen von Peter Handke-Stücken inszeniert hat, freut sich in der Rhein-Neckar-Zeitung aus Heidelberg für den Schriftsteller und denkt daran, selber mit nach Stockholm zur Preisverleihung zu gehen.

 

19. Oktober 2019. Zugleich "Geständnis wie ­brutaler Nonsens“ seien Handkes abwehrende Sätze vom 16. Oktober, bemerkt Tijan Sila in der taz: "Man kann nicht Künstler der Gepanzerten und Bewaffneten sein; Kunst gilt ausschließlich den Nackten. Darum bin ich Schriftsteller. Aber ich komme nicht von Homer, Cervantes oder Tolstoi. Ich komme aus Bosnien."

 

20. Oktober 2019. Thomas Melle schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über einen angeblichen "Schauprozess gegen den Literaturnobelpreisträger Peter Handke auf Twitter".

Das Magazin für Literatur und Zeitkritik Glanz & Elend gibt eine Sammlung internationaler Stimmen zur Handke-Debatte.

 

21. Oktober 2019. Auf Spiegel Online versuchen ein Handke-Liebhaber und ein Handke-Kritiker, ins Gespräch zu kommen. Arno Frank und Tijan Sila diskutieren.

23. Oktober 2019. Unter der Überschrift "Lest ihn doch einfach mal!" ergreift der Literat Eugen Ruge in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Partei für Peter Handke, dessen Werke er als "Texte eines Zweifelnden, die womöglich aus zweifelhaft sind", darstellt. "Ich sehe nicht, dass Handke etwas verleugnet, nicht mal seine eigenen Mordphantasien gegen Serben(!)führer Karadžić, dem er einen Attentäter an den Hals gewünscht hat, damit das Morden aufhört – das ist Handke: eine idiotische Ehrlichkeit."

24. Oktober 2019. "Seit En­zens­ber­ger 1957 mit dem 'Spiegel' ein eben­falls sehr jun­ges Me­di­um kri­ti­sier­te, hat kein deut­scher Au­tor mehr solch schar­fe Me­di­en­kri­tik for­mu­liert", kommentiert Alexander Cammann den FAS-Text von Thomas Melle in der ZEIT. Die These "Twit­ter, das den Puls der Mei­nungs­ma­cher vor­gibt, rich­tet die In­hal­te ein­fach auf die­se Wei­se zu, for­ma­tiert sie in to­xi­sche Fet­zen und süf­fi­san­te Häpp­chen" zitiert Cammann als Kern der Medienkritik von Melle.

25. Oktober 2019. Im Perlentaucher analysiert die Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin Alida Bremer in einem langen und detaillierten Beitrag Peter Handkes literarisch und außerliterarische Stellungnahmen zu den Jugoslawienkriegen und präsentiert u.a. ein Interview aus dem Jahr 2011 in der wenig bekannten Zeitschrift "Ketzerbriefe", in dem Handke den Genozid von Sebrenica 1995 relativiert. "Handke ist nicht einer, der zweifelt, wie Eugen Ruge in der FAZ schreibt, sondern einer der Zweifel sät. Dem weithin abgesicherten Konsens über die Ereignisse stellt er seine eigenen, nie klar umrissenen Geheimwahrheiten entgegen", schreibt Bremer.

Laut Meldung der Süddeutschen Zeitung distanziert sich Peter Handke von den in den "Ketzerbriefen" publizierten Aussagen (die Alida Bremer im Perlentaucher zitiert). In Handkes Verlagsmitteilung heißt es: "Ich habe das Gespräch nicht gegengelesen und auch nicht autorisiert. Es entspricht nicht dem von mir Gemeinten. Ich kann mir auch nicht vorstellen, diese Sätze in dieser Form so gesagt zu haben. Für mich gilt das, was ich schriftlich festhalte. Dem habe ich nichts und dem wollte ich nichts hinzufügen. 2006 habe ich geschrieben: 'Es handelt sich bei Srebrenica um das schlimmste Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das in Europa nach dem Krieg begangen wurde. Ich möchte hinzufügen: selbstverständlich ist durch den Genozid unendliches Leid entstanden, welches ich nie bestritten habe. Ein Leid, das durch nichts auszulöschen ist. Ich bedaure meine Äußerungen, sollten sie etwas anderes vermittelt haben.'"

29. Oktober 2019. In der Jungen Welt schlägt sich Gerd Schumacher auf die Seite von Peter Handke und will den Blick auf den "völkerrechtswidrigen NATO-Krieg" in Jugoslawien lenken.

30. Oktober 2019. In ihrer Kolumne für die Süddeutsche Zeitung beugt sich Jagoda Marinić über Peter Handkes Texte, weist ihnen Relativerungen und Geschichtsklitterung nach und resümiert: "Texte, in denen Kriegsverbrechen relativiert und geleugnet werden, betreffen alle. Der Nobelpreis sollte kein Zweifeln an historischen Fakten adeln, und sei es nur in einer einzigen Zeile auffindbar."

 

31. Oktober 2019. In einer Replik auf Alida Bremer (siehe 25. Oktober 2019) wirft ihr der Handke-Spezialist Lothar Struck im Perlentaucher vor, Zitate aus dem Zusamenhang gerissen und verdreht zu haben, unzulässige Deutungen zu unternehmen und, insbesondere wegen des Antisemitismus-Vorwurfes gegen Handke, alles in allem "ein Dokument der Niedertracht" verfasst zu haben. 

5. November 2019. Im Tagesspiegel berichtet Literaturredakteur Gerit Bartels von einem auch online einsehbaren Dossier des Suhrkamp-Verlags, in dem der Verlag ausländischen Leser*innen falsche Zitate zurechtrückt und Argumentationshilfen gegen Handke-Kritik bietet. "Das mag hie und da gelingen, ist in seiner Gesamtheit jedoch ein problematisches Unterfangen. Viele der Handke-Zitate werden aus ihrem Zusammenhang gerissen. Und dieser macht doch das Wesen der Jugoslawien-Texte aus, bei dem Aufwand, den Handke rhetorisch betreibt mit seinen Fragenaneinanderreihungen, Gegenüberstellungen und Suggestionen", schreibt Bartels.

5. November 2019. Im Blog Tell - Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft äußert Lars Hartmann Verständnis für die Medientkritik Peter Handkes am Kriegsjournalismus und diskutiert mehrere der entsprechenden Textpassagen in Handkes Reiseberichten.

6. November 2019. "Das politische Weltbild, das hinter Handkes Haltung steht, ist wenig originell und leicht auch anderswo zu finden. Serbien steht in den Texten für den Dichter gegen einen geschwätzigen, heuchlerischen Westen, gegen die Welt von 'McDonald's' und 'Coca-Cola'", schreibt Norbert Mappes-Niediek in der Frankfurter Rundschau. "Was bei Handke so empört, ist die Pose des reinen, vorurteilsfreien, ungestörten Betrachters, der die Wahrheit, was immer das ist, aus den unscheinbaren Details herausliest. Andere Beobachter und Zeugen mögen Schlimmes erfahren, Opfer gezählt, Tatsachen zusammengetragen haben. Authentisches Wissen aber hat nur der Dichter, suggerieren Handkes Fragen."

6. November 2019. Auf der Nachrichten-Website The Intercept präsentiert der ehemaligen Kriegsjournalist Peter Maass (siehe auch den Eintrag vom 14. Oktober 2019) Peter Handkes jugoslawischen Pass als Zeichen der Parteinahme für Serbien unter Slobodan Milošević: "The fact, undisclosed until now, that Handke had a Yugoslav passport would appear to be a new indicator of his actual sympathies and loyalties."

6. November 2019. Ausgehend vom Suhrkamp-Dossier entdeckt Lothar Müller von der Süddeutschen Zeitung in der Handke-Debatte die "Struktur des Tribunals, in dem jedes Zitat dazu verurteilt ist, Zeuge entweder der Anklage oder der Verteidigung zu sein". Handkes Werke aber seien durch eine "Zwielichtigkeit der Ich-Figuren" geprägt: "Unverkennbar gibt es in ihnen ein Ich, das wünschen möchte, die Massaker von Srebrenica seien nicht allein von den bosnischen Serben zu verantworten, es gibt aber auch das Ich, das diesem Wunsch ins Wort fällt." Müller erneuert mithin den "Appell, Handke zu lesen, am besten die gesamten Bände 10 und 11 seiner Werkausgabe", denn diese Lektüre "führt in Regionen, in denen die Evidenz von Zitaten nicht gegeben, sondern in der Debatte erst herzustellen ist".

7. November 2019. Im Perlentaucher schildert der bosnische Germanist Vahidin Preljevic, wie sich Peter Handke unter serbischen Nationalisten bewegt. Handkes Serbien sei "das beunruhigende Konstrukt eines Raumes der Gegenmoderne, der verschlossen, antizivilisatorisch, homogen ist“, schreibt er. Handke mache mit seinem Schreiben Serbien "zur Geisel seiner poetischen Obsession", so Prlejevic. "Es ist letztlich ein identitärer, Diskurs der Eigentlichkeit, der sich wörtlich auf Kosten von Tatsachen auslebt, und den die oben beschriebenen völkischen Figuren wie naturgegeben bevölkern. Die Moderne ist hier unerwünscht."

8. November 2019. U.a. der ORF berichtet am 8. November von einem u.a. von den Autoren Doron Rabinovici und Daniel Wisser initiierten Offenen Brief, der die Berichterstattung zu Peter Handke kritisiert: "mediale Hetze" werde betrieben, heißt es darin.

Besonders erwähnt werden Artikel über Handkes jugoslawischen Pass, weil die "insgesamt" die Möglichkeit einer Ausbürgerung nahelegten: "Wir haben uns in der Vergangenheit nicht mit unseren ausgebürgerten Kolleginnen und Kollegen in anderen Ländern solidarisiert, um jetzt eine angezettelte Ausbürgerungsdebatte um Peter Handke bei uns stillschweigend zu übergehen."

"Wir fordern alle an der Debatte Beteiligten dringend dazu auf, sich an den unmittelbar auf Handke zutreffenden Fakten zu orientieren, anstatt über den Umweg einer Debatte über Peter Handke die versäumte Auseinandersetzung mit einem außerhalb der betroffenen Länder ansonsten ganz und gar verdrängten Kapitel jüngerer europäischer Geschichte nachzuholen. Der Wille zur Illiberalität selbst bei sich für liberal haltenden Medien ist nur noch erschreckend."

Zu den Unterzeichner*innen gehören laut ORF die Autorin Julya Rabinowich, der IG-Autorinnen-Autoren-Geschäftsführer Gerhard Ruiss und der Germanist und Bachmannpreis-Juror Klaus Kastberger.


20. November 2019. In seinem ausführlichen Interview mit der ZEIT äußerst sich Peter Handke im Gespräch mit Ulrich Greiner zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen. Er habe sich, heißt es darin unter anderem, nie vor Slobodan Milošević "verbeugt". Handke: "Wie kann man so etwas schreiben? Ich habe mich keinen Augenblick verbeugt, weder innerlich noch äußerlich. Oder ich hätte, wie Iris Radisch schrieb, Sympathien für Milošević geäußert. Nie! Ich habe ihn ein einziges Mal gesehen, da war er Gefangener in Den Haag."

 

23. November 2019. Er könne nicht nachvollziehen, warum seine Texte für die Angehörigen der Opfer der serbischen Massaker unannehmbar seien, sagte Peter Handke im Gespräch mit der Kleinen Zeitung aus Graz (hier eine Zusammenfassung der Wiener Presse vom 23.11.2019, das Interview steht hinter einer Paywall): "Nein, es war damals in den Zeitungen eine grausige Sprache im Gange. Die Einseitigkeit, das Vorgefasste im Urteil, war so bösartig. Dadurch ist meine Sprache so herausgefallen aus dem Ganzen."

 

27. November 2019. René Scheu von der Neuen Zürcher Zeitung musste sich von den Dorfbewohnern von Chaville Handkes Haus zeigen lassen, weil er den Weg vergessen hatte. Außerdem möchte er am liebsten nur über Pilze sprechen, behauptet er, spricht dann aber über Schreibhaltungen (ganz äußerlich sitzen, stehen, liegen), über die Bleistifte des Großschriftstellers und kommt ganz zuletzt, gleichsam widerwillig, auf offene Fragen. Handke kündigt da für seine Stockholmer Preisrede, die er bereits fertig geschrieben hat, an: "Ich will mich auch stellen. Es wird hoch hergehen. Ich bin nicht sicher, ob es der Literatur nützt." Ansonsten wünscht sich Handke, dass "möglichst viele Menschen" den Band zwei der Aufsätze seiner gesammelten Werke läsen. "Er enthält alles, was ich zu Jugoslawien geschrieben und publiziert habe, formal, ästhetisch, ethisch. Mir kommt vor, dass er Bestand haben wird."

 

1. Dezember 2019. Gerrit Bartels fasst im Berliner Tagesspiegel noch einmal die Ein- und Auslassungen von Peter Handke in der Serie der Interviews der letzten Wochen zusammen. Bartels weist die Fragetechnik Handkes zurück, als Infragestellung des Tatsächlichen und verschleierte Meinugen und Haltungen. Am Ende sieht er den Schriftsteller als einen "Gefangenen seiner Anfangsmeinung".

 

6. Dezember 2019. In den Tagen vor der Nobelpreisverleihung am 10. Dezember erscheinen wieder etliche Artikel zu Peter Handke. Dieser nahm (wie die mitunter auch erwähnte Literatur-Nobelpreisträgerin 2018, Olga Tokarczuk) an der Pressekonferenz des Nobelpreiskomitees für die Preisträger*innen teil, begnete Spiegel Online zufolge den Fragen der Journalist*innen bezüglich seiner Äußerungen zum Jugoslawienkrieg unwirsch, erklärte allerdings, Ratschläge für seinen Umgang mit den jetzigen Protesten annehmen zu wollen. Wenige Tage zuvor hatten SPON zufolge zwei externe Mitglieder des Nobelpreiskomitees ihren Austritt aus dem Gremium erklärt, die Schriftstellerin Gun-Britt Sundström ausdrücklich unter Verweis auf die Handke-Wahl. Das Akademiemitglied Peter Englund erklärte, den Nobelpreis-Feierlichkeiten fernzubleiben: "Peter Handkes Nobelpreis zu feiern, wäre von meiner Seite grobe Heuchlerei", teilte Englund der schwedischen Zeitung "Dagens Nyheter" laut Spiegel Online in einer E-Mail mit.

In der NZZ legt Andreas Breitenstein in einem Longread dar, inwiefern es Handkes rhetorische Strategie gewesen sei, "die Serbien-kritische Position westlicher Beobachter zu diskreditieren, ohne deren Argumente zu widerlegen, und ihnen so die generelle Berechtigung für jegliche Art von Urteil abzusprechen".

 

Die Forsetzung der Chronik findet sich hier.