Mann sein, Frau sein, irgendwas sein

von Jan Fischer

Hannover, 25. Oktober 2019. Als Orlando als Sondergesandter in Konstantinopel plötzlich als Frau aufwacht, ist das größte Problem zunächst einmal ein grammatikalisches: "Sie", das ist jetzt der Körper, "Er", das sind die Erinnerungen, der Kern, der unter der Oberfläche liegt: "Orlando", sagt Corinna Harfouch, die zu diesem Zeitpunkt als Erzählerin von Virginia Woolfs Vorlage fungiert, "war eine Frau geworden, das ließ sich nicht leugnen, aber in jeder anderen Hinsicht war Orlando derselbe geblieben." Sie – er, besser: SieEr fährt darauf hin zurück nach England und muss erst einmal, über die nächsten 300 Jahre mit dem neuen Leben als Frau zurecht kommen: Die Geschichte beginnt im 16. Jahrhundert mit Orlando als Mann und endet – im Buch – 1928 mit Orlando als androgynem Wesen, Mutter, Besitzer*in eines Autos.

Leben, lieben, träumen

Lily Sykes lässt in Hannover die Geschichte etwas tragischer, oder besser: offener, enden. Die ersten Worte aus Orlandos Mund sind – im Roman wie in der Inszenierung – "Ich bin allein". Bei Sykes sind dies auch Orlandos letzte Worte, gesprochen wiederum von Harfouch, die da gerade Orlando ist. Nachdem diese Worte gesagt sind, gehen die Lichter an der gerüstartigen Bühnenkonstruktion im im Hintergrund an. Sie leuchten einmal unheilvoll hell ins Publikum, und dann ist Schluss.

Orlando 1 560 KerstinSchomburg uGeschlechterutopie: Corinna Harfouch als Orlando @ Kerstin Schomburg

Was Sykes mit Woolfs Romanstoff konstruiert, ist dabei letztendlich nichts als eine Geschlechterutopie: Ein Mensch mit den Erinnerungen eines Mannes, der weiß, wie es ist, ein Mann zu sein, aber mit den Oberflächlichkeiten zurecht kommen muss, die es bedeutet auch – zunächst nur körperlich, aber nicht nur – eine Frau zu sein. Einer und eine, der und die beide Welten kennt, in beiden gelebt hat und Leben muss und eben als Mensch klarkommen: Leben, lieben, träumen, sein. Und am Ende beide Geschlechter in sich vereint. Ein Wesen also, das nicht mehr aufgrund seines Geschlechts benachteiligen und bewerten kann, weil es dazwischen und mit allem lebt und leben muss.

Woolfs Text ist dabei vor allem eines: überraschend lustig und mit fein ziselierter Ironie und großem Bewusstsein für Klischees gesponnen, vor allem natürlich für Geschlechterklischees. Sykes nimmt diese Ironie in ihre Inszenierung mit: Harfouchs Spielpartner ist Oscar Olivo, und während Harfouch – mit "Orlando" zum dritten Mal auf der hannoverschen Bühne zu sehen – eher für den trockenen Humor zuständig ist, ist Olivos Job der Klamauk. Beide spielen sowohl Erzählerin als auch Orlando sowie diverse Nebenrollen. Olivo ist es, der im Tutu über die Bühne hüpft, der als Königin in einer goldenen Rettungsdecke seiner – ihrer – Krone eine gute Nacht wünscht.

Basis im bitteren Ernst

Die Inszenierung spielt dabei immer wieder mit Mitteln des Theaters: wenn beispielsweise Olivo die Bühnenlichter mit einem Fingerschnippen steuert, die sich jedoch irgendwann widerspenstig weigern. Damit verweist sie auch über Geschlechterrollen hinaus auf Behauptetes und Gemachtes des Inszenierungsvorgangs. Für Liebesszenen umhüllen beide sich mit wallenden Tüchern, aber nicht, ohne vorher ordentlich Nebel verteilt zu haben und den Ventilator einzuschalten. Man wickelt sich in Plastik, übertreibt Figuren, die sowieso als Karikaturen angelegt waren, das aber gerne zu epischer Musik, die auch zu einem Hollywoodfilm mit millionenschwerem Effekt-Budget passen könnte. Alles das passiert stark im Geist der Vorlage.

Orlando 2 560 KerstinSchomburg uIronisches Spiel mit Oberflächen: Corinna Harfouch und Oscar Olivo © Kerstin Schomburg

So ist "Orlando" mehr als reine Blödelei: Es geht immer auch um den Blick unter die Oberfläche, einen Blick über den Körper, das Frausein, Mannsein, Irgendwassein, hinaus. Und dieser Kern ist hoch ernst: Die Vorlage mag witzig sein, die Inszenierung sich auf ironische und humoristische Mittel verlassen, dennoch geht es eben immer um die Frage nach Geschlechteridentität. Schon bei Virginia Woolf hat sie ihre Basis im bitteren Ernst systemischer Benachteiligung von Frauen, was immer wieder, wenn auch ironisch überhöht, in der Inszenierung anklingt und einen Hintergrund in Woolfs Liebe zur Schriftstellerin Vita Sackville-West hat. Natürlich verliebt auch Orlando sich, sowohl im Körper der Frau wie auch als Mann. Aber das ist – wir haben es immer noch mit einer Utopie zu tun – immer geradezu leichtfertig, völlig von Problemen unbehaftet, so, wie die Liebe eben sein sollte: Nicht auf Körperoberflächen fixiert.

Lustvolle Übertreibung

Sykes gelingt damit ein unterhaltsamer "Orlando", der dem Publikum nichts aufdrängen möchte, aber dennoch unter all der Oberfläche in die Tiefe geht. Das Duo Harfouch-Olivo transportiert alle Ironie, aber auch die Einsamkeit mit lustvollem Spaß an Übertreibung. Es ist eine subtile Inszenierung, die nicht auf den großen Effekt setzt, aber dennoch kondensiert und mit Sinn für Timing das Publikum bei diesem eigentlich ernsten aktuellen Thema zum Lachen und beim Applaus schließlich sogar zum Aufstehen bringt.

 

Orlando
von Virginia Woolf
Aus dem Englischen von Melanie Walz
Fassung von Lily Sykes und Ensemble
Regie: Lily Sykes, Bühne: Jelena Nagorni, Kostüme: Jelena Miletić, Musik: David Schwarz, Dramaturgie: Sonja Anders
Mit: Corinna Harfouch, Oscar Olivo
Premiere am 25. Oktober 2019
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-hannover.de

 

Kritikenrundschau

"Was bedeutet weibliches Schreiben? Was macht einen Menschen aus? Was verbindet Besitz und Freiheit? Um diese Fragen kreist 'Orlando'", so Agnes Bührig im NDR (26.10.2019). Es werde grandios gespielt: Corinna Harfouch könne ihre große Varianz an Mimik und Gestik ausspielen. Aber auch Oscar Olivo, bis 2016 festes Ensemblemitglied in Hannover, sei wunderbar abgründig.

Corinna Harfouch bezwinge in anderthalb Stunden souverän das Textgebirge von Virgina Woolfs Roman "Orlando", und das "fast im Alleingang", ist auch die Kritik in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung begeistert.

 
Kommentar schreiben