Fleisch-Arbeit im Wimmelbild

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 25. Oktober 2019. Es vibriert, wackelt, klatscht. Es wabbelt, es hüpft. Das Fleisch. Für "Habitat / Halle E" inszeniert Choreografin Doris Uhlich 120 Performer*innen. 120 nackte Körper bringen Fleisch zum Tanzen. Plus 600 angezogene Körper – das Publikum bewegt sich frei im Raum – machen die Halle E im Wiener Museumsquartier rappelvoll. Sicherheitsabstand ist hier nicht: So riesengroß die ehemalige Winterreithalle auch ist, die zweieinhalbstündige Massenchoreografie macht Luft zu Dampf, es schwitzt.

Fetttanztechnik, ins Gigantische gewendet

Seit Uhlich 2011 erstmals "Fetttanztechnik" beim ImPulsTanz Festival unterrichtet hat, sind etliche Performances entstanden, die das Schwabbeln und Schwingen immer wieder neu arrangieren. 2013 federten zwanzig Tänzer*innen bei more than naked mit dem Beat. In rastlosen Tableaus wurde dem Publikum vorgeführt, was an einem Körper alles wackeln kann. Es folgte „Universal Dancer“ und Uhlich ließ sich durch das maschinelle Rütteln und Schütteln einer Tanzfläche ins Zittern bringen. Für das mit dem Nestroy-Preis ausgezeichnete "Ravemachine" arbeitete sie 2016 mit dem Choreografen Michael Turinsky zusammen. Dessen Rollstuhl wurde zur Clubmaschine, der Techno-Sound war als intrinsischer Bestandteil von Uhlichs Arbeiten längst etabliert. Das 2019 zur Tanzbiennale nach Venedig eingeladene "Every Body Electric" begreift die Rollstühle, Krücken und Prothesen der Performer*innen als Körpererweiterungs-Maschinen. Und schließlich: Unter dem Titel "Habitat" wurde bisher die Dominikanerkirche in Krems und die Fassade der Wiener Secession bespielt.

Habitat 3 560 EvaWuerdinger u Für einen Moment Ruhe, statt Schwitzen, Wackeln und Vibrieren: "Habitat / Halle E" © Eva Würdinger

"Habitat / Halle E" greift all das auf und wendet’s ins Gigantische. Hoch über den Köpfen des Publikums steht DJ Boris Kopeinig auf der leeren Publikumstribüne am Laptop. Der Sound ist famos. Der Bass erfasst den Raum. Endlos viele Performer*innen – junge, alte, tätowierte, trainierte, langhaarige, mit oder ohne körperliche Behinderungen – fluten in den Raum. Liegen rhizomartig am Boden, leiten wiegende Bewegungen an die Nachbar*innen weiter. Eilen zwischen dem Publikum hindurch, werden einheitlich raumgreifend oder arbeiten in sich versunken am eigenen Fleisch. Oberschenkel klatschen gegen den Boden, Hände werden zu Hilfe genommen und bewegen Bäuche, Ärsche, alles. Dann Ruhe. Die Körper rasten, zärtlich aneinander geschmiegt. Später schieben drei Hebebühnen einzelne Performer*innen Richtung Decke, das klappernde Geräusch setzt die "Fetttanztechnik" im Akustischen fort. Eine Polonaise jagt bis zur Verausgabung durch den Raum.

Hat Uhlich den Volkstanz neu erfunden, die Techno-Party, das Massenritual?

Es ist ein Wimmelbild. Die Aufmerksamkeit kann sich nicht, und schon gar nicht in voyeuristischer Absicht, festsetzen. Zwischen den Performer*innen lassen sich Entscheidungsprozesse, Verhandlungen darüber, wer wen wo berührt, beobachten. Es gibt keine einheitliche Ästhetik der Bewegungen und Haltungen, es gibt einen Beat, der die verschiedenen Körper verschieden bestimmt. Die Performer*innen verrichten Fleisch-Arbeit. Konzentrieren sich und somit das Publikum auf die Materialität der Körper. Das sture Vor und Zurück des Fleisches bannt alle symbolische Bedeutung. Es rotiert und es flatscht.

Habitat 2 560 EvaWuerdinger uEin Habitat? Fleisch an Fleisch an Fleisch... © Eva Würdinger

Dem strukturierten Schwarmverhalten der 120 steht das zunächst panische der 600 gegenüber. "Nur nichts verpassen!" und "Nur nicht im Weg stehen!" – aber über die Dauer verblassen die Imperative. Das utopische Moment der vielen Körper im selben Raum zeitigt Wirkung, entspannte Begegnungen, der Sound schüttelt uns durch. Hat Uhlich den Volkstanz neu erfunden, die Techno-Party, das Massenritual? Hypnose oder Rausch passiert jedenfalls nicht. Das hat etwas mit den harten Übergängen zu tun. Sequenzen dauern eine Weile, werden abgebrochen, die nächste Szene entsteht anderswo und in anderer Atmosphäre. So wird das Publikum immer wieder auf sich selber zurück geworfen, auf die eigene Position im Raum, versperrte Sichtachsen, den vom Stehen schmerzenden Rücken, die Langeweile, bis dann wieder was passiert.

Einmal sitzen die 120 auf der Publikumstribüne und blicken regungslos auf das Publikum unten im Saal. Was für ein Bild! "Verkehrte Welt", will ich denken, will mir ausdenken, welche Bedeutung dieses Bild entwickelt könnte, welche Erkenntnisse sich daran festmachen könnten. Aber die Fleisch-Arbeit geht weiter, das Bild schon wieder passé, es war nur ein Bild, keine Bedeutung damit erzählt. Insofern: Ja! Uhlich hat das Massenritual neu erfunden. Beharrliche Bewegung, die nicht in Ekstase transzendiert, die auch nicht in Erkenntnis erstarrt – wow.

 

Habitat / Halle E
von Doris Uhlich
Konzept, Choreografie: Doris Uhlich, Dramaturgische Beratung: Theresa Rauter, Choreografische Umsetzung: Robyn/Hugo Le Brigand, Milan Loviška, Liv Schellander, Katharina Senk, Special Guest: August Schram, DJ: Boris Kopeinig, Lichtdesign: Gerald Pappenberger, Jan Wagner
Mit: Andrea Vezga Acevedo, Saif Al-Shaikhli, Tina Amerstorfer, Oliver Arnold, Viktoria Bayer, Jonas Becker, Emma Blandl, Andreas Bohrer, Manfred Bohun, Lorena Solís Bravo, Anna Karina Brosch, Florian Decker, Eleonora Ciani, Yuri Correa Vivar, Sofia Falzberger, Klemens Fischer, Lukas Froschauer, Verena Giesinger, Michal Gil, Violeta Gil Martínez, Lia Quirina Gladilin, Silk Graf, Laura Grossmann, Doris Haidvogl, Veronika Susanna Harb, Fiona Hauser, Ekaterina Heider, Carina Herbst, Sophia Hörmann, Stefanie Hörmanseder, Noèmie Hoja, Sarah Horvath, Ivo Hunek, Sabrina Huth, Sebastian Jüllig, Johanna Kampl, Christian Franz Klein, Annina Kriechbaum, Louis Labadens, Jolyane Langlois, Elina Lautamäki, Petra Luckey, Karin Lux, Sandra Mader, Anne Mégier, Fritz Michl, mimski, Noa Molato, Julia Müllner, Ann Muller, Hyeji Nam, Alice Neusiedler, Bernhard Pebal, Clara Plessing, Julia Müllner, Paula Oberndorfer, Carmen Pratzner, Florian Reither, Luisa Fernanda Rodriguez, Vera Rosner, Nina Sandino, Marianne Sayer, Alina Schaller, Marie Schepansky, Camilla Schielin, Verena Schneider, Marie Schmitz, Teresa Schweiger, Tom Schweitzer, Lena Schwingshandl, Elisabeth Senzenberger, Katharina Senzenberger, Fio Sierwald, Jenny Simanowitz, Valentino Skarwan, Yuli Spiegelman, Ulla Stahlstadt, Anna Steiner, Maritina Theodorou, Indra Tjoa, Bar Shem Tov, Živa Vavpotič, Werner Vockenhuber, Barbara Vörös, Monika Volk, Christa Wall, Michaela Wolf, Patrick Wolf, Michael Wolloch, Michael Würmer, Daniela Zahlner u.v.m.
Premiere am 25. Oktober 2019
Dauer: 2 Stunden und 30 Minuten, keine Pause

www.tqw.at

 

Kritikenrundschau

Mit "Habitat" bewege sich die Choreografin etwas zu sehr innerhalb einer freundlichen Utopie, findet Helmut Ploebst im Standard (28.10.2019). "Die Ansage 'Iss Gemüse, tanze Fleisch, lebe Habitat', abgedruckt im Abendprogramm, wirkt wie das Programm für wohlstandsleidende Konsumopfer." Letztlich sei Habitat "zwar ein erhellendes Erlebnis, aber doch zu glatt und eng im Ansatz – und insgesamt viel zu hedonistisch umgesetzt."

"Die Performance hat die Atmosphäre eines Happenings, dann einer Rave-Party oder auch eines Ausstellungsraums", so Verena Franke in der Wiener Zeitung (28.10.2019). Die Übergänge zu den sich manchmal in anderer Zusammensetzung wiederholenden Szenen seien oftmals schleppend. "Dennoch: Uhlich gelingt eine durchaus beeindruckende Weiterentwicklung ihres Konzepts der nackten Körper."

 

 

 

 
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