Der Womansplaining-Exorzismus

von Sascha Westphal

Moers, 30. Oktober 2019. Die grüne Couch mit beigem Blumenmuster und die beiden dazu passenden Sessel wirken etwas deplaziert, wie sie da leicht erhöht auf der extra für diese Produktion im Schlosstheater installierten Drehbühne stehen. Das spießige Wohnzimmer-Ensemble passt nicht mehr in unsere Zeit. Damit ähnelt es all den Frauenrollen, mit denen sich Susanne Zaun in "Die Mutter aller Fragen oder 25 Rollen, die eine Frau niemals spielen sollte" ironisch-kritisch auseinandersetzt.

Weg mit den weiblichen Opfern

Gretchen und Ophelia, Amalia und Emilia, Julia und Luise, all diese jungen Frauen, die aus Liebe getötet werden oder sich selbst töten, sind Gefühlskitsch, Stadttheater-Barock, und doch schmachten und sterben sie immer noch Tag für Tag auf unseren Bühnen. Kaum eins ihrer Stücke würde den Bechdel-Test bestehen. Dennoch reißen sich bis heute Schauspielerinnen darum, sie zu spielen – meist in Inszenierungen, die von Männern eingerichtet werden. An diesem Widerspruch arbeitet sich Zaun auf komödiantische Weise ab. Ihm widmet sie einen collage-artigen Theaterabend, der sich nicht nur an der Dramengeschichte abarbeitet, sondern auch Ideen feministischer Autorinnen zitiert, und dabei wie eine Gameshow funktioniert. Ziel ist es, sich 25 nicht mehr zeitgemäßer Frauenrollen zu entledigen.

Rollentausch auf der Probebühne

Bevor die Show beginnt, in der eine von einem Mann verkörperte menschengroße Erdbeere als Assistentin auftritt, kommt aber erst einmal Matthias Heße hinter dem weißen, hinter der Couch hängenden Vorhang hervor. Er stellt sich und den Titel der Produktion vor und kommt dabei gleich aus dem Rhythmus. Also verschwindet er wieder hinter dem Vorhang, um kurz darauf erneut zu erscheinen. Der Vorgang wiederholt sich einmal, zweimal, dreimal. Irgendwann schafft er es, sich in eine von Frank Castorfs Äußerungen zum Fußball und zu Theaterregisseurinnen inspirierte Wutrede hereinzusteigern. Aber selbst in diesem Durchlauf sind seine Unsicherheit, sein Tasten nach der richtigen Haltung und sein Wunsch, es allen recht zu machen, nicht zu übersehen.

DieMutterallerFragen3 560 Jakob Studnar uGame-Show mit Erdbeer-Assistenten © Jakob Studnar

Irgendwann eilen Lena Entezami und Elisa Reining aus dem Zuschauerraum nach vorne und zerreißen alles, was Matthias Heße bis dahin versucht hat. Die Worte, die sie dabei gebrauchen, sind gönnerhaft und herabsetzend zugleich. Eine alltägliche Theatersituation. Nur hat Susanne Zaun die Rollen verkehrt. In der Regel dürften Entezamis und Reinings Äußerungen von männlichen Regisseuren getätigt werden, die junge Schauspielerinnen nach ihren Vorstellungen formen wollen. Dass sie hier einem nicht mehr ganz so jungen Schauspieler gelten, entlarvt nicht nur die von patriarchalischen Vorstellungen geprägten Machtstrukturen im Theater. Es offenbart auch deren Absurdität. Vielleicht ist es tatsächlich so einfach. Vielleicht reicht es wirklich, die Rollen zu vertauschen, um ein Umdenken in Bewegung zu setzen. Also spielen Lena Entezami und Elisa Reining Talkshow mit Matthias Heße, bombardieren ihn mit sexistischen Fragen, denen sonst Schauspielerinnen ausgesetzt sind, und lassen ihn nicht ein einziges Mal zu Wort kommen.

Das Lady-Macbeth-Dilemma

Susanne Zauns Mittel haben etwas spielerisch Leichtes. Die Produktion will unterhalten und nicht agitieren. In einer grandiosen Szene zermatscht Lena Entezami mit Hilfe eines Reclam-Hefts an einer weißen Wand 25 Erdbeeren, die für die 25 Frauenrollen stehen. Aber die Game-Show ist keine billige Abrechnung mit der Dramengeschichte. Denn was als Vernichtung angekündigt war, entwickelt sich zu einem höchst ambivalenten Ringen. Davon zeugen vor allem die großen "Show-Nummern", in denen Lena Entezami versucht, Goethes Gretchen beizukommen, und Elisa Reining alles daransetzt, das Publikum auf ihre Seite zu ziehen. Sie will unbedingt die Lady Macbeth auf der Bühne des Schlosstheaters spielen, und die Zuschauerinnen und Zuschauer sollen mit Hilfe von Emails an den Intendanten eine "positive Welle" für sie machen. Sie wirft sich regelrecht rein in die Rolle, probiert verschiedene Haltungen und Szenen aus, legt die Klischees ihrer Figur offen und bekräftigt zugleich deren Zauber. Das ist das große Dilemma. Diese 25 Frauenrollen müssten weg, und doch kommt das Theater kaum ohne sie aus.

Die Mutter aller Fragen oder 25 Rollen, die eine Frau niemals spielen sollte
von Susanne Zaun
Mit genehmigten Textauszügen aus "LASS UNS REDEN OPHELIA LASS DICH NICHT HÄNGEN" von Laura Naumann
Regie: Susanne Zaun, Bühne und Kostüm: Mari-Liis Tigasson, Dramaturgie: Larissa Bischoff.
Mit: Lena Entezami, Matthias Heße, Elisa Reining, Harald Clouth / Thorsten Krüger / Stefan Otto-Bach.
Premiere am 30. Oktober 2019 im Schlosstheater Moers
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.schlosstheater-moers.de

 

Kritikenrundschau

Höchst aktuell sei Susanne Zauns Inszenierung, komme sie doch fast zeitgleich mit der Veröffentlichung einer groß angelegten Studie des Theaterforschers Thomas Schmidt über die Machtstrukturen an Bühnen heraus, bemerkt Anja Katzke in der Rheinischen Post (31.10.2019). Die Versuchsanordnung, die da im Schlosstheater am Mittwochabend uraufgeführt wird, drehe sich bald so schnell wie die Drehbühne, die Mari-Liis Tigasson für das Stück ins Theater habe einbauen lassen. "Das Publikum erlebt ein Spiel im Spiel, die Übergänge sind fließend, die Perspektiven wechseln schnell." Regisseurin Zaun setze Idee und Konzept humorvoll und mit einem Augenzwinkern um. Auch das Ensemble nehme sich selbst nicht so ernst, "und gerade deshalb macht das Stück, das sehr auf die Komik setzt, auch viel Spaß".

Mit ständigen Rollen- und Perspektivwechseln drehe Susanne Zaun "temporeich nicht nur das Bühnenkarussell immer wieder vor und zurück, sondern wirft außerdem einen Blick auf Machtverhältnisse im Theaterapparat", schreibt Gabi Gies in der Westfalenpost (31.10.2019). "Dabei wird auch vor der eigenen Haustüre gekehrt, wenn sie [Schauspieler Matthias] Heße zur berühmt-berüchtigten Inszenierung der 'Bacchantinnen' von Holk Freytag 1979 kommentieren lässt: 'Die Bacchantinnen als Peep-Show – das fanden nicht alle Kolleginnen toll.'" Die drei Spieler*innen badeten genüsslich in Rollenklischees, loteten Untiefen aus und spielten mit viel Selbstironie und rohen Zwiebeln für die Tränen 'Schauspieler', so die Kritikerin.

Als "komisch-schlagkräftig" beschreibt Cornelia Fiedler von der SZ (4.11.2019) den Abend. "Zaun und ihrer Dramaturgin Larissa Bischoff gelingt eine leichte Revue über das schwierige Frauenbild auf und hinter deutschen Bühnen. Gender Pay Gap, Sexismus, Machtmissbrauch und gefährliche Klischees werden ebenso an die Wand geklatscht wie die 25 Erdbeeren, die für 25 Frauenrollen stehen."

 

 
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