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"Man begegnet dieser DDR ja ununterbrochen!"

Leander Haußmann im Gespräch mit Christian Rakow und Esther Slevogt

Berlin, November 2019. Wir treffen Leander Haußmann in einem Berliner Café um die Ecke vom Gendarmenmarkt, um über seine Künstlererfahrungen mit der deutsch-deutschen Einheit zu sprechen. Als Schauspieler (unter anderem bei Frank Castorf) und als Jungregisseur an Provinzbühnen in Parchim, Gera und Weimar vor der Einheit, bald als gefeierter Nachwenderegisseur an Staatsbühnen von München bis Hamburg, schließlich als Intendant am Schauspielhaus Bochum scheint er uns der ideale Gesprächspartner zum Mauerfalljubiläum zu sein.

LeanderHaussmann1 2019 sleLeander Haußmann im September 2019  © sleMit Filmen wie "Sonnenallee" (nach dem gemeinsam mit Detlev Buck und Leander Haußmann verfassten Drehbuch schrieb Thomas Brussig seinen Roman) oder "Herr Lehmann" (nach dem Buch von Sven Regener) gilt er als oberster Komödienschmied der Wendezeit. Haußmann kommt an diesem verregneten Dienstag kurz nach der Sachsen-Wahl gerade vom  Drehbeginn seines neuen Films, dem der Stoffkomplex von Haußmanns Staatssicherheitstheater zu Grunde liegt. Einen Dokumentationsband seiner Bochumer Intendanz (1995–2000) hat er mitgebracht und dazugehörige Programmhefte zum Blättern – von Bert Neumann gestaltet. "Die sollten so ein bisschen nach 'Sinn und Form' aussehen", sagt er.

Haußmann ist zum Plaudern aufgelegt, schweift gern und weit ab. Jüngst gab es in der U-Bahn Krach, weil er sein Online-Ticket auf dem Handy nicht zeigen konnte. Dass die Kontrolleure das Problem nicht kulant lösen wollen, regt ihn auf. Erst recht, dass die Mitreisenden ihm, als er mit den Kontrolleuren nicht aussteigen will, keine Solidarität entgegenbringen. Stattdessen sagt eine Frau: "Jetzt steigen Sie mal aus, sind Sie blöde!" Und Haußmann: "Ick sach: Was ist denn mit Ihnen los? Denken Sie, dass Ihnen der Opportunismus jetze was bringt, hier in der Bahn? Oder ist das so ein Reflex bei Ihnen?“ Bald stellt sich der ganze Waggon gegen ihn. – Das Fortleben der kleinbürgerlich diensteifrigen Mentalität im Deutschen wird zu einem der Motive unseres Gesprächs. "Man begegnet ja dieser DDR ununterbrochen."



Leander Haußmann, in Ihrer Autobiographie Buh schreiben Sie, dass Sie den gängigen Vorwendefluch "Scheiß Osten" nach der Wende durch "Scheiß Gott" ersetzt hätten.

(lacht) Ist gut! Ich kann mich nicht erinnern an den Satz, aber er ist gut, der Satz. Der Mensch mag ja Schicksal nicht. Er kann sich mit dem Schicksal nicht abfinden. Im Grunde ist Gott ist ja die Personifizierung des Schicksals. Auf irgendjemanden muss man ja wütend sein. Gegen irgendjemanden muss man ja die Faust erheben. Und da hilft Gott natürlich. Davor war alles, was nicht funktionierte, der "Scheiß Osten".

Heute, dreißig Jahre nach der Wende, sieht man die Wahlerfolge der AfD und bekommt das Gefühl, dass "Scheiß Osten" als Ausdruck eines Kopfschüttelns im Kommen sein könnte. Wie schauen Sie auf diese Phänomene?

Erst mal muss ich sagen: Ich war im Osten nie ein Ostler und im Westen nie ein Westler. Damit bin ich immer ganz gut durchgekommen, so als Leander. Erstaunlich auch, wie weit ich damit überhaupt gekommen bin, mit dieser Distanz zu meinen eigenen Glaubensbrüdern – wenn man mal bei der religiösen Metaphorik bleiben will. Die paar Leute, mit denen ich im Osten gerne zusammen war: das waren wenige. Es war ja nicht nur so, dass der Lehrer oder der Stasimann oder der Polizist uns auf den Sack ging. Uns gingen sie alle auf den Sack! Dieses ganze System von gegenseitiger Erziehung und Denunziantentum. Ich sehe auch nicht, dass das weg ist! Und zwar gesamtdeutsch nicht. Der Westler denkt immer, er sei irgendwie fein raus aus der Sache. Als hätte das alles mit ihm nichts zu tun. Aber wenn der Westen wissen möchte, wer er ist, muss er in den Osten schauen. Das ist sein Spiegel.

Haussmanns Staatssicherheitstheater 2 560 Harald Hauswald uDeutscher Diensteifer: "Haußmanns Staatssicherheitstheater", Volksbühne Berlin 2018 © Harald Hauswald 

Die AfD erzielt im Osten gleichwohl besonders hohe Prozente.

Es ist doch klar, dass die AfD-Wähler im Osten aus dem Frust kommen. Die blühenden Landschaften, die ihnen versprochen wurden, sind in meinen Augen Potemkinsche Dörfer, wo hinter den renovierten Fassaden Leute hängen geblieben sind und sich nun verschwörend zusammenschließen in Interessens- und Leidensgemeinschaften. Meine Theorie ist: Es geht in Wahrheit nicht um Flüchtlinge oder Migranten. Es ist die Schlacht der Erniedrigten und Beleidigten, der Zukurzgekommenen, die sich jetzt in dieser ganzen Feindseligkeit entlädt und natürlich ein willkommener Anlass ist, daraus jetzt Politik zu machen.

Sie sprechen vom gesamtdeutschen Denunziantengeist. Aber gibt es nicht doch Unterschiede?

Der Denunziantengeist ist ja von der Hierarchie vorgegeben. Auch im Westen scheißt sich jeder vor Angst in die Hose, wenn er zum Chef gerufen wird – und will dem Ostler sagen, wie er sich hätte verhalten sollen in dieser Zeit? Er selbst hätte natürlich unter der Folter geschwiegen. Klar! Und wenn die Stasi zu ihm gekommen wäre, hätte der Westler natürlich "Nein!" gesagt. Diese Arroganz ist ja da. Auf der einen Seite existiert also eine Art Herrenmenschentum, und auf der anderen Seite ist ein nicht gewachsenes Selbstvertrauen im Kollektiv zu beobachten.

Vor 1989 hatten Sie einen Ausreiseantrag gestellt, um die DDR zu verlassen. Warum?

Die Dreißig war in Sicht – ich wollte ja nicht nach Westdeutschland – im Grunde wollte ich nach Amerika und nach Paris. Ich wollte die Welt sehen. Auch als Künstler. Aber ich saß in Parchim.

CapParchim 560 ArchivHausmannParchim 1989: "Cap der Unruhe" von Alfred Matusche, Teamfoto. Über dem Ulbricht-Bild: Leander Haußmann, unten links: Uwe Dag Berlin © Archiv Haußmann

Die Wende kam der Ausreise zuvor. Wie haben Sie die Wendezeit um '89 erlebt?

Ich bin, was man einen Traumtänzer nennt. Ich war in den "heißen Tagen" dabei, aber immer zufällig. Nie organisiert. Einmal bin ich mit einem Freund mit dem Wolga in die Stadt gefahren. Da kamen wir dazu, wie die Polizei im Prenzlauer Berg schon Straßen abgeriegelt hatte. Es war alles ganz still, nicht wie man es heute in Filmen immer sieht.

Das war noch vor dem 9. November?

Ja, die Zeit davor – ich habe kein gutes Datumsgefühl. Viele waren schon über Ungarn weg, wir waren in der Gethsemanekirche, wo Bischoff Forck verhandelt hat.

... in der Kirche fanden Mahnwachen für die Menschen statt, die nach den Demonstrationen beim 40. Jahrestag der DDR am 7. Oktober 1989 verhaftet worden waren ...

Aus allen Ecken kamen die Leute zusammen. Man merkte, wir sind ja doch viele. So stark scheint das System nicht mehr zu sein. Wir fühlten uns stärker. Später haben wir uns unter die U-Bahn-Trasse Schönhauser Allee gesetzt. Natürlich immer in der Nähe von westlichen Filmteams, die haben wir als Schutzschild genommen. Dann kam die Polizei auf uns zu gerannt. Als sie uns auf die Hinterhöfe getrieben hatten, dachte ich, ich will unbedingt "zugeführt" werden. Ich möchte blutend aus diesem Ding rauskommen. Ich möchte das meinen Kindern und Enkelkindern einmal erzählen können, wie ich "zugeführt“, also verhaftet wurde. Ich war jung genug, um auch mal diesen Knüppel in der Fresse spüren zu wollen. Endlich diesen Hass einmal physisch zu erleben! Denn Hass war es bei mir schon, auf dieses System. Null Verständnis. Bis heute nicht. Für alle Täter bis Honecker habe ich Verständnis. Aber für das Gesamtsystem nicht. Diese ganzen Typen eben, die einen immer erziehen wollen. Das hat sich ja bis heute nicht geändert.

Und wie endete die Geschichte?

Die Leute in den Häusern haben dann ihre Wohnungstüren aufgemacht und haben uns alle reingeholt. Als dann kurz darauf die ersten Deutschlandfahnen auftauchten, als tatsächlich die Straße auf die Straße ging, da war ich dann schon nicht mehr dabei. Als dann am 4. November das Deutsche Theater auf dem Alexanderplatz einen auf Held gemacht hat …

... das wesentlich an der Organisation dieser berühmten Demonstration beteiligt war…

... und da diese ganzen Leute sprachen, die ich noch als Parteifunktionäre oder Parteischriftsteller kannte und die nun plötzlich mit heiligen Gesichtern dort Erklärungen verlasen. Da hatte ich schon angefangen, einen Schritt rückwärts zu gehen. Man ist ja im Grunde nur so lange gefragt, bis man seine Aufgabe erledigt hat. Also zum Beispiel eine Vorstellung unterbrechen, an die Rampe gehen und sagen: Wir fordern Presse- und Meinungsfreiheit! Denn so fing ja alles an. Und zwar nicht in Ostberlin sondern in der Provinz, in Zwickau und Gera – da waren ja im Grunde die Mutigen. Da war die Stasi ja besonders hart.

Clavigo Castorf Gera 1984 560 ArchivHaussmannGera 1984: Goethes "Clavigo" (inszeniert von Frank Castorf) mit Leander Haußmann und Uwe Dag Berlin © Archiv Haußmann

Wie haben Sie den Tag des Mauerfalls erlebt?

Da habe ich gespielt – in Weimar – den Monolog "Ich Feuerbach" von Tankred Dorst. Ich hatte ein Radio auf die Bühne gestellt, wo man dauernd die Nachrichten hörte. Die Zuschauer sind trotzdem brav sitzen geblieben. Danach in der Kantine haben wir uns gesagt: Wir müssen doch irgendetwas machen! Aber wir waren ganz verklemmt gegenüber dieser großen historischen Situation. Auf einmal fühlten wir uns klein. Auch jede Art von Freudentanz schien uns peinlich und unangemessen. Wir haben dann, glaube ich, drei Flaschen Rotkäppchen-Sekt getrunken. Danach wollte ich mit meiner damaligen Frau nachts noch mit dem Zug nach Berlin. Aber es herrschten Zustände wie 1945 beim Kartoffelhamstern. Der Zug war war so voll, dass die Leute sogar auf den Klos saßen. Wir sind dann in Leipzig wieder ausgestiegen, um von einer Tankstelle aus weiter zu trampen. Aber jedes Auto war voll, vom Kleinkind bis zur Oma auf dem Rücksitz. Schließlich kam ein leeres Taxi, und der Taxifahrer hat uns umsonst nach Berlin gefahren. An der Oberbaumbrücke sind wir ausgestiegen. Es war Nacht, dichter Nebel und eiskalt. Die Stimmung war schon nüchtern – wie nach dem Karneval. Ich hab auch mein Bier schon selber bezahlen müssen. Die Zeit "Was auf dem Tisch liegt, gehört allen" war vorbei. Für mich war der Fall der Mauer perfekt. Perfekter konnte es nicht laufen vom Timing her. Meine Zeit in der DDR war vorbei.

In der DDR hatten Sie vor der Wende bereits erste Erfahrungen als Regisseur gemacht. In Parchim.

Ja, mit der legendären "Kap der Unruhe"-Inszenierung, die ich zusammen mit Uwe Dag Berlin gemacht habe und von der es nur drei Vorstellungen gegeben hat. Dort gab es eine Szene, in der eine Band einen Song spielt und ein Volkspolizist kommt herein, um die Ausweise zu kontrollieren. Darauf fängt die Band an, Honky Tonk Woman von den Stones zu spielen, und der Polizist kann nicht anders und fängt an zu tanzen. Und zieht sich dabei aus. Diese Szene hatte sich rumgesprochen bis zur Partei, weil die Maskenbildnerin Parteisekretärin war und es dort gemeldet hatte. Daraufhin setzten sie uns zwei Reihen kasernierte Volkspolizei in die Vorstellung: die sollten die Aufführung stören. Ist das nicht herrlich? So was passiert ja heute gar nicht mehr. Ein Traum für jeden Theatermann. Aber das Gegenteil dessen, was sie erwartet hatten, passierte: Die Polizisten fingen an zu jubeln und rhythmisch zu tanzen, als ihr "Kollege" da oben auf der Bühne sich verausgabte.

LeonceundLena Weimar1990 560 ArchivHaussmann "Leonce und Lena" (Regie: Leander Haußmann) am Nationaltheater Weimar, Spielzeit 1989 / 1990  © Archiv Haussmann

War es nach solchen Erfahrungen nicht unheimlich langweilig, plötzlich in den Westen zu kommen?

Ich langweile mich nie. Ich weiß überhaupt nicht, was das ist, Langeweile. Nur in Theateraufführungen, die entweder zu lange dauern oder die mich, wie heutzutage ja fast üblich, laufend zu irgendwas agitieren und immer ganz groß über das Portal schreiben: "So meinen wir es!". Oder: "Das könnte heute auch so passiert sein!", da langweile ich mich dann schon oder gehe erst gar nicht mehr hin.

Sie hatten mit einer Weimarer Produktion von Ibsens "Nora" eine Einladung zum Berliner Theatertreffen 1991. Bald nach der Wende inszenierten Sie in Frankfurt am Main und München an großen Bühnen. Was waren die gravierenden Unterschiede zu dem, was Sie kannten?

Ich war natürlich durch die Provinz geprägt. In Parchim hatten wir nie genug Personal. Da musste auch der Pförtner mitspielen und die Souffleuse. Das waren alles Laien und auch die Schauspieler waren keine Genies. Ich hatte mir deshalb angewöhnt, ganz streng zu sein, in der Fixierung geradezu wie ein Choreograph, ein bisschen ekelhaft diktatorisch fast: nämlich den Schauspielern genau alles zu sagen, wirklich bis in den kleinsten Finger zu inszenieren. Dieses System hatte ich mitgenommen nach München. Dort aber begegnete ich einem anderen Typus von Schauspieler, dem eigenverantwortlichen Schauspieler, auf den ich mich heute viel stärker einlassen kann. Aber bei meiner ersten Inszenierung im Westen gab es erst einmal Konflikte. "Gespenster" in München war das. Bert Neumann war der Bühnenbildner, Margit Carstensen spielte Frau Alwing und Rufus Beck den Oswald. Die Schauspieler fühlten sich bevormundet, außer, glaube ich, Margit Carstensen. Rufus Beck warf einen Stuhl nach mir.

Bald darauf kam Bochum. Die fünfjährige Intendanz. Bochum blickte 1995 auf eine veritable Geschichte als DDR-Exiltheater zurück, u.a. mit Heiner Müller, Thomas Brasch und dem Duo Karge/Langhoff. Haben Sie sich dieser Tradition irgendwie verpflichtet gefühlt?

Unsere erste Bochumer Spielzeit begannen wir mit Tschechows "Platonow", das bei uns den programmatischen Titel "Die Vaterlosen" hatte. Als ich nach Bochum ging, habe ich Freunde um mich geschart. Wir fühlten uns wie Leute, denen man nur versehentlich den Schlüssel für das Theater gegeben hat. Ich wusste, dass vor der Wende schon Heiner Müller hier gearbeitet hatte. Viel wichtiger war für mich aber, Heiner Müller jetzt zu treffen, um ihm eine Uraufführung abzuringen. Deshalb sind wir damals nach New York geflogen ...

... wo der schon an Krebs erkrankte Müller eine Gastprofessur hatte ...

Wir haben noch ein Dreirad für seine Tochter Anna gekauft, die damals drei war oder so. Und dann hab ich ihm ein Stück abgeluchst, das er noch gar nicht geschrieben hatte und von dem ich wusste, dass er es eigentlich fürs BE schreiben wollte: "Germania 3 Gespenster am toten Mann".

... Müllers letztes Stück, das Sie 1996 wenige Monate nach seinem Tod dann in Bochum uraufgeführt haben.

Ich hatte in Bochum dann zwei Regisseure, die extrem anders waren als ich, um eine Art Wettstreit zu beginnen: Jürgen Kruse und Mitko Gotscheff. Jeder durfte zehn Leute mitbringen: der eine kam aus Bulgarien (Mitko, der Zeiten- und Grenzenwandler), der andere kam aus dem tiefsten Schaubühnen-Westen (Jürgen), und dann ich. Es gab diese wahnsinnig unterschiedlichen Schauspieler Traute Höss, Wolfram Koch, Samuel Finzi – es war wirklich ein Ensemble zum Niederknien. Das wurde ja erst später erkannt, lange nach den fünf Jahren, als wir längst wieder draußen waren. Wir waren in Bochum der Zeit voraus. Das war offenes Theater. Es war ununterbrochen. Aber damals wollte man das nicht, wollte mich nicht.

Von der Kritik wurde es nicht akklamiert. Das erste Spielzeitmotto "Viel Spaß" wurde als Anzeichen einer frivolen Unbeschwertheit, womöglich Oberflächlichkeit genommen ...

Dagegen kann man hier kämpfen wie man will, diese Feindschaft von E und U! Meine Sicht auf Theater ist ja eine beschränkte. Das weiß ich auch. Als allererstes kommt bei mir: Jetzt erzähl’ doch erst mal die Geschichte gut. Diese abgefuckte, seit tausend Jahren erzählte Geschichte, erzähl die erst mal so, dass die Leute sich darüber freuen! Ich bin sehr nah bei Peter Zadek, wie ich über Theater denke, eine Mischung aus Bondy und Zadek vielleicht. Ich habe auch keinen Bock, mir sechs Stunden Castorf reinziehen zu müssen und weiß die ganze Zeit nicht, worum es geht. Ich möchte mir nicht laufend sagen lassen müssen, wie gebildet einer da oben ist. Und ich bin's nicht. Dazu kommen die vielen Trittbrettfahrer, die das inflationiert haben. Privat ist das trotzdem eine große Freundschaft, also zwischen Castorf und mir, und er hat mich natürlich auch künstlerisch beeinflusst. Trotzdem glaube ich, dass man als Geschichtenerzähler auch dumm sein kann. Man muss nur wissen, wie man erzählt, muss die Strukturen des Erzählens beherrschen.

Wie hat das westdeutsche 1968er Erbe in Bochum (Zadek, Peymann, Steckel) in die Debatten hereingespielt? War das Haus dadurch stark vorgeprägt?

Wir waren damals furchtbar und fanden natürlich alles scheiße, was vor uns war. Politisch schmallippig. Durch meine DDR-Vergangenheit hatte ich eine große Animosität gegenüber jeder Art von Indoktrination. Dieses Parteibuchhochhalten, diese Spruchbänder auf der Bühne, diese Schwarzweißmalerei, oft auch ohne jede Form von Unterhaltungswert.

In Bochum hat sich ihr Verhältnis zur DDR unserer Beobachtung zufolge sentimentalisiert. Am 7. Oktober 1999, dem 50. Jahrestag der DDR, erschien der Film Sonnenallee.

Sagen wir so: Ich habe das Potenzial erkannt, dass dieses Land in seiner klaustrophobischen, übersichtlichen Anordnung wahnsinnig gut geeignet ist, um Geschichten zu erzählen. Und zwar Geschichten, die uns heute auch noch etwas angehen: Familie in schweren Zeiten, Freundschaft, Verrat. Ich habe das immer gepitcht, indem ich sagte: Die Eroberung des amerikanischen Westens mit all den asozialen Typen, die andere meistens von hinten erschossen haben, währte zwanzig Jahre, und ist bis heute nicht auserzählt. Das war immer mein Ziel und ist es heute noch: die DDR zu mystifizieren, etwas zu erschaffen, das eine Kunstwelt ist, in der wir uns mittels der Klischees zurechtfinden können. Es gibt ja nichts Besseres als eine Welt, in der wir uns zurechtfinden. Da müssen wir als Erzähler die Welt nicht immer noch miterzählen, sondern können uns auf die Menschen konzentrieren, die sich in dieser Welt befinden.Vopo GethsemanekircheOktober1989 560Volkspolizisten beobachten im Oktober 1989 eine Mahnwache in der Ostberliner Gethsemanekirche © Robert-Havemann-Gesellschaft / Torsten Friesecke /  RHG_Fo_HAB_14189

Sie sprechen von Mystifikation. Das wird auch kritisch gesehen von Leuten, die in der DDR weniger zu lachen hatten. Die Staatsmacht hat ja auch ihre Familien drangsaliert. Ihr Vater, der Schauspieler Ezard Haußmann, saß im Gefängnis. Wie haben Sie mit ihm Ihren Zugriff auf die DDR diskutiert?

Mein Vater war kein großer Freund davon, jedenfalls nicht am Anfang. Später hat er verstanden, dass ich ja nicht die DDR verharmlose, sondern den kleinen Bürger nach vorn hole – den unheldischen, der nicht über die Grenze rüber ist und erschossen wurde oder in Bautzen saß. Es müssen ja auch diese Geschichten erzählt werden: die Geschichten des kleinlichen Überlebens, aber auch die des Freundes, der den anderen verrät, ohne dass man ihn verurteilt. Denn es ist nicht meine Aufgabe als Künstler, andere zu verurteilen.
Ich bin der Anwalt der Menschen. Auch der Verbrecher, wenn's nicht gerade Hitler ist oder Coriolan. Schul- und Geschichtsbücher können ja keine Farben oder Grautöne erfassen. Sie müssen schwarzweiß sein, haben nicht genug Zeit, um uns klar zu machen, dass die Welt einfach nicht so ist, wie sie im Rückblick gesehen werden soll. Wir lernen ja auch nichts, weil – die SS, die Gestapo, der Konzentrationslagerchef, das waren ja nicht wir. Deswegen fühlen wir uns heute wohl: weil wir DIE nicht waren. Dabei würde es helfen, tiefer in diese Art von Charaktere zu gehen.

Ihr Stück "Haußmanns Staatssicherheitstheater" mutete in seinem Blick auf die Staatsmacht manchem Kommentar ostalgisch oder zu versöhnlich an. Wie haben Sie die Kritik wahrgenommen?

Versöhnung ist alles, was ich will! Versöhnung ist mein Grundgestus. Versöhnung und Verzeihen. Nicht zu Gunsten einer falschen Harmonie, sondern weil ich glaube, dass das die einzige Lösung ist, auch weltweit. Da ist der Umgang mit der DDR für mich eine Blaupause. In der Finanzwelt und bei privaten Haushalten, da gibt es die Möglichkeit des Offenbarungseids. Man geht insolvent und nach fünf Jahren ist man seine Schulden los. Man muss auch die Menschen schuldenfrei machen. Dafür ist die Kunst da.

LeanderHaussmann 2 2019 sleLeander Haußmann, Herbst 2019 in Berlin © sle

Im Rückblick: Was hätte zwischen den deutschen Landesteilen beim Zusammenwachsen besser laufen müssen?

Wir müssen eine Generation abwarten, um die Wunden zu heilen, die auch durch Ignoranz geschlagen wurden. Man hätte nicht so schnell sein dürfen. Oft gehen die Dinge zu schnell, gehen über die Menschen hinweg. Der Runde Tisch hat viel zu viel abgegeben und verkauft, den Leuten abgenommen und delegiert. Heute gibt es kaum Leitungstätigkeiten von Leuten aus dem Osten. Ich selbst bin ein Wendegewinnler. Ich habe sofort gut Geld verdienen können, ich habe Drehbücher geschrieben, Filme finanziert bekommen. Deswegen habe ich ein schönes Leben gehabt. Dafür bin ich dankbar. In der DDR und ihrem Spießbürgersystem, das auf Kleingartenkolonien gebaut war, hatten Post-Woodstockler wie ich, Hippies und Rock'n-Roller, die Fänger-im-Roggentypen im Grunde nichts zu suchen. Aber wo haben sie denn weltweit etwas zu suchen? Der Spießer ist ja immer noch da. Er ist präsenter als je zuvor.

 

LeanderHaussmann1964 280 ArchivHaussmannLeander Haußmann, 1959 geboren und in Berlin (Ost) aufgewachsen, ist Schauspieler und Regisseur. Von 1995 bis 1999 war er Intendant des Bochumer Schauspielhauses.
Wir danken Leander Haußmann für die großzügige Öffnung seines Privatarchivs!
Foto: Leander Haußmann 1964
© Archiv Haußmann