Gott weiß, ich will kein Engel sein

von Falk Schreiber

Lübeck, 8. November 2019. "Ich bin froh, dass ich damals nicht wusste, dass ich mir mit sechzig die gleichen verfluchten Kämpfe ansehen muss, die ich mit 29 sah", wird Autor Tony Kushner im Programmheft zitiert. 1991 wurde Kushners "Angels in America: A Gay Fantasia on National Themes" uraufgeführt, ein Sittengemälde aus der Mitte der 1980er, als die Bedrohung durch AIDS deutlich wurde, die frisch gewählte US-Regierung unter Ronald Reagan allerdings die dringend notwendige Aufklärung verschleppte, weil Reagan früh die evangelikalen Christen als Wählerbasis seiner republikanischen Partei erkannt hatte, Evangelikale, die AIDS als gerechte Strafe Gottes für blasphemische Homosexualität sahen.

Kokainleichte Libertinage

Das Ende von "Angels in America" beinhaltet ein Moment der Hoffnung, und tatsächlich konnte man die Geschichte der Homosexuellenbewegung in den USA seither weitgehend als Erfolgsgeschichte lesen. Bis zur Wahl von Donald Trump. Es ist nachvollziehbar, dass Kushner frustriert ist, angesichts der Zustände in seiner Heimat. Gleichzeitig wird aber deutlich, wie relevant das Stück heute noch ist. Mehr noch: Es führt eine Linie von der kokainleichten Libertinage im New Yorker Studio 54 zur ultralibertären Trump-Politik. Zum Unternehmer Peter Thiel, zum US-Botschafter in Berlin, Richard Grenell, schwule Trump-Fans vom äußersten rechten Rand der amerikanischen Politik.

engelinamerika1 560 Falk von Traubenberg uStrippenzieher: Robert Brandt (Roy), Will Workman (Prior), Heiner Kock (Louis) © Falk von Traubenberg

Diese Linie führt über Roy Cohn: politischer Strippenzieher, stockkonservativer Republikaner, ab den 1970ern Anwalt des Immobilienmoguls Donald Trump. Und ein zentraler Protagonist in Kushners Stück, die einzige Figur, die eins zu eins der Realität entnommen ist. In Marco Štormans Lübecker "Engel in Amerika"-Inszenierung spielt Robert Brandt diesen Roy Cohn als enigmatische Spinne in einem sozialen, kulturellen und politischen Netz, die irgendwann aus der eigenen Lebenslüge nicht mehr herausfindet: schwul zu sein. Homosexualität assoziiert Cohn mit Schwäche, und wenn man in seiner harten Erfolgswelt etwas nicht zeigen darf, dann ist es Schwäche. Also ist er "ein Heterosexueller, der Typen fickt", Sexualität als Machtstruktur. Und AIDS hat er natürlich auch nicht, sondern Leberkrebs, klar.

Todesengel zu Keyboardklängen

Um Cohn schwirren unterschiedliche Gestalten der frühen Reagan-Jahre: Der streng gläubige Anwalt Joe (Peter Elter), der sich seine Homosexualität erst spät eingesteht. Das Paar Prior (Will Workman) und Louis (Heiner Kock), dessen Liebe an Priors HIV-Infektion zerbricht. Und Joes Frau Harper (Stephanie Schadeweg), die sich aus der Erkenntnis ihrer gescheiterten Ehe in eine Tablettensucht flüchtet und auf ihren Trips der allegorischen Figur Herr Lüg (Astrid Färber) begegnet, einem dunklen Todesengel, der zu Thomas Sehers süßlichen Keyboardklängen eine Schneise der Verwüstung durch das realistisch gezeichnete Gesellschaftsarrangement zieht.

Die 2003 nach Kushners Vorlage entstandene TV-Serie zeigte diese Figuren als kühle Anzugträger und prägte so die "Engel in Amerika"-Rezeption der vergangenen Jahre. Štorman hingegen betont den campy Charakter des Settings: Alles an seiner Inszenierung ist Drag, ist Glitzer und Schminke (Kostüme: Sara Kittelmann). Das ist erst einmal gewöhnungsbedürftig, bricht aber den heute ein wenig altbacken wirkenden Abbildungsrealismus der Vorlage auf optisch nicht uninteressante Weise. Freilich um den Preis, dass die durchaus hollywoodeske Spannung des Stücks verloren geht: Praktisch das gesamte Geschehen wirkt wie in Watte gepackt, Theater auf Valium, was interessanterweise der drogeninduzierten Distanz von Harper entspricht. Der Blick auf das campy Geschehen wird so zum heterosexuellen Blick, der zwar alles erfasst, aber nichts versteht; einerseits, weil die Codes unbekannt sind, andererseits, weil die Wahrnehmung getrübt ist. Was durch den Nebel dringt, sind allemal tolle Ausstattungssituationen (Bühne: Michael Köpke): von hinten beleuchtete Schauspieler im mit Nebel gefüllten Glaskasten. Super. Beunruhigend. Leer.

engelinamerika2 560 Falk von Traubenberg uIm Glaskasten von Bühnenbildner Michael Köpke © Falk von Traubenberg
Dass Kushner auch etwas über die politischen Verwerfungen der heutigen USA erzählt, rutscht dabei ins Ungefähre. Nach der Pause wendet sich Louis-Darsteller Kock kurz direkt ans Publikum ("Warum ist die Demokratie in Amerika eigentlich so erfolgreich?"), ignoriert die Zuschauerantwort ("Ist sie doch gar nicht!") dann allerdings konsequent und versteigt sich in die Theorie, dass "Rasse" in den USA keine relevante Kategorie sei. In solchen Momenten wird klar, dass Štorman eigentlich keine politische Idee für seine Inszenierung hat, was ein wenig enttäuscht, wo doch der Trump-Bezug offensichtlich ist.

Stattdessen entwirft er eine schwule Alptraumwelt voller schuldzerfessen fickender Rechtslibertärer, die immerhin atemberaubend gut aussieht. Und Färbers Herr Lüg singt einen alten Rammstein-Schlager dazu: "Erst wenn die Wolken schlafen gehen / Kann man uns am Himmel sehen / Wir haben Angst und sind allein / Gott weiß, ich will kein Engel sein." Hätte man auch nicht erwartet, dass man diesen zu Tode genudelten Song noch einmal so abgründig hören würde. Und noch weniger hätte man erwartet, dass das in einer Inszenierung passiert, die einerseits eine ganz eigene Theatersprache für Kushners Stück findet, andererseits aber gar nicht wirklich zu wissen scheint, was sie mit diesem eigentlich anfangen soll.

 

Engel in Amerika
von Tony Kushner, Deutsch von Frank Heibert
Regie: Marco Štorman, Bühne: Michael Köpke, Kostüme: Sara Kittelmann, Musik: Thomas Seher, Licht: Georg Marburg, Dramaturgie: Katrin Aissen.
Mit: Astrid Färber, Will Workman, Heiner Kock, Stephanie Schadeweg, Peter Elter, Robert Brandt.
Premiere am 8. November 2019 im Theater Lübeck
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, eine Pause

www.theater-luebeck.de

 

Kritikenrundschau

Die bitter-ironische Kraft, die Kushner den Pulitzer-Preis eingebracht hat, versandet in Štormans Inszenierung, findet Karin Lubowski im Stormarner Tageblatt (11.11.2019). "Zu seinem und der Zuschauer Glück gibt es die kompensierende Energie des siebenköpfigen Bühnenpersonals.". "Hohe Schauspielkunst" sei zu besichtigen, aber "man geht mit einer Lücke im Herz."

"Marco Štorman (...) wollte kein Retrostück auf die Bühne bringen, sondern zeitlos von Ausgrenzung, Ressentiments, Ängsten und Intoleranz erzählen. Das ist ihm gelungen", schreibt Petra Haase in den Lübecker Nachrichten (11.11.2019). Auch die Komik komme nicht zu kurz. "Bei all den bunten Bildern und den Diskokugeln glänzten die Darsteller aber vor allem in den ruhigen Momenten. Die Ängste und Konflikte der Männer bleiben in Erinnerung."

 

 
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