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Künstlermahnungen aus dem Ghetto

von Petra Hallmayer

München, 8. November 2019. Der Abend beginnt mit einem langen Schweigen. Stumm sitzen zwei Männer und zwei Frauen auf rotgepolsterten Stühlen auf der leeren dunklen Bühne. In Rückblenden und Zeitsprüngen erzählt Roland Schimmelpfennig in seinem im Auftrag des Bayerischen Staatsschauspiels entstandenen Stück "Der Riss durch die Welt", das von Tilmann Köhler nun am Cuvilliéstheater uraufgeführt wurde, von einer radikal misslingenden Begegnung.

Tom, ein im Satellitengeschäft stinkreich gewordener Kunstsammler und seine Frau Sue (Carolin Conrad) haben die Künstlerin Sophia (Lisa Stiegler) in ihre Traumvilla auf einem Berg eingeladen, um über deren neues Projekt zu sprechen. Unangekündigt bringt Sophia ein Einwandererkind aus dem "Ghetto" mit: den jungen Jared (Benito Bause), Shootingstar der Kunstszene, der zwischen Coolness, Verunsicherung und Wut changierend die fernab der Welt da unten residierenden Kulturbürger provoziert.

Smalltalk mit Katastrophenbeschwörung

Rasch werden die unüberbrückbaren Gräben zwischen den Generationen und sozialen Schichten deutlich. Alle Versuche eine Konversation in Gang zu setzen, scheitern kläglich. Sie reihen abgebrochene Sätze aneinander, sitzen und springen auf, liefern sich kleine Wortgefechte, brüllen und schweigen viel und lange, während das wechselweise im Hintergrund stehende und als Erzählerin nach vorn tretende Dienstmädchen Maria (Cathrin Störmer) das Verhalten der Herrschaften schön schnippisch bissig kommentiert.

 Der Riss durch die Welt 560 Foto Then USurreale Momente durchbrechen immer wieder Stück und Inszenierung: "Der Riss durch die Welt" in München © Sandra Then

Zwischen bruchstückhaften Dialogen und Smalltalkschnipseln beschreibt Sophia ihr Kunstprojekt, einen Fluss aus Blut, einen Strom voller Müll, der die Menschheit verschlingt. Gemeinsam mit Jared beschwört sie in apokalyptischen Bildern eine drohende Katastrophe, die die Beiden sukzessive als "die Rache Gottes" und "eine Mahnung aus dem Ghetto" bezeichnen.

Alles Bescheidwisser

Mal ironisch, mal lässig argumentierend versucht Tom die verbalen Attacken seiner Gäste, die sich "Sklaven der herrschenden Klasse" nennen, abzuwehren. Zunehmend jedoch zeigt Oliver Stokowskis süffisant lächelnder Bescheidwisser die fiese arrogante Fratze hinter seiner jovialen Liberalität, bis er Jared ungeniert verhöhnt. Doch auch das "Ghetto"-Gerede der gehypten Künstlerin ist nur Pose. Wie zu erwarten baggert Tom irgendwann Sophia an, die selbst gern auch so "eine geile Hütte" hätte, und turtelt Sue mit Jared, kommt es zu kurzen erotischen Annäherungen.

Der Riss durch die Welt 560 Foto Then uPosing hinterm Aufbegehren und Fratzen der jovialen Liberalität © Sandra Then

Reihum werden die Figuren von Angstvisionen heimgesucht, in denen Kröten in Münder kriechen, die Haut von Pusteln bedeckt und verwesendes Fleisch von Maden abgenagt wird. Wie so oft bei Schimmelpfennig durchbrechen surreale Momente die erzählte Realität. In finsteren Fantasien und Alpträumen geistern die zehn biblischen Plagen durch seinen Text.

Gegen Mauern

Tilmann Köhler verzichtet in seiner respektvoll zurückhaltenden, von Live-Musik und dem Klingeling eines Windspiels untermalten Inszenierung darauf, die schaurigen Geschichten zu illustrieren. Nur einmal gegen Ende hagelt es kieselgroße Eisstücke. Sonst geschieht nicht viel, wenngleich er mehrfach versucht, die sich in Wiederholungsschleifen im Kreis drehenden Gespräche und Monologe etwas zu beleben. So darf Sophia eine Erzählpassage herrlich witzig in eine Songnummer verwandeln. Die Figuren schieben eine bewegliche Wand an, die mal an ein Kunstobjekt, mal an eine die Menschen trennende Mauer gemahnt, und lassen sie immer schneller kreisen. Richtig an Schwung jedoch gewinnt die Aufführung dadurch nicht.

Auch die unzähligen Gläser, die Jared an die Wand schmeißt, zerschellen ohne Nachhall. Die Konfrontation mit einer zornig vorwurfsvollen Generation löst bei Tom schließlich eine dramatische Geste aus. "Wir brauchen einen neuen Gesellschaftsentwurf", erklärt der Milliardär und wirft demonstrativ sein Portemonnaie samt Kreditkarten ins Feuer.

Zeitentrückt und wortreich ausgemalt

Dass einem das alles nicht ernsthaft nahe geht, liegt letztlich weder an Köhlers Regie noch an den Schauspieler*innen. Schimmelpfennig rührt an aktuelle gesellschaftliche Diskurse, allein sein surreal verfremdetes Konversationsstück kommt nicht wirklich in der Gegenwart an. Da wird der alttestamentarische Gott, der den Menschen grausame Heimsuchungen schickt, herbeizitiert, während die derzeit allgegenwärtige Mutter Natur als Strafinstanz gänzlich ausgespart bleibt.

Die verbalen Gefechte der Paare wirken trotz der eingeschobener Kampfparolen seltsam zeitentrückt und zahm. Über die real existierenden sozialen Differenzen und Konflikte, den "Riss in der Gesellschaft", von dem permanent geredet wird, erfahren wir bei diesem Villenbesuch kaum etwas, und die so wortreich ausgemalten Katastrophen erscheinen unwirklich fern. Um die großen Themen zu tragen, die er anspricht, dafür ist Schimmelpfennigs Text zu luftig gestrickt, fehlt ihm leider die Präzision und Tiefenschärfe.


Der Riss durch die Welt.
170 Fragmente einer gescheiterten Unterhaltung
von Roland Schimmelpfennig
Uraufführung
Regie: Tilmann Köhler, Bühne: Karoly Risz, Kostüme: Susanne Uhl, Musik: Matthias Krieg, Licht: Georgij Belaga, Dramaturgie: Laura Olivi. Mit: Oliver Stokowski, Carolin Conrad, Lisa Stiegler, Benito Bause, Cathrin Störmer. Musiker*innen: Dorothea Bender/Svenja Hartwig, Matthias Krieg.
Premiere am 8. November im Residenztheater München
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.residenztheater.de

 

Kritikenrundschau

Christoph Leibold schreibt auf der Website von Deutschlandfunk Kultur (8.11.2019): Zwei Paare, bei denen die Fetzen fliegen sei eine "bewährte" Zimmerschlacht-Theaterkonstellation. Schimmelpfennig allerdings webe daraus "ein Weltuntergangsdrama". "Der Riss, der Arm und Reich trennt, wobei die Reichen nicht nur die Armen ausbeuten, sondern überhaupt: den ganzen Planeten." Das karge Setting, eine "monumentale Stahlwand", schaffe Konzentration auf das tolle Ensemble. Über 100 "packende Minuten" setze sich "ein düsteres Gegenwartsgemälde" zusammen – "mit archaischem Verstörungspotenzial".

"Der Riss durch die Welt" ist aus Sicht der FAZ-Kritikerin Teresa Grenzmann (11.11.2019) "ei­nes je­ner Schim­mel­pfen­nig-Stü­cke, bei de­nen man sich dem über­schau­ba­ren, aber dich­ten Netz aus cha­rak­te­ri­sie­ren­den Wor­ten nicht ent­zie­hen kann, in das der Au­tor sei­ne Fi­gu­ren ein­spinnt. Da­bei voll­zieht sich die sub­ti­le Hand­lungs­ent­wick­lung nur durch das suk­zes­si­ve Hin­zu­fü­gen von In­for­ma­ti­on in der Va­ria­ti­on der Sze­ne." "Til­mann Köh­ler und sein Büh­nen­bild­ner Kar­o­ly Risz las­sen sich al­ler­dings da­zu ver­lei­ten, dem Stück ei­ne ei­ge­ne Sym­bol­spra­che auf­zu­set­zen, wo Schim­mel­pfen­nig be­reits star­ke Bil­der malt."

"Es ist ein apokalyptisches Stück, in dem Schimmelpfennig buchstäblich mit dem Erdball spielt und dabei ein schleichendes Unbehagen erzeugt," schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (11.11.2019). "Wie feinsprachlich kunstvoll und klug komponiert er das tut, ist das Aufregende daran." Der Regisseur Tilmann Köhler hat dafür aus Sicht der Kritikerin "genau das richtige Händchen und auch das richtige Ohr. Sehr fein und konzentriert ist seine Inszenierung, sehr genau dem Text abgelauscht, kongenial dazu die Musik in ihrer nächtlich-klirrenden Melancholie und Windspielgläsernheit (Matthias Krieg). Ganz präzise auch die Choreografie (...) Genauso wie der Bewegungsablauf des monolithischen schwarzen Quaders auf der sonst fast leeren Bühne von Karoly Risz. Das Gebilde aus phenolbeschichteten Platten wirkt erst wie ein modernes Kunstwerk." Auch das Ensemble sei großartig, allen voran Oliver Stokowski als Tom.