Wiedergänger mit Herz

von Jan-Paul Koopmann

Bremen, 8. November 2019. Die Leiche nicht wegzuschaffen, war wirklich ein Geniestreich. Denn obwohl sich in Ibsens "Rosmersholm" ohnehin alles um die vorab verblichene Beate dreht, macht es einen schon richtig kirre, wie sie da die ganze Zeit in ihrer kalten Pfütze liegt. Im schmuddelweißen Kleid der Wasserleiche steckt Lisa Guth, die krampfig zuckt und die sich windet, wenn die anderen über sie sprechen: ein Resonanz-Zombie, der in seiner Gelenkigkeit ein bisschen an dieses furchtbare Mädchen aus Der Exorzist erinnert, oder an Hideo Nakatas Ring - an Horror jedenfalls, auch wenn Armin Petras' Geistergeschichte unterm Strich doch sehr viel trauriger ist als unheimlich.

Grübeln und Spazieren

Gutsherr und Witwer Johannes Rosmer lebt mit der jungen Rebekka West auf Rosmersholm und bildet sich ein, den Suizid seiner Frau Beate inzwischen verarbeitet zu haben. Dass die Nähe zwischen Rosmer und Rebekka am Tod der Frau nicht ganz unschuldig war, wissen auch die liberalen wie die konservativen Strippenzieher im Ort, die nun Kapital zu schlagen versuchen aus der moralischen und psychologischen Misere. Und weil "Rosmersholm" ein Ibsen ist, wird darüber sehr viel – nachgedacht. Und nochmal reflektiert. Worüber schließlich alle ins Grübeln kommen und dann, sagen wir, einen Spaziergang machen.

Rosmersholm1 AnnemaaikeBakker ManoloBertling 560 Joerg Landsberg uGroteske und Slapstick, vor allem aber: Tragödie. Annemaaike Bakker als Rebekka und Manolo Bertling als Rosmer in "Schloss Rosmersholm"© Jörg Landsberg

Gerade wegen der Handlungslosigkeit muss man anerkennen, wie vor allem Annemaaike Bakker als Rebekka und Manolo Bertling die Spannung nicht nur schaffen, sondern sie auch über gute zweieinhalb Stunden halten. Armin Petras' Regie vollbringt derweil das Kunststück, dieses Nichtgeschehen des Stücks zu fragmentieren, in Szenen zu zerlegen, die mitunter als bildgewaltige Grotesken ausfallen, dann wieder rotzigen Slapstick zeigen und dann eben auch wieder zutiefst tragisch ist.

Richtig gut ist da etwa, wenn Julischka Eichel als Haushälterin Madam Helseth durch den Laden stakst und mit Witz auch gegen die Belanglosigkeit der eigenen Rolle anrebelliert. Oder Simon Zigah, der das Ekelpaket Rektor Kroll zum Machtschwein aufbläst, das einem wirklich auch physisch unangenehm wird.

Dass die anderen beiden Nebenfiguren daneben nicht immer, aber oft blass ausfallen, ist nicht weiter schlimm. Es bleiben insgesamt hübsche Schlaglichtwürfe auf die Vereinzelten, wie sie auf einer kargen und meist dunklen Bühne umherpoltern, die immer nasser wird, weil da ja noch diese Wasserleiche liegt.

Das mit dem Sex

Das eine, nämlich Last und Vertracktheit der Psychokiste fühlbar zu machen, klappt gut. Und das andere, was erstaunlicherweise noch dazu klappt, ist mit Schmackes einzureißen, was sich als Lesart bewährt oder doch immerhin eingeschlichen hat. Das mit dem Sex zum Beispiel.

Rosmersholm3 Ensemble 560 Joerg Landsberg uDie Wasserleiche auf Händen tragen  © Jörg Landsberg

Rebekkas krude Inzestgeschichte, die Freud zu seiner berüchtigten Rosmersholm-Deutung bewegt hat – die hat Petras rausgekürzt. Von Verdrängung kann auch sonst keine Rede sein. Im Gegenteil: da wird von Anfang an mit Wollust sexualisiert, was nur geht am Text. Und dazu noch ein bisschen von dem, was eigentlich nicht mehr geht. Gerade am Anfang wird jedem zweiten Satz mit siffig-laszivem Schmatzen oder gleich dem Griff in den Schritt absurde Zweideutigkeit unterstellt. Außerdem wird einander permanent besprungen und dabei Röcke und Shirts gelüpft. Ob er schon hochgehen wolle, fragt Rebekka einmal dem harmlosen Textbuch folgend Herrn Rosmer - und liegt dabei mit gespreizten Beinen vor ihm auf dem Boden. Frivol ist das, vulgär und alles andere als subtil. Und zeigt doch gerade darum, dass es hier heute um alles Mögliche gehen kann, aber ganz bestimmt nicht um diese Fickerei. Jedenfalls nicht ernsthaft.

Ähnlich verhält sich's übrigens auch mit der Politik. Denn so zermürbend die Vereinnahmungen Rosmers durch die örtlichen Publizisten auch wirken, so oberflächlich bleiben deren Inhalte. Hier eine vorsätzlich aufgesetzten Rede von "sexueller Befreiung", da ruft einer "Wir sind die 99 Prozent" zu Rockmusik und geschwenkten Fahnen. Klar aber ist: es geht den Agitatoren um Macht, worüber sich die politischen Anliegen auflösen in kraftvoll-belanglosem Getös'. Was wiederum Bühnenmusiker Miles Perkin mit Bravour übersetzt: besonders am Bass, der knarzig drohend die Atmosphäre auslotet.

Zuckersüßes Zombie-Lied

Auch wenn das eher schleppende Ende ein wenig verwässert, worum es denn statt der genannten Diskurse gehen soll, bleibt unterm Strich doch: ein herrlicher Krawall auf der Metaebene. Ganz zum Schluss, als die meisten tot sind, singt Zombie-Beate zuckersüß noch Rio Reisers schönstes Liebeslied für diesen Arsch von Ex-Mann: "Komm schlaf bei mir". Und wem da nicht das Herz aufgeht, der ist doch selber irgendwie tot.

 

Schloss Rosmersholm
von Armin Petras nach Henrik Ibsen
Regie: Armin Petras, Bühne: Peter Schickart, Kostüme: Cinzia Fossati, Licht: Norman Plathe-Narr, Musik: Miles Perkin, Dramaturgie: Simone Sterr.
Mit: Alexander Angeletta, Annemaaike Bakker, Manolo Bertling, Lisa Guth, Ferdinand Lehmann, Miles Perkin, Julischka Eichel, Simon Zigah.
Premiere am: 8. November 2019
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.theaterbremen.de

 

Kritikenrundschau

Von einer Phantomschmerzproduktion, einer "horrenden Show", die "zweieinhalb Geisterstunden währt", spricht Henrik Werner im Weser-Kurier (11.11.2019). Petras, dem Regisseur "mit DDR-Vergangenheit" sei es am Vorabend des hierzulande historisch ambivalent besetzten 9. November weniger um Ökonomie und Dynamik der Libido als vielmehr darum gegangen "wie sich unerlöste Vergangenheit und uneingelöste Zukunft zueinander verhalten". 

"Radikal trostlos ist Armin Petras‘ grandiose Henrik-Ibsen-Produktion, die kein Ziel kennt, keine Zukunft zulässt und der die Gegenwart zum neblig-kalten Nichts gerät", so Benno Schirrmeister in der taz Bremen (16.11.2019). Annemaike Bakker mit febriler Erotik und Manolo Bertling mit herrlich plastischen Selbstzweifeln "spielen dieses Nicht-Paar in teils irrlichternder Betriebsamkeit, teils ahnungsvoller Schwermut". Und Lisa Guth trolle schon vor Beginn auf der Bühne und "liegt da auch die Pause hindurch: ein lebendes Requisit, das als Gravitationszentrum alles Agieren und allen Aktionismus, allen Slapstick der Inszenierung auf sich zieht". Fazit: "Sehr gutes Theater".

 
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