Im Nazipuppenland

von Georg Petermichl

Wien, 17. September 2008. Genauso altklug, so bitterlich abgeklärt, wie Hanna und Elfi zur Schlafenszeit in ihrem Kinderbett hocken, weiß auch ihre Puppe Liese das Sommerkleid für den Puppenpeter zu schürzen. Die kennt auch das Kommunikationspotential des Hitler-Grußes. Und für den männlichen Lustgewinn, da müssen sie sich schon mal anpissen. Grundsätzlich kann auch ihre Liese dem Peter entgegenfloskeln: "Mit Speck fängt man Mäuse!".

Im überdimensionierten Bett neben der haushohen Puppenstube sitzen mit Martina Spitzer (Hanna) und Doina Weber (Elfi) zwei Schauspielerinnen, die ihre Lebensmitte schon hinter sich gelassen haben. Der hinübergesandte Gut-Nacht-Kuss ihrer ungleich jungspundigeren Mutter (Sonja Romei) fällt also in mehrerer Hinsicht unverhältnismäßig aus.

Funkelnde Sterne am Symbolfirmament

Mutter hat gerade das adrette Abendkleid für ihren kriegsversehrten Nachtbesuch, Josef – Invalide, Rente, Ordensehre – fertig geklöppelt. Der chauvinistische Vater ist an der Front. Der Krieg schafft eben Notstände, über die in Erwachsenenkreisen wohlwollend hinweggeschwiegen wird. Hanna und Elfi fischen aber unbedarft die böse-funkelnden, humorvoll-verzerrten Sterne vom Symbolfirmament des Endsiegs herunter: Sie haben sich ein Lazarett mit sechs kampfgeschundenen, deutschen Möchtegern-Kriegern und ihren Erlebnissen zusammengedacht.

Für Günther, Adolf, Waldemar und Konsorten also fallen die Mädchen in den dumpfkehligen Duktus eines Verletztenverbandes und sitzen in eingeschworener Herrenrassen-Manier am Kopfende ihres Bettes. Sie faseln von Mutterstolz, fantasieren das Begehren der Krankenschwester herbei. "Alle mal herhörn! Jeder von euch pinkelt jetzt einmal in meine Ente!" faucht Elfis Adolf schneidig: Kriegsrandgestalten müssen die Vaterlandsliebe eben im Latrinengang beweisen. Für die Fantasie der Unkinder ist jeder Realitätsgewinn ein Segen. Deswegen drehen sie auch so lange an ihren Figuren, bis sie zum Abziehbild der männerdevoten Mutter, dem Lover, oder ihrem, dem Germanenideal nachhinkenden Vater werden.

Unheimeliges Einfühlungsvermögen

"Mädchenzimmer mit Soldaten" von Anna Pein (Jahrgang 1957) hatte sich 2007 mit seiner Gratwanderung zwischen unheimeligem Einfühlungsvermögen und brachialem Bildwitz für eine Nominierung zum Heidelberger Stückemarkt empfohlen. Das Erstlingsstück der Autorin kann dabei getrost als vielschichtig bezeichnet werden: Video, Puppen- und Schauspiel treffen auf eine Sprachtextur, die genau dort in die Folklorekiste aus Reimen und Liedern greift, wo ein ansonsten dichter, temporeicher Text einer atmosphärischen Floskeldekonstruktion bedürfte.

Mit seiner Uraufführung eröffnet das Wiener Kosmostheater, eine junge Off-Bühne mit genderspezifischem Schwerpunkt, die Theatersaison, die laut Intendantin Barbara Klein das Thema Krieg mit allen sozialen Missverhältnissen "aus weiblicher Sicht betrachten" wird. Hanna und Elfi sind damit wohl letztlich die dunklen, zurückgehaltenen Kinderkeimzellen jener unbedarften Almresi, die mit Augenaufschlag, Andacht und Stolz die Manneskraft in der Nachkriegsfilmnatur reinstallieren musste.

Zwischen Depri-Altnazis und Speed-Führern

Die beiden dürfen sich dafür unter Regisseurin Katrin Schurich ordentlich ihre heile Kinderwelt versalzen: Hanna und Elfi feixen, statt zu kichern. Sie lassen entsprechend der Kriegsrealität Dialekte aus Berlin, München oder der Steiermark aufeinanderprallen. Ihr Schulterklopfen fällt ebenso deftig aus wie die burschikosen Polsterbegattungsrituale, die zur Begleitung sexueller Hirngespinste vollzogen werden.

Als Orchestrierung stehen die leidenschweren Ausschweifungen der Spielzeuge zur Verfügung, die Puppenprinzipalin Karin Bayerle gestaltete und die auch von ihr geführt werden. Ihnen gegenüber hat Schurich eine Elterngeneration aus Mutter (Sonja Romei), Josef (Michael Smulik) und dem heimkehrenden Vater (Christian Strasser) positioniert, die in Kurzintermezzi auf ihren Gesellschaftsidealen entlang schlittert. Alle dabei vergrabenen Gefühlsregungen – die Hoffnung, die Scham, die Brutalität, die Gebrochenheit – versammeln dafür Doina Weber und Martina Spitzer zu einem Gestaltenchor zwischen Depri-Altnazis und Speed-Führern.

Trotz des großartigen Triumvirats aus Regie, Ensemble und Ausstattung (Stefanie Stuhldreier) krankt der Stoff aber letztlich am ausgesparten Jetzt-Bezug. Anna Pein hat ihr Stück penibel in die vielfach dekonstruierten, historischen Wunschwelten des Nationalsozialismus gesetzt. Doch wirkt die Sozialkritik spröde beim Konsum.

 

Mädchenzimmer mit Soldaten (UA)
von Anna Pein
Regie: Katrin Schurich, Austattung: Stefanie Stuhldreier, Puppen: Karin Bayerle. Mit: Martina Spitzer, Doina Weber, Sonja Romei, Michael Smulik, Christian Strasser.

www.kosmostheater.at

 

Kritikenrundschau

Stella Reinhold im Wiener Kurier (19.9., online 18.9.) hält es für problematisch, wenn erwachsene Frauen auf der Bühne Mädchen darstellen und dabei älter wirken als ihre eigene Bühnenmutter. Trotzdem gefiel ihr die "irrwitzig" schwarzhumorige Inszenierung von Katrin Schurich in der Ausstattung der hier ungenannten Stefanie Stuhldreier, die "auch auf wenig Raum einen ganzen Kosmos voller Erinnerungen, Ängste, Fantasien, Unterbewusstem und Bewusstem schafft. Die Realität schimmert – hier durch einen durchsichtigen Vorhang – immer durch und hat Einfluss auf das Spiel der Mädchen. Wie ein Gespenst schwebt sie über ihren Köpfen."

 

 

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Kommentare

Kommentare  
#1 Mädchenzimmer mit Soldaten: Überlegungen zur ZeitgenossenschaftOliver Sturm 2008-09-22 11:39
Sehr geehrter Herr Petermichel,
bei aller Sympathie für Ihre differenzierte Kritik zu Anna Peins "Mädchenzimmer mit Soldaten" habe ich mich doch über Ihre am Ende formulierte Frage nach dem "ausgesparten Jetzt-Bezug" und die "beim Konsum spröde wirkende Sozialkritik" gewundert. Ich habe "Mädchenzimmer" als Hörspiel für den WDR inszeniert und bin der Meinung, dass sich die Zeitgenossenschaft zum einen im so gar nicht poltical korrekten Umgang der Autorin mit der Nazizeit dokumentiert, also implizit ausspricht, und der Dialog in seiner Form heutig ist. Ich finde, es ist so ein leidiger Topos der sogenannten ‘jungen Regie‘, aber auch der Kritik, dass der Zeitbezug immer über den explizit ausgesprochenen Verweis auf Gegenwart - Irak-Krieg, fundamentalistischer Terror, Finanzmarktkrise - daher kommen muss. Als hätte es diese ganzen Debatten von Adorno und Lukács über die Sprache des Inhalts und die Sprache der Form nie gegeben. Ein Stück ist doch deshalb noch nicht zeitgenössisch, wenn es einen expliziten Gegenwartsbezug formuliert, seine Zeitgenossenschaft drückt sich doch ebenso und vielleicht viel stärker in seiner Haltung zu einem Stoff und seinen formalen Lösungen aus. Und das ist im Fall des "Mädchenzimmers" eine Beziehung zur Nazizeit, die mit einer noch in den 90er Jahren nicht denkbaren Lust an den Perversionen dieser Zeit operiert, also mit einer Tabulosigkeit im Zugriff. Im übrigen ist ja, wie Anna Pein auch im Interview im Programmheft sagt, die Nazizeit nur ein Material für ein Phantasma, für ein Umerzählen, Illusionieren von Wirklichkeit.
Und um Sozialkritik geht es der Autorin nun überhaupt nicht, sondern um die Kraft des Imaginären. Ist denn Beckett mit seinen Stücken sozialkritisch gewesen? Nein, überhaupt nicht, jedenfalls nicht im Expliziten. Und doch war er es implizit, weil er eine Form über den Haufen geworfen hat.
Entschuldigen Sie diesen vielleicht oberlehrerhaft klingenden Kommentar, aber mich stört - als zeitgenössischer Regisseur - doch sehr dieses kurzschlüssige Verständnis von Zeitgenossenschaft. Als ‘Linker‘, als der ich mich selbst sehe, empfinde ich dennoch Thomas Ostermeier mit seiner Sozialkritik als ganz und gar antiquiert - und bei ihm sieht man den Zeitbezug immer sofort.

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