Mit der Wünschelrute

von Esther Slevogt

21. November 2019. Die Frage, wie die flüchtige Theaterkunst der Nachwelt überliefert werden könnte, tauchte neulich wieder einmal auf Twitter auf, als die Medienwissenschaftlerin und Ex-Piratin Tina Lorenz auf Defizite in der Debatte verwies und zu Protokoll gab, wie viel weiter als die Theater hier beispielsweise Museen seien. Dabei ist das Thema so alt wie das Theater selbst. Nicht nur Mimen beklagen schon lange, dass die Nachwelt ihrer ephemeren Kunst keine Kränze flicht; dass sich diese Kunst nur im Moment ereignet und kaum Spuren in der Zeit hinterlässt. Die Erfindung von Film und Fotografie stellte im 20. Jahrhundert eine Weile eine Lösung des Problems in Aussicht. Beispielsweise hat Bertolt Brecht schon sehr früh diese Medien genutzt, um seine Inszenierungen zu dokumentieren, ja in Modellbüchern geradezu zu zementieren.

Wie Hieroglyphen vor ihrer Entzifferung

Doch derart in ein neues Medium gezwungen zu werden, bezahlt das Theater mit dem Leben. Denn das, was es im Kern ausmacht, überlebt diesen Transfer nicht. Übrig bleibt nur eine konservierte Hülle, die ihren medialen Aggregatzustand verändert hat. Darin beginnt sie dann langsam zu mumifizieren. So entsteht die Ödnis, die von Fernseh- und anderen technischen Aufzeichnungsformen von Theaterproduktionen ausgehen kann. Das wird sich auch nicht ändern, nur weil jetzt das alte, grau gewordene Fernsehtheaterformat plötzlich in neuem, digitalen Gewand auftritt und von Streaming statt von Ausstrahlung gesprochen wird.

Theater ist ja neben einer Kunstform auch eine soziale Praxis. Sie entsteht nicht nur auf der Bühne, sondern auch in einem sozialen und politischen Raum. Ohne, dass dieser Raum mitüberliefert wird, den ein konkreter Theaterabend mit seinen Referenzen in ein (vollkommen in seiner Zeit verhaftetes) künstlerisches Zeichensystem übersetzt, ist die technische Theateraufzeichnung irgendwann so aussagekräftig wie Hieroglyphen vor ihrer Entzifferung. Mediatheken und Plattformen mit Theateraufzeichnungen können deshalb immer nur ein Überlieferungsbaustein sein. Die Frage, wie sich Theater überliefern lässt, ist also keine, die allein an Medien für die Konservierung eines konkreten Theaterkunstwerkes geknüpft werden kann. Voraussetzung ist vor allem eine grundsätzliche Kultur des Erbes.

Bildersturm der Achtlosen

Doch wir leben in Zeiten, wo Theatern keine Identität mehr zugestanden wird, sondern lediglich eine Corporate Identity. Kaum tritt eine neue Leitung in einem Theater an, werden Insignien, Labels, Webseiten und Logos des Alten verbannt, als wohnte ihnen ein böser Voodoo-Zauber inne. Diese Haltung ist stets hochgefährlich für Bestände, die Hinterlassenschaften der eben erst vergangenen Ära, die plötzlich als Plunder, Gestriges, künstlerisch oder ästhetisch Überkommenes gelten, dem man mit Achtlosigkeit, ja Verachtung begegnen kann. Und die im günstigsten Fall mit spitzen Fingern an zuständige Archive übergeben werden.

kolumne 2p slevogtNeuanfang am Berliner Ensemble

Ich erinnere nur an den letzten Neuanfang im Berliner Ensemble, wo man sich nicht entblödete, aus Hannover (!) einen gewissen Dr. Hartung einzubestellen, seines Zeichens Wünschelrutengänger, der negative Peymann-Energien entfernen sollte, wie damals u.a. die Berliner Zeitung berichtet hat.

Während ich in meinen theatergeschichtlichen Forschungen beobachtet habe, dass sich in früheren Zeiten Intendanzen mit gewisser Demut in die Reihen ihrer Vorgänger eingereiht haben, ist an Theatern ein Intendantenwechsel heute in der Regel mit einem veritablen Bildersturm verbunden. Und nicht nur das: Dadurch, dass meist auch die Dramaturgien in Gänze ausgetauscht werden, verlieren die Theater mit jedem Intendantenwechsel ihr Gedächtnis, geht jedes Mal kostbares Wissen verloren.

"Das ist unser Laden."

Es gibt aber auch eine anderer Variante: dass nämlich scheidende Intendant*innen, ihre Stäbe und Ensembles ein Theater einzig als das Produkt der von ihnen geschaffenen Marke betrachten. Diese Haltung wurde in Berlin z.B. von der Castorf-Volksbühne kommuniziert, indem sie nach Bekanntwerden der Entscheidung, dass Frank Castorf abgelöst werden sollte, über das Theater am Rosa-Luxemburg-Platz "Verkauft" bannerte und Bert Neumann in einem Interview zu Protokoll gab: "Das ist unser Laden, den haben wir gemacht." Unabhängig davon, dass die ganze Vorgänge um den Intendantenwechsel am Rosa-Luxemburg-Platz auch ein kulturpolitisches Totalversagen markierten, bleibt diese Haltung problematisch.

Wo aber sitzen die Leute, die die Zeugnisse theatergeschichtlichen Wissens hüten? Die in Zeiten des Übergangs akut Schaden abwenden können, etwa wenn Konflikte zu schlichten sind, die im Dunstraum der Unklarheit entstehen, ob etwas NOCH Teil der Corporate Identity oder SCHON Teil der Geschichte eines Theaters ist, wie es eben 2017 am Konflikt um Bert Neumanns Räuberrad vor der Volksbühne ganz gut zu studieren war. Selbst wenn das Interesse in gewisser Weise nachvollziehbar war, die Vereinnahmung der "Castorf-Neumann-Marke" Volksbühne zu verhindern.

Fehlende Zuständigkeiten

Wer aber achtet auf die Überlieferung jenseits der filmischen Dokumentation? Gibt es Vorgaben aus der Politik, Gesetze, die das regeln? Staatlich Beauftragte, die auf die Einhaltung dieser Gesetze achten? Staatliche Stellen, die überhaupt dafür zuständig sind, dass Material im Fall von Intendanzwechseln, der Fusion von Theatern oder gar ihres Abrisses nicht verloren geht? Wenn, wie das Deutsche Theater in Berlin, Theater ihre Archive noch selbst bewahren, brauchen sie die finanziellen Mittel, um dies im notwendigen Umfang auch leisten zu können. Denn was nützt eine Sammlung, wenn sie schlecht erschlossen und nicht nutzbar ist, vor der Gegenwart (und vor denen, die sich für diese Bestände interessieren) weggeschlossen wird.

Auch müssen solche Bestände gesichert sein vor der Ignoranz und Willkür von Leitungskräften, denen das Bewusstsein für die Bedeutung solcher Bestände fehlt. Als ich neulich nach Fotos der Bochumer Intendanz von Leander Haußmann der Jahre 1996-1999 suchte (um das hier geführte Interview damit zu bebildern), war das ein aussichtsloses Unterfangen. Weder das Bochumer Schauspielhaus selbst besaß solches Material, noch konnte das zuständige Stadtarchiv Bilder zur Verfügung stellen und verwies auf die gestrichene Stelle des Theaterarchivars.

Das bisschen Theater

Phänomene wie dieses fügen sich gut in das gespenstische Gesamtbild des langsamen Verschwindens eines öffentlichen (und politischen) Bewusstseins für die Bedeutung von Theatergeschichte ein: ein Bewusstsein für das Theater als Kunstform, die sich stets an Formen von demokratischer Öffentlichkeit ausgebildet und weiterentwickelt hat (und vice versa). In deren Geschichte eingekapselt sich also auch die Geschichte dieser Öffentlichkeit mit überliefert, und die nicht zuletzt wesentlich für die Ausbildung und Einübung des Parlamentarischen Gedankens in Deutschland war.

Ein Gedanke, vom dem man aktuell befürchten muss, dass er ebenso im Begriff ist, zu verschwinden. Denn keiner will mehr von jemanden repräsentiert und vertreten werden, nicht auf der Bühne und auch nicht in der Politik. Und das bisschen Theater, was die Leute gucken, ums mal frei nach Tucholsky zu sagen, spielen sie heute auf Tik Tok lieber selbst.

 

Esther Slevogt ist Redakteurin und Mitgründerin von nachtkritik.de und außerdem Miterfinderin der Konferenz Theater & Netz. In ihrer Kolumne Aus dem bürgerlichen Heldenleben untersucht sie: Was ist eigentlich mit der bürgerlichen Öffentlichkeit und ihren Repräsentationspraktiken passiert?


Zuletzt dachte Esther Slevogt über das Wendejubiläum und den 17. Juni 1953 als Tag der deutschen Einheit nach.

 
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