Fleischfressen für den Mythos

von Andreas Thamm

Bamberg, 22. November 2019. Die Debatte um Simon Strauß‘ essayistische Erzählung Sieben Nächte ist gut zwei Jahre her und verklungen. Aber klar ist, dass, was der FAZ-Redakteur und Botho Strauß-Sohn hinterlassen hat, mehr ist als die Erzählung. Sie ist mit Debatte aufgeladen – und mit der Frage, ob die Hinterlassenschaft den Autor womöglich in die Nähe der Neuen Rechten rückt. Ist das noch nur pathethisch oder schon reaktionär? Darüber kann man streiten.

Eine Inszenierung des Buchs führt diese Frage jedenfalls immer in ihrem Fahrwasser mit sich, ob sie sie thematisiert oder ignoriert. Zudem musste sich Strauß, der gerne gegen Roman- und Filmadaptionen anschreibt, schon im Vorfeld fragen lassen, wieso er denn so umstandslos die Vertheaterung seiner Erzählung erlaube (eine Antwort gibt es hier). 

Sehnsucht nach wilderem Denken

Alexander Ritter bringt das Buch auf die Bamberger Studiobühne, mit Denis Grafe als Held S. und Clara Kroneck in der Rolle seines mephistohaften Verführers, T. S. ist der hadernde Fast-30-Jährige. Er hat Angst, das ist das erste wichtige Schlagwort. "Angst nicht gemerkt zu haben, erwachsen geworden zu sein." Angst, er habe zu viel gelächelt bis hier hin und zu wenig geweint, zu wenig wirklich gefühlt und bewundert und gesehnt. Ihm fehlt Diffuses, aber er kann es in kräftigen Sätzen wenigstens umstellen: "Sehnt ihr euch nicht auch nach einem wilderen Denken?", fragt Grafe, ganz angegeilt vom eigenen Ausbruch, in die Runde.

Sieben Naechte 04 560 c Martin Kaufhold uDenis Grafe beim wilden Denken  © Martin Kaufhold

Gerade dieser Anfang ist geschwängert von Strauß‘ großen Worthülsen: Fantasie, Träume, schlagende Herzen! Und man sehnt sich, aus Gewohnheit vielleicht, nach der Ironie, die diesen Lack abätzt. Aber die gibt es nicht, denn die postmodernen Ironiker sind schließlich des Autors erklärte Feinde. Er will das echte und romantische Gefühl. Dazu passen Geigen, im Hintergrund des Bühnenkäfigs ein unbelebtes Video aus einer Stadt. Die Inszenierung könnte an dieser Stelle verharren und eine Auswendig-Lesung mit Musik bleiben.

Sieben Todsüden selbsterlebt

T. macht ein Stück draus und auch im eigentlichen Sinn eine Bearbeitung. Die Verführerin nimmt den Jammer des S. zum Anlass, ihm eine Aufgabe zu geben: Er soll in sieben Nächten, die sieben Todsünden erleben und drüber schreiben, eine Prüfung, die ihm kompakt das zuführt, was da fehlen mag. Kroneck, schneidig: "Ich will dich in Gefahr bringen, vor allem in die zu scheitern."

Die Völlerei kommt sogleich mit Kammermusik als edel gedeckte Tafel daher. S. schaufelt Entrecôte und Roastbeef. Beim Fleischessen geht es weniger um den Fleischgenuss als um die Nicht-Zeitgeistlichkeit: "Jeder Biss ist ein Biss zurück zur Natur, zum Mythos!", johlt S. und reibt den nackten Oberkörper bereits mit Filetstücken ein. Im Neonlicht kommt er wieder zu sich und zur Scham zurück, ein kleiner schöner Moment, in dem das romantische Fühlen mit dem bürgerlichen Denken kollidiert.

Sex mit Bildungsbürger-Bohei

Für die Habgier geht‘s zur Pferdewette. T. galoppiert herein mit Helm und Stiefeln, und ekstatisch fiebern die beiden mit, wie die Pferde über die Ziellinie gehen: 42 Euro, immerhin. "Lächerlich!", brüllt sie. Die Wolllust ist der Traum von einer Nacht der Schamlosigkeit. Sie aus dem Off: "Du traust dich ja doch nicht." Dann steht sie im knackengen Pailletten-Einteiler vor ihm und alles ist in Nebel und pinkes Licht getaucht. Jetzt muss er die Panzerknacker-Sexmaske aufsetzen, logisch. Aber auch hier: "Ich kann dir von Rodin erzählen." Es ist nicht eindeutig, ob der Autor das Bildungsbürger-Bohei aufsetzt, weil er es als Mittel versteht, um dorthin, zum Eigentlichen zurückkehren zu können, oder doch, um seinen Helden lächerlich, sein Scheitern, um das es ja auch geht, offenbar zu machen. T.s Einwürfe, die Clara Kroneck schön vielfältig verkörpert, erfüllen diese Funktion, das oft so hohle Pathos des Buches ein bisschen wenigstens zu erden. Ist da vielleicht doch ein Körnchen erlösender Ironie? Man möchte kaum zu hoffen wagen.

Sieben Naechte 01 560 c Martin Kaufhold uVöllerei mit bloß einer Flasche Wein? Denis Grafe und Clara Kroneck  © Martin Kaufhold

Und auch wenn manche Szene scheitert, wie der Bungeesprung (Hochmut), was heißt, dass Grafe sich zu Elektro-Indie-Sound heftig winden muss, wird mit Fortdauer des Abends doch klar, was die Inszenierung des Stoffes leisten kann. Was sie dem Text Gutes tut: Sie holt "Sieben Nächte" aus seiner ermüdend selbstgewissen Rückwärtsgewandtheit, sie verleiht der Haltung des Textes ein wenig bitter notwendige Uneindeutigkeit. Der Figur S. ist es schon ernst, wenn er nach dem Jump heroisch meint: "Dem Tod habe ich ins Auge geblickt, nicht weniger." Aber T. lächelt sanft über die Jugend und das Publikum doch eigentlich auch. Vielleicht wäre es noch besser gewesen, das Buch weniger als Vorlage denn als Ausgangspunkt für eine stärkere Anverwandlung zu nutzen, womöglich hätte es als Material eine noch größere Wirkung entfaltet.  

Sehnsucht zurück

Gerade das betagtere Theaterpublikum mag sich oft wiederfinden im Ringen des S., in seiner Sehnsucht nach der Sehnsucht und großen Worten und blutigen Nassrasuren. S: "Immer, wenn ich an früher denke, packt mich der Neid." Haben sie nicht früher auch schon gefunden, dass früher mehr gelesen wurde? Und geliebt! Und geraucht! Damals waren vielleicht die Altnazis der Feind, heut sind es die "digitalen Kräfte". Gerade hier, gegen Ende hin, würde der Text viel Fläche bieten für Widerspruch, Konflikt, Sprachkritik. Die Bamberger Inszenierung ist dafür zu zaghaft und lässt die beiden Spieler mit Worthülsen nacheinander schmeißen. Man fragt sich, bitte, worüber redet ihr denn eigentlich?

Und führt das irgendwohin? Nö. Der S. bleibt ein starrer, unbelehrbarer Typ. Und T. ist halbwegs unzufrieden, mit dem, was bei der Prüfung herausgekommen ist: kein echter Schlag, keine Bedrohung. Aber zumindest die Initiation hat der Prüfling nun geschafft, er ist auf die andere Seite gewechselt, wo die Über-30-Jährigen wohnen, auf Fischgrätenparkett.

 

Sieben Nächte
von Simon Strauß, bearbeitet von Victoria Weich
Regie: Alexander Ritter, Bühne und Kostüme: Luisa Wandschneider, Dramaturgie: Victoria Weich, Regieassistenz: Marie Knobloch.
Mit: Denis Grafe, Clara Kroneck.
Premiere am 22. November im ETA Hoffmann Theater Bamberg
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.theater-bamberg.de

 

Kritikenrundschau

Dass "Sieben Nächte" auf die Bühne kommt, entbehrt nicht der Ironie, schreibt Christoph Hägele im Fränkischen Tag (25.11.2019). "Denn erst vor kurzem hielt Strauß den deutschen Häusern vor, es sich mit der Adaption von Romanstoffen allzu leicht zu machen." Als er am Premierenabend unter Beifall auf die Bühne trat, aber strahlte Strauß, er schien einverstanden gewesen zu sein mit dem, was aus seinem Buch für die Bühne entwickelt wurde. "Die Inszenierung glückt auch deshalb, weil Weich und Ritter die streng monologische Form des Romans aufbrechen und S. auf diese Weise ein Gegenüber schenken." Strauß' Roman entlarvt das Sehnen nach Feindschaft, nach Männlichkeit, Zorn, Wut, Geheimnis und Gefahr als hohle Zitate vergilbter Ideale. "Die Inszenierung akzentuiert diesen Zug noch. Als S. in Anrufung einer archaischen Männlichkeit wie von Sinnen sündhaft teures Fleisch verschlingt, verschluckt er sich. Mehr als alles andere ist "Sieben Nächte" in diesen Momenten die Persiflage einer aggressiven Selbstverwirklichungskultur."

 

 
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