Niemals hörig werden

von Jens Fischer

Hannover, 23. November 2019. Sie ist 16 Jahre alt. Und wohl alle, die das auch mal waren, werden sich erinnern: Das ist kein Spaß. Sondern höchst dramatisch. Bestes Theater. Akut Betroffene sprechen gar von Tragödienpotenzial. Denn die Wirkungskraft des Hormoncocktails im Körper ist gerade gewaltig, es herrscht totale Verwirrung, fortgesetzt sprießen Haare, Lüste, Ideen – zur Beruhigung gilt Chillen als Antwort auf alle Fragen. Aber zur Selbstfindung sucht sie Grenzen und dabei scheint alles Provokations-würdig, was das bedrohliche Erwachsenwerden so langweilig wirken lässt.

Zwischen Spielplatz und Spiegelzimmer

Kay ist die Heldin dieser auf Abenteuer und Rebellion reduzierten Pubertät in Finegan Kruckemeyers Jugendtheaterstück "Die Wut, die uns vereint". Wera Mahne inszenierte es am Schauspiel Hannover als deutschsprachige Erstaufführung. Zwischen dem Stehkarussell eines Kinderspielplatzes und einem Selbstbespiegelungszimmer tobt die Protagonistin hin und her. Verrückt nach Welt. Und gegen alles. Hat sie bisher ihre Eltern geliebt, sind sie nun "halt scheiße". Und der Busfahrer, echt ey, will Kays Schülerausweis sehen. Was soll denn diese Schikane der Bürokratennase, lautet der erste Gedankenreflex vor der Schimpfkanonade. Und dann die dauernden Fragen, was sie denn mal werden wolle. Total nervig, woher soll sie das denn wissen? Der gelangweilte Blick ersehnter Coolness ist Kays Lieblingsmaske, dahinter macht sich Teenagerangst als Quelle der diffusen Wut breit.

die wut die uns vereint 560 Katrin Ribbe 438Coolness als Lieblingsmaske © Katrin Ribbe

So steht sie anfangs frontal zum Publikum und feiert all die Fuck-you-, Ich-seh-dich-, Verpiss-dich-Gesten. Die Beine schlottern, beginnen lässig zu wippen, schon hüpfen sie zu saftigem Discobeat und beginnen in diesem Rhythmus auf etwas Imaginäres am Boden einzutrampeln. Kay boxt gegen Wände, spricht vom Fensterzerdeppern, entkleidet im Wortsinne eine Mitschülerin (Ruby Commey) und schlägt einen Freund zu Boden. Denn sie weiß nicht, was sie tut. Denn es wird immer akuter auch eine Eigenschaft zum Problem bei der geforderten Anpassung an die gesellschaftliche Norm. Kay ist gehörlos. Das steht zwar nicht in der Vorlage, bestimmt aber die Produktion. Zwei hörende und zwei gehörlose Schauspieler bilden das Ensemble, dialogisiert wird gleichberechtigt in Laut- und Gebärdensprache, durch- und miteinander. Einige Sentenzen sind auch in Schriftsprache übertragen und als Übertitel eingeblendet. Damit Menschen unabhängig von ihrem Hörstatus dem Geschehen folgen können. Gleich zwei hoch gehandelte Ansprüche ans Theater werden also bedient – die Produktion setzt auf Inklusion, die Darsteller stehen für Diversität.

Live-Übersetzung als sinnliche Arbeit

Kay – das ist Athina Lange, wie ihr in diversen Rollen zu erlebender Kollege Eyk Kauly spielt sie auch fürs Deutsche Gehörlosen-Theater. Wenn sie jetzt ihre Wut in gestische und mimische Bewegungen übersetzt, weiß der diesbezügliche Analphabet nie genau, wo die Körpersprache aufhört und die Gebärdensprache anfängt. Er sieht ein hektisches, sehr theatralisches, manchmal geradezu Stummfilm-expressionistisches Motions-Stakkato, es erinnert an Kommunikationsversuche in einer überlauten Disco. Mit zunehmender Spieldauer wird davon immer weniger übersetzt, denn wie im Alltag lehrt die Begegnung von Gehörlosen und Hörenden auch, die Sprache des jeweils anderen zu verstehen und miteinander ohne Dolmetscher ins Gespräch zu kommen. Dabei lernt auch der Zuschauer etwas über Inhalt und Ausdrucksmittel der Gebärdensprache. Gerade dank Eyk Kauly, der die Live-Übersetzungsarbeit als eine ganzkörperliche und kommentierende, sinnliche und erklärende Arbeit wahrnimmt.

die wut die uns vereint 560 Katrin Ribbe 140Lernen in der Begegnung: Ruby Commey, Athina Lange © Katrin Ribbe

Was in Mahnes Regie aber auf der Strecke bleibt: Im eh schon skizzenhaften Text wurde einiges gekürzt, viele Details gehen zudem im Sprachenmix unter, dessen Inszenierung von den Turbulenzen der Adoleszenz reichlich Aufmerksamkeit abzieht. Da kein flottes Ping-Pong der Worte möglich ist, kommt die Handlung auch nie richtig ins Laufen. Die Szenen wirken bruchstückhaft collagiert wie abgehackte Argumente für die final fidele Botschaft.

Empowerment und Verzweiflung

Und die kommt so. Kay wird von den hilflosen Eltern eine Woche lang in eine Waldhütte einquartiert, zum Runterkommen und Nachdenken. Auftritt Lotte. Völlig genervt von ihren streitenden, sich ständig trennenden und wieder mit Yoga zusammenraufenden Eltern. Tabitha Frehner sorgt prompt monologisch für den schauspielerischen Höhepunkt des Abends, indem sie verdeutlicht, dass Lotte nicht nur lustig sauer, sondern geradezu zornig, ja hasserfüllt ist, all ihr Empowerment grundiert von endlos abgründiger Verzweiflung. Die Darstellerin öffnet so als einzige mal kurz eine von Kruckemeyers durchaus klischeehaften Figuren für eine differenzierte Betrachtung. Macht dann aber schnell wieder zu. Auf geht’s vor lustigen Videoprojektionen zu "Tschick"-mäßig kleinen Fluchten und trotz diagnostizierter Knoblauchfahne kommt es zu innigen Küssen. Kay und Lotte, da könnte was gehen. Aus dem Off wird sogleich versucht, mit homonormativen Vorstellungen vom bürgerlichen Eheglück den Zuschauern ab zwölf Jahren rosarot Mut zu machen, die Pubertät zu überleben. Eine trilinguale Märchenverheißung also. Durchaus charmant.

 

Die Wut, die uns vereint
von Finegan Kruckemeyer (deutschsprachige Erstaufführung)
Regie: Wera Mahne, Bühne: Laura Robert, Kostüme: Lina Jakelski, Video: Declan Hurley, Dramaturgie: Janny Fuchs.
Mit Ruby Commey, Tabitha Frehner, Eyk Kauly und Athina Lange.
Premiere am 23. November 2019
Dauer: 1 Stunde 25 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-hannover.de

Kritikenrundschau

"Der Abend hat etwas Schwebendes, ist zuweilen sehr komisch und behält gleichzeitig ausreichend Fallhöhe – die Figuren werden jederzeit ernst genommen, und an der für Menschen ab zwölf Jahren ausgewiesenen Aufführung können gewiss auch Erwachsene ihre Freude haben", schreibt Jörg Worat in der Neuen Presse (25.11.2019). "Eine in gutem Sinne anrührende Inszenierung. Über eine Eigenwilligkeit kann man allerdings streiten: In der Textvorlage ist Kay ein Junge namens Connor – ob diese Akzentverschiebung unbedingt nötig gewesen wäre?"

 
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