Die klägliche Klage der Ohnmacht

von Nikolaus Merck

28. November 2019. In den Städten errichten sie jetzt die Weihnachtsbäume. Dreimannshoch ragt der in Rudolstadt auf, noch höher der Tannenstolz in Bautzen, überwipfeln sie den Jahresendtaumel zwischen Konsumlust und Gottesfurcht. Von Rebellion keine Spur. Anders als am selben Wochenende in Paris, wo die Ladenbesitzer*innen aus Furcht vor den Gelbwesten ihre Geschäfte lieber geschlossen halten. Bei uns dagegen geht's friedlich dahin, werden die auf Umsturz schielenden Völkischen 25 Prozent stark in die Parlamente gewählt und die Demokratie demokratisch abgeschafft.

November ist der deutsche Monat. Revolutionszeit. Pogromzeit. Wendezeit. 30 Jahre ist es in diesem Herbst her, dass die Mauer in Berlin Löcher bekam und die deutschen Volksgenossen sich unter "Wahnsinn, Wahnsinn"-Rufen in die Arme fielen. Ob die Theater die Erinnerungen festhalten und reflektieren?

Die Mauer fällt in Rudolstadt

In Rudolstadt fragt jemand: "Werden eigentlich im Westen auch Wendestücke gespielt?" Ja, in Erlangen, Mannheim, Wien, Dortmund und Gießen, alles in allem nicht weniger als in Thüringen, Sachsen oder Mecklenburg. Die Renner jedoch sind "Rosmersholm" von Ibsen mit drei und Furor von Nemitz und Hübner mit sogar vier Neuinszenierungen in 11/2019. 30 Jahre Mauerfall sind für das deutschsprachige Theaterwesen kein Programmanlass. Auf den Spielplänen findet sich so gut wie kein neues Stück zum Thema, selbst eine verlässliche Ost-Größe wie der Dramatiker Dirk Laucke schreibt sein neues Auftragswerk lieber über Amy-Winehouse-Fans als über die Vereinigung.

Residenzschloss Heidecksburg Rudolstadt Friedrich Schiller Archiv wikipediaResidenzschloss Heidecksburg Rudolstadt  © Friedrich Schiller Archiv / Andreas Fiedler via wikipedia, Lizenz CC BY-SA 3.0

Die Mauer fällt noch einmal in Rudolstadt. Mächtig lagert die Heidecksburg über der thüringischen Beschaulichkeit des 25.000-Seelen-Städtchens. In Deutschland verkauften die Fürsten einst Menschen als Soldaten, um derart Überkandideltes zu finanzieren. Heute wohnen hier Staatsarchiv und Museum und der Blick von den Balustraden geht weit ins Land.

Unten im Theater verclownen Karsten Laske und Steffen Mensching die DDR-Geschichte, in der Tradition des Thomas Brussig'schen Helden wie wir. Der stürzte bekanntlich die Mauer mit seinem Gemächt. Ums Sexualleben geht es auch in Hilfe, die Mauer fällt. Der Westberliner Blumenhändler Polauke besorgt seine Ware hinter der Mauer in Kleinmachnow und hinterlässt im Gegenzug Valuta und uneheliche Brut. Arg unlieb wär's ihm drum, wenn die Mauer löchrig würde oder gar einstürzte.

Ihr da oben, wir da unten

Also packelt er mit der Stasi und handelt mit ihr, als der Arbeiter- und Bauernsozialismus in die Pleite fährt, den stückweisen Verkauf der Mauer in den Westen aus (der Plan, die Grenzmauer als Tauschgeschäft für West-Kredite zu verscherbeln, existierte im Herbst '89 tatsächlich). Blöd halt nur und boulevardesk, dass der Schabowski den Zettel nicht richtig ablesen kann und statt der von Polauke für 1994 geplanten Maueröffnung das notorische "meines Wissens unverzüglich" von sich gibt. Also erscheinen auch die Kinder von hinter der Mauer unverzüglich in Steglitz, Frau Polauke geht mit dem türkischen Sicherheitstechniker durch, ein Sohn macht in Autos und nur die Putzfrau deklamiert die bis heute schmerzlich uneingelöst gebliebenen Forderungen des Neuen Forum.

Theater Rudolstadt Hilfedie Mauer fälllt presse 09 Seidensticker Geißer Arpe 560 photo by Anke Neugebauer web 1 Theater Rudolstadt, "Hilfe die Mauer fälllt": Unterredung des selbsbewussten Blumenhändlers Konrad Polauke (Markus Seidensticker) mit den Stasi-Offizieren Meinl (Johannes Geißer) und Mittig (Johannes Arpe)  © Anke Neugebauer

Steffen Mensching bringt die Sause, die zunächst etwas wortlastig durchhängt, zunehmend in Schwung. Natürlich ist das Ganze mit knapp drei Stunden gaga-mäßig überdehnt. Aber die Ost-West-Schlager von den kleinen Emporen rechts und links machen prächtig Laune genauso wie Markus Seidenstickers Heinz-Erhardt-eskes Spiel als Polauke im die Augen kreischen machenden Blumenhemd. Das Publikum klatscht und trampelt am Ende. Vielleicht, denkt sich der Nachtkritiker, weil Laske und Mensching aufs Schönste den "kleinen Mann" in seinem Vorurteil bestätigen.

Theater Rudolstadt Hilfedie Mauer fälllt Seidensticker Kies 560 photo by Anke Neugebauer web "Hilfe, die Mauer fälllt": Polauke auf der Suche nach seinen unehelichen Kindern in Ostberlin (Marcus Seidensticker und Anne Kies) © Anke NeugebauerDenn in Rudolstadt endet der Abend mit der Erkenntnis, dass die Großen, und seien sie auch nur so groß und kapitalstark wie der Blumenhändler und der Stasigeneral, ihr Spiel unter allen System-Bedingungen spielen. Verhandelten sie zuerst über den Verkauf der Mauer, verticken sie nach deren Fall die Grundstücke am Checkpoint Charlie. Die "kleinen Leute" jedenfalls schauen dabei in die Röhre.

Fiese Ironie, dass die Demokraten Laske und Mensching mit diesem klamottösen "Ihr da oben, wir da unten"-Schluss ihres Wendeschwankes riskieren, Wasser auf die Mühlen der Hetzer zu leiten. Denn den Topos der Machtlosigkeit, des Ausgeliefertseins an "die da oben" bewirtschaftet derzeit keiner erfolgreicher als die Völkischen, die nur darauf warten, die "kleinen Leute" (oder jene, die sich als solche verstehen wollen) mitzunehmen in ihre braunschöne Welt mit Schießbefehl und Vogelschiss.

Halbierte Erinnerung an die DDR

Aus der Rudolstädter Heiterkeit geht's nach Weimar und im Tigersprung zurück in die Vor-Mauerfall-Vergangenheit der DDR. Düster, düster die Mienen, wenn Hasko Weber zum großen "Brüder-und-Schwestern"-Stuhlreigen bittet. Birk Meinhardts Familienchronik handelt auf 1300 Seiten das Vierteljahrhundert von 1976 bis 2001 ab. Im Weimarer E-Werk ruft der erste Teil vor der Pause mannigfaltige Erinnerungen an die Zwänge der DDR wach. Die Partei, die Russen, die obrigkeitshörigen Lehrer. Nur die weitgehende Untertunnelung des gesellschaftlichen Lebens durch geheimdienstlich-denunziatorische Strukturen, findet erstaunlicherweise mit keinem Wort Erwähnung.

Merkwürdig, findet der Nachtkritiker, der sich erinnert wie in den Jahren vor '89, der Gesprächston in Ostberliner Kneipen gedämpft werden musste – "Vorsicht, Stasi!" – und wie nach '89 Freundschaften, Familien und Weltbilder zerbrachen über die Stasi-Enthüllungen.

Weimar brueder und schwestern 116 560 foto candy welzNationaltheater Weimar, "Brüder und Schwestern": Das Ensemble, in der Mitte Sebastian Kowski als Vater Werchow, im Hintergrund: Der Maler Dieter M. Weidenbach malt während der Vorstellungen ein Bild. © Candy Welz

Dirk Pilz kritisierte 2017, dass die Erinnerung an die DDR "von Helden- und Stasigeschichten dominiert" werde, "der gewöhnliche DDR-Mensch kommt darin nicht vor." Ist der Geheimdienst in Weimar etwa deshalb kein Thema mehr? Oder doch eher, weil man im Nationaltheater ausweislich des Programmheftes glaubt, dass dem "Paradox" DDR die "aufgedrückten Stempel 'Regime' und 'Unrechtsstaat'" nicht gerecht würden?

Weimar brueder und schwestern 004 280 foto candy welz"Brüder und Schwestern": Nach der Vereinigung treffen sich die Brüder Matti (Lutz Salzmann) und Erik (Nahuel Häfliger) wieder  © Candy WelzJedenfalls geht es bei der Darstellung des paradoxalen Lebens um die ganz normale Anpassung, die das Wohlverhalten gegenüber den Direktiven der herrschenden Partei den Bürgern abforderte. Vater Werchow, Direktor einer parteieigenen Druckerei und schon berufsbedingt der größte Anpasser, erleidet einen Herzinfarkt. Seine Frau, angeschlagen seit die Russen sie bei Kriegsende vergewaltigten, springt vom Dach, die Tochter büxt zum Zirkus aus, sein jüngerer Sohn wird Kahnfahrer.

Nur der Älteste schafft es mit geschmeidiger Duckmäuserei über die Runden zu kommen und dann folgerichtig im zweiten Teil im Westen Karriere zu machen – während japanische Kapitalisten den Freund vom Kahnfahrer-Bruder in die Luft sprengen, um an sein Grundstück am Flussufer zu kommen.

Gespielt ist das Ganze anspruchslos. Meistens wird gestanden und erzählt. Im sehr kurzen zweiten Teil gesessen und erzählt. Zweifelsohne den Höhepunkt der Veranstaltung bildet der mit der gebotenen Nachdenklichkeit vorgebrachte Satz des Kahnfahrer-Bruders: "Die Entwertung unserer Erinnerungen war schlimmer als die Entwertung des Geldes und der Industrie ..." Und, holla hoh, da ist sie wieder, die Versammlung der Ausgelieferten, denen – wer genau? – Geld, Fabriken und zuletzt auch noch die Erinnerungen wegnahm. Und die, um ihre "Wir im Osten"-Erinnerungsfront zu schließen, lieber mit den 25 Prozent Wählern der Völkischen gehen, als sich an ihre Mittäterschaft zu erinnern, an ihre Mitverantwortung für die Geschichte, die ihnen zustieß.

Enteignung der Erinnerung

Die Erinnerungsenteignung, von der hier in Weimar die Rede ist, meint die Unterschlagung des ganz normalen misslingenden und gelingenden Lebens im Alltag, ungeachtet des jeweiligen Herrschaftssystems. Diese Trennung selbst jedoch ist eine Fiktion. Es gibt kein Leben jenseits des Herrschaftssystems. Oder ist das alles doch ganz anders und das Weimarer Ensemble zeigt in "Brüder und Schwestern" wenigstens vor der Pause genau diesen Schnittmusterbogen der verschiedenen "defensiven Haltungen", die die Mehrheit der DDR-Bürger*innen laut Dirk Pilz einnahm, die verschiedenen Weisen sich "mit dem Regime zu arrangieren"? Bloß wenn "die wirklichen DDR-Menschen", wie Pilz schreibt, "wie die meisten Menschen gewöhnliche Mitmacher, mutlos, angstvoll, angepasst" waren, warum wirkt ihre Darstellung im Weimarer E-Werk so unwirklich, so papieren? Und warum wird die wahrlich problematische Zeit nach der Vereinigung so sang- und klanglos abgehandelt?

Bautzen 560 Stephan M Hoehne via Wikipedia CC BY SA 3 0Bautzen, hinten schaut der Dom St. Petri hervor  © Stephan M Hoehne via Wikipedia, Lizenz CC BY-SA 3.0

Vier Zugstunden weiter, in Bautzen, ist dann die Stasi unübersehbar präsent. In der Gedenkstätte Bautzen II, dem "Stasi-Knast" hinterm Amts- und Landgericht, liest man von ihren Erfolgen. Wohin sich die fluchtwilligen Ost-Bürger auch wandten, die Geheimpolizei war schon da. Ein Land voller Denunzianten und Zuträger. Die Tafeln mit den Häftlings-Biografien künden vom allgegenwärtigen Verrat. Unaufgeklärt blieb das notorische Denunziantentum der Nazi-Zeit auch in Westdeutschland. Im Osten aber, dem Land der antifaschistischen Sieger, fand es ein neues Betätigungsfeld.

Es geht um Wurst

Bautzen leuchtet. Breit lagert das Kornmarkt-Center inmitten der Stadt der Türme. Dem baulichen Prägestempel des Konsumkapitalismus kann allenfalls der Dom St. Petri das Wasser reichen, die architektonische Herrschaftsgeste des Katholizismus. Im Deutsch-Sorbischen Volkstheater sind weder Denunzianten noch die enteignete Erinnerung oder das Paradox DDR das Problem. In Bautzen geht es um den zweiten Grill. Ordentlich hopp nehmen die Kabarettisten und Stromberg-Autoren Moritz Netenjakob und Dietmar Jacobs die deutsche Gegenwart.

Und die Zuschauer*innen von "Extrawurst" haben ihren Spaß an der Diskussion über einen Halal-Grill im Tennis Club Boris Becker Bautzen. Den braucht es, findet die Bezirksmeisterin Melanie, weil sächsische Schweinswürst' und HammelRindKalb nicht auf demselben Rost gekohlt werden dürfen. Wenigstens gemäß den islamischen Speisegesetzen, denen ihr Doppelpartner Azad folgt. Soll also "der Türke", der eigentlich ein Kurde ist, einen eigenen Grill ...?

Extrawurst 560 Hensel Höchst Schlemmer Bulang Foto Miroslaw NowotnyDeutsch-Sorbisches Volkstheater, Bautzen: Auseinandersetzungen am Vorstandstisch des Tennnisclub Boris Becker Bautzen mit Ralph Hensel, Alexander Höchst, Christoph Schlemmer und Marian Bulang  © Miroslaw Nowotny

Und schon bricht das Ungemach über den Vorstand des Tennisclubs herein. Obwohl Azad nach Kräften abwiegelt, folgen zweieinhalb Stunden lang die notorischen deutschen Auseinandersetzungen über die "bescheuerte Religion", die Wehleidigkeit der Muslime, die 72 Jungfrauen, den Koran, "was man sagen darf", das "völkische Gelaber".

Die härtesten Klopper ("Deutschland ist eine Oase für dämliche Kanacken und Schmarotzer") kommen, ein Kunstgriff, vom "Kurden", aber Regisseur Lutz Hillmann und den Seinen fehlt es auch nicht an Chuzpe, es sich mit den Völkischen im Publikum nach Kräften zu verderben. Er lässt Marian Bulang als Azad die deutschen Angstfantasien vorm frauenschänderischen Muselmann genüsslich ausspielen und den als Westler kenntlichen (was seine Position im Osten natürlich eher schwächt) "Event-Manager" Torsten (Ralph Hensel) über "Pegida-Mist" und die "1000jährige deutsche Grilltradition" ätzen, derweil der Bio-Sachse Matthias (Christoph Schlemmer) eher ein wenig belämmert seinen Heimwerker- und Grill-Chef-Stolz spazieren führt.

Die Geschicke selbst in die Hand nehmen

Auch hier in Ostsachsen bietet die Bühne weniger Kunst als genau gespielte schräge Typen jeglicher Couleur, ordentliches Volks- und Gebrauchstheater. Doch diese Form der "Bautzener Aufklärung" schafft es, ausgerechnet hier in einer AfD-Hochburg, die geistige Situation des Landes so auf die leichte Schulter zu nehmen, wie man es andern Städten nur wünschen kann. Was offenbar die Theatermacher im Lande genauso sehen, denn "Extrawurst", gerade erst im Hamburger Ohnsorg-Theater uraufgeführt, wird mittlerweile von mehr als einem Dutzend Bühnen angekündigt. In Bautzen endet das Spektakel mit einem Aufruf ans Publikum, das hier die Vereinsmitglieder spielt, die Geschicke des Vereins, der die Gesellschaft als Ganzes vorstellen soll, selbst in die Hand zu nehmen.

Vielleicht ist dies auch der Haken, an dem man das vorherrschende Misere-Bewusstsein nicht nur in Thüringen und Sachsen zu fassen bekäme und zum Auslüften vor die Tür hängen könnte. Auch wenn es dem Nachtkritiker aus dem Westen nach Ansicht der Zeitgenossen Ost nicht zusteht, Ratschläge auszusprechen, so pocht er doch darauf, dass Klagen über fehlendes Ostpersonal an der Spitze deutscher Ministerien, Großkonzerne und Universitäten weniger einbringen, als ein kämpferisches Eintreten für die eigenen (Ost-)Interessen. Denn die sind recht eigentlich die Interessen des ganzen großen Tennis-Clubs Deutschland. Wenn die Kinder von heute einmal fragen werden: "Und, was habt Ihr getan, gegen Hass, Hetze, Geschichtsumlügerei und Demokratieverfall?", dürfte sie die Antwort: "Man hat unsere Erinnerungen enteignet" kaum zufriedenstellen.

 

merck kleinNikolaus Merck, geboren 1957, studierte in Darmstadt und Berlin. Er arbeitete als Dramaturg am Mecklenburgischen Staatstheater in Schwerin und schrieb als freier Journalist für verschiedene Zeitungen. Er ist Mitbegründer und Redakteur von nachtkritik.de und lebt in Berlin.

 
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