Die Hölle, das ist die Gegenwart

von Alexander Jürgs

Frankfurt, 30. November 2019. Für solch einen Haarschmuck aus Federn ist der Hölleneingang dann doch zu niedrig. Volker Hintermeier hat das finstere Reich als tunnelartiges Metallgerüst auf die Vorbühne des Frankfurter Schauspiels gestellt, Nebel drauf, alles schön düster, zwischendurch blinkendes Neonlicht. Anna Kubin als Estelle Rigault muss sich ordentlich abmühen, um die Form zu wahren und den Kopfschmuck nicht zu gefährden, während sie unter den metallenen Streben hindurch balanciert. Das ist witzig anzusehen. Wie sie sich vorbeugt, zurückbeugt und skeptisch dreinschaut beim Versuch, das Ganze halbwegs elegant über die Bühne zu bringen. "Mir ist komisch", seufzt sie.

GeschlosseneGesellschaft1 560 Thomas Aurin uVolker Hintermeiers Höllen-Bühne in Frankfurt, von links: Heidi Ecks, Anna Kubin, Patrycia Ziolkowska, Matthias Redlhammer © Thomas Aurin

Und sie ist tot, gestorben an einer Lungenentzündung. Davor hat sie das Kind, das sie mit ihrem Geliebten hatte, im See ertränkt, woraufhin er sich das Leben nahm. Tot sind aber auch Joseph Garcin, der Journalist und Deserteur, der mit sich hadert, weil er seine Frau so quälte, und das Fräulein Inès Serrano, die starb, weil ihre Geliebte das Gas aufgedreht hatte. In der Hölle krachen diese drei – und ein schelmischer Diener, gespielt von der wunderbaren Heidi Ecks – nun aufeinander und kommen auch nicht mehr voneinander los.

Philosophie als Theater

Im von der Wehrmacht besetzten Paris, im Hotelzimmer von Simone de Beauvoir, hat Jean Paul Sartre diese Versuchsordnung 1944 ersonnen. Noch im gleichen Jahr wurde "Huis clos" (deutscher Titel: "Geschlossene Gesellschaft") uraufgeführt – ohne Albert Camus, der eigentlich den Garcin hätte spielen sollen, sich mit dem Philosophen aber kurz zuvor überworfen hatte. "Geschlossene Gesellschaft" wird in der Regel als Theaterwerdung von Sartres existenzialistischem Denken beschrieben, auf den Spielplänen steht es nicht mehr all zu häufig. Einen Satz aus dem Stück aber kennt jeder: "Die Hölle, das sind die anderen."

Cut-up

Was macht Johanna Wehner, Jahrgang 1981, 2017 mit einem "Faust" für ihre Kasseler "Orestie" ausgezeichnet, mit diesem Stoff im Schauspiel Frankfurt? Vor allem nimmt sie ihn auseinander, zerhackstückt ihn, modelliert ihn um. Man stellt sich das ein bisschen vor wie bei William Burroughs, der seine Texte mit der Schere zerschnitt und neu zusammensetzte. So schafft die Regisseurin eine Fassung mit vielen Wiederholungen (man könnte auch sagen: Loops) und ganz eigenem Sprachrhythmus. Das hat dann oft etwas Sprechgesanghaftes, wenn die Darsteller sich gegenseitig ins Wort fallen, den Satz des anderen zu Ende sprechen oder konterkarieren. "Das Eis ist gebrochen", "Was für eine Hitze", "So ist das", "Draußen, draußen, draußen", erklingen die Textfetzen im Stakkato – ein Sound mit Sogwirkung.

GeschlosseneGesellschaft2 560 Thomas Aurin uDie Nerven liegen blank: Anna Kubin, Matthias Redlhammer, Heidi Ecks, Patrycia Ziolkowska  © Thomas Aurin

Die Inszenierung hat etwas sehr Künstliches, die Bewegungen der Schauspieler erscheinen exaltiert, abgehackt, puppenhaft. Getanzt wird auch – zu kurzen, hypnotischen Klavierschnipseln, die Felix Johannes Lange geschrieben hat. Dazu tragen die Darsteller wuchtige, schön anzusehende, von Ellen Hofmann entworfene Kostüme zwischen Punk und Rokoko, zwischen Westwood und Versace: weite Kragen, Rüschen, Turmfrisuren, das ausladende Kleid der Estelle. Das sitzt alles sehr perfekt, das hat Fantasie.

Im Hamsterrad

Die Situation zwischen den drei in der Hölle Gefangenen spitzt sich zu, je bewusster ihnen wird, dass sie hier nicht mehr heil herauskommen, desto mehr. Die Stimmen werden lauter, die Blicke abschätziger, die Nerven liegen blank. Wehner dürfte damit die Gegenwart meinen: Die Hölle, das ist in diesem Fall der Dauerstress des Alltags, die permanente Angespanntheit im Neoliberalismus, der nicht unternommene Versuch, daraus auszubrechen. Sartres existenzialistisches Stück erscheint wie eine Schablone für das Hier und Jetzt, für die im Hamsterrad Gefangenen.

Mit einer Überraschung endet die Inszenierung. Die Tür, die die Toten gefangen hält, gibt es gar nicht. Der Ausgang aus der Hölle: Er ist frei. Man muss ihn bloß passieren. Das klingt hoffnungsfroh. Aber, um ehrlich zu sein, auch etwas kitschig.

 

Geschlossene Gesellschaft
von Jean Paul Sartre
Deutsch von Traugott König
Regie: Johanna Wehner, Bühne: Volker Hintermeier, Kostüme: Ellen Hofmann, Musik: Felix Johannes Lange, Dramaturgie: Ursula Thinnes.
Mit: Patrycia Ziolkowska, Anna Kubin, Matthias Redlhammer, Heidi Ecks.
Premiere am Schauspiel Frankfurt am 30. November 2019
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schauspielfrankfurt.de

Kritikenrundschau

"Wichtige Sachen werden so oft wiederholt, dass wirklich kein einziger Mensch auf der ganzen Welt sie verpassen und zum Beispiel versehentlich für nicht so wichtig erachten kann. Es ließe sich über ein Textloop-Moratorium fürs Sprechtheater nachdenken, einfach, um einmal zu schauen, ob Dringlichkeit sich nicht doch auch auf anderen Wegen vermitteln lässt", schreibt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (1.12.2019). "Die Fragen von Schuld, die Sartre hier (und damals im besetzten Paris von 1944) in Maßen komplex stellt, werden zügig und unverbindlich abgehandelt. Atmosphäre geht vor Schärfe."

"Nach knapp zwei Stun­den wird der ge­ra­de­zu sprich­wört­lich ge­wor­de­ne Kern­satz des Stücks – 'Die Höl­le sind die an­de­ren' – in ei­nem kit­schi­gen Schluss­bild buch­stäb­lich in sein Ge­gen­teil ver­kehrt", schreibt Hu­bert Spie­gel in der FAZ (2.12.2019). "Jo­han­na Weh­ners Re­gie ver­setzt Sar­tres doch recht be­tagt wir­ken­des Dra­ma mit dem Süß­stoff der gu­ten Ab­sich­ten der In­klu­si­on. Staub und Ho­nig? Kei­ne gu­te Mi­schung."

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Kommentare

Kommentare  
#1 Geschlossene Gesellschaft, Frankfurt: ZombiesHimmlische Marotten 2019-12-01 20:22
1. Das Bühnenbild ist eine Zumutung für alle Zuschauer, die seitlich oder vorne sitzen, also lieber weiter weg und hinten sitzen.
2. Die erste Hälfte nervt: wenn schon Sartres Text zu konventionell empfunden wird (Boulevardtheatersetting), dann könnte das Theater das auch gleich sein lassen. Bei dieser Bearbeitung (“loops”) wirkte das wie Warten auf Godot von Susanne Kennedy ohne Video ohne Godot. Dann, wenn die Geschichten der drei Personen erzählt werden, kommt (mehr, begrenzte) Spannung auf ...
3. Schauspieler bleiben unter ihren Möglichkeiten (siehe Punkt 4), aber die Regisseurin Wehner kann sich hier nicht auf Sartre berufen, dem die Charaktere eher “egal” gewesen sein soll (so die Dramaturgin Thinnes bei der Einführung).
4. Nebenan fand gleichzeitig der Opernball statt, die Bühnenfiguren machten den Eindruck von Zombies, die von dort auf Besuch beim Schauspiel waren ...
#2 Geschlossene Gesellschaft, Frankfurt: ErgänzungZombiefan 2019-12-06 01:14
www.hr2.de/podcasts/schauspiel-frankfurt-in-sartres-geschlossener-gesellschaft-durchleben-untote-die-hoelle,audio-30846.html
Und weil es so schön sein kann.
www.google.de/amp/s/www.giessener-allgemeine.de/kultur/hoelle-wird-13265363.amp.html
Und um mit der gleichen Tiefgründigkeit des Vorkommentators einfach mal etwas zu behaupten: Die Schauspieler spielen grandios und über den Möglichkeiten vieler. Und zu Punkt 4 - dass sie Untote bzw. Zombies spielen, naja, das steht ja sogar schon bei Sartre, nicht wahr, aber wie man die Hölle verstehen will, bleibt ja Gott sei Dank, jedem selbst überlassen.
#3 Geschlossene Gesellschaft, Frankfurt: HölleC. A. Hoffmann 2019-12-06 10:24
Ich habe ein Stück geschrieben "Öffnet die Türen". Es ist eine
Bearbeitung von Sartres "Huis Clos". Es kann jedoch nicht veröffentlicht werden, wegen der Urheberrechtsbestimmungen.
Jean-Paul Sartre sagt: "Alles hat man herausgefunden, nur nicht wie man lebt." Meine Figuren, Cary, Ganeff und Nagel, zeigen, wie man mit den lebendigen Toten, den "Eingeschlossnen", Garcin, Estelle und Ines, auf der Bühne, in der fantastischen Konstruktion des Stückes "Huis Clos" von Sartre, als Schauspieler agiert und spielt, und durch Musik, Tanz und Gesang, in unterhaltender Weise (aber auch philosophierend und kritisch),
sich und den Zuschauern Türen öffnet, die vorher scheinbar verschlossen
waren in dieser Höllensituation des Eingesperrtseins. Das steht im Gegen-
satz zu Sartre, der keine Einfühlung will, denn nach ihm soll der Zuschau
er das Geschehen aus der Distanz beobachten, und das was er sieht denkend verarbeiten. - Wenn das 2O.Jahrhundert das Zeitalter Sartres sein sollte, wie manche es nennen, dann treffe ich mit "Öffnet die Türen" buch
stäblich in die Hölle ("Huis Clos" wurde 1943-1944 geschrieben) des 2O. Jahrhunderts (der Theaterliteratur, und nicht nur dieser) und zeige, was
man anderes daraus machen kann im freien Spiel auf der Bühne, und der Möglichkeit der Befreiung aus der "Hölle" durch eine buddhistische Lebens
haltung: Garcin will in sich gehen und schweigen, um mit seinem vergangen
en Leben ins Reine zu kommen - doch wird er durch die zwei Frauen im Höllen-Salon daran gehindert. Ines sagt zu ihm: "... Ich werde Sie nicht
in Ruhe lassen, das wäre zu bequem. Sie säßen da, unempfindlich, in sich
versunken wie ein Buddha ..." - Estelle (an einer anderen Stelle): "Ich
soll also schweigen?" - Garcin: "Ja. Und wir ... wir werden gerettet sein. Schweigen ..."
Der Buddha lehrt, dass nichts in dieser Welt Dauer habe (auch nicht die
"Hölle"). Folglich muss alles das, was wir für beständig, für real an-
sehen, in Wirklichkeit irreal, muss unser Eindruck Täuschung sein.
Während sich der Westen seit alters der Bewältigung der Welt zu wandte, an deren Realität kein Zweifel bestand, haben sich die Inder mehr für das
interessiert, was jenseits der sinnlichen Wahrnehmung liegt ...
Dass Leiden und Qualen Vergeltung und Strafe für Sünden seien, ist eine
Lehre der christlichen Welt. Sie bringt die grausame Bestrafung mit der
Höllenpein, die Läuterung im Fegefeuer.
Dass die Hölle der Ort des Leidens war, lag nahe. Indem Sartre also, den
Höllenbegriff aufnimmt, ganz gleich in welcher Form ("Die Hölle, das sind
die Anderen!"), übernimmt er einen christlichen Begriff, den er aber als
Atheist keineswegs übernehmen dürfte: Ein Atheist darf ja weder an die Hölle noch an den Himmel glauben, ebenso wie die Begriffe Sünde, Ver-dammnis, Strafe, Reue, Erlösung für ihn nicht existieren dürfen. Ja selbst die "Verurteilung" des Menschen zur Unfreiheit oder zur Freiheit -
beinhaltet eine Inkonsequenz, denn sie setzt eine Macht voraus, welcher
der Mensch untertan ist, mag sie auch in seinem eigenen Wesen angelegt sein.

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