Volksfreundin unter Druck

von Shirin Sojitrawalla

Karlsruhe, 30. November 2019. Die Frauenärztin Beate Werner ist eine Feministin alter Schule wie aus dem Bilderbuch: Bequeme Hosen, flache Schuhe, weiter Pullover und grauer Kurzhaarschnitt. Der Griff zur Rotweinflasche geht ihr ebenso routiniert von der Hand wie der Abbruch einer ungewollten Schwangerschaft. Beate Werner ist die Hauptfigur im neuen Stück des unermüdlichen Theaterautorenduos Lutz Hübner & Sarah Nemitz. Eine Frauenärztin? Ja. Folgerichtig treten erst gar keine Männer in Erscheinung in diesem Stück, einer Auftragsarbeit fürs Badische Staatstheater Karlsruhe.

Besetzung vorpolitischer Räume

Diese Frauenärztin möchte sich zur Ruhe setzen und ihre Praxis an ihre junge Kollegin Hanna Sievers weitergeben. Die aber entpuppt sich als rigorose Abtreibungsgegnerin. Die Meinungen prallen hart und schematisch aufeinander. Was sich zuerst als Krimi unterschiedlicher Weltanschauungen entwickelt und dabei große Gewissensfragen in den Saal stellt, die es durchaus mit der Entscheidung im Erfolgsstück "Terror" aufnehmen könnten, gleitet rasch in eine Auseinandersetzung mit den Strategien der Rechtsextremen und ihrer kalkulierten Besetzung meta- bzw. vorpolitischer Räume. Höhepunkt des Stücks ist dann das Aufeinandertreffen der beiden Kontrahentinnen bei einer öffentlichen Podiumsdiskussion, die durchaus an die zentrale Konfrontation in Ibsens "Volksfeind" erinnert. Teile des Premierenpublikums jedenfalls fühlen sich angestachelt, der Frauenärztin und später auch ihrer Sprechstundenhilfe spontan Beifall zu spenden. Die Sympathien scheinen klar verteilt, was sowohl dem Stück als auch der Inszenierung anzulasten ist.

Frauensache4 560 Thorsten Wulff uPodest-Kultur: Marie-Joelle Blazejewski und Swana Rode im Bühnenbild von Simeon Meier © Thorsten Wulff

Wie überhaupt die Figuren eher grob gezimmert daher kommen. Ein bisschen mehr Ambivalenz stünde ihnen allen gut. So aber wirken sie oftmals wie Thesenständer, und man meint den Schauspielerinnen anzumerken, dass sie versuchen, dagegen anzuspielen. Dabei nutzt Regisseurin Alexandra Liedtke das Stück für ihr unverfängliches Debüt am Staatstheater Karlsruhe. Simeon Maier hat ihr dafür ein klinisch weißes Podest auf die Bühne gestellt, mit vielfachen Treppen und Sitzgelegenheiten. Die wechselnden Orte werden bei jedem Szenenwechsel als Schriftzug projiziert. Es beginnt in der Praxis von Beate Werner, und endet auf der Straße.

Bloßer Austausch von Überzeugungen

Lisa Schlegel spielt die Frauenärztin als nervös flatternde Frau, die sich um altersbedingte Uncoolheiten nicht schert. Ihre Widersacherin Hanna ist bei Swana Rode ein clean roboterhaftes Mädchen, dessen strenger Pferdeschwanz ebenso wenig täuscht wie ihr braves Kittelkleid: zwei Generationen, zwei Frauentypen, zwei Weltanschauungen. Das Differenzieren bleibt den Zuschauer*innen überlassen.

Frauensache1 560 Thorsten Wulff uArena der Weltanschauungen: Marie-Joelle Blazejewski (Elke), Swana Rode (Hanna), Lisa Schlegel (Beate) © Thorsten Wulff

Von einem Stück über Frauensachen ("In der Gynäkologie erfährst Du am deutlichsten, wie eine Gesellschaft mit Frauen umgeht") rutscht das alles zusehends in eines über echte Rechte, ohne dabei Neues zutage zu fördern. Das scheint auch der Regisseurin zu wenig gewesen zu sein, weswegen sie die Figur der syrischen Sprechstundenhilfe Mira deutlich aufwertet. Sarah Sandeh, Fachfrau für Bühnenerregungszustände aller Art, verkörpert sie mit souverän komischer Note. Die Abtreibungsproblematik mit dem Rechtsruck und dann noch der Flüchtlingsthematik ins Lot bringen zu wollen, dieser Versuch von Hübner & Nemitz ist allerdings mindestens ein Dreh zu viel.

Viel zu lachen gibt es an diesem Abend nicht; das Stück verliert höchstens ein paar lose Pointen und fokussiert sich ansonsten auf die Zurschaustellung rechter Ideologien und des dazugehörigen Sprachgebrauchs. Das zeitdiagnostische Potenzial des Stücks offenbart sich indes in der paradigmatischen Vorführung öffentlicher Diskurse, die kein wirkliches Gespräch beginnen, sondern den immer gleichen Austausch von Überzeugungen anleiern. Überzeugungen, die zuweilen so weit auseinander liegen wie bloßes Zellgewebe von einem ungeborenen Kind.

Frauensache
von Lutz Hübner & Sarah Nemitz
Uraufführung
Regie: Alexandra Liedtke, Bühne: Simeon Meier, Kostüme: Johanna Lakner, Musik: Karsten Riedel, Dramaturgie: Sonja Walter.
Mit: Lisa Schlegel, Swana Rode, Sarah Sandeh, Claudia Hübschmann, Ute Baggeröhr, Marie-Joelle Blazejewski.
Premiere am 30. November 2019
Dauer: 1 Stunde und 45 Minuten, keine Pause

www.staatstheater.karlsruhe.de

 

Kritikenrundschau

"Ein Theaterstück, das in kurzen, schlaglichtähnlichen Szenen und pointierten Dialogen zeigt, dass Fragen nach Frauenbildern und Familienpolitik gerade heute wieder hochbrisante Themen sind und letztendlich die gesamte Gesellschaft betreffen", sagt Marie-Dominique Wetzel auf SWR 2 (30.11.2019). "Und ein Abend, der wieder einmal bewiesen hat, dass sich engagiertes Theater gut dafür eignet, Finger in Wunden zu legen und aktuelle, gesellschaftsrelevante Themen zu verhandeln. Gerne mehr davon."

Als "dramaturgisch zwar nicht allzu raffiniert, aber hochaktuell" beschreibt Adrienne Braun in der Süddeutschen Zeitung (3.12.2019) das Stück. Es gipfele in einer Podiumsdiskussion, bei der die altfeministische Ärztin von der neuen rechten Rhetorik nachgerade weggefegt wird. "Allerdings schreit Swana Rode in der Rolle der Rechten diesen langen Monolog so greinend mit überschlagender Stimme, dass die Figur jede Glaubwürdigkeit verliert." Die Schauspielerin komme so wenig mit der Figur der Fanatikerin zurecht wie die Regisseurin Alexandra Liedtke, deren "Inszenierung erstaunlich ungelenk" wirke.

Hüb­ner und Nemitz "las­sen bei­de Sei­ten zu Wort kom­men, aber nie Zwei­fel an ih­rer Hal­tung auf­kom­men", so Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (3.12.2019). Allerdings seien ihr Zu­griff zu rou­ti­niert, ih­re Boh­run­gen im Mi­lieu zu flach, um dem Phä­no­men neue As­pek­te ab­zu­ge­win­nen. "Die Rol­len sind klar ver­teilt, und Re­gis­seu­rin Alex­an­dra Liedt­ke trägt we­nig zur Dif­fe­ren­zie­rung bei."

 

 
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