Das Geheimnis der verwundeten Psyche

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 19. September 2008. Depression ist nicht gleich Depression. Es soll Typen geben, die sind so was von traurig, schlaflos und todgeweiht, dass man sich auf der Stelle in sie verliebt. Ein dunkler Sog geht von ihnen aus, sie ziehen an und stoßen alles unbarmherzig ab, was sich ihnen in den Leidensweg stellt. Selten trifft man diese mächtigen Melancholiker im Büro oder an der nächsten Bushaltestelle.

Außer man kommt nach Stuttgart, wo Thomas Dannemann zum Saisonauftakt Anton Tschechows "Iwanow" inszeniert hat. Da plumpst der Held mitten in unser Hier und Jetzt, auf eine tristgraue Bühne (Stéphane Laimé), die als Versuchsanordnung für gescheiterte Halbintellektuelle konstruiert ist: mit vier Ein- und Ausgängen und einer halbdurchsichtigen Wand ohne klare Perspektive. An Flucht ist nicht mehr zu denken.

Revolutionäres Versuchskanichen

Früher einmal, so suggeriert es zumindest das Stück, da wollte dieser Nikolaj Alexejewitsch Iwanow wahrhaftig die Gesellschaft verändern. So ging er zu den russischen Bauern, weit weg von den untätigen Debattierzirkeln der Metropole, dorthin, wo es richtig weh tut und liberal gesinnte Jungbourgeoise wie Iwanow die Freiheit säen wollten. Sie hielten Reden, gingen auf die Felder. Doch die Reform der Selbstverwaltungen in den 1870er Jahre in der russischen Provinz scheitert zweifach: an den Kräften der Reaktion nach der Ermordung des Zaren sowie an der Unmündigkeit der Landbevölkerung. Fortan bestimmt wieder der Schein das Bewusstsein.

Und Iwanow, Tschechows literarisch-revolutionäres Versuchskaninchen, fällt ins tiefe Loch. Er kann nicht mehr glauben, nicht mehr denken, nicht mehr lieben. Was ihm noch bleibt? Die Normalität. Die Anti-Utopie. Depression. Schulden. Ein bisschen Land. Dort summen um ihn herum wie lästige Stallfliegen: der Dampfplauderer Borkin, sein korrupter Gutsverwalter; Schabjelski, der kauzig-kahle Onkel mit Grafentitel, aber ohne Geld; die versauten Lebjedews, die ihn allabendlich mit Wodka und spießiger Dekadenz trösten; die lispelnde Babakina, eine verwitwete Schlampine; der feiste Steuereintreiber Kossych.

Und ein junger, moralinsaurer Arzt namens Lwow, der Iwanows schwer tuberkulöse Frau Anna Petrowna mit Medikamenten und zweideutigen Angeboten heilen will. Sie aber ist ihrem Iwanow, für den sie ihren jüdischen Glauben und die Liebe ihrer Eltern geopfert hat, bis zu ihrem baldigen Tode verfallen, während er sich jetzt von ihr abwendet, um mit der hübschen Sascha herumzumachen, Lebjedews hitzig-naivem Töchterchen.

Seelenpein als verführerischer Textnebel

In diesem Tschechowschen Kosmos voller Faktoten und einem komischen Anti-Helden wäre es plausibel gewesen, dem Iwanow weite Räume zu öffnen, ihm zur Sprache zu verhelfen, seinen Intellekt aufscheinen zu lassen. Die bekannte Übertragung von Thomas Brasch ist schließlich gespickt mit bildgesättigten Einwürfen und Monologen, welche Iwanows Seelenpein wie einen verführerischen Textnebel ausströmen und alles gleichzeitig anspielen: das Selbstmitleidige, das Zynische, das Sündige, das Kindliche, das Sehnende, das Jugendliche wie auch Morbide in einer einzigen Geste, in einem einzigen Augenblick und Wesen. Der perfekte Widergänger Hamlets.

Die Regie und Dramaturgie (Jörg Bochow) allerdings interpretieren ihren Iwanow realistisch, zeitgeistig. Die geschichtliche Folie beamen sie als kurze Videostreams auf die transparente Leinwand. In Eisensteinscher schwarzweißer Zappelästhetik wird allerlei Getier, werden breitmäulige Bäuerinnen und zauselige Priester dokumentarisch eingeblendet. Telekolleg Revolution - und irgendein bedröppelter Iwanow schaut zu.

Eindimensionale Agonie

Die Stuttgarter Textfassung ist gestrafft und verzichtet auf alles Spielerische. Der Intellektuelle wird eingemeindet. Von solchen Iwanows gibt es nun aber viele in diesem Land, in Schwabing, am Prenzlberg, überall. Schwätzer mit ein wenig Linksdrall und Geschmack, mieser Kontoführung und einer Problemfrau zuhaus. Obwohl Tschechow ständig zu hören ist, bleibt er daher seltsam abwesend. Vielleicht, weil von dieser Depression nur eine recht eindimensionale Agonie ausgeht. Eine plausible Alltags-Psychologisierung, anwendbar auf verpasste Revolutionen ebenso, wie auch auf schlechtes Wetter.

Tschechows Iwanow ist aber im besten Sinne antipsychologisch angelegt, an seinem kaputten Helden hätte sich Freud zu Grunde therapiert. Der Versuch, das Geheimnis der verwundeten Psyche zu lüften, scheint das Problem dieser Inszenierung zu sein, die solide ist, mit einem gut aufgelegten Ensemble überzeugt, aber selten interessiert und nie berührt.

Keine Geschichte, keine Zukunft

Jens Wintersteins Iwanow liest die Süddeutsche, trägt gedeckte Herbsttöne und aparte Stiefeletten, enge Hemden, die Strähne im Gesicht. Er ist antriebsschwach, mehr nicht. Meist sitzt er auf einem der vierzehn Resopalstühle und rauft sich die Haare.

"Ich habe mich überhoben", sagt er einmal, und wirklich: man meint sie plötzlich zu sehen, diese Zentnerlasten, die ihn auf den Boden und die Stühle drücken, wo er verharrt und allmählich an sich selbst erstickt. Nur: Woran hat er sich eigentlich überhoben? Hat dieser Typ überhaupt jemals Schulen gebaut? Bauern befreit?

Die anderen Figuren korrespondieren. Anja Brünglinghaus spielt die Ehefrau Anna Petrowna als verzweifeltes Opferlamm, das dem homöopathischen Werben von Lwow (Benjamin Grüter) leicht widersteht, weil sie ihren Mann immer noch liebt. Am Ende fällt der berühmte Schuss, während der Witwer und Neuverheiratete Iwanow auf der Leinwand seine eigene Hochzeit als Filmchen betrachtet.

 

Iwanow
von Anton Tschechow
Regie: Thomas Dannemann, Bühne: Stéphane Laimé, Kostüme: Regine Standfuss, Video: Ulrike Lindemann, Musik: Philipp Haagen. Mit: Jens Winterstein, Anja Brünglinghaus, Elmar Roloff, Rainer Phillipi, Rahel Ohm, Minna Wündrich, Benjamin Grüter, Susana Fernandes Genebra, Christian Schmidt.

www.staatstheater.stuttgart.de


Mehr lesen? Zum Beispiel wie Amélie Niermeyer im Februar 2008 den Iwanow in Düsseldorf sah? Das nämlich erfahren sie hier.

 

Kritikenrundschau

Die mit bizarrer Komik aufgeraute Melancholie in Tschechows erstem Stück "Iwanow" weiche einer zeitgemäßen Verzweiflung, schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (22.9.2008) über Dannemanns "Iwanow". Die deutschen Passagen im russischen Original ersetze der Regisseur durch Englisch und "die Oblomowerei durch Psychopathologie". Bei Tschechow seien alle überflüssige Menschen. "Bei Dannemann sind sie Narren, die keinem mehr dienen können, weil um sie herum nur Zerfall ist." Ganz am Ende stelle sich dann aber doch noch "ein Tschechow-Glück ein. Ein wortloses."

Dieses Glück kann Stefan Kister nicht teilen. Woran liegt es, dass man wie Iwanow "nichts als Leere und Ermüdung" fühle, je länger man ihm zuschaue? Nicht an der Finanzkrise, "die Dannemann ironisch zitiert", fragt und antwortet er in der Stuttgarter Zeitung (22.9.2008), sondern weil Dannemann, "der sich in seinen früheren Stuttgarter Arbeiten als wilder, bisweilen gar genialer Kolorist erwiesen hat, für seinen Iwanow die Töne Grau in Grau bevorzugt." Was Iwanow "so kolossal lähmt, was ihn quält, mit Schuld besudelt" bleibe bloße Andeutung. Die zeitgemäße Oberfläche werde nicht durchdrungen. Winterstein als Iwanow dringe "weder in die existenzielle Tiefe (...), noch in die historische Gemengelage des Stücks vor." Vielleicht auch deshalb, "weil der Regisseur den Text ordentlich zusammengestrichen und auf knapp zwei Stunden gestrafft hat." Eines sei am Ende gewiss: "Dieser halbherzige Untergang Iwanows wird dem seines vollblütigen Alter Ego 'Platonow', wie ihn Karin Henkel in Stuttgart auf die Bühne brachte, nicht den Rang ablaufen."

"Seltsam sittsam" wirkte "Iwanow" auf Nicole Golombek von den Stuttgarter Nachrichten (22.9.2008). Man sehe "wenige emotional packende Szenen", etwa kurz vor Iwanows geplanter Hochzeit mit der jungen Sascha. Man sehe "amüsante Auftritte Einzelner". Aber "zumeist überwiegt flacher Realismus." Die Tonlage bleibe sich gleich, "Nuancen, Stimmungen, heimliche Verliebtheiten etwa werden kaum angedeutet". Der Einzelne interessiere hier weniger als das Kollektiv, "diese Verflachung tut dem handlungsarmen Stück nicht gut, es mündet Gleichmacherei in Gleichgültigkeit."

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