Blut auf dem Vogerlsalat

von Andrea Heinz

Wien, 4. Dezember 2019. Wenn man dem Burgtheater in dieser noch sehr jungen, ersten Saison unter der neuen Direktion etwas vorbehaltlos zugute halten kann, dann die Tatsache, dass es eine Autorin wie Maria Lazar auf den Spielplan genommen hat. Eine jener zumeist jüdischen Autorinnen der Zwischenkriegszeit, die ins Exil gezwungen oder ermordet wurden und nach dem Krieg nachhaltig in Vergessenheit gerieten. An der Qualität lag es nicht, das konnte man spätestens 2014 und 2015 sehen, als der Wiener Germanistik-Professor Johann Sonnleitner im Verlag Das vergessene Buch zwei Romane Lazars herausgab, "Die Vergiftung" und "Die Eingeborenen von Maria Blut". Vor allem letzterer ragt an Klarsicht, Genauigkeit, Menschenkenntnis, aber auch schriftstellerischer Könnerschaft weit heraus. Mit stupender Deutlichkeit sah Lazar schon in den 1930er-Jahren, warum genau das möglich werden konnte, wovon sich noch heute viele fragen, wie es möglich sein konnte.

Der Mord aus Freude

Am Akademietheater inszenierte nun Mateja Koležnik Lazars erstes Drama "Der Henker" (uraufgeführt 1921). Der Einakter ist nicht so bestechend perfekt gearbeitet wie der später entstandene, sehr szenische Roman "Die Eingeborenen von Maria Blut". Aber auch hier geht es um soziale Mechanismen, um menschliche Verhaltensweisen, die Faschismus und Diktatur erst möglich machen. Ein zum Tode verurteilter Mörder will seinen Henker treffen. Er will ihn zwingen, die Hinrichtung nicht aus Pflichterfüllung, sondern aus tiefster Überzeugung, mit Hass, gar mit Freude zu vollbringen. Lazar lässt die Stützen der bürgerlichen Gesellschaft auflaufen: Staatsanwalt, Priester, Dirne. Sie zerklauben in dem kurzen Text Definitionen von Gut und Böse. Ist, was man aus Pflicht und für Geld tut, richtig und gut? Was man aus Freude tut, aus innerstem Antrieb, hingegen schlecht?

DerHenker1 560 Matthias Horn uWas ist gut, was böse? Itay Tiran, Tilman Tuppy, Hans Dieter Knebel, Gunther Eckes © Matthias Horn

Ganz offensichtlich wird da eine militärische Pflichterfüllung, eine preußisch-wilhelminische Geisteshaltung angeklagt – schließlich entpuppt sich auch der Mörder als traumatisiertes Opfer dieser Erziehung. Koležnik tut sehr gut daran, diese Parabel mit expressionistischem Einschlag ein wenig verfremdet auf die Bühne zu bringen. Würde man den Text allzu wörtlich nehmen, man bekäme schnell logische Probleme: Ist jetzt wirklich der Mord aus Freude antifaschistisch? Nimmt man ihn aber als Parabel, wie Koležnik es tut, lassen sich moralische Fragestellungen und Ambivalenzen ausloten. Immer wieder unterbricht sie die Chronologie, setzt neu an, auch die Figuren, die ja allesamt Typen ohne große psychologische Tiefe sind, lässt sie in unterschiedlichen Versionen auftauchen. Die Dirne etwa gibt Sarah Viktoria Frick einmal als süßes, ein wenig verhuschtes Mädel, ein anderes Mal als Kaugummi-kauende, taffe Hure, die routiniert an Hosenställe greift.

Das Unbehagen in der Bürokratie

Klug und folgerichtig die Bühnenlösung, die Raimund Orfeo Voigt dafür gefunden hat: Eine kalte, mit Neonlicht ausgeleuchtete Zelle mit Schlafnische und Edelstahl-Klo, auf der sich jedes Mal die Wand mit dem WC und der Schiebetüre ablöst und von links nach rechts über die Bühne schiebt, wenn eine neue Version beginnt – nur um auf der anderen Seite wieder dieselbe Wand mit WC und Schiebetüre auftauchen zu lassen. Es ist, als würde ein Bild über das andere geschoben, was eine schöne Lösung ist, um die Austauschbarkeit und Allgemeingültigkeit dieser zwischenmenschlichen Mechanismen zu zeigen.

Letztlich geht es um den ewigen Kampf zwischen Natur und Kultur, auch um das "Unbehagen in der Kultur" (erschienen nicht einmal zehn Jahre nach dem "Henker"). Immer wieder besteht der Mörder, von Itay Tiran stark und zwingend gezeigt als maliziöser, leicht bipolarer Charismatiker, darauf, auszusprechen was ist – auf das Sein im Kontrast zu den Papieren, den bürokratischen Stehsätzen: Blut, Rippen, Fleisch. Tod. Es ist nur logisch, dass er im Gespräch mit dem Staatsanwalt einmal die Hosen herunter zieht und sich auf’s Klo setzt – das Lebendige, Kreatürliche, in Stellung gebracht gegen das System.

DerHenker2 560 Matthias Horn uKreatürlichkeit gegen das System: Itay Tiran © Matthias Horn

Wie er versucht, seinen Körper in die aseptische Zelle einzupassen, sie, einen Fuß vor den anderen setzend, abmisst, das sind für sich genommen schon große, konzentrierte Momente an diesem Abend. Immer wieder gerät das vermeintlich Ur-menschliche, das Archaische, in Konflikt mit dem Vermittelten, schön gezeigt auch in den kleinen Szenen zwischen Kerkermeister (Tilman Tuppy) und Mörder: Wie sie sich belauern, beobachten und dabei, einzig hervorgebracht durch das System des unmenschlichen Strafvollzugs, eine menschliche Beziehung zueinander entwickeln. Neben Hans Dieter Knebel als Staatsanwalt und Gunther Eckes als Priester sorgt Martin Reinke als Henker für die meisten Lacher an diesem Abend. Weil es aber auch einfach unfassbar komisch ist, wie er sich von dem Mörder zum Small-Talk hinreißen lässt als wäre man auf einer Cocktail-Party und, in seinem grauen Anzug herumhängend wie der ewige Spießer, etwas von Hausgarten und Vogerlsalat nuschelt. Was Lazar nur ahnen konnte, das wissen die Nachgeborenen, nämlich, was solche nuschelnden Pflichterfüller für Unheil anrichten können.

Es ist das sicher einer der herausragendsten Abende in der bisherigen Saison, politisch nicht auf der Oberfläche, mit Plakatfarbe, sondern in den tieferen Ebenen des Textes – und mit einer Regie, mit Spieler*innen, die diese Schichten klug ausloten, ausgestalten. Bitte mehr davon.

 

Der Henker
von Maria Lazar
Regie: Mateja Koležnik, Bühne: Raimund Orfeo Voigt, Kostüme: Ana Savić-Gecan, Licht: Norbert Piller, Musik/Komposition: Nikolaj Efendi, Dramaturgie: Sabrina Zwach.
Mit: Itay Tiran, Martin Reinke, Sarah Viktoria Frick, Hans Dieter Knebel, Gunther Eckes, Tilman Tuppy.
Premiere am 4. Dezember 2019
Dauer: 1 Stunden 30 Minuten, keine Pause

www.burgtheater.at

 

Kritikenrundschau

"Famos versponnen" inszeniere Mateja Koležnik das vergessene Minidrama und befreie so "ein rätselhaftes Prachtstück aus dem Dramenfundus des Expressionismus von den Spinnweben", notiert Ronald Pohl im Standard (5.12.2019) über die "tolle Probe dramatischer Minimal Art". Alle an der Inszenierung Beteiligten schienen den Stoff "wirksam herunterkühlen" zu wollen, der "allseits mysteriöse Ton der seelischen Verlautbarungen" löse sich "in Nüchternheit auf": "Mit jeder Wiederholung des Zellenbesuchs wird aus dem Mädchen eine Erotikdienstleisterin mit wachsender Routine" und sogar der Anstaltsgeistliche verwandle sich umrisshaft in einen Reformpriester. Lazars kaum zwanzig Manuskriptseiten zählendes Drama liefere "das Instantpulver zu einer kleinen Geschichte der Moral", so Pohl. "Keine Kleinigkeit. Sondern ein veritables Kunststück."

Streng unterkühlt findet die Inszenierung auch Norbert Mayer von der Presse (5.12.2019). Überraschend der Anfang, spannend der Schluss, dazwischen aber ziehe sich die ambitionierte Wiederbelebung von Lazars Einakter. Das Stücke decke, als flüchtige Skizze einer Gesellschaft, die einen brutalen Akt zivilisatorisch rechtfertigen wolle, "en passant das Inhumane auf", so Mayer. Mateja Koležnik hingegen schwelge "in post-dramatischer Verdrehung", ihre Regie "führe die Gefühle in einer Ausnahmesituation überdeutlich vor", verstärkt von nervig pulsierender Musik und irritierenden Lichteffekten. In den variierten und dabei stets neu akzentuierten Begegnungen der Figuren von v.a. Itay Tiran, Martin Reinke und Sarah Viktoria Frick entstehen für Mayer Abgründe, stimme die Körpersprache. Wiederbelebung "in gewissem Maße gelungen".

"Kopftheater" sei Maria Lazars Stück, das nur oberflächlich realistisch daherkomme, schreibt Wolfgang Kralicek in der Süddeutschen Zeitung (5.12.2019): "wir sehen Visionen eines Todgeweihten, der von dem Gedanken besessen ist, dem Henker einen guten Grund zu geben, ihn zu töten". Des "Henkers" surrealen Charakter betone Mateja Koleznik – "die für sehr kompakte Inszenierungen bekannt ist" –, indem sie jede Szene zweimal spielen lasse, mit grundlegend anderer Figurenzeichnung. "Der psychopathische Mörder (Itay Tiran) wirkt mal aggressiv und mal melancholisch, der spießige Henker (Marin Reinke) mal verklemmt und mal weinerlich, der Priester (Gunther Eckes) mal mitfühlend und mal zynisch, die Dirne (Sarah Viktoria Frick), die den Mörder besucht, mal unterwürfig und mal aggressiv." Lazars Gefängniszelle werde zum "Labor für eine Versuchsreihe über Menschen und ihr Verhalten".

Ein "aufwühlendes Dialogstück, das Pflichtbewusstsein gegen Freiheitsbehauptung in Szene setzt", hat Simon Strauß für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (7.12.2019) in Wien gesehen. In seiner Doppelbesprechung mit "Glaube und Heimat" am BE zeigt er sich von Mateja Koležniks Inszenierungsweise weniger als von Maria Lazars Stück überzeugt: Sie "präsentiert den kurzen Theatertext mit einer Verzögerungstaktik, setzt immer wieder von neuem an und lässt das Bühnenbild wechseln. Zwingend notwendig scheinen ihre Einfälle nicht. Der Text von Maria Lazar (…) wirkt eigenartig genug, denn er hat Pathos in sich. Und ein feuriges Bekenntnis."

 

 
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