Sonnenschein inmitten der Misere

von Martin Krumbholz

Oberhausen, 6. Dezember 2019. "Hase Hase" ist so etwas wie die Quersumme aus Nikolaus und SPD-Parteitag. Insofern liegt das Theater Oberhausen zumindest mit der terminlichen Ansetzung des Achtzigerjahre-Stücks der Französin Coline Serreau goldrichtig. Hase Hase ist ein Außerirdischer und der jüngste Sohn der Familie Hase (Serreau hat sich hier von Steven Spielbergs Blockbuster "E.T." inspirieren lassen): Der kleine Hase wurde zwar ganz normal von seiner Mutter zur Welt gebracht, aber als exterritoriales Kuckucksei (oder als Nikolaus-Präsent, wenn man so will).

Zuflucht bei Muttern

Prägend für die Dramaturgie des Stücks ist dabei jedoch weniger diese bizarre Idee als der gesellschaftskritische Anschub: Die Familie Hase, in der die Mama ganz entschieden das Sagen hat, ist vom sozialen Abstieg bedroht. In Florian Fiedlers Inszenierung gibt es zum Abendessen nichts als trockenes Baguette.

Papa ist in seiner Firma entlassen worden, traut es sich aber nicht zu sagen. Der kleine Außerirdische ist vom Gymnasium geflogen. Und dann trudeln nach und nach auch noch die übrigen Familienmitglieder ein und suchen Zuflucht am heimischen Herd, weil ihre Ehe zerbrochen oder schon vor dem Standesbeamten annulliert worden ist, weil sie als Terroristen von der Polizei gesucht werden oder warum auch immer. Die Mama (hier von Klaus Zwick ganz passabel gespielt) wird's schon richten, denn die hat natürlich das Herz auf dem rechten Fleck, immer ein Baguette in Reserve und weiß, wo man notfalls eine Matratze borgen kann.

HaseHase 2 560 IsabelMachadoRios uIn der Ein-Zimmer-Wohnung der Hases ist der Jäger los: Bühnenbild von Maria-Alice Bahra © Isabel Machado Rios

Das Ganze ist in seiner Mischung aus Kitchen Sink Realism und Science-Fiction schon sehr eigen, oder anders: Man muss es mögen. Beim Betrachten der kaum abendfüllenden und dabei doch etwas länglichen Inszenierung des Oberhausener Intendanten fragt man sich hin und wieder, ob eine Umsetzung, die den (zugegeben bizarren) Plot und die (zugegeben skurrilen) Figuren ein wenig ernster nähme, am Ende doch mehr Humor oder jedenfalls etwas von jener süß-bitteren Herzenswärme entfalten könnte, die Serreaus Blick auf die Welt offenbar intendiert.

Fiedler favorisiert den Nikolaus und ignoriert den SPD-Parteitag, will sagen: die seriöse Gesellschaftskritik wird per Klamauk und Slapstick auf den Ebertplatz hinaus eskamotiert, wohingegen sich das surreale Sahnehäubchen der Vorlage zu einer veritablen Rahmbombe aufplustert.

Alles auf Blau

Die Ausstattung von Maria-Alice Bahra und das Kostümbild von Daniel Kroh sind liebevoll gemacht, keine Frage. Die Bühne, der die Tiefe fehlt, deutet das stilisierte Setting einer Ein-Zimmer-Wohnung an, während die Kostüme, mit X hübschen Schnörkeln assoziiert, Picassos blauer Periode huldigen – ob dies nun dem Blaumann, den das Familienoberhaupt (Susanne Burkhard) unverdrossen trägt, geschuldet ist oder dem Vorsatz, heute einfach mal "blau machen" zu wollen, oder auch dem sich ankündigen "Blues": Egal. Unterm Strich sind hier alle ein bisschen außerirdisch, darauf will Fiedlers Konzept offensichtlich hinaus.

HaseHase 1 560 IsabelMachadoRios uGanz schön voll hier: das Ensemble in Kostümen von Daniel Kroh © Isabel Machado Rios

Hase Hase (in der weiblich besetzten Titelrolle: Nina Karimy) macht sich für drei Wochen aus dem Staub, während die anderen mächtig Ärger mit der staatlichen Ordnungsmacht bekommen. Das Gender-Crossing ist übrigens kein durchgezogenes Prinzip der Aufführung, sondern beschränkt sich auf die Eltern und das Kind; der Rest ist geschlechtsspezifisch besetzt, wobei etliche Doppelbesetzungen es nicht einfacher machen, dem Gang der Handlung zu folgen. Vielleicht ist der auch eher unwichtig. Ihren Spaß-Mehrwert bezieht die Inszenierung ganz einfach aus dem eklatanten Missverhältnis von Person und Raum – man rennt sich ständig über den Haufen, steht sich im Weg, bricht durch die Tür oder steigt aufs Dach.

Coline Serreau zeigt inmitten der Misere eine Anhäufung sonniger Gemüter: Das ist ihre Idee, ihre Moral. Egal, wen man zum Vizevorsitzenden wählt, Hauptsache die Stimmung ist okay und alle halten zusammen und haben sich lieb. Man hat, wenn das Stück nach knapp anderthalb Stunden aus und nicht allzu viel erzählt ist, fast das Gefühl, in diesem Resümee spiegele sich auch die liebenswerte (und heftig beklatschte) Philosophie des Theaters Oberhausen.

 

Hase Hase
Komödie von Coline Serreau
aus dem Französischen von Marie Besson
Regie: Florian Fiedler, Bühne: Maria-Alice Bahra, Kostüm: Daniel Kroh, Video: Bert Zander, Dramaturgie: Elena von Liebenstein.
Mit Nina Karimy, Klaus Zwick, Susanne Burkhard, Christian Bayer, Raphael Westermeier, Elisabeth Hoppe, Lise Wolle, Agnes Lampkin, Torsten Bauer.
Premiere am 6. Dezember 2019
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.theater-oberhausen.de

 

Mehr zu Hase Hase: Anfang 2019 legte Autorin und Regisseurin Coline Serreau mit der Theaterfamilie Besson-Thalbach-Schall ihre legendäre Inszenierung von 1992 in der Berliner Komödie am Kurfürstendamm (im Schillertheater) neu auf.

 

Kritikenrundschau

Weder der Text noch die Inszenierung seien glatt geschliffenes Boulevard, "sondern durchaus doppelbödig mit herber politischer Note, was dem Vergnügen an knapp anderthalb rasanten Stunden aber keinen Abbruch tue, schreibt Ralph Wilms in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (9.12.2019). Klaus Zwicks Besetzung als 'Mama' sei ein "wunderbarer Coup".

 
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