Einmal Ego, immer Ego

von Reinhard Kriechbaum

Wien, 7. Dezember 2019. Ein junger Peer Gynt, einer in der Mitte des Lebens und schließlich der Alte – drei Peer Gynt-Darsteller wären so originell nicht. Aber wie viele Peers brauchte es wirklich, nähme man diesen Egomanen beim Wort, wie er, um "er selbst" zu sein, so aberwitzig irrlichtert und spintisiert: ein Dutzend vielleicht? Viktor Bodó kommt im Wiener Volkstheater trotzdem mit dreien aus, er bleibt auch bei der Zuschreibung an die Lebensalter. Aber diese drei Peer Gynts sind meist miteinander, nebeneinander auf der Bühne. Drei Seelen wohnen offenbar in seiner Brust.

Drei Peers gegen ein Schicksal

Umwege sind nicht die Richtung Peers und auch nicht die seiner Begleiter im Inneren der Seele: Sie teufeln geradeaus drauf los, und so werden sie es immer halten. Dann stehen sie wieder gegeneinander, kommen ins Handgemenge, und einmal halten sie einander gar bedrohlich fest im Würgegriff. Am Ende wird der alte Peer es nicht mit dem Knopfmacher zu tun bekommen, sondern er wird seinen beiden Alter Egos Rede und Antwort stehen müssen, wie das nun war und ist mit ihm, seinem Selbst und dem, was die Psychologie heute als "authentisch" bezeichnen würde.

PeerGynt 1 560 wwwlupispumacomVolkstheater uPeers: Jan Thümer, Nils Hohenhövel, Günter Franzmeier © Lupi Spuma

Viktor Bodó lässt dem Vorgänger einer globalen Ich-AG nicht durch Solvejg die Absolution erteilen, die ihr Lebtag lang auf den Tunichtgut gewartet hat. Knietief in Bühnennebel versunken rasen die drei Peer Gynts zuletzt schon wieder neuen Abenteuern entgegen, während sich der Eiserne Vorhang senkt. An ihm hauen sie sich die Schädel an, dass es kracht. Einmal Ego, immer Ego. Und kein bißchen gescheiter geworden.

Irrealer Luftikus

Inszenierungen von Viktor Bodó sind ein Fixpunkt in den Theatern, denen Anna Badora als Intendantin vorsteht. Schon im Grazer Schauspielhaus war er jede Saison zu Gast. Ibsens "Peer Gynt" ist besonders dankbares Material für den Bühnenzauberer. In seiner Deutung haben wir es mit Kopftheater, nicht mit realen Erlebnissen zu tun. Das enthebt wunderbar aller Kausalität.

PeerGynt 2 560 wwwlupispumacom Volkstheater u Günter Franzmeier, Stefan Suske, Nils Hohenhövel © Lupi Spuma

Ein weißer Guckkasten, die Übergänge zwischen Wand und Boden zu überdimensionalen Hohlkehlen geformt – in diesem Raum fehlen die Kanten, um Halt zu bekommen. Nicht nur Peer Gynt ist wie ein irrealer Luftikus unterwegs. Stellwände öffnen sich und schließen sich ebenso schnell wieder. Was vorgeht im Dorf und in der weiten Welt, kann man oft nur durch Ritze in der Wand erkennen, mehr erahnen als sehen. Stimmen dringen herein. Wie Chimären ziehen die Gegenspieler Peers vorbei, geben mehrheitlich selbst Karikaturen ab. Sie alle verdienen nichts besseres als einen Peer Gynt, der sie zum Narren hält und dabei doch mehr und mehr sein Hab und Gut und sich selbst verliert. Aase (Steffi Krautz) ist eine Ausnahme: Die ist eine viel weniger strenge als mitfühlende Mutter, sie hält alle Sympathien für den Sohn wach. Wenn der bloß seriös sein wollte! Andrerseits: Wenn die Mutter im Sterben liegt, zeigt Peer echte Anteilnahme und läuft zur Vollform auf als wortgewandter Versüßer ihres letzten Wegs.

Bizarre Szenen rundum: Mt knapper Not retten zwei Peer Gynts den dritten vor der Augen-Extraktion, die der Bergkönig vornehmen will. Die Trolle sind grün gekleidete Wesen mit einem eigenartigen Dialekt irgendwo zwischen Sächseln und Schwyzerdytsch. Da prallen das erste Mal Ideologien aufeinander: "Mensch, sei du selbst" und "Troll, sei du selbst dir genug" – nur zwei Wörter mehr, aber sie trennen Welten. Sich zu bescheiden, kleinere Brötchen zu backen: So tickt die Gynt'sche Ich-AG nicht.

Egozentriker im Rollenspiel

Man spielt die Übersetzung von Christian Morgenstern, und daraus zieht der Regisseur ein gerüttelt Maß an Komik. Wie immer in Inszenierungen von Viktor Bodó hat Klaus von Heyden aber nicht nur ein tönendes Environnement aus malerischen Klängen entworfen, sondern er mischt diese mit Popnummern und einmal sogar mit Griegs "Peer Gynt"-Musik. Wunderbar, wenn die Peer Gynts als Popband auftreten, mit Anita als Sängerin. Sie trägt den dreien nach und nach die E-Gitarren und sogar das Schlagzeug-Becken davon.

PeerGynt 3 560 wwwlupispumacom Volkstheater uStefan Suske, Steffi Krautz, Jan Thümer, Andreas Grötzinger, Günther Wiederschwinger © Lupi Spuma

Als Trollkönig, aber auch in anderen starken Männerfiguren ist Stefan Suske wichtig. Er ist der einzige, der Peer Gynt gefährlich werden könnte. Die meisten im Ensemble übernehmen drei, vier Rollen, auch Peers Geliebte sind als Doppelrollen angelegt: Evi Kehrstephan (Solvejg, Die Grüngekleidete) und Dorka Gryllus (Ingrid, Anita). Hurtig wandelt sich da eines ins Andere, jede dieser Traum- oder Alptraumszenen wirkt hingetrimmt auf die Frage, wieviel ausgeklinkter Egozentrik diese Welt verträgt. Insofern gewinnt Viktor Bodó Ibsens Vorlage keine neuen Deutungen ab, aber er koloriert sie so lustvoll wie phantasiesprudelnd.

Die Dezember-Vorstellungen finden noch im Volkstheater statt, ab Jänner übersiedelt die Aufführung in die Halle E im Museumsquartier. Das Volkstheater bleibt ein Jahr lang geschlossen und wird generalsaniert.

Peer Gynt
Dramatisches Gedicht von Henrik Ibsen, Übersetzung Christian Morgenstern
Regie: Viktor Bodó, Bühne: Ágnes Bobor, Kostüme: Andrea Kovács, Komposition: Klaus von Heydenaber, Sounddesign: Gábor Keresztes, Video: Vince Varga, Licht: Paul Grilj, Dramaturgie: Anna Veress, Veronika Maurer.
Mit: Günter Franzmeier, Andreas Grötzinger, Dorka Gryllus, Nils H ohenhövel, Evi Kehrstephan, Steffi Krautz, Stefan Suske, Jan Thümer, Günther Wiederschwinger.
Premiere am 7. Dezember 2019
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.volkstheater.at

 

Kritikenrundschau

Viktor Bodó zeige Henrik Ibsens dramatisches Gedicht handlich und mit Popkulturzitaten, so Uwe Mattheiß im Standard (9.12.2019). "Hin und wieder öffnet sich eine Tür oder eine Klappe im David-Lynch-Puppenhaus. Es kullern Bälle heraus oder stereotype Figuren." In kaum zwei Stunden gelangt man zu Schiffbruch und Tod. "Hier haut das Volkstheater noch mal so richtig auf den bröckelnden Putz." Die Nebelmaschine tauchen den ganzen Theaterraum in ein maritimes Chaos. "Sobald es sich legt, mischt der Ventilator auf der Bühne die ganze Suppe wieder auf wie in einer Schneekugel. Die wird zum Sinnbild des Abends." Fazit: "Wenn die Schwebstoffe sich legen, zeigen sich schöne Bilder."

 "Eine knallbunte Sinnsuche, die der Lust am Spiel hemmungslos frönt", schreibt Peter Jarolin im Wiener Kurier (9.12.2019). Der Abend gehöre mit Abstand zum Besten, das in der Direktion von Anna Badora zu sehen war und ist. 

"Peer Gynt" beginne stark, sehr stark. "Aber dann hat Regisseur Viktor Bodó der Mut verlassen oder das Vertrauen in den Text", schreibt Bettina Eibel-Steiner in der Presse (9.12.2019). Der erste Kunstgriff sei, dass es Peer Gynt im Dreierpakt gebe, der zweite: ein Bühnenbild aus Licht und Schatten. Doch die surrealen Einsprengsel, "mit denen Bodó anfangs noch sparsam umgeht - sie nehmen überhand", da rolle eine Kugel zu viel, da wird die Stolperei zum Slapstick, der Besuch bei den Trollen artet zur Millionenshow aus, und bald ist die Grenze zur Witzelei überschritten. "Von dort findet die Aufführung nicht mehr zurück."

 

 
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