Unsere Moral ist gestärkt

Pat To Yan im Interview mit Elena Philipp

9. Dezember 2019. Seit einem halben Jahr – seit dem 9. Juni 2019 – geht Hongkongs Jugend auf die Straße. Was als Großdemonstration gegen ein damals noch geplantes Auslieferungsgesetz an China und die Politik von Hongkongs Regierungschefin Carrie Lam begann, hat sich zum umfassenden Kampf für demokratische Rechte entwickelt. Für eine Weile war vorstellbar, dass chinesische Truppen die Grenze zu Hongkong überschreiten könnten. Der Sieg demokratischer Parteien bei den Stadtratswahlen im November scheint diese Gefahr vorerst gebannt zu haben. Die Proteste dauern an. Wie ist momentan die Lage? Welche Rolle spielen die Künste in der Demokratiebewegung? Ein E-Mail-Interview mit dem Theaterautor und Regisseur Pat To Yan.

Elena Philipp: Herr Yan, wo sind Sie gerade? Wie ist die Lage in Hongkong, und wie ist Ihre Situation? Sind Sie in Gefahr?

Pat To Yan: Nach einer Tournee in Taiwan bin ich wieder in Hongkong. Ich bin sicher. Auch ich habe an den Protesten teilgenommen. In den meisten Situationen weiß ich, wie ich mich vor einer Verhaftung schützen kann, also auf welchen Routen ich entkommen kann. Allerdings ist nichts sicher, wie Sie vermutlich wissen. Vor einigen Tagen sind junge Demonstrierende zuhause verhaftet worden, weil sie bei einer Demonstration gefilmt worden waren.

PatToYan 560 Ted Kim uDer Theaterautor und Regisseur Pat To Yan aus Hongkong © Ted Kim

Nach dem Erdrutsch-Sieg der demokratischen Parteien in den Stadtratswahlen hat die Polizei ihre Angriffe auf die Polytechnische Universität eingestellt. Die Situation ist weniger angespannt. Während die Polizei am Sonntag vor einer Woche gegen die friedlichen Protestierenden Tränengas einsetzte und Verhaftungen vornahm, blieb die heutige Demonstration mit 800.000 Teilnehmern friedlich. Bis jetzt (22:17 Uhr, 8.12.2019) gab es kein Tränengas.

Wie wird sich die Demokratiebewegung entwickeln? Wird sie jetzt, nach den Wahlen, politischen Einfluss nehmen können?

Das ist eine der schwierigsten Fragen derzeit. Ich denke, die Regierung möchte, dass Ruhe einkehrt – aber sie wollen unsere Forderungen nicht erfüllen: neben der Zurücknahme des Auslieferungsgesetzes, die Anfang September erfolgt ist, sind das der  Rücktritt von Hongkongs Regierungschefin Carrie Lam; Ermittlungen wegen der Polizeigewalt; Freilassung aller verhafteten Demonstrierenden; mehr demokratische Freiheiten. Diese Forderungen sind völlig angemessen; das allgemeine Wahlrecht zum Beispiel ist Teil der gemeinsamen chinesisch-britischen Erklärung zur Übergabe Hongkongs an China 1997. Ich glaube, die Demonstrierenden und die Bürger werden keine Kompromisse eingehen und weiter für ihre Rechte kämpfen. Rund 70 Prozent der Einwohner Hongkongs lehnen die Polizeibrutalität und die Regierung ab. Wir werden so viele verschiedene Wege wie möglich beschreiten. Niemand weiß, wie das alles enden wird. Aber der Wahlsieg hat auf jeden Fall unsere Moral gestärkt. Die Stadträte würden der Demokratiebewegung sicherlich in vielerlei Hinsicht helfen. Aber drastischen Wandel könnten sie vermutlich nicht direkt oder nicht schnell anbahnen.

Nimmt der künstlerische Protest auch zu? Falls ja: Welche Formen aktivistischer Kunst- oder Theaterarbeit gibt es? Welche Formen finden Sie hilfreich oder auch abträglich für die Demokratiebewegung?

Meiner Meinung nach ereignet sich künstlerischer Protest vor allem auf den Straßen. Demonstrierende haben in etlichen Bezirken "Lennon Walls" errichtet, die Leute hängen Zeichnungen, Fotos oder Memos an die Wände. Das sind atemberaubende Installationen. Manche finden die Wirkung der Lennon Walls therapeutisch, wenn sie sich hilflos fühlen. Einige Theatermacher inszenieren ehrenamtlich "Les Miserables". Auch das wirkt therapeutisch und hebt die Moral.

Inwiefern engagieren Sie sich als Theaterschaffender mit Ihrer Kunst?

Meine Theaterarbeiten sind ohnehin großteils politisch engagiert. "A concise history of future China" etwa (das 2016 als Szenische Lesung beim Stückemarkt des Theatertreffens gezeigt wurde) bezieht sich auf das Tiananmen-Massaker 1989, auch wenn die Geschichte 50 Jahre danach spielt. Geschrieben habe ich das Stück in der Form des Magischen Realismus und es in einem unbekannten Land angesiedelt, um mich stärker aufs Heute und die globale Politik zu beziehen. In meinem aktuellen Stück, "Posthuman Condition", denke ich über die Nachteile von Bio-Tech und Informations-Technologien und ihren Einfluss auf mögliche künftige Kriege nach.

Wenn Sie Hongkongs Künste, insbesondere das Theater, mit denen auf dem chinesischen Festland vergleichen: Welche Unterschiede haben sich entwickelt – seit der Übergabe 1997 oder auch schon seit der britischen Kolonialherrschaft?

Mit der Theaterszene von Festlandchina bin ich nicht sehr vertraut. Die meisten Inszenierungen, die ich dort sehen konnte, waren Dramen oder realistische Stücke. Interessante oder politisch provokante Arbeiten sehen wir selten oder wissen nicht, wie wir sie finden würden. (Vielleicht gibt es sie nicht? Chinas Regierung hat mehr Kontrolle über die Künste gewonnen.) Theater in Hongkong ist diverser und zeitgenössischer. Seit der Regenschirm-Bewegung 2014 (die Bürgerbewegung "Occupy Central with Love and Peace" forderte die freie Direktwahl von Hongkongs Regierungschef 2017; mit Regenschirmen schützten sich die Demonstrierenden gegen das von der Polizei eingesetzte Pfefferspray, Anm. eph) behandeln mehr Theaterarbeiten politische und soziale Themen. Bis jetzt haben wir noch die Kunstfreiheit. Was künftig passiert, ist nicht sicher.

Was würde geschehen, verlöre Hongkong aufgrund einer externen Intervention seinen Status als Sonderverwaltungszone? Ist das ein realistisches Szenario?

Sollte China Hongkongs Status als Sonderverwaltungszone beenden, gäbe es für uns keine Hoffnung mehr. Hongkong wäre einer Stadt in China gleich, oder schlimmer. Vermutlich würden wir anfangs kämpfen, aber sie würden eine große Zahl Protestierender umbringen. Mit der Zeit würden die Menschen vergessen, was geschehen ist, und ihr materielles Leben genießen. So wie nach dem Massaker vom 4. Juni 1989. Wie in Shenzhen oder Shanghai. Ich weiß nicht, inwieweit es anderen Ländern möglich wäre, einzugreifen und Hongkongs Autonomie sicherzustellen. Unabhängigkeit zu sichern. Aber die chinesische Regierung wird es wohl eher nicht wagen, Hongkongs Sonderstatus aufzuheben, weil Hongkong Geld einbringt. Kein Mensch in der Welt glaubt an den Renminbi (Chinas offizielle Währung, Anm. eph).

2047 läuft vertragsgemäß die Frist aus, die Hongkong den Sonderstatus und seinen Bürgern mehr demokratische Rechte als in Festlandchina garantiert. Was wird Ihrer Meinung nach mit Hongkongs Kunst und den Künstlern geschehen?

2047 ist unser 'Ende der Welt'. Sollte die Situation 2047 der jetzigen gleichen, würde das großes Leid für Hongkongs Bewohner bedeuten. Hongkongs Lage wäre dann weit schlimmer als die jeder anderen chinesischen Stadt, weil Hongkong nicht fügsam ist, sondern allzeit rebellisch und revolutionär ist und gewesen ist. Wie auch immer, ich denke nicht, dass die Kommunistische Partei Chinas länger als bis 2047 bestehen wird. Warten wir's ab.

Herr Yan, sehen Sie persönlich Ihre Zukunft in Hongkong, komme, was wolle, oder denken Sie darüber nach, auszuwandern? Vergangenes Jahr ist Ihnen ja bereits die Einreise nach Macau verwehrt worden.

Um ehrlich zu sein, habe ich keine Vorstellung mehr von meiner Zukunft. Ich verdanke den jungen Menschen und den Protestierenden zu viel, obgleich auch ich demonstriere. Das geplante Auslieferungsgesetz würde mich zwar weit früher betreffen als die jungen Demonstrierenden (Die verweigerte Einreise nach Macau zeigt, dass ich offenbar 'auf der Liste' stehe). Aber ich kann sie jetzt nicht im Stich lassen und fortgehen. Ich hoffe, ich kann bis zur letzten Minute mit ihnen weiterkämpfen.

 

Pat To Yan, 1975 in Hongkong geboren, studierte Englische Literatur und Soziologie in Hongkong und Szenisches Schreiben in London an der Royal Holloway University. Er inszeniert in Hongkong sowohl eigene Theatertexte als auch Werke anderer Autor*innen, oftmals zusammen mit Reframe Theatre, dem freien Produktionslabel, das er 2016 gegründet hat. Sein Theatertext "A Concise History of Future China" war Teil des Stückemarkts beim Berliner Theatertreffen 2016, als erster chinesischer Beitrag im Wettbewerb.  "Happily ever after nuclear explosion" wurde 2018 am Münchner Residenztheater aufgeführt. Auf Deutsch erscheinen seine Theaterarbeiten im Suhrkamp Theater Verlag.

 

Hier finden Sie das Interview im englischsprachigen Original.

Mehr zur Situation in Hongkong:

Für die taz gab Pat To Yan im November einen Augenzeugenbericht von den Protesten in der Sonderverwaltungszone.

Der Spiegel liefert eine Chronik der Proteste. Ebenso die BBC.

 

 
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