Männer im Schnee

von Silke Horstkotte

11. Dezember 2019. Es wird Winter in Norwegen. Schnee fällt, die Öfen werden angeheizt, das Fleisch wird gepökelt, die Laugenfische aufgehängt. Der alte Maler Asle kehrt von einer Einkaufstour zurück in das abgelegene Dorf Dylgja – und fährt, einer plötzlichen Eingebung folgend, sofort wieder in die Stadt, um nach seinem alkoholkranken Namensvetter Asle zu sehen, der ebenfalls Maler ist. Tatsächlich erweist sich die Sorge als begründet, denn der andere Asle ist bewusstlos im Schnee zusammengebrochen. Er wird ins Krankenhaus eingeliefert, wo er von da an im Delirium Tremens zittert, während der erste Asle sich liebevoll um seinen Hund kümmert.

Nordisch-harsches Küstensetting

"Der andere Name" verwebt Motive, Figuren und Namen, die bereits aus früheren Texten des norwegischen Schriftstellers und Dramatikers Jon Fosse bekannt sind, zu einem mal anregenden, mal lähmenden Bewusstseinsstrom. Ein Asle beispielsweise begegnete einem schon in der auch stilistisch ähnlichen "Trilogie: Schlaflos – Olavs Träume – Abendmattigkeit" aus dem Jahr 2016. Das nordisch-harsche Küstensetting mit seinen rauen Charakteren ist durchgängiges Motiv auch in Fosses Theaterstücken.

Die rudimentäre Romanhandlung in "Der andere Name" umfasst nicht mehr als vierundzwanzig Stunden. Den weitaus größten Teil der Erzählung nehmen die Wahrnehmungen und Reflexionen Asles ein. Dessen absatzlose Gedankenprosa erinnert an Thomas Bernhard, aber ohne Bernhards boshafte Übertreibungskunst. Sie ist leiser, schwebender, baut mehr auf Wiederholungen als auf Variation und Steigerung, und sie erschwert systematisch die Unterscheidung zwischen Wirklichem und Unwirklichem, zwischen Erinnerung und Fantasie.

Leuchten im Dunklen 

Asles Weg von Dylgja in die Stadt Bjørgvin, durch Bjørgvin und von Bjørgvin nach Dylgja wird überblendet mit Kindheits- und Jugendszenen, mit der biblischen Weihnachtsgeschichte und mit dem Leben des anderen Asle. Eine Schlüsselrolle in diesem Desorientierungsverfahren spielt die häufige Wiederholung gleicher oder ähnlicher Namen – ein Spiegelkabinett von Alliterationen und Anagrammen, zu dem neben den zwei Asle noch Ales, die verstorbene Frau des ersten Asle gehört, ebenfalls eine Malerin; deren Tante Alice; Alida, die entweder die Schwester des zweiten Asle oder von Ales ist; und Åsleik, der Freund des ersten Asle, ein Fischer. Hier den Überblick zu behalten, erfordert eine penibel-detektivische Lektüre. Gleichzeitig lohnt deren Aufwand kaum, denn die Namensähnlichkeiten bleiben ohne Pointe.

Und sind Asle und Asle überhaupt verschiedene Figuren? Neben der Namensgleichheit deuten eine Reihe weiterer Details darauf hin, dass es sich um zwei Versionen derselben Person handeln könnte: beide malen Gemälde mit dem Titel "Das leuchtende Dunkel"; beide tragen einen schwarzen Mantel und eine braune Ledertasche; der eine Asle ist schwerer Alkoholiker, der andere ein trockener Trinker. Verwirklicht der zweite Asle also eine alternative Biografie, in der Asle nicht durch Ales zum christlichen Glauben gefunden hat und den Drang zum Trinken nicht losgeworden ist? Oder ist der im Krankenhaus delirierende Asle die wahre Hauptfigur – und der reflektierende, erzählende Asle der "andere Name", den der Romantitel verspricht?

Hoffen auf einen neuen Namen

Die beiden dem Roman vorangestellten Motti aus der Johannes-Offenbarung, dem letzten Buch der Bibel, und der Liturgie der lateinischen Messe stellen diese Fragen in einen religiösen Horizont, ohne sie dadurch zu beantworten. Im Sendschreiben an die Gemeinde in Pergamon (Off 2,17) wird demjenigen, der "überwindet", ein weißer Stein versprochen, auf dem ein "neuer Name geschrieben" steht – eine rätselhafte eschatologische Zusage.

Cover Fosse animiert"Der andere Name" spielt in der Adventszeit, in der das Denken an die letzten Dinge – an Auferstehung und ewiges Leben – ohnehin virulent ist. Auch der Bewusstseinsstrom Asles kreist unentwegt um das Kommen des Gottesreiches. Asle ist Ales zuliebe zum Katholizismus konvertiert und pflegt seither eine eigenbrötlerische mystische Religiosität. Immer wieder betet er auf seinen Fahrten von und nach Bjørgvin (hinter dem sich das heutige Bergen verbirgt, hier anachronistisch mit seinem mittelalterlichen Namen bezeichnet). Seine Bilder malt Asle, "damit das Reich Gottes komme". Als Kriterium für die Qualität eines Bildes gilt ihm dabei, ob das Bild in der Dunkelheit leuchtet (eine Eigenschaft, die an einer Stelle aus dem überirdischen Licht der Weihnachtsgeschichte abgeleitet wird). Denn Asle ist davon überzeugt, "dass in der Verzweiflung, in der Dunkelheit, Gott am nächsten ist".

Zwischensphären

Aber wie nah kommt Asle Gott? Am Ende des Romans verdichten sich die Indizien, dass beide Asles sterben, aber dieser Schluss bleibt unausgesprochen und in der Schwebe. Es ist deshalb schwer einzuschätzen, wie ernst es dem Roman mit seiner Darstellung katholischer Frömmigkeit ist, denn die behauptete Gottesnähe des Protagonisten wird weder bestätigt noch in erkennbarer Weise gebrochen.

So entsteht in "Der andere Name" eine Sphäre zwischen Leben und Tod, gestaltet als ein Zwischenraum zwischen geografischer Konkretheit und einem überzeitlich-mythischen Norwegen. Auffällig ist, dass der Roman zwar immer wieder eine kommende Welt verspricht, die Figuren sich aber durchgängig im Diesseits bewegen. Damit reiht Fosses Roman sich in eine Reihe postsäkularer Texte ein, die das Motiv des sterbenden oder toten Erzählers nutzen, um religiöse und säkulare Deutungen des Todes nebeneinander zu stellen oder um tradierte, vor allem christliche Erklärungen zu brechen und zu verfremden – beispielsweise Flann O’Briens "The Third Policeman", Thomas Lehrs Novelle "Frühling" oder Sibylle Lewitscharoffs jüngst erschienener Roman "Von oben". Dass dieses Verfahren bei Fosse so stark im Vagen gelassen wird, kann als Anregung zu eigener Reflexion verstanden werden.

Gewaltphantasien inklusive

Aber die Offenheit des Textes, der immer wieder seitenweise lateinische Gebete zitiert, ohne sich jemals klar zur Steilvorlage Katholizismus zu positionieren, hat auch etwas Ermüdendes und kann besonders Leserinnen und Leser, die mit dieser Tradition nicht vertraut sind, überfordern. Problematisch sind jedoch vor allem die misogynen Passagen des Romans, etwa wenn Asle seine Liebe zu Ales als Gewaltgeschichte erinnert, Vergewaltigungs- und Mordfantasien inklusive. Männer im Schnee: Das sind in "Der andere Name" harte Kerle in einer archaisch-nordischen Welt, deren Darstellung zwischen Tiefgründigkeit, Banalität und männerbündischem, Frauen ausgrenzenden Kitsch schwankt.

Der andere Name (Heptalogie I – II)
von Jon Fosse
aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Rowohlt Verlag, 480 Seiten, 30 Euro

 

 
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