logo_nachtkritik_klein.png
Drucken

Wann ist es schief gegangen?

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 12. Dezember 2019. Wer hat das serielle Erzählen erfunden? Netflix wars jedenfalls nicht. Denn sowas gab's schon in den 80ern. Zwischen 1985 und 1991 produzierte der Österreichische Rundfunk eine vierteilige Filmreihe unter dem Titel "Die Arbeitersaga". Peter Turrini und Rudi Palla schrieben das Drehbuch, Dieter Berner führte Regie, und Helmut Berger spielte den Protagonisten Karl Blaha bzw. dessen Sohn Rudi. Die Serie reflektiert die Entwicklung der Sozialdemokratie in Österreich, historisch beginnend mit "April 1945" und endend im Produktionsjahr "Winter 1991". 28 Jahre später, das Rote Wien ist 100 Jahre alt, setzt das Werk X nun "Die Arbeitersaga" auf den Spielplan. Ein erster Teil verbindet Folge eins und zwei zu einem Doppel-Theaterabend, Folge drei und vier kommen ab 16. Januar.

Reformer vs. Revolutionäre (Folge eins)

Folge eins: Regisseur Helmut Köpping, Gründungs- und Ensemblemitglied des Theater im Bahnhof in Graz, zerlegt für seine Textfassung das Ausgangsmaterial in einzelne "Versuchsanordnungen". Szenen des Films werden auf der Bühne miteinander verschnitten, mit heutigen Kommentaren kontrastiert oder durch Extras erweitert. Der politische Hintergrund rückt in den Vordergrund, wird nicht mehr über Figurenentwicklung erzählt. "Versuchsanordnung eins: Annäherung an eine Bewegung über die Bewegung". Julia Schranz, Susi Stach, Thomas Kolle, Johnny Mhanna und Peter Pertusini, allesamt in roten Adidas-Sporthosen, spielen Maiaufmarsch. Merken: So wird's nichts mit dem Sozialismus.

Arbeitersaga6 560 AlexanderGotter uFolge 1: Julia Schranz, Susi Stach, Peter Pertusini, Johnny Mhanna, (hinten, als Projektion) Thomas Kolle © Alexander Gotter

Nächster Versuch: Das Nachahmen einer Filmszene. Pertusini imitiert Bergers Bewegungen, spricht mit, was die Film-Projektion vorgibt. Soeben von der Strafkompanie desertiert, findet Karl Blaha am Ende des Kampfes um Wien seine schwangere Frau Olga im Luftschutzkeller der Gemeindebauwohnung. Schranz (als Olga) reicht Pertusini eine Zigarette – in der Nachahmung wird die Intimität des Filmbildes zur kunstfertigen Geste. Nächster Versuch: Karl Blaha soll ein Plakat für den bevorstehenden Maiaufmarsch erarbeiten. Pertusini und Mhanna bitten das Publikum um Papier. Diese Verhandlung um eine rare Ressource (im Film auf Russisch) erfährt in Köppings komödiantischer Überschreibung eine babylonische Verwirrung. Viele Sprachen, umso viel mehr Dringlichkeit.

Köpping schärft den im Film nur angedeuteten Konflikt zwischen reformistischen und revolutionären Kräften in der späteren Sozialdemokratischen Partei Österreichs. Schauspieler Kolle plädiert für "gesunden Opportunismus" und wird vom vor sich hin werkelnden Ensemble als Klassenfeind-Paktierer verabschiedet. Fertig gewerkelt, steht in großen weißen Lettern "1. Mai" geschrieben. "Wann ist es schief gegangen?" – mit dem Sozialismus, darauf findet Folge eins eine einfach Antwort: Seit immer schon die Linken mit den Rechten reden.

Die einstige Gewerkschaftsjugend (Folge zwei)

Folge zwei: Regisseur Kurt Palm, bekannt als Gründer der Theatertruppe "Sparverein Die Unzertrennlichen", Regisseur der "Phettbergs Nette Leit Show" oder Krimiautor ("Bad Fucking"), macht in seiner Textfassung die Gewerkschaftsjugend des "Juni 1961" zu Gewerkschaftspensionist*innen des Jahres 2019. Wieder die Frage: "Wann wurde aus der roten Zukunft eine tote Zukunft?". Während in der Filmvorlage der junge Rudi Blaha zwischen Brigitte Bardot und Parteiarbeit, zwischen Konsum und Klassenkampf zögert, schrecken diese verwahrlosten Alten nur noch für Beamten-Witze aus ihrem selbstverschuldeten Ennui hervor.

ArbeitersagaFolge2.15 560 AlexanderGotter u Folge 2: Florentin Groll, Karl Ferdinand Kratzl © Alexander Gotter

Palm überschreibt die Figur des Funktionärs Fritz Anders mit dessen dazu erfundener Tochter Jenny. "Mir geht es um die Wahrheit", bekundet Michaela Bilgeri, wie Dominic Raacke (als Fritz Anders) im Film. Sie muss dagegen halten, gegen die "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen"-Alten, muss wiederholen "Das sagt man nicht mehr", aber alles wird wiederholt, das N-Wort zum Beispiel, bis zum Erbrechen der Witz mit dem N-Wort und der Antwort "Aber das sagt man nicht mehr". Ho, ho, ho. Holzschnittartig stehen sich die Generationen gegenüber, das Beharren auf politischer Korrektheit soll Witz um Witz als bloße Pose entlarvt werden.

Streitpunkte der Linken

Und noch mehr Entzauberung: Eine Quiz-Show entblößt ehemalige SPÖ-Bundeskanzler auf Basis einzelner Aussagen als verlogene Idioten. Die abwesende Vaterfigur Fritz Anders andererseits wird stilisiert zur einzig wahren und guten Sozialismus-Folie. Aber weil zu links und Jude vom Partei-Establishment abgesägt. So sagt's ja auch der Film. Was Palm nicht sagen will: Dass die Filmfigur Fritz Anders mit einer Minderjährigen aus der Gewerkschaftsjugend eine sexuelle Beziehung eingeht, also eine Straftat begeht. Ist das ein Nebenwiderspruch, oder was? Jedenfalls erstickt Palm die Komplexität der Film-Erzählung im Ressentiment der Schmierenkomödie.

Arbeitersaga12 560 AlexanderGotter uMichaela Bilgeri, Der Arbeitersaga-Chor © Alexander Gotter

Fazit: Der Doppel-Theaterabend markiert in seiner Zweigeteiltheit (Folge eins – Folge zwei, Analyse – Persiflage, Pessimismus – Gutdünken) Streitpunkte der Linken. Neues Leben, neue Liebe wird dem Sozialismus nicht eingehaucht. Das ist schad.

Die Arbeitersaga – Teil I (Folge 1 & 2)
von Peter Turrini und Rudi Palla
Inszenierung & Textfassung (Folge 1): Helmut Köpping, Bühne & Kostüm (Folge 1): Daniel Sommergruber, Dramaturgie: Kathrin Bieligk.
Mit (Folge 1): Julia Schranz, Susi Stach, Thomas Kolle, Johnny Mhanna, Peter Pertusini.
Inszenierung & Textfassung (Folge 2): Kurt Palm, Bühne & Kostüm (Folge 2): Michaela Mandel, Dramaturgie: Kathrin Bieligk.
Mit (Folge 2): Michaela Bilgeri, Erika Deutinger, Martina Spitzer, Florentin Groll, Karl Ferdinand Kratzl, Der Arbeitersaga-Chor.
Premiere am 12. Dezember 2019
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.werk-x.at

 

 

Kritikenrundschau

Norbert Mayer schreibt in der Wiener Presse (online hinter Paywall 13.12.2019, 19:22 Uhr): In den Achtzigerjahren habe die vierteilige "Arbeitersaga" von Peter Turrini und Rudi Palla "die Geschichte der II. Republik heroisch bis kritisch aus sozialdemokratischer Sicht" gezeigt. Helmut Köpping setze jetzt in seiner Bearbeitung auf eine "flotte, im Kern aber ernsthafte Inszenierung". "Einfallsreich mit viel Rot choreografiert, mit Filmclips angereichert." Nach der Pause mache Kurt Palm hingegen seinen Teil "zur reinen Farce". Die Geschichte eines Verfalls werde "insinuiert, in anarchisch lustiger Form". Es herrsche "schamlose Übertreibung".

Das Gesamtkonzept mache Freude auf die zweite Hälfte ab Jänner mit Folgen von Martina Gredler und Bernd Liepold-Mosser, so Martin Thomas Pesl in der Wiener Zeitung (16.12.2019). Kurt Palm mache es sich leicht mit seinem zweiten Teil "voll platter Witze - angefangen mit der Grundidee: Die Linke sieht ganz schön alt aus." Die Gewerkschaftsjugend geriere sich dann auf der Bühne als kurzbehoster Mix aus Seniorenclub und Geschützter Werkstätte, dem Michaela Bilgeri mit verkrampftem Zeigefinger das N-Wort verbietet.  

"Dieser Theaterweckruf bleibt seine Dringlichkeit schuldig", schreibt Margarete Affenzeller in Der Standard (16.12.2019). In Teil eins setze Helmut Köpping ein "performatives Räderwerk" in Gang, aber der sportliche "Wiederaufbau" verlaufe spannungslos. In Teil zwei drehten Quizfragen, Modeschau, eine Polonaise und knallige Kostüme "für eine Stunde ordentlich auf, führen aber über eine Verblödelung nicht hinaus."