Die Sterntaler sind ausgezählt

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 14. Dezember 2019. Die Rosen sind geköpft. Die weißen und die roten. Es braucht in dieser von Tom Lanoye aus Shakespeares Heinrich-Dramen kondensierten Fassung – 20 Jahre nach seinem und Luk Percevals "Schlachten"-Gemälde – die Symbole nicht, die sich die Dynastien York und Lancaster anheften, um im 15. Jahrhundert die "Wars of the Roses" zu führen. Das Feld ohne Blumenschmuck ist erkennbar ein Todesacker, wie er sich erdig im Düsseldorfer Schauspielhaus ausbreitet. In dem geschwärzten Bühnenkasten hängt gewaltig schwer "die verdammte Krone" herab. Dem sich wetterwendisch drehenden, alles zermalmenden Eisenreif gilt das letzte Sterbenswörtchen der Königin Margaretha. Er lastet auf allen, die um ihn ringen. Bis auf einen – oder auf dem doch besonders.

Königskind des Paradieses

Wer so beginnt, kann nicht als schlimmer Mensch enden. Vor der Leiche seines König-Vaters sagt der Knabe: "Lieber Papa. Hier in diesem kleinen Brief stecken Küsschen warm und lieb. Halt den Brief ich dir entgegen, regnet’s einen Küsschensegen." André Kaczmarczyk – kurze Hosen, Kniestrümpfe, Fäustlinge am Bändel, Wollmützchen auf dem Haupt – starrt Löcher in den Himmel und blickt treuherzig, zutraulich und verzagt wie ein Welpe. Rührend, wie er mit den Fingern die Sechs anzeigt: seinen Titel. Auf ihm, dem künftigen Heinrich VI, ruht Segen. Himmlischer Segen, nicht irdischer, denn er wird geschmäht, als Spinner verachtet, betrogen, gedemütigt und gemordet von dem, über den Shakespeare eines seiner Meisterwerke verfasst: Richard III, das missgestaltete, "nicht durchgebackene" Monstrum, den Bruder-Mörder, Witwen-Schänder, Reichs-Vernichter. Lieke Hoppe, im ersten Akt eine sternflammende Johanna von Orléans, ist nun ein spastisch verkrümmtes Kampfgirl und geifernder, stammelnder Hell’s Angel. Einen Moment lang sieht es aus, als könne Heinrich die Zähmung der Bestie gelingen, verständnisinnig und zart im Vorschein von etwas, das nicht sein kann. Dann stößt die bête humaine zu. Heinrich, enfant du paradis, stirbt im "Höllenloch".

HenryVI Margaretha 2 560 SandraThen uAndré Kaczmarczyk als Little Henry © Sandra Then

Das Stoffpüppchen, das little Henry mit sich trägt und auf sein franziskanisch einfaches Matratzenlager nimmt, wird ihm zur Fantasiefigur, das Weltspiel zur Spielwelt, Englands kontinentaler Außenposten Frankreich zum Traumbezirk des Kindes: Die Legende der Pucelle samt der Episode des Hundertjährigen Krieges, geschieht bei Lanoye im Irrrealis. Das ist ein schöner, vereinfachender Kniff der Textdramaturgie – und mehr als das. Weist er doch Henrys Wesen aus.

Gerechter unter den Schlächtern

Indem Kaczmarczyk die Strümpfe runterrollt, das weiße Hemd aus der Hose zurrt und die Locken in die Stirn streicht – fertig ist der noch verlegene, doch auch schon wirkungsbewusste Jüngling, dem die Krone schief auf dem Scheitel sitzt –, geht das Königskind seinen Passionsweg im Namen dessen, an den er glaubt: als Gerechter unter den Menschen. Ein barfüßiger Friedefürst, betend und versöhnend. Ein Schwächling? So denken nur Kriegsmänner. Das Gesicht der Selbstentmachtung blickt in die Gesichter der Macht: den hochgeschlossen strengen, preußisch korrekten Protektor Gloster (Rainer Philippi); Bischof Winchester gravitätisch im Ornat (Florian Lange mit einer genau gezeichneten Studie beherrschten Kalküls); den grobianischen York (Jan Maak); den Sexualhormone ausdünstenden, klirrend virilen Suffolk (Sebastian Tessenow).

HenryVI Margaretha 1 560 SandraThen uKampfgirl Richard und Paradieskind Heinrich: Lieke Hoppe und André Kaczmarczyk  © Sandra Then

Blindlings ziehen sie in Schlächtereien, geblendet von der Sonne Yorks oder Lancasters. Ein lesender, träumender, jungfräulicher, wenn auch von Eros (in Gestalt seiner gouvernantenhaften Tante Leonore – Minna Wündrich) nicht gänzlich unverführbarer König geht über ihre Vernunft. Der Mathematik der Macht zieht Henry einen Strich durch die Rechnung, trägt die "Krone der Zufriedenheit" und dreht das reale goldene Ding in Händen wie ein Roulette. Als "Wundarzt" will dieser roi philosophe wirken, nicht Wunden schlagen. Ihn beschäftigt "das Mysterium von Ich und Ich", womit er den zweifachen Königskörper in "seiner merkwürdigen materiellen und mythischen Gegenwart" (Michael Foucault) meint. Margaretha mault, "Heinrich bliebe stets ein Kind", manipuliert von Verwandten und Fürsten, um vor der Leiche seine Sonderheit zu erkennen. An sich selbst irre werdend und in die Irre der Bühnenschwärze gehend, ist Kaczmarczyks Heinrich ein Bild des Jammers.

Weibsteufel und Mater dolorosa

David Bösch wählt zwar keine naive, jedoch eine unschuldig verwunderte Betrachtung, als würde er sagen: Henry, c’est moi. In dem Ritterspiel, in das hinein – mittels Pfeifchen im Mund des Ensembles – Schnepfen anschlagen, die der "schräge Vogel" Heinrich lieber durchs Fernglas beobachtet, statt sie abzuknallen, rasseln die Schwerter. Schall und Wahn regieren, es würgt und wehklagt, Schurken sind Schurken, der Gegner wird entleibt, Köpfe rollen. Das Luder Margaretha di Napoli (Sonja Beißwenger) geht als Charakter zunächst ganz auf in ihrem roten Fummel und im Weiß der Braut, bevor sie sich zur Furie aufzäumt, den Weibsteufel aus sich gebiert und als Mater Dolorosa endet.

henryvi margarethadinapoli 7 560 sandrathenDie starke Frau, der schwache Mann: Sonja Beißwenger und André Kaczmarczyk  © Sandra Then

Einmal regnet es Goldglitter, als würde das Sterntalermädchen sich aus Grimms Märchen herübertrauen. Da schimmert dann eine Sehnsucht, die Regisseur und Titelheld verspüren und nach der Kaczmarczyk – ins Leere greifend – heischt. Bösch lässt die Bausteine einen auf dem anderen und hält sich an die Regeln, statt zu schauen, wie sehr sie sich strapazieren lassen und wie weit man gehen kann. Die Stunde nach der Pause erschöpft sich, im Doppelsinn, am Blutrausch. In den Abgrund zwischen Ideal und seiner brutalen Entzauberung hätte Bösch – jenseits physisch rigorosen Torturierens – tiefer blicken müssen. Das eingespielte "God save the King" verhallt.

Gerade an diesem Ort, dem Düsseldorfer Schauspielhaus, darf man fragen, ob die Darstellung der Zerstörung legitimer Ordnung durch menschlichen Frevel nicht ästhetischen Radikalismus brauchte, der Kruditäten übersteigt. Die Krone, derer Heinrich so müde wird, sie sitzt der Inszenierung wacklig auf. Es muss die dem Fundus entnommene Krone aus dem epochalen "Macbeth" von Jürgen Gosch sein. Dort hatte sie andere Passform.

 

Henry VI & Margaretha di Napoli
nach William Shakespeare von Tom Lanoye
Regie: David Bösch, Bühne: Patrick Bannwart, Kostüm: Falko Herold, Musik: Karsten Riedel, Dramaturgie: Felicitas Zürcher; Darsteller: Sonja Beißwenger, Kai Götting, Lieke Hoppe, Felix Kruttke, André Kaczmarczyk, Florian Lange, Jan Maak, Rainer Philippi, Sebastian Tessenow, Minna Wündrich.
Premiere am 14. Dezember 2019
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.dhaus.de

Kritikenrundschau

Christoph Ohrem von Deutschlandfunk Kultur (14.12.2019) lobt die "pointierte, dramaturgisch einleuchtende und mit drei Stunden Spiellänge auch kompakte Textfassung des dreiteiligen Originals". Die Inszenierung besteche durch einen fesselnden Rhythmus und den genau richtigen Anteilen von Humor und wirklich berührenden Szenen und schaffe so einen unterhaltsamen, aber auch tiefgründigen Theaterabend.

"Zwar schimmert hier und da noch Shakespeare durch, aber überwiegend setzt Lanoye auf heutige schnoddrige, sexuell aufgeladene und ironisch überspitzte Sprache", schreibt Michael-Georg Müller in der Westdeutschen Zeitung (15.12.2019). "Der erste Teil ist der stärkste. Wegen der guten Darsteller und opernhaften Duell-Duette. Und weil die Bezüge zwischen den historischen Personen klar werden. Nach der Pause indes mutiert Böschs Inszenierung in einen Blutrausch."

Bertram Müller von der Rheinischen Post (15.12.2019) sah "einen Abend über Macht, Moral und Ohnmacht mit großen schauspielerischen Leistungen und einer fragwürdigen Haltung gegenüber der Titelgestalt". Er schreibt: "Unabhängig davon, was historisch überliefert ist, was Shakespeare daraus gemacht hat und wie virtuos Tom Lanoye die Stoffe der Königsdramen bis zu Richard III. miteinander verknüpft hat, erscheint die Moral der Geschichte in dieser neuesten Fassung doch etwas unschlüssig. Will die Inszenierung Heinrich wirklich deshalb verulken, weil dieser Kindkönig von seiner Natur her nicht die Macht ausüben kann, die nötig wäre, in die heldischen Fußstapfen seines früh gestorbenen Vaters Heinrich V. zu treten und England Halt zu geben?"

"Tom Lanoyes furioses Textkonzentrat und Böschs kongeniale, als wirkungsvolles Crescendo der Gewalt angelegte Umsetzung haben aus 'Henry VI.' ein Drama mit Reißwolfeffekt gemacht: Alle, die der Macht zu nahe kommen, werden darin zerfetzt: Männer wie Frauen. Dabei deutet der Abend das historische Hinterland der Vorlage gerade so weit an, dass kein Zweifel bleibt: Früher war es genauso schlimm, und in Zukunft wird es wohl noch schlimmer", schreibt Alexander Menden in der Süddeutschen Zeitung (15.12.2019).

 

 

 
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