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In Murnaus Wundertrommel

von Andreas Wilink

Oberhausen, 20. September 2008. Aus dem Meer heraus steigt es, ins Meer zurück muss es. Dazwischen liegt eine verbale Sintflut. SOS im Theater Oberhausen zum Spielzeitbeginn unter neuer Intendanz von Peter Carp, der das schlingernde Stadttheater-Schiff übernommen hat und auf Kurs bringen will. Herbert Fritsch, seit 1993 einer der Stars im Berliner Volksbühne-Ensemble der Luxusklasse und mittlerweile von Castorfs Haus am Rosa-Luxemburg-Platz getrennt, inszeniert Molières "Tartuffe".

Tropfnass, umspült von Meeresrauschen und wildem Wogen, scheint der Titelheld von der See ausgespieen. Von welchem Gestade mag der Gestrandete, mag der Eindringling kommen? Nicht gerade aus der Dritten Welt, wie vor zwei Jahren bei Dimiter Gotscheff in Salzburg und Hamburg, um als Rächer der Entrechteten die Erste Welt fundamental das Fürchten zu lehren und die Messer zu wetzen.

Rasender Schwindel

Dafür ist dieser Tartuffe bei dem jungen Björn Gabriel zu verspielt kapriziös und lispelnd leise, ein erotomaner böser Bube. Aber ihm fehlt der Abgrund und der Reiz ahnungsloser, gefährlicher Unschuld, die ihn erst zum unverstellt amoralischen Antihelden, zum schwarzen Prinzen machen würden. So bleibt es beim gezierten Fantasy-Spuk wie aus einem Tim-Burton-Film.

Überhaupt das Kino. Fritsch, der längst erprobte "Hamlet X"-Filmemacher, leiht sich sein Bühnenbild bei Friedrich Wilhelm Murnau aus, der 1925 mit Emil Jannings und Werner Krauss seine berühmte Stummfilm-Fassung in den üppigen Bauten von Walter Röhrig inszeniert hat. In einem Rundprospekt werden auf die Oberhausener Drehbühne sepiafarbene, magisch beleuchtete, von Lichtreflexen gesprenkelte Stand- und Wander-Bilder aus Murnaus Klassiker raffiniert projiziert, modifiziert, gezoomt und bis in den rasenden Schwindel getrieben. Ein Delirium.

Das Außer-Rand-und-Band-Geraten der kinemathografischen Wundertrommel und das Einrasten der Bilder nach ihrem Durchdrehen macht den Bewohnern des Hauses Orgon offenbar sehr zu schaffen. Dass die Wände wackeln, dass das Treppenhaus zum surreal schlingenden Schlund zu werden scheint, steigt ihnen zu Kopfe und bringt sie über die Borderline des Nervenzusammenbruchs hinaus.

Grelle Masken des Ancien Régime

Die Konfusion in ihrem Hirn lässt ihre Worte stolpern, holpern, sich verhaken. Ein Gekreisch, mehr sirenen- als soubrettenhaft, gellend, greinend, gurgelnd löst sich aus den Kehlen der Familie, einem Clan überschminkter, wie überjähriger Masken des Ancien Régime, die fleißig an ihrer Selbstabschaffung arbeiten und denen die Revolution bald den Garaus bereiten wird.

Die aufgescheuchten Schreckschrauben, die bei Nennung des Mirakels und Menetekels Tartuffe schier aus dem Häuschen geraten, fallen von einer Exaltation in die nächste: mal dramatisch gespreizt und ziseliert, mal kalauernd und slapstickartig wie Väter und Mütter der Klamotte, wenn es von der Tonspur scheppert, die mit ihrer aus Lully-Kompositionen verfertigten und verzerrten Klangpartitur synchron die Leinwand erschüttert und zum Erzittern bringt.

"Tartuffisiert" heißt die Geistesverfassung, die Sinn und Form, Gleichgewicht, Contenance und bedauerlicherweise auch die stimmliche Mittellage raubt. Die Steilheit des deutschen Expressionismus wird gewissermaßen durch die Grimasse von Jerry Lewis ausgetrieben.

Kurios geschärfte Situationen

Wie ein Sperrfeuer von Schuss und Gegenschuss prasselt es auf die unter visuellen wie akustischen Beschuss Genommenen. In seinen Energien auf die eigenen Kehlkopf- und Stimmband-Anstrengungen konzentriert, fehlt es dem Ensemble – und hier beginnt Problem und Schwäche der Aufführung – bei Textgestaltung und Artikulation an Kraft.

Von Herbert Fritsch in den permanenten Ausnahmezustand getrieben, können sie das Präzisionsinstrument Sprache nicht immer sicher führen, die Spannung des Hochfahrenden nicht genügend halten und produzieren manch szenischen Leerlauf. So erweist sich die Idee der kontrollierten Ekstase tragfähiger als ihre Durchführung.

Gleichwohl gelingen kurios geschärfte Situationen. Wenn ein osteuropäisch radebrechendes, wie aus einem Dürrenmatt-Stück entlaufenes Unikum, das viel zu früh des Königs rettende Botschaft übermittelt, als running gag wiederkehrt. Oder wenn sich Torsten Bauer als Orgon – komischer Alter im Schlafrock und von seinem Betbruder wie in den siebten Himmel hypnotisiert – vor den des sexuellen Übergriffs bezichtigten Tartuffe hinkniet und dessen Hosenschlitz beäugt, als sei er ein Voyeur vor dem Schlüsselloch in einer Lubitsch-Komödie.

Doch bleibt die Beziehung zwischen beiden, Verführer und Verführtem, nur undeutlich markiert. Dass die Aufführung das Molière-Ende ungelöst und unerlöst sein lässt, ist wiederum nicht übel. Alle, Täter wie Opfer, geraten in Seenot. Schiffbrüchige des Lebens. Keine Rettung für niemand. Das Meer verschlingt sie.

 

Tartuffe
von Molière
Regie, Bühne, Videokonzept: Herbert Fritsch, Mitarbeit Bühne: Evi Wiedemann, Kostüme: Victoria Behr, Musik: Ingo Günther. Mit: Angela Falkenhan, Karin Kettling, Manja Kuhl, Annika Meier, Torsten Bauer, Mohammad-Ali Behboudi, Björn Gabriel, Martin Hohner, Caspar Kaeser, Hartmut Stanke.

www.theater-oberhausen.de


Mehr von Herbert Fritsch? Hier lesen Sie über seine Inszenierung von Curt Goetz' Komödienklassiker Das Haus in Montevideo im Februar 2008 im Neuen Theater Halle. Und hier über seinen (mit Sabrina Zwach erarbeiteten) Abend Spielbank am Staatstheater Wiesbaden im April 2008.

 

Kritikenrundschau

"Was soll ich sagen – es ist großartig", jubelt Gudrun Norbisrath über den Intendanz-Neustart von Peter Carp in Oberhausen. Sie freut sich in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (21.9.2008), dass er das Publikum am Auftakt-Wochenende "nicht mit Ramsch von der Unterhaltungsstange" zu begeistern wusste, "sondern mit einem Theater, das fantastisch, frech und hoch emotional den Kampf gegen gedankenträge Langeweile aufnimmt". "Spektakulär" findet sie Herbert Fritschs "Tartuffe"-Inszenierung, bei der in einem "grandiosen Tanz der Vampire" die Tartuffe-hassenden Bürger als eigennützige "Blutsauger" dargestellt würden. Fritsch schrecke dabei "vor keiner Micky-Maus-Ästhetik zurück, präsentiert Unterhosen, lässt grapschen, kreischen, jaulen, Koloraturen heulen, Verse leiern und Albernheiten dudeln, bis der Schmerz höflich an die Hirnschale klopft". "Das grenzt haarscharf an Klamauk, rammt aber das Geniale." "Alle, alle" seien "hinreißend", wenn ihr auch Björn Gabriels Tartuffe als "unübertrefflich süßer androgyner Vampir" eine besondere Lust ist.

"Mit diebischer Freude" habe Herbert Fritsch Molières böse komischen Faden aufgenommen "und aufs Ensemble übertragen", schreibt Monika Idems in der Neuen Rhein Zeitung (21.9.2008). Das sei "mit Körper-, Mimik- und Stimm-Einsatz (…) an seine Grenzen" gegangen und habe "herrlich hyperaktives Tourette-Theater" gespielt. Was mit dem Text veranstaltet würde (kreischen, kieksen, rattern, leiern, heulen, brummeln, brüllen, seufzen), sei "Hochleistungshysterie". Die "Mixtur von Arroganz, Selbstgerechtigkeit und Verschlagenheit", mit der Björn Gabriel seinen Tartuffe ausstatte, sei "so genial wie fatal", während Annika Meier ihrer Dorine "einen Schuss Dada-Durchfall" geben würde. Und "diese Kostüme!", begeistert sich die Kritikerin über Brokat und Spitze, Tüll und Taft, Volants und Schleifchen. Darin spiele man sich "gegenseitig schwindelig".