Blut an den Fingerspitzen

von Michel Schaer

Bern, 18. Dezember 2019. Die Schweizer Erstaufführung dieser Antiken-Bearbeitung von John von Düffel findet in Vidmar 2 statt. Das ist der Raum mit der Säule. Sie steht prominent in der Mitte und zwingt die Regieteams, um sie herum zu inszenieren. Vidmar 2 fasst nur wenige Zuschauer. Die kleine Spielstätte dient als Übungsklavier für die Anfänger. Heute für Sophia Aurich. Die 27-Jährige ist seit zwei Spielzeiten "feste Regieassistentin" am Konzert Theater Bern. Mit "Orest" legt sie ihre zweite Regiearbeit vor.

Rachefamilie im Aquarium

Sophia Aurich löst das Problem mit der Säule, indem sie sie zur Raumteilung nutzt. Dort, wo sie steht, beginnt der Zuschauerbereich. Die Sitze steigen leicht an – aber nicht hoch genug, dass man von der zweiten Reihe an noch bequem über den Kopf des Vordermanns oder der Vorderfrau blicken kann, vor allem, wenn sie Dutt tragen. Sobald die Schauspieler knien oder liegen, erlebt man deshalb das Stück als Hörspiel.

Orest3 560 Annette Boutellier uFamilie im Glashaus: das Berner Ensemble (v.l. Chantal Le Moign, Gabriel Schneider, Marie Popall) spielt im Bühnenbild von Kim Zumstein © Annette Boutellier

John von Düffels "Orest", nach Vorlagen von Sophokles, Aischylos und Euripides, beginnt in der Fassung von Sophia Aurich damit, dass sie lauter Bekanntes in Erinnerung ruft: die Rachegeschichte um das Herrscherhaus des Agamemnon mit seiner Frau Klytämnestra, dem Nebenbuhler Ägisth, den Kindern Elektra und Orest, dem Wüten des Beils.

Gemessenen Schritts wird das erzählt; irritierend indes das Bühnenbild (von Kim Zumstein): Es erinnert an ein Aquarium – und gleichzeitig an Ludwig Mies van der Rohes Barcelona-Pavillon. In dieser Glasarchitektur wird nun diese seltene Spezies ausgestellt: die Familie jener antiken Royals, die unter dem Namen "Atriden" in die Kulturgeschichte eingegangen sind.

Verwisch die Spuren!

Die Bühne erweist sich als Zwischenreich der Imagination, das zwischen Antike und Gegenwart vermittelt. Da hantieren die Protagonisten mit Putzspray und Mikrofasertüchern. Sie reinigen die Glaswände von den Kritzeleien vergangener Aufführungen – oder sagen wir genauer: vorangehender Aufführungsversionen. Die Inszenierung nämlich stellt den Gedanken dar, dass die "Orestie" schon viele, viele Male zur Aufführung gekommen ist, mal in der, mal in jener Beleuchtung, und immer noch hat sie keine (Er-)Lösung gefunden.

Orest1 560 Annette Boutellier uKinder auf Rachefeldzug: Marie Popall als Elektra und Gabriel Schneider als Orest © Annette Boutellier

Da wird es unversehens interessant. Klytämnestra wirft Elektra vor, sich ein falsches Vaterbild gezimmert zu haben. Agamemnon sei in Wirklichkeit ein kriegs- und machtversessener Macho gewesen. Damit wird die Problemlage aufgefächert. Die Figuren bekommen Relief, Persönlichkeit, Leben. Gleichzeitig aber bilden sich immer neue Risse im antiken Mythos. Ist Elektras Obsession, mit dem Verbrechen aufzuräumen und sauberzumachen, indem sie zu weiteren Morden aufruft, nicht unmenschlich? Klytämnestra, Ägisth, Helena fallen dem Rachegebot zum Opfer, und Orest zerbricht daran. Was für eine Zukunft kann daraus entstehen?

Blut an den Fingerspitzen

Je weiter die Aufführung fortschreitet, desto fragwürdiger wird die Geschichte, die sie zeigt. Am Ende des Spiels stehen jene Kritzeleien an den Glasscheiben, die im Lauf des Abends entstanden sind. Jetzt nicht mehr Aufführungsspuren, sondern Menetekel: Man müsste alle Mythen neu erzählen, die das heutige Leben bestimmen (Kapitalismus, freie Marktwirtschaft, Patriarchat). Mit diesem Epilog geht die Aufführung zuende.

In ihrer Inszenierung setzt Sophia Aurich Video für jene Szenen ein, die in der Antike hinter der Orchestra stattfanden. Während aber in anderen "Orestie"-Varianten an der Comédie-Française, an den Münchner Kammerspielen oder am Augsburger Staatstheater kübelweise Blut fließt, bekommt Elektra in Bern erst ganz am Schluss eine Andeutung von roter Farbe an die Fingerspitzen. Und Ludwig Mies van der Rohe hatte recht: "Less is more".

Getragen wird die Aufführung vom feinen Spiel der vier Darsteller: Chantal Le Moign als Klytaimnestra und Helena, Stefano Wenk als Aigisthos und Menelaos und Marie Popall als Elektra. Außerordentliches leistet Gabriel Schneider als Orest. Selten noch ist ein Tragödienheld so rührend, so zart und so leise zusammengebrochen.

 

Orest
von John von Düffel
nach Sophokles, Aischylos, Euripides
Regie: Sophia Aurich, Bühne: Kim Zumstein, Kostüme: Melanie Häusler, Dramaturgie: Michael Gmaj.
Mit: Chantal Le Moign, Marie Popall, Gabriel Schneider, Stefano Wenk.
Premiere am 18. Dezember 2019
Spieldauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.konzerttheaterbern.ch

 


Kritikenrundschau

Sophia Aurich schält aus Sicht von Regula Fuchs von der Berner Tageszeitung Der Bund (220.12.2019) den zeitlosen Kern aus dieser Inszenierung "und macht ihn für das heutige Publikum nachvollziehbar". Dabei lasse sie die Emotionen ihrer Protagonisten nicht überkochen sondern "hält sie meist deutlich unterhalb des Siedepunkts." 

"Diese dringen nötige Aktualisierung gelingt Sophia Aurich bestechend", schreibt Martina Bolzli in der Berner Zeitung (20.12.2019) und spricht  von "dichten Dialogen",  "klug gesetzten Innenschauen" und "intensivem Spiel des Schauspielerquartetts". Insgesamt bescheinigt sie der 27jährigen Regisseurin Mut und eine eigene Handschrift.

 

 
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