Eine schwarze Null und Basta?

von Alexander Jürgs

7. Januar 2020. In der Theaterlandschaft im Rhein-Main-Gebiet knirscht es gerade gewaltig. Das Staatstheater Darmstadt steckt in einer Führungskrise und in wirtschaftlicher Schieflage, musste sich nach einem Streit zwischen Intendanten und Geschäftsführer eine Haushaltssperre verordnen. Das Schauspiel Frankfurt befindet sich in einer Qualitätskrise, die ein hitziger Hahnenkampf zwischen dem Intendanten und dem Regisseur Ulrich Rasche öffentlich gemacht hatte. Und auch am Staatstheater in Wiesbaden hing im Herbst der Haussegen schief. Von einer erhöhten Arbeitsbelastung, Überstunden und schlechter Stimmung war die Rede. Die regionale Tageszeitung "Wiesbadener Kurier" schrieb im November über den Konflikt. Doch die, die sich gegenüber dem Blatt über den Intendanten Uwe Eric Laufenberg beklagten, wollten anonym bleiben.

Der gab mit einem offenen Brief Konter, warf dem "Kurier"-Redakteur – wohl nicht zu Unrecht – vor, dass sein Artikel großteils auf Gerüchten basieren würde. Und er öffnete einen bis dato unausgeleuchtet gebliebenen Schauplatz. Schuld an der schlechten finanziellen Lage seines Hauses sei zu großen Teilen nämlich etwas, an dem er gar nichts ändern könne: die Kameralistik. Sie sei es, "die uns allen am Staatstheater das Leben sehr schwer macht".

Eine Form der Buchhaltung

Kamerali … was? Eine sehr alte – viele sagen: in die Jahre gekommene – Form der Buchhaltung. Eigentlich und ursprünglich war die Kameralistik sogar ein wirtschaftliches Programm, entstanden im 17. Jahrhundert und quasi die deutsche Variante des Merkantilismus. Sie sollte, nach dem verheerenden Dreißigjährigen Krieg, durch staatliche Lenkung der Wirtschaft den Menschen neuen Wohlstand bringen.

Heute spielt sie als kamerale Buchhaltung vor allem in den Verwaltungen des Landes noch eine, wenn auch kleiner werdende Rolle. Formal und rechtlich sind Theaterbetriebe häufig genau das: Teile der öffentlichen Verwaltungen. Klingt nicht sexy, beschreibt aber einfach den Ist-Zustand.

Und was macht die Kameralistik nun aus? Kurz gesagt ist sie eine sehr einfache, auch: sehr klare, Form der Buchhaltung. Auf der einen Seite wird aufgelistet, was ausgeben wird, auf der anderen Seite stehen die Einnahmen. Am Ende geht es darum, dass der Etat ausgeglichen ist. "Eine Null und Basta": So beschreibt Bernd Fülle, Geschäftsführender Direktor am Wiesbadener Staatstheater, das Prozedere.

Mehreinnahmen werden kassiert, Verluste müssen eingespart werden

In seinem offenen Brief rechnete Intendant Laufenberg vor, welche Nachteile die kamerale Buchhaltung seinem Haus einbrockt. Zum Beispiel, dass im Jahresrhythmus abgerechnet wird, obwohl eine Theatersaison von Sommer bis Sommer läuft. "Haben wir Mehreinnahmen, werden sie uns weggenommen. Haben wir Verluste, sollen wir sie im nächsten Jahr einsparen", beklagt der Intendant.

PK 19 20 Wiesbaden 560 Hessisches Staatstheater WiesbadenUwe Eric Laufenberg, Mitte, und Bernd Fülle, zweiter von links, auf der Spielplan-Pressekonferenz zur Saison 2019/20 in Wiesbaden. Der Abrechnungs-Zeitraum läuft aber jeweils von Jahresanfang bis -ende. © Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Ist also die Form der Buchhaltung schuld, wenn ein Theaterbetrieb ächzt? Wäre mehr Geld, mehr Planungssicherheit da, wenn das Ganze anders organisiert ist? Keine einfach zu beantwortende Frage.

Bernd Fülle ist in seiner Kritik an der Kameralistik dann auch deutlich vorsichtiger als sein Kollege Laufenberg. Für ihn ist sie vor allem eins: unzeitgemäß. "Wir arbeiten hier am Theater ein bisschen mittelalterlich", sagt er. Komplexe wirtschaftliche Zusammenhänge lassen sich mit der "simplen" kameralen Buchführung kaum darstellen. Wer im Detail wissen will, welche Kosten wo entstehen oder überhaupt nur einmal überschlagen will, wie teuer eine einzelne Produktion tatsächlich war, kommt mit dem System meist nicht besonders weit. "Die Rahmenbedingungen der Kameralistik sind nicht geeignet, um solch einen Betrieb zu steuern", sagt Fülle. Und: "Wir sehen uns nicht als Verwaltung, sondern als Wirtschaftsbetrieb."

Parallelbuchhaltungen entstehen

Ein Problem der Kameralistik: Man sieht meist nur die einzelnen Posten für sich, verliert den Überblick für das große Ganze, büßt Transparenz ein. Engagiert ein Haus zum Beispiel einen Starsänger als Gast für einen Liederabend, der dafür eine astronomisch hohe Summe erhält, dann fällt erst einmal eben nur dieser enorm hohe Posten auf. Vielleicht aber machen die besonders guten Kartenverkäufe für den Abend diese Summe lange wett? Das lässt sich, so sagt es Fülle, nur mit sogenannten "Nebenrechnungen" wirklich gut entschlüsseln. Neben der vorgeschrieben kameralen Buchführung wird also noch einmal extra gerechnet. Um den Überblick zu behalten, entsteht eine Art Parallelbuchhaltung, die der Komplexität des Wirtschaftsbetriebs besser gerecht wird.

Malsaal 1 Cottbus Marliess Kross uMalersaal des Staatstheaters Cottbus © Marlies Kross

Bernd Fülle sagt auch, dass es ein großes Problem ist, dass bei der kameralen Buchhaltung in Kalenderjahren und nicht in Theaterjahren gerechnet wird. Das macht die Planung unnötig schwer. Hat man in der ersten Hälfte der Saison einen Publikumsrenner und nimmt dadurch mehr Geld ein, dann geht dieses Plus zum Jahresabschluss an den Rechtsträger des Hauses (im Fall des Wiesbadener Staatstheaters: das Land Hessen). Genau mit diesen Mehreinnahmen könnte man aber Verluste bei einem sperrigen Stoff ausgleichen, der in der zweiten Hälfte der Saison (also im Folgejahr) auf dem Spielplan steht. Doch dann ist das Geld schon weg.

Theater hingegen, die als Gesellschaften mit beschränkter Haftung (GmbH) organisiert sind, können über längere Zeitpläne planen, müssen zum Beispiel erst nach Ablauf von fünf Jahren einen ausgeglichenen Haushalt vorweisen. Verluste und Mehreinnahmen lassen sich so besser ausbalancieren. Und vor allem lässt sich so langfristiger planen. Das ist für größere Theaterbetriebe wichtig – gerade wenn man bedenkt, dass etwa für aufwändige Opern-Produktionen Verträge oft Jahre im Voraus unterschrieben werden. Intendanten müssen das dann oft tun, ohne zu wissen, ob sie mit dem Geld, über das sie gerade mit einem Regisseur verhandeln, am Ende auch wirklich rechnen können. Das passe, so Fülle, nicht zu "dem Rhythmus, in dem ein Theater in unserer Liga arbeitet".

Besser Vorräte horten als Geld zu verlieren

Eine absurde Folge der auf ein Kalenderjahr festgelegten Abrechnung sind auch die tatsächlich immer noch und längst nicht nur an Theatern üblichen "Hamsterkäufe". Geld, das einem für ein Haushaltsjahr bewilligt wurde, muss auch in diesem Jahr ausgegeben werden – sonst wird es wieder einkassiert. Das bringe "Abteilungen dazu, in den letzten Tagen des Jahres plötzlich noch Anschaffungen zu tätigen, die eventuell gar nicht so sinnvoll sind beziehungsweise in späteren Monaten nützlich wären", heißt es dazu etwa vom Theater Magdeburg, das zu den Häusern gehört, die die kameralistische Buchführung anwenden. Ergo: Lieber kauft man für die Werkstätten noch einen großen Stapel Holz oder Stoffe für die Kostümabteilung, als dass das Geld verpufft – auch wenn die Lager eigentlich gut gefüllt sind. Denn klammere Zeiten kommen gewiss.

Koestuem Abteilung c StaedtischeBuehnenFFMBlick in die Kostüm-Abteilung des Theaters Magdeburg  © Theater Magdeburg

Wie verbreitet ist die kameralistische Buchhaltung überhaupt noch? Eine offizielle Statistik gibt es dazu nicht. Nachfragen bei etwa zwei Dutzend größeren Häusern aus allen Bundesländern hinterlassen den Eindruck: Sie ist auf dem Rückzug. Die sogenannte Doppik, die doppelte Haushaltsführung in Konten (beziehungsweise in Kommunen oder Körperschaften), die so organisiert ist wie in der Privatwirtschaft, befindet sich dagegen auf dem Vormarsch. Theater, die als GmbH organisiert sind, sind sowieso dazu verpflichtet, mit der doppelten Haushaltsführung zu arbeiten.

Häuser mit kameraler Buchführung sehen sich als Dinosaurier

Häuser, in denen die Kameralistik noch immer angewendet werden muss, fühlen sich mittlerweile als "Dinosaurier". So sagt es Katja Funken-Hamann, die Geschäftsführende Direktorin des Residenztheaters in München. Wobei sie diese Form der Buchhaltung gar nicht schlecht reden will. "Aus unserer Sicht wiegen sich Vor- und Nachteile im Wesentlichen auf", sagt Funken-Hamann.

Wiesbaden Haus 560 Sven Helge Czichy uSchöne Dinosaurier: das Staatstheater Wiesbaden © Sven-Helge Czichy

Zur Anwendung der Kameralistik verpflichtet ist auch das Staatstheater Cottbus. Dort ist man, ähnlich wie in Wiesbaden, wenig begeistert. Als "völlig antiquierte Form einfacher Buchhaltung" beschreibt René Serge Mund, der Geschäftsführende Direktor in Cottbus, die Kameralistik. Schon vor einigen Jahren gab es eine Initiative, die Buchhaltungsform abzuschaffen, jedoch: "Es bleibt bei einem Lippenbekenntnis". Als Stiftung des öffentlichen Rechts ist das Cottbuser Staatstheater gleichzeitig dazu verpflichtet, die Gesetze der doppelten Buchführung zu beachten. "Somit sind wir verpflichtet, doppelt zu führen. Soviel zur Verschlankung der Bürokratie", kommentiert Mund.

Je länger man sich mit dem Thema beschäftigt, umso deutlicher wird: Für einen modernen Theaterbetrieb, der in wirtschaftlich nicht einfachen Zeiten geschmiert laufen soll, ist die Kameralistik tatsächlich zu wenig detailliert. Es fehlt ihr an Aussagekraft, um die Wirtschaftlichkeit eines Hauses richtig zu beurteilen. Deswegen wird dort, wo sie noch angewendet wird, meist eine Form von Parallel-Controlling installiert. Aber stehen diese Häuser, so wie es Intendant Uwe Eric Laufenberg in seinem Brief an den "Wiesbadener Kurier" formulierte, wirklich schlechter da? Ist die kamerale Buchhaltung tatsächlich auch ein finanzieller Nachteil?

"Eine Buchhaltung ist nicht fair oder unfair“

Bernd Fülle, Laufenbergs Kollege in der Geschäftsführung am Staatstheater Wiesbaden, teilt diese Einschätzung nicht. "Das Steuern des Betriebes wird durch die Kameralistik erschwert. Das Hauptproblem ist jedoch, dass unser Haus nicht auskömmlich finanziert ist", sagt er. "Die Vorstellung, dass, wenn man ein Theater als GmbH führt, alles billiger wird, ist ein falscher Gedanke. Der Vorteil einer GmbH ist, dass das Haus reaktionsfähiger wird."

Auch aus anderen Theatern klingt es ähnlich. "Die Frage, ob die kameralistische Buchhaltung eine faire Form des Wirtschaftens ist oder ob dadurch Nachteile entstehen, halte ich für unsinnig. Eine Buchhaltung ist nicht fair oder unfair, sondern dokumentiert verabredete Vorgänge", sagt zum Beispiel Jürgen Braasch, Verwaltungsdirektor am Staatstheater Hannover.

Verteidigt wird die kamerale Buchhaltung ausgerechnet von einem Haus, das sie gar nicht anwendet. "Die Kameralistik ist jedenfalls besser als ihr Ruf", antwortet das Staatstheater Braunschweig auf die Frage, ob Theater die sie anwenden müssen, mit Nachteilen zu rechnen haben. Denn das ihr zugrunde liegende Prinzip – "Sie soll sicherstellen, dass Gelder nur für den demokratisch legitimierten Zweck ausgegeben werden" – sei ein hervorragender Gedanke. Die Ursprünge der doppelten Buchhaltung dagegen sind ganz andere: Sie "wurde von norditalienischen Kaufleuten im 16. Jahrhundert entwickelt, um den wirtschaftlichen Erfolg ihres Unternehmens – und damit ihre Kreditwürdigkeit – darzustellen."

Der Schluss, den man daraus in Braunschweig zieht, bringt einen dann auch wieder gehörig zum Nachdenken: "Wenn die öffentlichen Theater in Deutschland immer mehr von der Kameralistik in die doppelte Buchhaltung überführt werden, ist das auch ein politisches Signal – weg vom aufgabenorientierten Zweckbetrieb hin zu einem wirtschaftlichen Unternehmen."

 

Alexander Jürgs, Jahrgang 1972, studierte in Frankfurt am Main Kunstgeschichte, Kunstpädagogik und Kulturanthropologie sowie Buch- und Medienpraxis. Als freier Autor arbeitet er für die WELT, FAZ, Der Freitag, Merian und nachtkritik.de.

 

 
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