Nur der Handschuh fühlt die Welt

von Jan-Paul Koopmann

Oldenburg, 10. Januar 2020. Widerspruchsfrei ist das nicht und die Übergänge mögen fließend sein, aber es lässt sich doch ziemlich genau sagen, wo die allgemeine Anspannung in offenen Wahnsinn umschlägt: Astronautin Alex steht draußen auf Socken vor dem Habitat und harkt den Mars, im Hintergrund jagt Ulf eine imaginäre Ziege, während Kollege Christian mechanisch immer wieder nach dem Hörer des Notfalltelefons schnappt, mit dem sich dieser Spuk hier beenden ließe – wenn denn mal jemand ranginge.

Gefunkte Poetik mit Aussetzern

Gänzlich vorbei ist's jedenfalls mit der geradezu meditativen Ruhe, in der Kevin Barz' Regie diese "Mission Mars" anklingen ließ. Über eine Stunde hatten sich die drei in ihren schweren Raumanzügen durch den roten Mars-Sand gewuchtet. Wie in mobile Echokammern gestopft sind diese aufgeplusterten Astronaut*innen über die Oldenburger Bühne gestapft, haben hinter ihren von innen beleuchteten Helmvisieren nur über Funk gesprochen – und das dann meistens mit sich selbst: hübsch poetische Monologe über das Leben, über Einsamkeit und Kuriositäten der Raumfahrt- und Wissenschaftsgeschichte. Miteinander klappt das Reden nur, wenn der Funk nicht schon wieder einen Aussetzer hat.

MissionMars1 560 Stephan Walzl uExpedition im Weltraum: Matthias Kleinert (Ulf), Fabian Kulp (Christian) © Stephan Walzl

Geschrieben hat Björn SC Deigner diesen Text in der Nachbarschaft des Oldenburgischen Staatstheaters: am Hanse-Wissenschaftskolleg in Delmenhorst. Dort war er "Writer in Residence" und konnte sein Weltraum-Stück im direkten Austausch mit Naturwissenschaftler*innen verschiedener Fachrichtungen entwickeln. Die hier heruntergeratterten Fakten (über Temperatur, Druck, Atmosphäre, Beschaffenheit, Terraforming, Trallala) sind spannend, aber doch eine Nebensache. Weit fordernder ist Deigners Frage, was das eigentlich soll mit diesen Marskolonien. Warum die Menschheit immer nach vorn prescht, statt hinter sich aufzuräumen? Was es bedeutet, einen klimavorschrotteten Planeten zu verlassen und es sich auf dem nächsten gemütlich zu machen. Vor allem aber: Was sind es für Menschen, die sowas machen? Und was treibt sie an?

Charakterstudien mit schlüssigem Twist

Dass die Antwort – Überraschung – von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich ausfällt, macht die Oldenburger Inszenierung auf erstaunlich subtile Weise begreiflich, während die Charaktere immer weiter aus ihren klobigen Anzügen geschält werden. Dabei geht es allerdings überhaupt nicht darum, irgendwelche Masken fallenzulassen. Als Missionsleiterin Alex schreitet etwa Franziska Werner bereits auf der Außenmission, der ersten Hälfte des Stücks, eilig voran und ist oft schon wieder von der Bühne, wenn die anderen nachkommen. Und das schreibt sich eben so fort, wenn sie dann später übergriffig am Hautausschlag des einen Kollegen herumfummelt, oder dem anderen das Ende seines Krimis verrät – weil sie es nicht aushält, ihm beim stundenlangen Lesen zuzugucken. Daneben demütig Matthias Kleinert als Astronaut Ulf aus Gladbach, über den der dritte im Bunde einmal sagt: "Ich glaube er fühlt sich wie das dritte Rad am Wagen. Und das Schlimme ist, es stimmt." Das war Fabian Kulp als Christian, dem es hier vor allem ums Geld geht. Und während immer mehr leere Flaschen auf dem Boden das Verstreichen der Tage und Wochen anzeigen, schraubt sich das Geschehen so weiter: mal fies, dann wieder versöhnlich. Bis zu einem tatsächlich aufregenden Twist, über den hier aber auch nur zu sagen wäre, dass er schlüssig vorbereitet und zackig ausgeführt wird.

Leben unter Laborbedingungen

Anika Wieners Bühne ist vorn ein klar begrenzter Sandkasten, gefüllt mit rotem Pflanz-Granulat und ein paar Felsen. Dahinter zwei Leinwände, auf denen versetzt gedoppelte Marslandschaften aufleuchten oder Videoprojektionen von Darsteller*innen aus dem Off. Hier tritt auch Tobias Schormann als unangenehm smarter Typ von der Bodenkontrolle auf, der sich mit Anweisungen und Witzchen zu Wort meldet ("Kennt ihr schon das neue Restaurant auf dem Mars? Gutes Essen, aber keine Atmosphäre.") Eine herrlich unaufrichtige Lockerheit, die angesichts des sich anbahnenden Lagerkollers zunehmend zynischer klingt.

MissionMars7 560 Stephan Walzl uNotfalltelefon ins Nichts: Franziska Werner (Alex), Matthias Kleinert (Ulf), Fabian Kulp (Christian) © Stephan Walzl

In ihrer Stringenz und Dichte fordert diese Inszenierung tatsächlich viel vom Schauspiel. Und das geht erfreulicherweise ziemlich gut. Ganz besonders Franziska Werner wechselt trittsicher zwischen der Sondierung eigener Verletzbarkeit und den Übergriffen auf die Kollegen. Wirklich unschuldig erscheint hier keine*r, ohne dass sich jemand dafür plump zum Schurken oder Arschloch machte. Ganz besonders süß dieser Augenblick, als die drei im Kreis stehen und scheinbar die letzte Dose Cola teilen. Da wirkt Christians mehrfaches Abwinken exakt so lange total glaubwürdig als selbstloser Akt, bis klar wird: Es ist gar keine Brause in der Dose, und der Typ stellt sich tatsächlich an, das bereinigte Urindestillat zu trinken.

"Mission Mars" seziert die Menschheit unter Laborbedingungen. Das ist tatsächlich eine existenzialistische Übung, die es dazu noch fertigbringt, sich en passant selbst zu erklären. Da räsoniert Alex darüber, wie sie Wetter, Landschaft und überhaupt die ganze Marsumwelt allein durch Messgeräte und Schutzausrüstung wahrnimmt. Und dieser Moment, nach etwas zu greifen und doch immer wieder nur ins Innere der eigenen Handschuhe zu fassen – das ist eine Erfahrung, die wir früher oder später alle machen. Auch ohne Raumschiff.

 

Mission Mars

von Björn SC Deigner
Uraufführung

Regie: Kevin Barz, Bühne/Kostüme: Anika Wieners, Musik: Daniel Dorsch, Dramaturgie: Anna-Teresa Schmidt.

Mit: Fabian Kulp, Matthias Kleinert, Tobias Schormann, Franziska Werner.

Premiere am 10. Januar 2020

Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.staatstheater.de

 

Kritikenrundschau

Das perfekte Zusammenspiel von Musik und Klang, Licht, Ton und Video sowie die Zuhilfenahme von 600 Kilogramm roter Linsen als Marsoberfläche schaffen eine schwer beeindruckende Atmosphäre, schreibt Olver Schulz in der Nordwest Zeitung (13.1.2020). Heimlicher Star des Abends sei das Bühnenbild von Anika Wieners. Darin erlebt man wie Aufbruchstimmung einem  Zukunftspessimismus weiche und "das Pflänzchen Hoffnung bleibt der Mission allein in Gestalt eines selbstgezüchteten grünen Salats im Mini-Treibhaus". Fazit: "Eine tief beeindruckenden Inszenierung."

"Dem Text würde ein beherzter inszenatorischer Zugriff gut tun. Kevin Barz ist allerdings ein Regisseur, der sich stark zurücknimmt“, schreibt Jürgen Berger in der Süddeutschen Zeitung (14.1.2020). "Die Inszenierung wirkt, als wolle sie noch feinsinniger sein als der Text."

 

 
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