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Being Oetker

von Sascha Westphal

Bielefeld, 10. Januar 2020. Konservierte Gegenwart, so lässt sich letztendlich jedes architektonische Werk beschreiben. Jedes von Menschen erschaffene Gebäude verwandelt einen flüchtigen Moment in etwas Dauerhaftes. Steine, Beton, Glas und Stahl, Säulen und Treppen sind immer auch Zeugen ihrer Zeit. Der Geist der Epoche, die ein Bauwerk hervorgebracht hat, überdauert Jahrzehnte, vielleicht sogar Jahrhunderte. Bauwerke wie etwa die Rudolf-Oetker-Halle in Bielefeld. Die monumentale Konzerthalle, die im Zeichen der Neuen Sachlichkeit steht und trotz ihres hellen Putzes von einer düsteren Aura umgeben ist, beschwört mit ihrem Anblick die Zeit zwischen den Weltkriegen auf gespenstische Weise herauf.

Bielefeld Rudolf Oetker Halle zefram wikipediaDie Rudolf-Oetker-Halle in Bielefeld  © Zefram, CC BY 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3669968

Die Rudolf-Oetker-Halle, 1929/30 im Angedenken an ihren im März 1916 bei Verdun gefallenen Namensgeber erbaut, ist nicht nur der Spielort für die neueste "szenische Installation" des Künstlerkollektivs Raum + Zeit. Sie ist der fünfte Hauptdarsteller und heimliche Star der von Male Günther, Lothar Kittstein und Bernhard Mikeska erarbeiteten Eins-zu-Eins-Produktion, in der jeweils eine einzelne Zuschauerin, ein einzelner Zuschauer, angeleitet von Stimmen aus einem Kopfhörer, Grenzerfahrungen macht. Sie ist für eine von der Familiengeschichte der Oetkers inspirierte Traumreise wie geschaffen. Schließlich wirkt dieses Bauwerk wie ein überdimensioniertes Grabmal, das von Trauer und Macht, von Reichtum und Einsamkeit erzählt.

Blick in den Spiegel

Die Reise in die Vergangenheit beginnt wie schon häufiger bei Raum + Zeit in einem kleinen, diesmal im Foyer der Halle stehenden Holzkubus, zu dem ich zu Beginn geführt werde. Dort sitze ich auf einer schmalen Bank und blicke mich selbst an. Die Innenseite der Tür ist verspiegelt. Ein irritierender Effekt, der einen zurückwirft auf sich selbst, bis eine weibliche Stimme einem sagt, dass man die links an der Wand hängende Augenbinde anlegen soll. Das eigene Abbild verschwindet und wird durch die von der Stimme beschworenen Bilder ersetzt. Während eine der stummen für die Inszenierung und ihre emotionale Wirkung so entscheidenden Begleitpersonen mich langsam von diesem Kubus weg durch das Gebäude führt, versetzt mich die Kopfhörerstimme in eine Art Wachtrance. Die Konzerthalle, die ich in diesem Moment nicht sehen kann, verwandelt sich in eine überall mit Staub bedeckte Geister-Villa, die von Erinnerungen statt von Menschen bevölkert wird.

Requiem 04 Heinz Holzmann uDie Mutter (Carmen Priego)  © Heinz Holzmann

Als ich die Augenbinde wieder abnehmen darf, sitze ich wieder in einem Holzkasten und sehe mich abermals selbst im Spiegel. Der Weg, den ich blind zurückgelegt habe, hat mich in die Welt hinter dem Spiegel geführt, in das Reich eines Traums, der auch ein Todestraum sein könnte. Nachdem ich den Kubus verlassen habe, finde ich mich in einem kleinen, spartanisch eingerichteten Kinderzimmer wieder. Dort wartet eine ältere Dame, deren Worte mich in die Rolle eines Kindes, des Erbens, des Sprösslings einer mächtigen Dynastie versetzen.

Die Stimme in meinem Kopf

Eine verstörende Ambivalenz erwächst aus Carmen Priegos Spiel, eine Unsicherheit, die aus widersprüchlichen Zeichen erwächst. Auf der einen Seite ist sie die strenge Matriarchin, die den Jungen auf das Leben und ein gesellschaftliches Ereignis, wahrscheinlich die Eröffnung der Rudolf-Oetker-Halle, vorbereitet. Auf der anderen erklärt sie mir auch, wie man mit dem anderen Geschlecht, "dem zarten", ins Gespräch kommt und anbandelt. Dabei verwandelt sie sich selbst in ein junges, flirtendes Mädchen. So bekommt die Situation eine beinahe erotische Spannung, die auf meinem weiteren Weg nachhallt und schließlich auf der vierten Station, in einem kühlen, dunklen Keller, ihren Höhepunkt findet. Hier wartet ein Mädchen, Brit Dehler in einem silbrig schimmernden Gewand, auf mich. Sie könnte das Mädchen sein, von dem Carmen Priego sprach, aber sie ist ganz sicher die Stimme in meinem Kopf und eine glamouröse Version meiner stummen, geisterhaften Begleitperson. Oder Frau Tod, die Freundin und Verführerin.

Requiem2 560 Heinz Holzmann uDer Vater (Thomas Wolf)  © Heinz Holzmann Doch bevor ich im Keller und damit in den tiefsten Tiefen des Unterbewusstseins des Sohnes ankomme, dessen Traum ich hier durchwandere, treffe ich noch zwei Männer, den Ziehvater, der stellvertretend die Geschäfte des Familienunternehmens führt und gut an seiner Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten verdient, und den Vater, auf den ich in dem riesigen, bis auf uns leeren Konzertsaal treffe. Die erste dieser Begegnungen führt direkt in die NS-Vergangenheit des Oetker-Konzerns. Lukas Graser spielt den Mitläufer und Täter, der vielleicht gar nicht anders konnte. Dieser joviale Mann in Unterwäsche, der gerade dabei ist, sich für eine Rede anzukleiden, strahlt etwas Bedrohliches aus. Sein Lächeln ist kalt und gefährlich. Aber trotz all seiner Macht bleibt er doch nur der Stellvertreter, dessen passiv-aggressives Auftreten mir gegenüber seine Machtlosigkeit signalisiert. In diesem Moment ist "Requiem" ganz nah an Lucchino Viscontis "Die Verdammten". Die Geschichten der Industriellenfamilien in der NS-Zeit ähneln sich zum Verwechseln. Fiktion und Wirklichkeit spiegeln sich.

Geborgenheit in der Leere

In dem großen Konzertsaal, auf dessen Bühne ich stehe, erscheint mir Thomas Wolff als liebende, mich auf eine spielerische Weise auf die Last des Erbes vorbereitende Vaterfigur. Ausgerechnet in der Leere des riesigen Raums scheint so etwas wie Geborgenheit im Schoß der Familie auf. Ich fühle das warme Herz dieses Geistes, den der junge Mann, der ich gerade bin, nie kennengelernt hat und der doch immer da ist. Es gibt den Takt für einen kurzen, ausgelassenen Walzer vor, in dem aufscheint, was sein könnte und doch niemals sein wird. Nach dem Tanz geht es weiter, in den Keller. Einen anderen Ausweg gibt es nicht. Meine Begleiterin für diesen letzten Gang hat die dünnen spitzen Vorderzähne des Vampirs aus Friedrich Wilhelm Murnaus "Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens". Auch das ist ein kongeniales (Alb)Traumbild für die Mechanismen von Familie. Das Erbe, das ein jeder antritt, saugt ihn zugleich aus.

 

Requiem
Eine szenische Installation
von Male Günther, Lothar Kittstein, Bernhard Mikeska (RAUM+ZEIT)
Inszenierung: Bernhard Mikeska; Text: Lothar Kittstein; Bühne: Maria Bieler, Bernhard Mikeska; Kostüme: Birgitt Kilian; Sounddesign: Knut Jensen; Künstlerische Mitarbeit: Male Günther; Dramaturgie: Franziska Eisele.
Mit: Carmen Priego, Lukas Graser, Thomas Wolff, Brit Dehler.
Begleitpersonen: Jasmin Freitag, Emilia Hinkel, Maja-Lena Kiefer, Antonia Krieg, Merle Meuleneers, Anja Schmitt, Melanie Schulz, Alex Shurety.
Premiere am 10. Januar 2020 im Theater Bielefeld
Dauer: 1 Stunde und 5 Minuten

www.theater-bielefeld.de

 

Kritikenrundschau

Gerade die Eins-zu-Eins-Situationen mit den Darstellen seien nicht nur irritierend, sondern oft auch berührend, so Christoph Ohrem von Deutschlandfunk Kultur (10.1.2020). Die schauspielerische Leistung sei überzeugend.

"Allein mit den Schauspielern, ist die ungemeine Kraft, auch das Manipulationspotenzial der Sprache erlebbar. Viele existenzielle Fragen nach Sinn, Liebe und Zeit stehen im Raum", schreibt Maria Frickenstein von der Neuen Westfälischen (13.1.2020). "Haften bleibt dieses Erlebnis nicht nur im kognitiven, sondern auch im emotionalen Gedächtnis." Dem Künstlerkollektiv sei eine eindrucksvolle szenische Installation gelungen, die ihresgleichen suche.

"Kompliment der minutiösen Organisation. Großes Kompliment den vier Schauspielern. Sie müssen nicht nur 20 Mal pro Abend ihre herausfordernden Texte sagen, sie müssen sich jeweils auf ihr Gegenüber einstellen. Jeder von ihnen war auf eigene Weise herausragend", schreibt Burgit Hörttrich vom Westfalen-Blatt (13.1.2020). Die Kritikerin hatte am Ende "viel Material zum Nachdenken. Kein Vergleich mit einer Wurzelbehandlung."