Eine typische Geschichte

von MIchael Bartsch

Dresden, 25. Januar 2020. In welchem Gewand werden die Nazis und die Guten wohl diesmal daherkommen? Ein Buch wie Manja Präkels "Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß" könnte zu plakativer Darstellung verführen. Doch in der ersten Bühnenfassung des 2018 mit dem Jugendliteraturpreis und dem Anna-Seghers-Preis geehrten Romans der Journalistin und Autorin am Dresdner Theater Junge Generation muss man sich nicht auf Drastik einlassen, sondern stattdessen auf feine Nuancen: Bühnenfassung und Regie von Nils Zapfe versuchen weder die meist unbefriedigende szenische Illustration des Textes, noch halten sie eine szenische Lesung ab. Ein bisschen euphorisiert könnte man von Neuland sprechen, das Zapfe mit seiner Herangehensweise betritt.

Vervielfältigte Erzählerin

Die aus dem Autobiografischen schöpfende Romangeschichte Manja Präkels' aus ihrem brandenburgischen Geburtsort Zehdenick wird zwar linear erzählt. Es ist eine typische Geschichte Heranwachsender in der DDR, wenn sie nicht renitenten Elternhäusern entstammten und etwa in der kirchlichen Nische ein Habitat fanden. Der Präkels-Jahrgang 1974 geriet zusätzlich ausgerechnet in der Zeit der individuellen Pubertätswirren in die Phase tief greifender gesellschaftlicher Verwirrung, die bei allem Lobpreis der Revolutionshelden von 1989 hartnäckig vergessen wird. Aus Jugendfreunden werden plötzlich Gegner: Hauptfigur Mimis Jugendfreund Oliver, mit dem sie früher heimlich Mutters Schnapskirschen futterte, nennt sich Hitler und führt eine braune Jugendgang. Wie in einer national befreiten Zone kontrollieren Neonazis Submilieus der Kleinstadt.

tjg schnapskirschen 560 14 Marco PrillEnsemble, Gina Markowitsch (unmaskiert) © Marco Prill

Figur mit erweiterten Möglichkeiten

Diese Entwicklung wird ziemlich vorlagengetreu erzählt. Aber wie! Statt zahlreicher Rollenzuschreibungen tritt sozusagen eine vierköpfige lebende Skulptur auf, eine kollektive Mimi, die in der Ich-Form vom Erlebten und Beobachteten berichtet. Die vier Spielerinnen verschmelzen zu einer Einheit, sprechen chorisch, bewegen sich synchron. Nach und nach treten die kontrolliert und genau spielenden Vier auch einzeln hervor, sprechen entweder die Mimi-Berichte verteilt oder spielen für kurze Passagen tatsächlich eine Rolle. Das sprengt aber den Rahmen dieses agierenden Organismus' nicht, der sich allein schon wegen der permanenten Präsenz der vier Spielerinnen nie auflöst. Ihr einheitlicher schwarzer Anzug unterstreicht diesen subtilen Zusammenhalt.

tjg schnapskirschen 560 07 Marco PrillViermal Mimi: Susan Weilandt, Gina Markowitsch, Marie Thérèse Albrecht, Lola Mercedes Wittstamm © Marco Prill

Der bleibt auch erhalten, wenn kurze Dialoge von anderen kommentiert werden, wenn bei Monologen die anderen drei im Freeze verharren, wenn simultan verschiedener Text gesprochen wird. So kann die überwiegend sensibel und nachdenklich agierende Vierfach-Mimi sich auch zu einer köstlichen Helmut-Kohl-Parodie oder in einen wie eine Show inszenierten Nazi-Überfall hineinsteigern. Wo es passt, verstärken exaltierte Gestik und Selbstironie den Text, ohne aufgesetzt zu wirken. Eine Inszenierung aus einem Guss!

Labyrinth der Lebenswege

Verstärkende Wirkung zeitigt auch die Ausstattung. Konstanze Grotkopp und Jasna Bosnjak überhöhen das Geschehen mit reichlich Symbolik. Der Bühnenraum ist mit einer vorderen Schräge und einem hinteren Podium relativ einfach gehalten. Ein Glaskasten dient nur für einen kurzen Moment als Raum der Betroffenheit und Trauer nach einem Naziüberfall mit Schwerverletzten. An seiner Front prangt eine verstümmelte Leuchtschrift, die man mit etwas Phantasie als "Alles für Deutschland" decodieren kann. Vor allem im ersten Teil wird die Szene von endlos vielen, aus allen Winkeln gekramten weißen Gardinen oder Schleiern bestimmt. Anfangs wie Zeichen der Unschuld und Jungfräulichkeit erscheinend, werden sie nach und nach zu einem Labyrinth der Lebenswege und Begegnungen verknüpft, ehe sie infolge der Katastrophen und Destruktionen wieder vollständig entknotet werden.

Für Jugendliche ab 14 Jahren gedacht, wirkt Zapfes Inszenierung nie belehrend. Im Vergleich zur thematisch sehr ähnlichen Bühnenfassung von Lukas Rietzschels "Mit der Faust in die Welt schlagen" am Dresdner Staatsschauspiel ist sie ästhetisch komplexer und wirkt weitaus subtiler.

Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß
nach dem Roman von Manja Präkels
Textfassung und Regie: Nils Zapfe, Raum: Konstanze Grotkopp, Bühne und Kostüme: Jasna Bosnjak, Musik: Christoph Hamann, Choreografie: Berit Jentzsch, Dramaturgie: Ulrike Leßmann.
Mit: Marie Thérèse Albrecht, Gina Markowitsch, Susan Weilandt, Lola Mercedes Wittstamm.
Premiere am 25. Januar 2020
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.tjg-dresden.de

 

Kritikenrundschau

Leise Poesie, absurde Komik und ungeschminkte Härte lobt "hn" in der Dresdner Morgenpost (27.1.2020). In Nils Zapfes Regie werde das Stück nie zu einer biederen Bebilderung. Die Gewalt werde nie plastisch gezeigt, dennoch mute der Stoff seinem Zielpublikum einiges zu. Kurz: "ein großer Wurf".

Die Buchumsetzung gelinge durch die vielen Bilder. die der Abend erzeuge, schreibt Tobias Prüwer in der Freien Presse (29.1.2019). Und die Illustrationen ziehe das ernste Thema nicht ins Lächerliche. Der Abend funktioniere auch für Jüngere, weil sie nicht jede historische Anspielung verstehen müssen. Fazit: "Die starke Inszenierung könnte man auch als Warnung verstehen."

"Nils Zapfe gelingt es, den gesamten Roman auf anderthalb atemlose Stunden zu verdichten, ohne dass ihm Wesentliches abhandenkäme", lobt Johanna Lemke in der Sächsischen Zeitung (30.1.2020). Die "Gefahr der Nazi-Klischees" umegehe er dabei durch "konsequente Überzeichnung". Zwar richte sich die Inszenierung an junge Menschen, deren Eltern die Nachwendejahre unmittelbar erlebt hätten – der Besuch lohne sich aber nicht nur für die Jugendlichen: "Toll wäre es", so die Rezensentin, "sie (die Eltern) ergriffen die Chance, gemeinsam mit ihren heranwachsenden Kindern ihre vielleicht ähnlich erlebte Jugendzeit zu reflektieren."

 

 

 
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