Die Zerstörung der Kindheit

von Sabine Leucht

Heidelberg, 1. Februar 2020. Mexiko, Chile, Uruguay, Peru, italien, Portugal und Deutschland sind vertreten. Die sieben Herkunftsländer teilen sich sechs Musiker, sechs Schauspieler und einen deutschen Regisseur mit portugiesisch-chilenischen Wurzeln. Und es brauchte fast ebenso viele Koproduktionspartner, um "La flauta mágica/Die Zauberflöte" erst in Santiago de Chile und dann in Heidelberg zur Uraufführung zu bringen. Dort läutete der Abend das iberoamerikanische Theaterfestival "¡Adelante!" ein.

Mozart, Pop und ungelöste Fragen

Ach, was heißt "läutete"? Musikalisch ist es ein rauschhaftes Ereignis, das da über die Bühne des Heidelberger Stadttheaters tobt. Sehr sehr lateinamerikanisch rhythmisiert und instrumentiert. Was Horacio Salinas für Piano, Cello, Gitarre, Flöte, Klarinette und Percussions komponierte, hat wenig mit Mozart und Schikaneder zu tun, auch wenn Sheila Eckhardt, die eigentlich gar nicht die Königin der Nacht spielt, mit Lachgas-Unterstützung die Koloraturen der 2. Königinnen-Arie bis zum hohen f hinaufklettert. Mozart-, aber auch Pop-Motive sind eingestreut in einen grundentspannt bis flamenco-feurigen, nur selten abreißenden Klangteppich, auf dem ein gutes Dutzend toller Songs Platz hat (Songtexte: Julieta Venegas).

Flauta Zauberfloete1 560 Susanne Reichardt uSommernachtstraum? Zauberwald? Nö, die Zauberflöte in Pop und culture crossing  © Susanne Reichardt

Der chilenische Dramatiker Guillermo Calderón geht in seiner sehr freien Überschreibung den ewig ungelösten Fragen der "Zauberflöte" nach, die ja irrwitzigerweise als jugendtaugliche Einstiegsoper gilt. Warum hasst die Königin Sarastro so? Was hat es mit dessen gottgleicher Macht auf sich? Mit unhinterfragter "heller" Männergewalt und "dunklem" Frauenwahn?

Autor Caldéron und Regisseur Antú Romero Nunes haben ein paar einfache und ein paar kompliziertere Antworten auf diese Fragen parat. Und man kommt ihnen erst nach und nach auf die Schliche.

Pamina im Spital

Matthias Kochs Bühne ist ein riesiges Zimmer in einem Krankenhaus, in dessen Zentrum Pamina liegt und überall verteilt die Musiker in OP-Kitteln sitzen. Dass der ganze Körper des Mädchens in Mullbinden gewickelt ist, aus denen es an zwei Stellen blutet, hat man anfangs gesehen, als Marina Villegas vor dem geschlossenen Vorhang den schönen Grusel der Grimm'schen Märchen beschwor. Mit einer kieksenden, ultraschrillen Stimme, die einen über 110 Minuten Nerven kostet.

Gut, das Mädchen soll hier erst sieben Jahre alt sein. Und doch bleibt die Frage, ob Nunes, dem es ansonsten famos gelingt, die sehr unterschiedlichen Spielweisen seiner Akteure respektvoll zu synthetisieren, hier einer überkommenen Kinderdarstellungstradition aufsitzt oder nur Villegas' Neigungen entgegenkommt.

Flauta Zauberfloete3 560 Susanne Reichardt u"Denk ich an Santiago in der Nacht ...". Es fehlt eigentlich nur das Reizgas gegen Sheila Eckardt als demonstrierende Studentin  © Susanne Reichardt

Es bleibt ein Wermutstropen in einem Abend, der in märchenhaft prächtigen und märchenhaft drastischen Bildern von der Zerstörung der Kindheit erzählt. Und zwar nicht in Neil-Postman-Manier durch "neue" Medien und ihre Inhalte, sondern durch handfeste Gewalt. Ein leider aktuelles Thema nicht nur in Lateinamerika.

Magische Alpträume

Das kleine Mädchen liegt im Sterben, es atmet schwer, die Lunge ist perforiert. Ein Schuss, ein Autounfall, ein brennender Baum stehen als mögliche Ursachen im Raum. Das, was lange zuvor ihre Kindheit getötet hat, findet in ihrer Phantasie noch einmal statt. In magischer "Verkleidung" – die Schauspieler schlüpfen nach und nach in immer phantastischere Kostüme – begegnet ihr in ihrem letzten Delir der Mann wieder, der in einem viel zu großen Anzug steckt, aus dem seitlich nur noch Stummelarme herausschauen. Chilenische Zuschauer werden die Anspielung auf ihren Präsidenten Sebastián Piñera erkennen, zumal der kleine Mann beiläufig Reizgas in Auftrag gibt, wie es derzeit bei regierungskritischen Demonstrationen üblich ist, bei denen auch immer mehr Frauen gegen sexualisierte Übergriffe auf die Straße gehen.

Flauta Zauberfloete1 560 Susanne Reichardt uIm Musical-Ambiente: Sheila Eckardt © Susanne Reichardt

Nicht jede politische Anspielung wird der westliche Zuschauer dechiffrieren können. Macht nichts! Dann geht dieser Mann eben auch durch als das Sarastro-Äquivalent im Stück, das gekommen ist, um Pamina diverse "Anschuldigungen" zu "vergeben". Oder als der gute Onkel ohne Herz, der am Ende einer sehr langen, sich schmerzhaft zuspitzenden Szene Kuscheltiere aus seiner Hose plumpsen lässt und das Pferd spielt, das von dem Kind nach Tierarzt-Art penetriert werden will. "Den Arm bis zur Schulter, mehr will ich gar nicht", singt Mariananda Schempp, die diesen präsidialen Pädophilen mit grimmiger Körperkomik spielt. Mané Pérez als ebenso missbrauchs-geübte Mutter singt wuchtig emotionale Trauer-Songs, während sie gelangweilt aufs Handy schaut. Sie stimmt ein unverblümtes Hass-Lied auf ihre Tochter an, weil sie bei ihrem Anblick immer an den verlorenen Geliebten Sarastro denkt – und sie gibt ihr Mordaufträge.

Musical mit mozartisch-schikanederischer Utopie

Tolle Stimmen haben in diesem Stück, das eher Musical ist als Oper, eigentlich alle. Die großen Emotionen, die Musik und Text behaupten, werden gestisch und mimisch hingegen oft unterspielt. Auch deshalb, weil hier fast jeder etwas anderes meint als er sagt und die anderen für seine Zwecke manipuliert. Ob diese Doppelzüngigkeit ebenfalls als politische Diagnose gemeint ist, ist schwer zu sagen.

Jedenfalls ist es verblüffend, dass der Abend gegen Ende noch einmal eine Wende nimmt und die Krankenschwester (Jonah Moritz Quasts) und der Polizist (Friedrich Witte) ihre Liebe entdecken. Wobei Quast gleich noch vor dem ersten Date trocken klarstellt: Ich will gleich vögeln, Kinder, das volle Programm. Und da erkennen sich – hübsch eingebettet in Latin-Sound – "Pa Pa Pa", "Pa Pa Pa Pa", Papagena und Papageno. Der Schluss klingt nach Mozart und nach Chile und nach der Möglichkeit von Liebe, Freude, Eierkuchen. Oder ist das auch wieder nur ein Traum?

 

La flauta mágica / Die Zauberflöte
von Horacio Salinas (Musik) und Guillermo Calderón (Text)
frei nach Motiven aus der "Zauberflöte" von Wolfgang Amadeus Mozart und Emanuel Schikaneder
Regie: Antú Romero Nunes, Musik: Horacio Salinas, Songtexte: Julieta Venegas, Text: Guillermo Calderón, Regie: Antú Romero Nunes, Musikalische Leitung: Horacio Salinas, Raúl Andrés Céspedes Venegas, Bühne: Matthias Koch, Kostüme: Magdalena Schön, Helen Stein, Licht: Ralph Kabrhel, Künstlerische Mitarbeit: Anne Haug, Dramaturgie: Lene Grösch, Dolmetscherin: Monica Mudersbach, Übersetzung Übertitel: Miriam Denger.
Mit: Sheila Eckhardt, Mané Perez, Jonah Quast, Mariananda Schempp, Mariana Villegas, Friedrich Witte und den Musikern Federico Scarso, Martin Bärenz, Pablo Chemor, Raúl Andrés Céspedes Venegas, Sara Musini.
Koproduktion des Theaters und Orchesters Heidelberg mit FITAM (Fundación Internacional Teatro a Mil, Chile), ERT (Emilia Romagna Teatro Fondazione, Italien) und INAE (Instituto Nacional de Artes Escénicas Uruguay) – mit freundlicher Unterstützung des Goethe-Instituts Mexiko.
Europäische Premiere 1. Februar 2020
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.adelante-festival.de
www.theaterheidelberg.de

 

Mehr dazu: Guillermo Calderón, Texter von "La flauta mágica", sprach mit Susanne Burckhardt von Deutschlandradio Kultur über die aktuellen politischen Unruhen in Chile.  

Das Festivalportal zu "¡Adelante!" vom Theater Heidelberg in Kooperation mit nachtkritik.de finden Sie hier.

 

Kritikenrundschau

Einen "Volltreffer" vermeldet Matthias Roth in der Rhein-Neckar-Zeitung (online 2.2.2020). "Das Stück ist seltsam, gruselig, verwirrend – aber auch bezaubernd." Regisseur Antú Romero Nunes "vermischt das gruslige Geschehen der Märchen virtuos mit der guten Laune der Musik, die von fünf Musikern und dem Komponisten an der Perkussion mit viel tänzerischem Schwung realisiert wird."

Ralf-Carl Langhals schreibt im Mannheimer Morgen (online 4.2.2020): es handele sich bei dieser Inszenierung um eine "schräge Nummernrevue um eine schreckliche Schauermärchen-Kindheit" zwischen "Gleichgültigkeit und Kindesmissbrauch". Die aufführung sei "schrill, laut und wahnwitzig", in "starken Momenten" auch mal an "Wucht und Ästhetik der spanischen Meister-Performerin Angelica Liddell heranreichend". Für den "großen Wurf" wirke jedoch die Musik "zu harmlos" und zum anderen "das Spiel mit Darstellern aus sieben Nationen mehr gut gemeint als packend". 

 
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