Wenn die Geheimnisse verbraucht sind

von Michael Bartsch

Chemnitz, 1. Februar 2020. Eigentlich gibt es kein Entrinnen. Aus der eigenen Biografie nicht und nicht von dieser Bühne des Schauspiels Chemnitz. Pia Wessels hat sich nicht an die kursiv gedruckten detaillierten Anweisungen des Autors gehalten und eine Art Bühnenzimmer gebaut, dessen vielteiligen Rückwände zwar Auf- und Abgänge ermöglichen. Beim Drehen dieser Wandelemente aber erscheint deren spiegelnde Rückwand und wirft die Akteure umso gnadenloser auf sich selbst zurück.

Variationen des Banalen

In Max Frischs Lebenslaboratorium hat der Verhaltensforscher Hannes Kürmann in der Midlife-Crisis dennoch die Chance und auch den anfänglichen Willen, die Vergangenheit nicht nur anders zu interpretieren, sondern sie umzuschreiben. Was wäre, wenn ich mich in dieser oder jener Situation anders verhalten, anders entschieden hätte, der Zufall auf andere Weise eingegriffen hätte?

Biografie3 560 Dieter Wuschanski uSchicksalhaft verbunden: Andrea Zwicky als Antoinette und Andreas Manz-Kozár als Prof. Kürmann © Dieter Wuschanski

Dieses Spiel hat jeder in Gedanken schon einmal durchgespielt. Max Frisch macht daraus ein Spiel der Möglichkeiten wie in einer Inszenierungsprobe, das, was man heute Stückentwicklung durch die Akteure selbst nennen würde. "Variationen des Banalen" werden im Stück diese Schleifen genannt, die immer wieder zum Ausgangspunkt nach Ende einer Party wegen Kürmanns Ernennung zum Professor zurückkehren.

Beim Glockenschlag zwei Uhr morgens nämlich bleibt die junge Philologin Antoinette in Kürmanns Wohnzimmer zurück. In allen Variationen mit Ausnahme der letzten entwickelt sich daraus eine Ehe mit den üblichen Verschleißerscheinungen. "Wenn die Geheimnisse verbraucht sind", scheint es für Kürmann keinen anderen Weg zu geben, als Antoinette in einem Eifersuchtsanfall zu erschießen. Oder doch nicht?

Ein sensibler Choleriker

Zur Entstehungszeit des Werkes 1967 sprach man noch nicht von Selbstoptimierung. Dieser Hannes Kürmann, wie er uns in Chemnitz begegnet, ist auch kein Streber und Siegertyp. Er ist es allein schon deshalb nicht, weil ihm die Ideale einer Kommunistischen Partei wichtiger sind als seine Professur. Andreas Manz-Kozár zeigt treffend eine tragische Figur, die ernsthaft um die Korrektur ihrer Fehler bemüht ist und zögernd, aber dankbar die Chance zu einem Restart ergreift. Am wiederholten Scheitern zerbricht dieser grundehrliche Kerl nicht, und er wirkt auch dann nicht Mitleid heischend, als ihn eine schwere Krankheit in den Rollstuhl wirft. Man hat ihn ja zuvor auch aufbrausend erlebt, als einen sensiblen Choleriker sozusagen.

Biografie2 560 Dieter Wuschanski uSpiel im Spiegelrund: das Chemnitzer Ensemble auf der Bühne von Pia Wessels © Dieter Wuschanski

Nicht nur bei Manz-Kozár und seiner schillernden Zeichnung des Protagonisten sieht man, über welche darstellerischen Qualitäten das Chemnitzer Schauspielensemble verfügt. Mit einer kühlen Magie beherrscht eigentlich Andrea Zwicky als Antoinette die Szene. Sie muss in der vielfach variierten Schlüsselszene einfach nur an einer der zahllosen Zigaretten saugen, in ihrem hingehauchten Partyschwarz in voller Länge aufstehen, und schon versteht jeder, warum Kürmann ihr verfällt. Eine kluge, beherrschte Frau, und wenn lasziv, dann unaufdringlich.

Die Chemnitzer Spielfassung reduziert die zweite "Biografie"-Fassung aus dem Jahr 1984 auf vier Spieler. Statt Assistent und Assistentin agiert neben dem Spielleiter nur noch eine Spielleiterin. Magda Decker und Christian Ruth erliegen überhaupt nicht der denkbaren Gefahr, in diesem Spiel der Möglichkeiten wie durchgeknallte Regie-Autisten aufzutreten. Sie schlüpfen selbst in diverse Rollen, und als Spielleiter reflektieren sie spitz, gelegentlich sarkastisch das vermeintlich Schicksalhafte.

In der Seele gebohrt

Das Regiepult, auch das ist ein schöner Ausstattungseinfall, ist übrigens eine hölzerne Schulbank aus Omas Zeiten, passend zugleich zu Kürmanns Jugenderinnerungen. Historisch nicht ganz passt das "Dossier" der biografischen Aufzeichnungen auf einem Tablet-PC, wohingegen Highway to hell von AC/DC zeitlich zumindest mit Frischs Zweitfassung harmoniert.

Biografie1 560 Dieter Wuschanski uOperationen: in der Midlife-Crisis: Magda Decker, Andrea Zwicky, Andreas Manz-Kozár und Christian Ruth zeigen Max Frischs "Biographie: Ein Spiel" in Chemnitz © Dieter Wuschanski

Das ganze Spiel bleibt in der unaffektierten Regie von Kathrin Brune ohnehin stets dicht am spielfreundlichen Text, kann auf jede Art der Publikumsanmache verzichten. Auf Komödie, gar Slapstick ist das nie getrimmt. Die sparsamen Showeinlagen kommen organisch, eine Party darf eine Party im Nebelfluid sein.

Kathrin Bruns machte schon am Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau auf sich aufmerksam. Jetzt gibt es in Chemnitz Applaus für ihre tief seelenbohrende Inszenierung. Mehr als zwei unmerklich vergehende Spielstunden lang trägt die Spannung auch über Passagen vielsagenden Schweigens. Eine besondere Empfehlung für alle, die schon auf eine umfangreichere Biografie und ihre Widersprüche zurückblicken können.

 

Biographie: Ein Spiel
von Max Frisch
Regie: Kathrin Brune, Bühne und Kostüme: Pia Wessels, Dramaturgie : René Schmidt.
Mit: Andreas Manz-Kozár, Andrea Zwicky, Magda Decker, Christian Ruth.
Premiere am 1. Februar 2020
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.theater-chemnitz.de

 

Kritikenrundschau

Regisseurin Kathrin Brune zeige eine "Versuchsanordnung auf der Bühne der Bühne, schafft quasi eine doppelte Theatersituation", schreibt Maurice Querner in der Freien Presse (online 2.2.2020). Und trotz der zahlreichen "Verfremdungsversuche" könne man sich "der wachsenden Verzweiflung des Professors, toll von Manz-Kozár gespielt, nicht entziehen". Brune verweigere sich einer "allzu gefälligen Inszenierung, die man an anderen Bühnen durchaus schon sehen konnte" und liefere stattdessen – "ganz im Sinne Max Frischs" – "sehr kluges, zeitloses Theater".

 
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