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Peter im Bällebad

von Rico Stehfest

Dresden, 7. Februar 2020. Aus der Psychiatrie heraus, also vom Ende her, erzählt er seine Geschichte, dieser Peter Holtz, und wie er dazu gekommen ist, das ganze viele Geld anzünden, es einfach verbrennen zu wollen, um es endlich los zu werden. Moritz Kienemann liegt dabei splitterfasernackt auf dem weißen Bühnenboden, der gesteppten, weichen Fläche seiner eigenen "Gummizelle", nackt aber nicht verletztlich. Er, der allen nur als Tor gilt, begrüßt das Publikum mit einem breiten Grinsen und lädt dazu ein, zu verfolgen, wie er seine Erinnerungen, seine Vergangenheit noch einmal durchspielt und zu diesem Zweck alle Figuren dieses Kaspertheaters noch einmal aufmarschieren lässt, als wäre das ein Heidenspaß.

Tor mit sich'rem Schritt

Das scheint es zu anfangs auch zu sein, die Geschichte von Peter Holtz, dem Knaben aus dem Waisenhaus, der in Ingo Schulzes Erfolgsroman schon zu Beginn seines ruhmlosen Lebens Anfang der 70er die Nichtigkeit der Geldwirtschaft erkennt und dabei so gar nicht naseweis wirkt. Desto grotesker erscheint eben, dass er in den Wendejahren ausgerechnet dank maroder Immobilien zum Millionär wird. Er, der holzköpfige, unverbesserliche Kommunist, der ewige Idealist, bewegt sich als einziger sicheren Schrittes über diesen unebenen Bühnenboden und damit durch die Zeit. Und gottgleich hängt über den Köpfen ein riesiger roter Ballon, den das Staatswappen der DDR ziert, als verkündete eine aufgehende Sonne grandiose Zeiten.

peterholtz 0007 560 fotosebastianhoppeMoritz Kienemann als Peter in seiner von Sabine Kohlstedt hergerichteten Gummizelle  © Sebastian Hoppe

Tatsächlich hat dieser Naivling in Friederike Hellers Uraufführung des Stoffes zunächst etwas von einer Witzfigur. Die Hosen sind zu kurz, ganz liebenswert, der Bub. Man mag noch lächeln, wenn er zum Christentum konvertiert, ohne gleichzeitig mit seinem Ziel, Berufsunteroffizier werden zu wollen, zu brechen. Christen, so findet er, seien ohnehin die besten Soldaten. Er wird unbeabsichtigt zum Sänger einer Punkband und die Stasi verliert ihn augenblicklich als IM, weil er lauthals jedem davon erzählt. Dabei meint er das gar nicht so. Taktierend ist Peter in keinem Moment. Er ist halt der ungestüme Idealist. Und in dieser Rolle überzeugt Moritz Kienemann in erster Linie durch unbändige Energie. Dass genau das sein Ding ist, hat er bereits in Inszenierungen wie "Neun Tage wach" nach dem Buch des Schauspielers Eric Stehfest gezeigt oder als Ferdinand in Schillers "Kabale und Liebe".

Funktionsfiguren, Zufälle und leere Bühne

Vor dieser Spielwut und der Auftritt-Abtritt-Dramaturgie der Vorlage geraten alle anderen Beteiligten, die sein Leben kreuzen, zu Randfiguren. Seien es seine Adoptiveltern oder der schmierige Lebemann Sascha Wolkow, alle haben ihre Auftritte und dürfen im Gegensatz zu Kienemann die Bühne wieder verlassen, weil sie einzig dazu da sind, zu illustrieren, dass Peter Holtz ja eigentlich gar nichts dafür kann. Nur für ihn gibt es keinen Ausweg. Dabei ist doch alles bloß ein Zufall.

peterholtz 0004 560 fotosebastianhoppe u"Wanna be singer in a Punk-Band ...?": Peter Thiessen, Torsten Ranft, Christine Hoppe, Jannik Hinsch, Moritz Kienemann © Sebastian Hoppe

Es ist Zufall, dass ihm Frau Schöntag ihr altes Haus schenkt, um das sich Peter mit sozialistischem Eifer kümmert, das ihm aber trotzdem unter dem Allerwertesten weg zu faulen droht. Irgendwann hat er vierzehn Häuser, oder fünfzehn. Transportiert wird das alles fast ausschließlich über die Dialoge; die Ausstattung ist extrem reduziert. Eine bescheidene Wimpelkette zum 65. Geburtstag von Frau Schöntag, ein paar Glühbirnen, die von der Decke hängen, wenn es um die Zukunft der "Glühlampenbude" geht. 5000 Arbeitsplätze stehen dort auf dem Spiel, nach der Wende, in den 90ern. 5000 Arbeitsplätze sind es, die Peter Holtz, der mittlerweile ein Kapitalist ist, aber keiner sein will, über die Klinge springen lässt. Warum? Weil er das Geld dazu hat.

Vom Ballon überrollt

Dabei hätte er in der Politik Karriere machen können. In die CDU ist er eingetreten. Es ging ganz gut voran für ihn, so, wie eben in allen Lebensbereichen. Die Wendezeit hätte ihn garantiert politisch nach oben geschwemmt. Nur hat Schulze an diesem so wichtigen Kipppunkt in der Geschichte einen Autounfall eingebaut, den Peter zwar überlebt, der ihn aber für ein halbes Jahr ins Koma versetzt. Und in jener Zeit war ein halbes Jahr eine Ewigkeit, so dicht lagen die Ereignisse. In der Inszenierung fällt einfach der rote Ballon vom Himmel und überrollt ihn. Eine Geste, die wohl als Ironie des Schicksals durchgeht.

peterholtz 0013 560 fotosebastianhoppe uVon der Wende platt gewalzt  © Sebastian Hoppe

Dieser geschichtliche Wendepunkt ist für die Inszenierung wie ein Dammbruch, auf den Ballon folgen hunderte kleinerer Bälle, es werden immer mehr, je reicher Peter Holtz wird. Nicht lange, und die gesamte Bühne verschwindet unter der Flut der Bälle. Peter im Glück. Dagobert Duck im Bällebad. Seine Schwester Olga ist noch vor der Wende nach Frankreich geflohen, um der Hässlichkeit der DDR zu entkommen. Diese Hässlichkeit wächst mit dem Kapitalismus in Peter heran, mit zunehmendem Wohlstand nimmt auch sein Körperumfang zu. Kienemann stopft sich dazu unermüdlich unzählige der Bälle in Hemd und Hose. So unbeweglich geworden scheint er seine traumwandlerische Sicherheit zu verlieren. Peterchens Mondfahrt nimmt ein bitteres, leeres Ende. Der Holzweg ist mit Geldscheinen gepflastert. Kommunistische Ideale haben im Kapitalismus keinen Bestand. Je mehr sich die Bühne mit Bällen füllt, desto seltener betritt sie eine der weiteren Figuren. Peters Entfremdung wird immer deutlicher. Dabei ist er die Unschuld in Person. Er würde doch so gerne alles dafür geben, wenn er nur wüsste, was richtig ist. Am Ende ist er auch nichts anderes als ein Spielball, ohne Aussicht auf Erlösung aus dem Hamsterrad des Kapitalismus, der ihn groteskerweise ohne Peters Willen mästet.

Viele Wahrheiten

Ingo Schulzes Roman in Dresden auf die Bühne zu bringen, ist eine zeitgemäße Geste, die über die sächsische Herkunft des Autors hinaus weist. Dieser kluge zeitgeistige Kommentar, der sich unter dem Mantel des Schelmenromans nur halbherzig versteckt, lässt sich auch als Verweis darauf lesen, dass jede einzelne Vergangenheit und damit jede subjektive Realität stets Wahrheit ist. Im Stück fällt die Frage nach "falschen" Ansichten. Hat sich Peter Holtz jemals zum Komplizen gemacht? So beginnt der Diskurs: Welche Wahrheit hätten Sie denn gern?

 

Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst
von Ingo Schulze
In einer Spielfassung von Friederike Heller
Regie: Friederike Heller, Bühne und Kostüme: Sabine Kohlstedt, Musik: Peter Thiessen, Licht: Olaf Rumberg, Dramaturgie: Kerstin Behrens.
Mit: Moritz Kienemann, Hans-Werner Leupelt, Christine Hoppe, Luise Aschenbrenner, Torsten Ranft, Betty Freudenberg, Jannik Hirsch und Peter Thiessen.
Premiere am 7. Februar 2020
Dauer: 2 Stunden und 15 Minuten, keine Pause

www.staatsschauspiel-dresden.de

 

Kritikenrundschau

"Ingo Schulzes opulenter Wenderoman brachte eine Figur ins Spiel, die das ideologische Fundament der BRD mit derselben schelmischen Affirmation kenntlich machte wie das der untergegangenen DDR: Auch das Wirtschaftssystem des Westens hat nichts Natürliches an sich und folgt ideologischen Vorgaben," so Eberhard Spreng im Deutschlandfunk (7.2.2020). "Friederike Heller hingegen erzählt nur den DDR-Teil der Geschichte romantreu. Der zweite Teil ihrer Inszenierung ist nichts weiter als eine billige Passionsgeschichte."

Friederike Heller könne mit dem ganzen Stoff, der im Roman verhandelt wird, zu wenig anfangen, findet Stefan Petraschewsky im MDR Kultur (2.2020) "Es reicht nur für die schon tausendfach erzählten Klischeebilder über DDR, über die Stasi, über Junge Gemeinde und Helmut Kohl in Dresden und so weiter." Unterm Strich sei es "braves, uninspiriertes Germanisten- und Dramaturgen-Theater" gewesen. "Ein Theater, das mit Schauspielern und ihren Körpern nichts anzufangen weiß. Sie zu reinen Textaufsagemaschinen degradiert."

"Die Inszenierung gewinnt nicht die wunderbare Doppelbödigkeit mit Anspielungen auf die Jetztzeit wie das Original“, schreibt Rainer Kasselt in der Sächsischen Zeitung (10.2.2020). Anders als im Roman seien die meisten Figuren Karikaturen. Aber Moritz Kienemann verkörpere die Titelfigur "hinreißend", und zum Schluss finde die Aufführung doch noch "zu Ingo Schulzes großem Roman zurück".

Die Spielfassung von Friederike Heller erwecke "den seltenen Eindruck (…), hier handele es sich ursprünglich um einen dramatischen Text", lobt Michael Bartsch in den Dresdner Neuesten Nachrichten (10.2.2020). Moritz Kienemann zeige sich "zum wiederholten Mal in einer Fünfsternerolle", und sonst wäre "nur mit Zögern (…) aus dem durchweg inspirierten und animierenden (…) Spielerensemble jemand herauszugreifen".