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Das Drama der Erinnerung

von Martin Thomas Pesl

Villach, 7. Februar 2020. Manchmal meint man, der Theatergott müsse gewürfelt haben. Da trifft Israels bekanntester lebender Dramatiker auf eine Grande Dame deutschsprachigen TV- und Bühnenschauspiels in der größten Nicht-Landeshauptstadt Österreichs, um auf einer winzigen Off-Studiobühne, die mangels Alternativen als das dortige Stadttheater dient, eine Uraufführung zu feiern. Das ist schon merkwürdig.

Stars in Kärnten

Die Stadt ist Villach (62.000 Einw.), das Theater die Neue Bühne mit etwa 80 Plätzen, verteilt auf fünf Sitzreihen (im Foyer läuft schon die Werbung für die nächste Boulevardkomödie). Die Schauspielerin ist Tatja Seibt, Jahrgang 1944, eine viel herumgekommene Allesspielerin vom Format einer Angela Winkler, nur weniger berühmt. Und der Autor ist der auch schon betagte Joshua Sobol, Experte für dramatische Biografien und in Österreich bekannt, weil ihn Paulus Manker nach Groß-Erfolg mit Weiningers Nacht auch als Gebrauchstexter für theatrale Großprojekte wie "Alma" und "Falco" buchte.

mother 2 560 Patrick C Klopf uTatja Seibt und Mirko Roggenbock, im Hintergrund Michael Erian © Patrick C. Klopf

Sobols neues Stück "Hello Mother, Goodbye Son!" ist das Gegenteil von größenwahnsinnig, es ist ein Kammerspiel für zwei. Dem Genre Biografie bleibt Sobol treu: Wir begegnen der Autorin von "Das Drama des begabten Kindes", der Psychologin Alice Miller (1923 bis 2010), auf ihrem Sterbebett, nun ja, Sterbesessel, neben ihr ein Tropf mit tödlicher Infusion, die sie nach Belieben selbst starten kann. Alles auf der breiten Bühne ist klinisch weiß, die Kostüme grau. Raum und Inszenierung der Regisseurin Christine Wipplinger erzählen Seelenkrankheit. Ein braver Live-Musiker begleitet, meist unbeleuchtet, auf zwei verschiedenen Blasinstrumenten.

Rückblenden in ein schwieriges Leben

Miller beschrieb in ihrem Bestseller den Kindern eigenen Narzissmus und empfahl Müttern, diesen zu fördern. Bei ihrem eigenen Sohn Martin scheint sie das nicht so gut hingekriegt zu haben. Er, selbst Psychologe, veröffentlichte nach ihrem Tod keine Abrechnung, aber eine Kritik an der Vorgangsweise seiner Mutter und eine Beschreibung ihres Lebens. Auf diesem Buch beruht Sobols Stück, das damit beginnt, dass Martin und seine Mutter sich vor deren Freitod aussprechen wollen. Von diesem Rahmen ausgehend fallen Schlaglichter auf Alice’ bewegte Vergangenheit: Die Warschauer Jüdin geriet einem gewalttätigen Polen in die Hände, der sie vor der Gestapo versteckt hielt. Nach ihrer Flucht in die Schweiz spürte er sie dort auf, sie heirateten.

mother 3 560 Patrick C Klopf u© Patrick C. Klopf

Das alles muss schnell gehen, der Abend dauert nur 75 Minuten. Entsprechend flach und schwer mit Leben zu füllen bleiben die Dialoge, sie dienen ohnehin nur der Vermittlung biografischer Informationen. Und auch sonst hat es der Schauspieler Mirko Roggenbock neben Tatja Seibt wahrlich nicht leicht. Anfangs sitzt sie leger mit überschlagenen Beinen in ihrem Sessel, als hätte Kerner sie zum Talk geladen, und lässt die an ihr abprallende Daueraggression des Juniors überzogen wirken. Dann muss Roggenbock zusätzlich zu Martin Miller auch dessen Vater und Großvater spielen. Seibt verkörpert ihrerseits stets dieselbe Person, aber in unterschiedlichen Altersstufen. Das führt zu etwas schiefen Zweierkonstellationen, was Seibt mit bemerkenswerter Frische und einer gewissen Magie des Schauspiels alter Schule vergessen macht, während Roggenbock sowieso alle Szenen anlegt wie ein Hörspiel.

Fadenriss wird zur Performance des Erinnerns

Man staunt also über das krasse Leben der Alice Miller und die Wachheit der 75-jährigen Spielerin – und dann passiert es: Alice soll ihr Geburtsdatum nennen, und Tatja Seibt kommt durcheinander. Die Souffleuse springt bei. Seibt wird den Faden nicht mehr finden, auch nicht, als die Figuren wieder in der Gegenwart des Jahres 2010 sind und Martin sagt, er verstehe sie jetzt viel besser. Einen Abschlussmonolog soll sie halten, irgendwas mit Kakerlaken, und das Publikum wird Zeuge eines einzigartigen Moments in dieser Kammer in Kärnten: Es sieht einer großen Schauspielerin bei der Arbeit zu.

Seibt ringt um jedes Wort, hält sich den Kopf, steht auf, reißt selbstvergessen am Infusionskabel, sinkt den Tränen nahe in ihren Sessel zurück, rügt die Souffleuse, wenn sie ihr zu früh eingesagt hat, fleht verzweifelt: "Bitte hilf mir!", wenn zu lange nichts kommt. Daneben sitzt hilflos der Bühnensohn, bis Seibt / Miller den Text durchhat und die Schleuse für das Gift öffnet. So mündet dieser Premierenabend in eine Performance über das Erinnern, die mehr dramatisches Potenzial hat als der von Seibt vergessene Text. Dieser Moment ist nicht geplant, er wird sich so nie wiederholen. Aber wäre es doch ein Regiezugriff gewesen! Wäre das nicht wundervoll? Eine weitere Geste des unergründlichen Theatergottes.

 

Hello Mother, Goodbye Son!
von Joshua Sobol
Deutsch von Matthias Naumann
basierend auf "Das wahre ‚Drama des begabten Kindes‘" von Martin Miller
Uraufführung
Regie und Bühne: Christine Wipplinger, Videodesign: Isabella Weger, Kostüme: Michaela Wuggenig, Maske: Michaela Haag, Licht und Ton: Gerald Samonig, Dramaturgie: Martin Dueller.
Mit: Tatja Seibt, Mirko Roggenbock, Live-Musik: Michael Erian.
Premiere am 7. Februar 2020
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.neuebuehnevillach.at

 

Kritikenrundschau

"Wie Tatja Seibt und Mirko Roggenbock den Machtkampf umsetzen, Zeitsprünge und Rollenwechsel bewältigen, zwischen Verzweiflung, Verleugnung und Verdammung changieren, geht unter die Haut", schreibt Karin Waldner-Petutschnig von der Kleinen Zeitung (9.2.2020).

"Welche inneren Dramen sich auf diesem Lebensweg abgespielt haben, Tatja Seibt vermittelt es mit berührender Verletztheit." Die hohe Emotionalität führe Michael Erian mit seinem Saxofon erlösend in Musik über. "Und dass Christine Wipplinger die Intuition für die Inszenierung solcher Zeittexte hat, wird hier bestätigt", schreibt Michael Cerha im Standard (10.2.2020).