Amour fatale

von Alexander Jürgs

Mainz, 9. Februar 2020. Ist dieser Albert vielleicht doch gar nicht so ein besonnener Langweiler? Der Griff jedenfalls, mit dem er sich Werthers Schenkel nähert, hat etwas Frivoles, Forderndes. Zu dritt vergnügen sich Lotte, Albert und Werther auf einem Baustellengerüst, von oben filmt die Kamera das Ganze, wirft die Projektion überlebensgroß auf die hintere Bühnenwand. Da verknoten sich die Körper, da wird geschmust, da wird es unübersichtlich. 

Eintauchen in die Zeit?

Gibt es hier womöglich ein Happy End, eine glückliche, antibürgerliche Ménage à trois? Denkste. Allzu schnell nimmt die Geschichte, die Johann Wolfgang Goethe vom 4. Mai 1771 bis 24. Dezember 1772 spielen lässt, wieder ihren bekannten Lauf: Lotte bleibt bei ihrem Albert, Werther flüchtet zum Arbeiten an den Hof, Lotte und Albert heiraten, Werther versucht es ein zweites Mal, wird wieder abgewiesen, erschießt sich.

Werther Julian von Hansemann Lisa Eder Sebastian Brandes 560 c Andreas Etter 3Utopischer Moment: Julian von Hansemann, Lisa Eder, Sebastian Brandes © Andreas Etter

Als mit viel Popkultur gespickte Komödie inszeniert Brit Bartkowiak diese "Amour Fou" auf der großen Bühne des Mainzer Staatstheaters, in bunten Farben, mit viel Musik, mit viel zur Schau gestelltem Gefühl, mit Slapstick. Aber auch als Befragung, als Nachsinnen darüber, wie man sich einem solch bedeutungsschwangerem Klassiker wie den "Leiden des jungen Werthers" als Theatermacherin heute annehmen kann. Vom "Schutzmantel der Figur" ist die Rede, die drei hervorragenden Darsteller Sebastian Brandes, Lisa Eder und Julian von Hansemann machen sich "Angebote", wie die berühmte Szene, in der Lotte ihren Geschwistern vom Brotlaib abschneidet, denn zu spielen sei. Oder sie debattieren darüber, wie das hinhauen kann, "in die Zeit einzutauchen". Während sie das Stück spielen, schauen sie gleichzeitig von oben kritisch darauf.

Mansplaining mit Werther 

Dabei wird auch die Lotte-Figur einer feministischen Inspektion unterzogen. Mit Verve wütet Lisa Eder gegen die Frauenfiguren, die immer nur "die Schwester von", "die Geliebte von", "die Tochter von" sein dürfen. Was interessiert, was denkt Lotte? Das spielt bei Goethe keine große Rolle. Stattdessen gibt es die Typen, die "lange genug auf einen einreden, um es Gespräch zu nennen". Der Werther als Mansplainer: Falsch ist das gewiss nicht. "Wir Lottes haben nicht gelernt zu sprechen", resümiert frustriert die Umworbene.

Werther Lisa Eder Julian von Hansemann 560 c Andreas EtterLisa Eder, Julian von Hansemann © Andreas Etter

Die Inszenierung hat starke, temporeiche Momente, pompöse Bilder. Der Tanz von Lotte und Werther, mit zackigem Hamburger-Schule-Soul unterlegt, mit einem riesigen Video-Kussmund, mit schwindelerregenden Drehungen auf der Bühne. Eine Karaoke-Nummer zu Elton Johns und Kiki Dees "Don't Go Breaking My Heart". Werther, der die schwarze Farbe auf die Leinwand klatscht, den Körper beschmiert. Das traurige Daniel-Johnston-Lied "True Love Will Find You In The End", das immer wieder angestimmt wird. Auch die Stückfassung, die die schwülstigen Verse des Stürmers und Drängers mit der heutigen Alltagssprache konterkariert, überzeugt.

Zwischen Befragung und Überwältigung

Ein Manko ist dagegen die Unentschlossenheit der Inszenierung. Denn Bartkowiak will beides: den Roman auf überwältigende Weise erzählen – und seine Geschichte und Darstellung reflektieren. Das erste gelingt ihr famos, auch dank der wunderbar spielwütigen Darsteller. Die Auseinandersetzung über das Theatermachen aber ist nicht immer von Gewinn. Gerade in den ersten Szenen kommt dabei wenig mehr als der eine oder andere Lacher heraus. Aus der eigentlich sehr berührenden Inszenierung nimmt das leider Fahrt raus.

Werther
Nach Johann Wolfgang von Goethes Briefroman "Die Leiden des jungen Werthers"
Fassung von Brit Bartkowiak und Boris C. Motzki
Regie: Brit Bartkowiak, Bühne: Hella Prokoph, Kostüme: Carolin Schogs, Musik: Ingo Schröder, Video: Kai Wido Meyer, Licht: Stefan Bauer, Dramaturgie: Boris C. Motzki.
Mit: Sebastian Brandes, Lisa Eder, Julian von Hansemann.
Dauer: 1 Stunde und 45 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-mainz.com

 

Kritikenrundschau

"Schlüssig" und "überzeugend gespielt" findet Jens Fredriksen die Inszenierung in der Allgemeinen Zeitung (11.2.2020). Nur die Schlusspartien gerieten zu "wortreich", der Abend habe eine Viertelstunde zuviel. "In der Summe aber gelingt den Mainzern eine kluge Vergegenwärtigung eines schon verloren geglaubten Stoffes von vorvorgestern."

"Es dürf­ten die Schul­klas­sen nur so strö­men in nächs­ter Zeit – zu Recht", schreibt Eva-Maria Magel in der FAZ (11.2.2020). Nur das Her­aus­tre­ten aus den Fi­gu­ren und das De­bat­tie­ren der Schau­spie­ler dar­über, wie denn nun was ge­spielt wer­den kann und soll, habe "et­was so Selbst­ver­lieb­tes und Ener­vie­ren­des hat, dass man dar­über bei­na­he die Stär­ken die­ses Abends ver­ges­sen könn­te". Aber ingesamt schaffe es Bart­ko­wi­ak doch vor allem, "ei­nen drei­di­men­sio­na­len 'Wer­t­her' zu kon­stru­ie­ren, der al­len drei Fi­gu­ren, nicht nur dem na­tur­ge­mäß her­aus­ra­gen­den und von Ju­li­an von Han­se­mann auch her­aus­ra­gend ge­spiel­ten Wer­t­her, Raum und Spra­che gibt".

"In der Zwölften in den Achtzigern haben wir uns über solche Inszenierungen die Köpfe heißgeredet, das stimmt", erinnert sich Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (online 12.2.2020). Das von Brit Bartkowiak ins Rennen geschickte Team trimme "schauspielerisch unangreifbar motiviert" den "Werther" auf Komödie und präsentiere, die Mühen, die diese Einrichtung als Komödie koste, "dazu im großen Stil". Die "Ironie" in dieser Inszenierung sei "vielleicht das Traurigste" daran. "Sie signalisiert ohne Unterlass, dass man das alles heute irgendwie albern findet, und da ist ja auch etwas dran (…)."

 

 
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