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Scheitern inklusive

von Sophie Diesselhorst, Janis El-Bira und Georg Kasch

Berlin, 19. Februar 2020. Im November 2019 wurde am Berliner Ensemble (BE) sehr kurzfristig eine Premiere abgesagt: im Theaterbetrieb eine merkwürdige Begebenheit, aber nicht automatisch ein Skandal. "Pussy – eine Ode an die Männlichkeit" von Stephanie van Batum sollte im Rahmen des Autorenprogramms herauskommen. Das ließ dann doch aufhorchen: Denn diese Sparte des BE hatte schon vorher merkwürdig viele Signale der Unruhe produziert.

Dabei präsentierte BE-Intendant Oliver Reese sie zum Antritt seiner Intendanz 2017 als Herzstück seines Vorhabens, das BE zum "zeitgenössischen Autorentheater" umzugestalten. Als Leiter des Autorenprogramms wurde der prominente Dramatiker Moritz Rinke vorgestellt. Ausgesuchte Autor*innen sollten unter Rinkes Anleitung, mit ausreichend Zeit und Geld ausgestattet – und vor allem: in enger Zusammenarbeit mit Regisseur*innen und Schauspieler*innen –, Stücke entwickeln. Als erste Namen wurden die Romanautorin Olga Grjasnowa, der "Spiegel"-Journalist Dirk Kurbjuweit und der Filmregisseur Burhan Qurbani genannt, als Förderer die Heinz-und-Heide-Dürr-Stiftung vorgestellt, die damals gerade erst unter Protest aus der Förderung des Stückemarkts des Berliner Theatertreffens ausgestiegen war.

"Ihr seid ja vom Film, hier läuft das anders."

Das erste öffentliche Ergebnis des Autorenprogramms war dann jedoch keine Premiere, sondern der Ausstieg von Moritz Rinke im Juni 2018. Die Zusammenarbeit ende "aufgrund unterschiedlicher künstlerischer Auffassungen", hieß es vom Theater. Erste Premiere im Autorenprogramm war dann – erst im Februar 2019 – Kriegsbeute von Burhan Qurbani und Martin Behnke. Im März folgte mit Der letzte Gast von Árpád Schilling Premiere Nummer zwei. Zur Nachtkritik ging ein Kommentar der beteiligten Schauspielerin Bettina Hoppe ein, der es wichtig war anzumerken, "dass weder die Rollenprofile noch der Plot auf Improvisationen der SchauspielerInnen zurückgehen". Hoppe: "Das alles war von Árpád Schilling und seiner Co-Autorin von Anfang an so geschrieben."

Der letzte Gast3 560 JR Berliner Ensemble u"Der letzte Gast" von Arpád Schilling war die zweite Premiere im Rahmen des Autorenprogramms © JR Berliner Ensemble

Bereits vor Premiere Nummer drei rumpelte es im April vernehmlich, als der Dramatiker Mario Salazar nach einem Endprobenbesuch an die Redaktion schrieb: "Falls nachtkritik.de über die Aufführung von 'Amir' berichten wollte, möchte ich Sie gerne wissen lassen, dass es sich hierbei nicht mehr um eine Uraufführung handelt. Ich wurde am Dienstag das erste Mal zu einer Probe vorgelassen und konnte feststellen, dass von meinem Text nichts mehr übrig geblieben ist." Premiere Nummer vier wäre "Pussy – eine Ode an die Männlichkeit" von Stephanie van Batum gewesen. Einzig Premiere Nummer fünf, Alexander Eisenachs Stückentwicklung Stunde der Hochstapler, die Eisenach auch selber inszenierte, ging ohne vernehmliche Nebeneffekte über die Bühne.

Denn auch die beiden Autoren von "Kriegsbeute" hat die Teilnahme am Autorenprogramm alles andere als glücklich zurückgelassen, wie sie uns im Gespräch Anfang Dezember 2019 berichten. Dabei hatte Burhan Qurbani und Martin Behnke die Suche nach einer "großen Geschichte", mit der Oliver Reese laut Qurbani an sie herangetreten war, zunächst einmal gereizt. "Beim Film hat man immer so viele Auflagen und muss die ganze Zeit mitrechnen", sagt Qurbani, "und im Theater bin ich endlich frei davon. Dachte ich." Eine "epische Familiengeschichte" habe das Haus sich gewünscht, und Qurbani und Behnke lieferten mit "Kriegsbeute" eine Satire über eine im Waffenhandel reich gewordene Industriellen-Sippe.

BurhanQurbani 280 MalikVitthalBurhan Qurbani, Ko-Autor von "Kriegsbeute" © Malik VitthalDoch schnell sei ihnen klar geworden, dass ihr filmrealistischer Zugriff auf den Stoff – Behnke ist u.a. einer der Mitautoren der Netflix-Serie "Dark", Qurbanis neuer Film, an dem Behnke ebenfalls mitschrieb, läuft im Wettbewerb der Berlinale – am Theater auf Widerstand stößt. "Ihr seid ja vom Film, hier läuft das anders" sei ein Satz gewesen, den sie mehr als einmal zu hören bekommen hätten. Mit der Uraufführungsregisseurin Laura Linnenbaum habe es im Vorfeld nur wenige, wenn auch sehr produktive Treffen gegeben, dann jedoch habe man sich "aus den Augen verloren". Zu Proben seien sie nicht eingeladen worden – beziehungsweise erst zur zweiten Hauptprobe, wo es "für jeglichen konstruktiven Input natürlich zu spät war" (Behnke). Burhan Qurbani findet das seltsam, war ihnen doch eine enge Zusammenarbeit von Ensemble, Regie und Autoren in Aussicht gestellt worden. Stattdessen habe das BE, so Behnke, mit seinem Anspruch, "alles kontrollieren zu müssen", die Entwicklung einer solchen Werkstattatmosphäre, eines "Biotops", erschwert.

Ein Missverständnis sei gewesen, dass die Autoren ursprünglich ein viel zu langes Stück abgeliefert hätten: 100 Seiten, basierend auf ihren Erfahrungswerten beim Film, wonach eine Seite im Skript circa einer Minute auf der Leinwand entspricht. Am Theater zählt man aber drei bis fünf Minuten pro Seite. Das hatte zur Folge, so Qurbani und Behnke, dass das BE mit Blick auf den nahenden Premierentermin unter Druck geraten sei und diesen Druck auch an die Autoren weitergegeben habe. Vor Weihnachten 2018 hätten sie dann vom Theater eine um 30 Seiten gekürzte, "umgeschriebene" Fassung ihres Stücks erhalten, mit der Bitte, das jetzt noch zu "polishen, dass es einigermaßen swingt und man die Holperer nicht mehr hört". Danach habe sich Frustration breitgemacht. Qurbani: "Wir waren grundverunsichert, was wir überhaupt noch dürfen." Er verstehe zwar die Idee, dass es eine "Regiefassung" geben müsse, aber "nicht im Kontext eines Autorenprogramms". Die Situation habe ihn sich "dumm" fühlen lassen – "theaterdumm", wie er traurig hinzufügt.

martinBehnkeNEU 280Martin Behnke, Ko-Autor von "Kriegsbeute" © Burhan QurbaniIhre Arbeit am BE sei "nicht die geilste Erfahrung" gewesen, sagt Martin Behnke, "aber beim Fernsehen macht man auch nicht so viele geile Erfahrungen". Dort jedoch sei wenigstens der "Deal mit dem Autor" klarer, weil es explizit darum gehe, "ein Produkt zu erzeugen". Das BE habe bei "Kriegsbeute" aber eine noch größere "Kontrollwut" an den Tag gelegt, als er es vom Fernsehen kenne. Als erste Produktion des Autorenprogramms hatte "Kriegsbeute" schließlich am 22. Februar 2019 Premiere.

Die zweite Premiere des Autorenprogramms folgte im April 2019, allerdings hatte Mario Salazars Stück "Amir" da schon eine komplizierte, jahrelange Vorgeschichte hinter sich. 2015 war Oliver Reese an Salazar herangetreten mit dem Auftrag, das Buch "In den Gangs von Neukölln. Das Leben des Yehya E" des Journalisten Christian Stahl mit Stahl zusammen für die Bühne zu adaptieren. Im Rahmen des Autorenprogramms. Während des Schreibprozesses überwarfen sich die Ko-Autoren und reichten jeweils eigene Fassungen ein; das BE entschied sich für Salazars Version und verteidigte sie 2018 sogar noch vor Gericht gegen eine Plagiatsklage Stahls.

Showdown vor der Premiere

Zeitsprung ins Frühjahr 2019, nachdem Nicole Oder vom Theater als Uraufführungsregisseurin engagiert worden war: "Ich durfte genau eine Probe sehen, drei Tage vor Aufführung", berichtet Salazar. "Da war noch ungefähr ein Satz übrig aus meinem Text – der vorher abgenommen worden war vom Theater und von dem mir auch während der Proben immer wieder gesagt wurde: Wir machen diesen Text. Es wird eine Uraufführung." Das BE habe so getan, als gäbe es eine Zusammenarbeit, und dann einfach was anderes auf die Bühne gebracht.

BE 560 sdDas Berliner Ensemble (BE) © sd

Nach seinem Probenbesuch kurz vor der Premiere habe es einen Showdown gegeben: "Nach der Probe gab es eine Besprechung mit Clara (Topic-Matutin, Kuratorin und Mitglied der Künstlerischen Leitung und Oliver Reeses Lebensgefährtin), Oliver (Reese) und Nicole (Oder). Oliver hat Nicole Oder angebrüllt: Sie hätte den Text nicht inszeniert. Es wirkte aufgesetzt. Er hat vor mir so getan, als hätte er das an dem Abend erst erfahren. Nicole hat sich gewehrt: 'Ich lass mich hier so nicht behandeln!' Clara und Oliver haben alles auf Nicole abgeschoben. Dabei ist das ihr Ding! Es ist ihr Haus. Es ist ihr Abend. Clara war die ganze Zeit bei den Proben dabei, sie hatte es in der Hand, was draus wird."

Im Gespräch bestätigt Nicole Oder Salazars Darstellung dieser Szene. "Die BE-Leitung hat in den Endproben einen destruktiven Raum geschaffen: durch Kleinmachen von Künstler*innen, durch unbegründete, vernichtende ästhetische Urteilsverkündungen und ständige disziplinatorische Versuche", so beschreibt es Oder. Das BE habe "keine klare Haltung gezeigt und sich vor einem konsequenten Umgang mit den Konflikten gedrückt. Am Ende standen zwei Wahrheiten im Raum: der Stücktext und die Inszenierung."

Unter großem Druck

Auch ihr habe ein klarer Rahmen für die Zusammenarbeit mit Salazar gefehlt, sagt Oder. Das Theater habe kein ausreichendes Forum für einen Diskurs geschaffen, "der sich mit der Frage beschäftigt, was diese enge Zusammenarbeit konkret bedeutet". "Das Haus scheint mir unter großem Druck zu stehen", summiert Oder ihre Erfahrungen.

Salazar macht als die zentralen Probleme einen "Aufführungszwang" aus, unter dem das Haus stehe, sowie das Fehlen eines kompetenten Leiters des Autorenprogramms nach Moritz Rinkes Weggang. "Mit seinem Ausfall gab es niemanden, der das Autorenprogramm übernommen hat, was, glaube ich, für alle Autor*innen, die daran beteiligt waren, nicht gut war."

"Es war ja gerade die Idee, aus dem BE ein Autorentheater zu machen, mit der Reese den Zuschlag für das BE bekommen hat. Und diese Idee kam von Moritz Rinke", so Salazar, der seine eigene Theorie zu den Gründen von Rinkes Weggang hat: "Wenn es darum geht, Dramen zu schreiben, ist Moritz Rinke zehnmal kompetenter als Herr Reese. Vielleicht hat das Herrn Reese gestört, jemanden am Haus zu haben, der so sehr in der Öffentlichkeit steht und der kompetenter war als er."

05 Amir foto 560 JR Berliner Ensemble"Amir" nach Motiven des Dramas von Mario Salazar; Regie: Nicole Oder © JR Berliner Ensemble

Reese selbst wiederum macht gerade den Zeitraum rund um den Weggang von Moritz Rinke rückblickend als "schwierige Phase" aus. Im Interview, zu dem er uns im Januar gemeinsam mit der Leitenden Dramaturgin Sibylle Baschung im BE empfängt, erklärt er, dass für Rinke die "Zweiteilung" zwischen eigener Autorentätigkeit und Leitung des Programms vermutlich schwierig gewesen sei. Sein Stück Westend, das schließlich am Deutschen Theater Premiere hatte, sei in einer Zeit entstanden, "als hier sehr viel zu tun war". Auf Nachfrage und mit diesen Aussagen konfrontiert, erklärt Moritz Rinke selber nur, dass man das Autorenprogramm an sich und die Probleme, die es jetzt "leider habe", von der "Konstellation Reese-Rinke" trennen müsse – "da spielten andere Dinge eine Rolle".

Warum aber wurde die Position, die Moritz Rinke bekleidet hatte, nicht neu besetzt? Eine ausgewiesene Leitungsfigur für das Autorenprogramm sucht man auf der Webseite des BE vergebens. Oliver Reese hat darauf bei unserem Gespräch eine deutliche Antwort: "Wir brauchen keine neue Hierarchie. Die Verantwortung liegt jetzt bei der Dramaturgie und der Theaterleitung." Man habe momentan "feste Verabredungen" mit fünf Autor*innen, die über die kommenden Jahre mit ihren Stücken zur Uraufführung kommen sollen. Auch Reese selbst will im nächsten Jahr als Regisseur im Autorenprogramm in Erscheinung treten.

Manchmal rumpelt es

Es gehe, sagt er, um eine Zusammenarbeit "vom ersten Moment der gemeinsamen Themenfindung an". Vorschläge für diese Stückthemen kämen "sowohl von den Autoren als auch von uns". Es liege, sagt Reese, auch an dieser durchgehend engen Anbindung, dass es "natürlich auch manchmal rumpelt". Es täten sich, so Sibylle Baschung, in diesem Prozess immer wieder Fragen auf, die nicht nach einem "Schema F" beantwortet werden könnten: "Wie und mit wem lässt sich ein Prozess gestalten, der auf das gleichberechtigte Zusammenspiel der ästhetischen Kräfte – Schreiben, Inszenieren, Spielen – abhebt? Wie früh bringt man wen zusammen? Die Antwort darauf gestaltet sich je nach Künstler*in immer wieder anders."

Zudem gelte: "Beim Autorenprogramm ist Scheitern inklusive." Es habe durchaus Autor*innen gegeben, bei denen es "über den Versuch nicht hinausgekommen" sei. So bestünde etwa auch die Möglichkeit, dass Autor*innen zunächst (bezahlte) Entwürfe anfertigten und anschließend für beide Seiten auch der Ausstieg aus der Zusammenarbeit offen stehe. "Das ist das Modell des Londoner Royal Court oder des National Theatre", fügt Oliver Reese hinzu. "Dort werden über hundert Stücke evaluiert, einige im eigenen Haus inszeniert und etliche weitere dann für andere Theater im ganzen Land freigegeben."

Rinke Moritz c Joscha Jenneen uMoritz Rinke blieb nur eine knappe Saison Leiter des Autorenprogramms am BE © Joscha Jenneen Das könne das BE so aber nicht leisten. "Das Ziel bei uns ist es, dass wir die Stücke spielen", sagt Reese. "Wir sind ja kein Verlag, sondern ein Theater." Und dabei gehe es auch ganz konkret um Stoffe und Stücke, die nachspielbar sein sollen, also nicht nur eine öffentlichkeitswirksame Uraufführung einbrächten. "Früher war man gewohnt, dass Stücke nachgespielt werden. Zehn-, zwanzigmal. Thomas Bernhard, Botho Strauß, Elfriede Jelinek." Das sei heute längst nicht mehr so, die Hits müsse man suchen. Deshalb sei der Anspruch des Autorenprogramms auch, Stücke entstehen zu lassen, die mindestens am Neuen Haus, möglicherweise aber auch auf der Hauptbühne gezeigt werden könnten. Nachwuchsprogramme, so Oliver Reese, gebe es ja durchaus. Das Autorenprogramm jedenfalls wollen er und Baschung nicht in erster Linie als ein solches verstanden wissen.

Doch genau hier scheint sich ein Graben zwischen der Wahrnehmung vieler der am Programm beteiligten Autor*innen und der des BE aufzutun. Dass Burhan Qurbani und Martin Behnke sich verunsichert und mithin alleingelassen fühlten, können Reese und Baschung nicht nachvollziehen. Reese selbst habe zu Beginn des mehrjährigen Prozesses Qurbani "anfangs mehrfach getroffen", dann habe Clara Topic-Matutin das Projekt betreut, später kam noch eine eigene Gastdramaturgin hinzu, zählen sie auf.

LauraLinnenbaum 280 SophieLinnenbaumLaura Linnenbaum, Regisseurin von "Kriegsbeute" © Sophie LinnenbaumRegisseurin Laura Linnenbaum beschreibt den Prozess auf Nachfrage folgendermaßen: "Es gab ein gegenseitiges Interesse und eine Auseinandersetzung, die wurde allerdings zunehmend defizitär. Zusammenfassend kann ich sagen: Der Themenstoff war komplex, die Zusammenarbeit ebenso. Sosehr ich das Prozesshafte einer solchen Zusammenarbeit schätze, ist man durch den Ablauf am Theater an gewisse Fristen gebunden, Bühnenbild, Kostüm und Besetzung entstehen dabei aus der gemeinsamen Auseinandersetzung mit einem finalen Text. Kommt die letzte Version erst drei Tage vor Probenstart, wird es schwierig, in angemessener Weise in der Vorbereitung zu reagieren. Fragen, die man sonst im Vorfeld drehen und wenden kann, müssen nun schneller szenisch gelöst werden."

Im Ergebnis "ist eine Inszenierung entstanden, die in Struktur und Sprache dem Text folgt", wie Sibylle Baschung sagt. Ein Ergebnis, über das offenkundig niemand besonders glücklich ist. Aber, fragt Reese: "Wann ist man am Theater schon mal restlos glücklich?"

Unerwartet abgesetzt

Im Interview sprechen Reese und Baschung offen und explizit über die einzelnen Produktionen und ihre Eindrücke – leider wollen sie das meiste davon nicht veröffentlicht sehen. Der Fall der abgesagten Premiere "Pussy – eine Ode an die Männlichkeit" wird deshalb hier rekonstruiert aus den Zeugnissen mehrere Beteiligter, die anonym bleiben wollen bzw. müssen, und der Ansicht einer Proben-Aufzeichnung.

"Pussy – eine Ode an die Männlichkeit" wurde im November 2019 wenige Tage vor der Premiere abgesagt – "aus künstlerischen Gründen" werde es "auf einen späteren Zeitpunkt verschoben", ließ das Theater verlauten. Und weiter: "Man hat die Hauptprobe abgewartet und sich dann zusammengesetzt. Man ist gemeinsam zum Entschluss gekommen, dass die Aufführung so noch nicht gezeigt werden kann."

Das wirkt nun doch etwas seltsam bei einer zwar jungen, aber erfahrenen und erfolgreichen Regisseurin. Bekannt wurde van Batum mit ihrer in München entstandenen und im deutschsprachigen Raum tourenden Produktion "Don't Worry Be Yoncé" (in einer XS- und einer XL-Version), die regelmäßig an den Münchner Kammerspielen und am Schauspielhaus Bochum lief, 2018 zu Radikal jung eingeladen war und auch am Berliner Ensemble gezeigt wurde.

Reese 20170530BEPK 560 MatthiasHornBE-Intendant Oliver Reese © Matthias Horn

"Pussy" war als Stückentwicklung geplant. Reese schildert das so: "Wir haben ihr die Möglichkeit gegeben, durchs Autorenprogramm schlichtweg ein paar Monate vorbereiten zu können. Selbstverständlich bezahlt. Also zusätzlich zum Regiehonorar ein nennenswertes Recherchehonorar." Entsprechend hat van Batum geforscht, wie sie in einem Beitrag von Deutschlandfunk Kultur berichtet: "Ich musste das erstmal wirklich recherchieren. Ich habe einen Vater und einen Bruder und habe dann erstmal bei denen oder bei männlichen Freunden gefragt: 'Hey, bist du in einer Krise?' Und eigentlich haben die meisten nein gesagt. Und da musste ich ein bisschen weitersuchen: Wo kommt denn das plötzlich her? Und dann bin ich in die Online-Recherche gegangen."

"Pussy – eine Ode an die Männlichkeit" hätte ein böser Abend über Männlichkeit werden sollen, voller Archetypen und Klischees. Im Internet stieß van Batum auf Incels, Pickup Artists, Burschenschafter, entwürdigende Aufnahmerituale, sexuellen Missbrauch – und ein Sprechen über Frauen, das jeder Beschreibung spottet. Van Batum wollte einen jungen, nach Orientierung suchenden Mann in die Alice'schen Wunderwelten des Internets schicken, so schildert sie es im Radio. Und weil misogyne Männer etwa auf 4chan davon ausgehen, dass Frauen im Netz keine Rolle spielen, hätten auf der Bühne nur Männer stehen sollen. Das Stück-Ensemble sei aus sehr unterschiedlichen, auch unterschiedlich sozialisierten Männern zusammengestellt worden, die ihre eigenen Biographien mit in die Arbeit einfließen lassen sollten: "Das war die Idee und das fanden wir ein tolles Projekt", sagt Oliver Reese. Van Batum widerspricht: "Die Schauspieler-Biografien zu nutzen war nie der Plan. Ich wollte Beispiele toxischer Männlichkeit zeigen, sie vorführen und ausstellen."

Entgiftung über Humor

Das Stück besteht zum großen Teil aus realen Aussagen, die in den entsprechenden Foren und auch in der "realen Welt" getätigt wurden. Ändern könne sie diese Männlichkeitsfanatiker mit ihrem Stück natürlich nicht, für das Publikum aber erhoffte sich van Batum einen positiven Effekt: "Ich hoffe, dass wir es schaffen, eine Entgiftung über Humor und Lachen zu erreichen, und ich will gleichzeitig auch informieren, dass es das gibt. Aber keine Angst, keine Sorge: Wenn wir darüber lachen können, dann kommen wir auch darüber hinweg."

Nun kann sich ein künstlerisches Team in Inszenierungsprozessen verrennen, das passiert immer wieder. Außerdem sind künstlerische Prozesse kaum objektiv zu beurteilen. Aber Absagen sind so alltäglich nun auch wieder nicht. Bei der Sichtung eines Mitschnitts der ersten AMA-Probe ergibt sich das Bild einer Inszenierung im Werden. Sicher ruckeln die Übergänge, sicher fehlt es einigen Figuren noch an Schärfe. Aber immer wieder entstehen bissige, bittere Tableaus, etwa eine Szene, die die Kuppelshow "Herzblatt" parodiert, oder das Finale, in dem sich der missverstandene Mann ans Kreuz schlagen lässt. In jedem Fall wäre es eine Produktion geworden, die polarisiert.

SybilleBaschung 280 RUDI.RENOIR.APPOLDTSibylle Baschung, Leitende Dramaturgin am BE © RUDI.RENOIR.APPOLDT

Von dieser mitgeschnittenen Probe ist auch die Rede in einem BE-Statement, das nachtkritik.de gleich nach der Absage einholte: "Es gab bereits ab einer Woche vor der Premiere von 'Pussy' nach einer Durchlaufprobe konkrete Gespräche zwischen Leitung, Dramaturgie, Regieteam und dem gesamten Ensemble über die Umsetzung des Inszenierungskonzepts. Ziel dieser Gespräche war selbstverständlich zu jeder Zeit, gemeinsam einen Weg zu einer Premiere zu finden." Auch aus unserem Gespräch mit Reese und Baschung geht hervor, dass Reese danach umfangreiche Änderungen einforderte. Eine Person aus dem Umfeld der Produktion sagt zudem, dass Reese einen Tag später die Regisseurin vor dem gesamten Team in einer Art und Weise heruntergeputzt habe, wie besagte Person es noch nie erlebt habe.

Wenige Tage und intensive Proben später kam es dann zu einem weiteren Probenbesuch Reeses. "Danach haben wir erst einmal innerhalb der Dramaturgie des Hauses gesprochen, dann mit der Regisseurin, mit dem Team und mit den Schauspielern", sagt Reese. "Und da gab es die widerspruchslose Entscheidung von dem gesamten Ensemble und von allen, die dabei waren, dass wir diese Aufführung jetzt so nicht zeigen können." Warum? "Eine Aufführung nicht zu zeigen, ist für alle ein schmerzlicher Prozess, der nur in Grenzen nach außen darstellbar ist." Seine Begründung, die er im Gespräch noch dargelegt hatte, zog Reese im Autorisierungsprozess wieder zurück.

Interessant ist: Die "gemeinsame" Absage aus dem öffentlichen Pressestatement nach der Premierenabsage bezieht sich in der BE-Antwort auf unsere Nachfrage nur noch auf Reese und seine drei Dramaturg*innen: "Die endgültige Entscheidung wurde – gemeinsam mit drei nicht an der Produktion beteiligten Dramaturgen – einstimmig nach einem weiteren Probenbesuch (erste Hauptprobe) getroffen. Die Entscheidung wird von den Schauspielern mehrheitlich unterstützt, bzw. verstanden und akzeptiert."

Mindestens einer der Schauspieler war mit dieser Produktion nicht glücklich. So reagierte Paul Zichner auf einen Instagram-Post Benny Claessens', der Reese selbst toxische Männlichkeit vorwarf, mit einem Statement auf Facebook: "Wir alle hatten schon während der Proben große Probleme mit dem sehr einseitigen, dünnen und humoristisch eher fragwürdigen oder zumindest diskursiven Konzept. (…) Es ging um Inhalte, nicht um Machtverhältnisse."

Kampf um Wörter

Laut van Batum hingegen standen aber neben ihr und ihrem Team auch andere Schauspieler bis zum Ende hinter dem Abend. Natürlich habe es aus dem Ensemble Kritik und Diskussionen gegeben an einzelnen Entwicklungen, so van Batum. "Aber das ist normal bei einer Stückentwicklung. Niemand wollte den Abend absagen, bis Reese die Probe besuchte. Ich könnte hier mehr ins Detail gehen, möchte dies aber aus rechtlichen Gründen nicht tun."

StephanievanBatum 280Stephanie van Batums "Pussy" kam nicht zur Premiere © Federico PedrottiIm Gespräch, in dem Reese die Absage der Premiere kommunizierte und man über ein vom BE vorbereitetes Pressestatement verhandelte, versuchte van Batum nach eigenen Angaben, sich gegen die Wörter "gemeinsam" und "verschoben" zu wehren – erfolglos. "Ich wollte nach all den durchgearbeiteten Nächten vor allem, dass dieser Alptraum ein Ende nahm." Von einer Verschiebung der Arbeit ist allerdings im Gespräch mit Reese keine Rede mehr. Auf die Frage, ob er van Batum noch eine Chance geben würde, sagt er: "Mit diesem Stoff sicherlich nicht. Aber generell? Lassen wir das erstmal ein bisschen verrauchen ..." So erweisen sich die zwei zentralen Behauptungen der Presseaussendung als etwas eigenwillige Interpretation der Geschehnisse: Weder ist man "gemeinsam zum Entschluss gekommen" – jedenfalls wurde dieser Entschluss nicht von van Batum mitgetragen – noch wurde die Inszenierung "auf einen späteren Zeitpunkt verschoben".

Van Batum sagt, für sie sei es "eine sehr heftige und bizarre Erfahrung" gewesen: "Meiner Meinung nach war das nicht richtig so, wie es gelaufen ist. Ich habe mich getraut, unterstützt und mit einem sicheren Gefühl etwas Experimentelles zu machen, und wurde vom Anfang bis Ende von Clara Topic-Matutin begleitet und bestärkt. Und dann kam Reese. Und innerhalb weniger Tage wurde, so habe ich es erlebt, all meine monatelange Arbeit zunichtegemacht. Es fühlte sich für mich nicht wie konstruktive Kritik, sondern schlicht brutal an. Ich fühlte mich als dumm und unfähig vorgeführt. Meiner Ansicht nach hatte ich keine Chance, mich da zu wehren. Ich stand und stehe immer noch hinter meiner Arbeit, und hätte es gerne dem Publikum und den Kritikern überlassen, zu entscheiden, ob meine Arbeit gelungen war oder nicht."

Schreiben vs. Spielen

"Pussy – eine Ode an die Männlichkeit" ging am Berliner Ensemble nicht über die Bühne, sondern vielmehr als Verlustgeschäft in die Jahresbilanz ein. Und die hier geschilderten Beispiele und Aussagen zeigen, dass die Probleme des Autorenprogramms nicht allein auf individuelle künstlerische Differenzen zurückzuführen sind, wie sie an jedem Haus und in unterschiedlichsten Konstellationen auftreten. Vielmehr wird deutlich, dass die grundsätzliche Schieflage zwischen Autor*innentätigkeit und Theater-Tagesbetrieb am Beispiel des BE paradoxerweise gerade deshalb so augenfällig wird, weil das Theater sie auszublenden versucht. Oliver Reese hat recht, wenn er betont, das BE sei "kein Verlag, sondern ein Theater". Und dass ein Theater Stücke auch spielen will, idealerweise häufiger als für eine Aufführungsreihe, versteht sich ebenfalls von selbst. Wohl auch deshalb bezeichnet Reese die Produktion von "Amir" – trotz aller Spannungen im Entstehungsprozess – als jene, die im bisherigen Programm als Theaterabend am meisten überzeugt habe: "Ich finde, 'Amir' ist eine fantastische Aufführung geworden, die wir mit großem Erfolg weiter spielen."

Doch Schreiben und Spielen bleiben zwei verschiedene, jeweils für sich überaus sensible Tätigkeitsfelder. Autor*innen sind zwar an ihre vertraglichen Verabredungen und Deadlines gebunden, bleiben in ihrem Schreiben aber zunächst vor allem sich selbst verpflichtet. Am Theater hingegen muss der Premierenvorhang hochgehen – und ob und wie das geschieht, entscheidet die Arbeit Vieler, von den Autor*innen über das Regieteam und Ensemble bis hin zu den Gewerken.

Kriegsbeute 560 JRBerlinerEnsemble"Kriegsbeute" von Martin Behnke und Burhan Qurbani in der Regie von Laura Linnenbaum © JR Berliner Ensemble

Das Label des Autorenprogramms suggeriert jedoch schon im Namen, wer hierbei eigentlich im Mittelpunkt stehen sollte. Doch für die Einflechtung der Autor*innen in die theaterspezifischen Arbeitsprozesse scheint das BE nicht ernsthaft eine neue Struktur bauen zu wollen. Sibylle Baschung sagt zwar selbstkritisch: "Wenn ich auf den bisherigen Prozess gucke, dann hat sich das alles noch nicht so eingespielt, wie es wünschenswert ist." – Aber auf die Frage, welche Maßnahmen man plane, um die Zusammenarbeit zu verbessern und auf den hohen Anspruch eines "neuen Modells der Zusammenarbeit" von Autor*innen, Regie und Spieler*innen hinzuarbeiten, kommt weder von ihr noch von Oliver Reese eine konkrete Antwort.

Die von uns kontaktierten Autor*innen sind sich einig in der Beschreibung eines enormen Produktionsdrucks – und undurchsichtiger Kommunikation. Mit dem Zuständigkeitsvakuum nach dem Weggang von Moritz Rinke scheint die Theaterleitung selbst jedoch gut leben zu können. Als "künstlerische Beraterin" war Clara Topic-Matutin in alle drei der hier thematisierten Produktionen involviert, sie wird aber offiziell nicht als Leiterin des Programms geführt. Dass sie zudem die Lebensgefährtin des Intendanten ist, trägt nicht zur Transparenz der Strukturen bei.

Zeit, diese Strukturen zu überarbeiten, wird dem Berliner Ensemble indes weiterhin gewährt. Die finanzielle Unterstützung des Programms durch die Heinz und Heide-Dürr-Stiftung steht nicht in Frage. Von dort heißt es auf Nachfrage: Die Stiftung nehme keinen Einfluss auf Inhalt der Produktionen noch auf Entscheidungen zum Spielplan. "Die Förderung von Autoren und Autorinnen ist immer riskant, da die Stücke am Ende immer noch inszeniert werden müssen. Programme wie das Autorenprogramm am BE brauchen Zeit und immer wieder auch eine kritische Reflexion und die Möglichkeit der Nachbesserung. Die Heinz und Heide Dürr Stiftung setzt daher auf langjährige Partnerschaften, auch wenn über die Förderungen in der Regel jedes Jahr in den Gremien der Stiftung neu entschieden wird. Die Förderung des Autorenprogramms am BE wird in der nächsten Spielzeit weiterlaufen."