Das Lied hat ein Ende

von Willibald Spatz

München, 23. Februar 2020. Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss? In Euripides' "Medea" ist die Titelheldin eine Frau, die mit ihren Entscheidungen und Handlungen die blödsinnige, von Männern etablierte Ordnung in Frage stellt. Sie zertrümmert sie sogar mit ihrer radikalen Schlusshandlung. Genau daran ist Regisseurin Karin Henkel interessiert. Bei ihr ist der Chor ein Mädchenchor, und an dem Punkt ihrer Inszenierung im Residenztheater, an dem Medeas Entschluss unumkehrbar ist, skandieren die Mädchen: "Das endlose Lied von der schwachen Frau hat nun ein Ende!"

Sei kein Frosch, Medea

Der Einstieg des Abends ist nahezu verdächtig heiter und unverbindlich. Zwei Jungs und ihr Aufpasser spielen mit einem ferngesteuerten Boot in einer Pfütze auf der Bühnenmitte. Sie erzählen die Vorgeschichte, wie Jungs sie sich eben erzählen würden. Laserschwerter kommen zum Einsatz. Nicola Mastroberardino, der Aufpasser, muss sie manchmal daran erinnern, "lauter" zu sprechen. So wird klargemacht, durch welche verzwickten Verwicklungen "Mama und Papa" mit ihren Söhnen in Korinth gelandet sind, und die eigentliche Geschichte kann beginnen.

Medea 4 560 SandraThen uCarolin Conrad, Nicola Mastroberardino, Mädchenchor © Sandra Then

So harmlos dieses Vorspiel war, so ernst geht es weiter. Zunächst im erbitterten Duell zweier Frauen. Kreusa, die künftige Verlobte von Medeas Ehemann Jason, erniedrigt Medea, die Fremde in der Stadt, systematisch. Mit teuflischer Ruhe lässt Kreusa (Franziska Hackl) Medea (Carolin Conrad) ein neongiftgelbes Kleid anziehen und sie zwischen sich und ihrem Vater als Frosch hin und her hüpfen, bis diese aus Erschöpfung aufgibt. Ihr Ton bleibt dabei fröhlich gelassen: "Lustig soll es sein." Und Medea lässt das alles mit sich geschehen, sie schluckt, sie sinkt in sich zusammen.

"Ich will kein Mitleid!"

Ihr Aufbegehren erfolgt aber nur wenig später in der Auseinandersetzung mit ihrem Noch-Ehemann Jason. Aurel Manthei steht da wie ein Stamm: breitbeinig, durchtrainiert. Sein Wort hat Gewalt. Seine Miene zuckt nicht. Für seine Taten gibt es keine Alternative, keinen Zweifel in seinen Augen. Auch Medea werde bald einsehen, dass "ich klug und besonnen gehandelt habe". Gerade dieser Stoizismus macht ihn schwach und lächerlich. Doch nur mit Jason kann Medea noch reden: Kreon fällt komplett aus. In der schleimig kriecherischen Art, mit der Michael Goldberg ihn ausstattet, ist er einer der fiesesten und schönsten Bösewichte, die man sich vorstellen mag. Also brüllt Medea nun Jason an: "Ich will kein Mitleid! Ich bin kein Opfer!"

Medea 6 560 Conrad Manthei c Sandra Then Medea und Jason (über ihnen die Kinder): Carolin Conrad, Aurel Manthei © Sandra Then

Karin Henkel inszeniert das Stück als komplexes Beziehungsgeflecht, das schnell aus dem Gleichgewicht rutscht und auf die Katastrophe zuschlittert. Davon abgesehen ist auch visuell eine Menge geboten. Das Bühnenbild von Thilo Reuther erzeugt mit Lasern und Nebel einen sich nach hinten verengenden Raum, in dem sich die Figuren verlieren. Über ihnen steht ein mit Graffiti dekorierter Kinderaufbewahrungsraum, in dem Medeas und Jasons Söhne ihrem Tod Uno spielend entgegen warten. Der Mädchenchor ist in Schuluniformen gezwängt und taucht immer wieder aus den Seitentüren des Zuschauerraums auf, rückt dem Publikum nahe. Später, wenn Medea zur Tat schreitet, kommen die Mädchen in Zivil auf die Bühne.

Happy End

Dies ist eine neue Medea. Beinahe unheimlich entschlossen spielt sie Carolin Conrad. "Meine Zeit fängt jetzt erst an." Der Chor will sie abhalten. "So ihr Lieben, auf der Stelle töte ich meine Kinder", sagt sie, dreht sich um und kommt doch noch mal wieder. Drei Ansätze braucht sie. Die Kammer mit den Kindern fährt näher an sie heran. Den eigentlichen Mord, das Niederstechen der Kinder, während sie mit dem Kopfhörer vor dem Fernseher fläzen – diesen Anblick erspart uns Karin Henkel nicht. Das muss man sehen, kein Bote übernimmt das für einen.

Die Überraschung: Medea bekommt danach trotzdem ein Happy End. Zum Schluss sieht man sie mit dem König Aigeus aus Athen, der ihr Zuflucht gewährt hat, und zwei neuen Kindern, Töchtern diesmal. Der ungeheuerliche Mord war also nichts anderes als eine kluge und notwendige Investition ins künftige Glück.

Medea
nach Euripides, aus dem Griechischen von Peter Krumme
Inszenierung: Karin Henkel, Bühne: Thilo Reuther, Kostüme: Teresa Vergho, Musik: Arvild J. Baud, Sprechchorleitung: Alexander Weise, Licht: Tobias Löffler, Dramaturgie: Bendix Fesefeldt.
Mit: Carolin Conrad, Aurel Manthei, Michael Goldberg, Franziska Hackl, Nicola Mastroberardino, Niklas Lorenzen und Moritz Reitenbach / Adam Boushib und Paul Wressnig/ Samuel Schott, Chor: Enea Boschen, Thekla Hartmann, Almut Kohnle, Sandra Julia Reils, Tamara Romera Ginés, Berit Vander, Lilly Altmann, Maya Bernig, Emilia Diesinger, Lana Durner, Larissa Eickmann, Sofie Gulbrandsen, Lilli von Hehn, Emilie Karb, Julia Kroiß, Anne Kryszohn, Milla Kryszohn, Clara Lensch, Annick Lesjak, Clara Lipp, Lale Manthei, Scarlett McGrath, Agnes Pfeiffer, Thalia Schoeller, Maya Zankov.
Premiere am 23. Februar 2020
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.residenztheater.de

 

Kritikenrundschau

Handwerklich-technisch sei die Inszenierung "wirklich gut gemacht", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (24.2.2020). "Allein das Bühnenbild mit seinen Wasser-, Nebel- und Lasertechnikeffekten macht mords was her." Und doch: "Der feministische Ansatz von Karin Henkels Inszenierung kommt immer wieder eruptiv zum Ausdruck, hergeleitet und organisch erspielt wird er aber nicht, er bleibt aufgesetzt." Und weiter: "Dass Jason und sie einmal ein Liebespaar waren, das durch Pech und Schwefel ging - nicht die Spur davon in Henkels Inszenierung. Es passiert zu wenig zwischen den Figuren. Es fehlt das Blut. Es fehlt die Fallhöhe."

Aurel Manthei brilliere als "Kraftkerl Jason", heißt es im Donaukurier (25.2.2020). Hochdramatisch wie psychologisch bestens ausgefeilt sei die Inszenierung. Carolin Conrad liefere "eine schauspielerische Prachtleistung" ab.

Die getöteten Kinder seien hier einfach Opfer des Rachefeldzugs einer Gedemütigten. "Viel mehr sind sie Kollateralschäden einer entschlossenen Emanzipation von der Gesellschaft", schreibt Matthias Hejny von der Abendzeitung (25.2.2020). "Medeas Aufstand ist bei Karin Henkel ein Manifest für die absolute Gleichheit der Geschlechter."

 

 

 

 
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