Normal, das sind die anderen

von Andrea Heinz

Wien, 27. Februar 2020. Florian Zellers Stücke haben durchaus das Zeug zu modernen Klassikern. Der Franzose erzählt davon, wie viel Elend, Hilflosigkeit und Verzweiflung zwischenmenschliche Beziehung mit sich bringen können – erst recht, wenn eigentlich alle sich lieben und nur das Beste wollen. "Der Vater", 2012 uraufgeführt und 2019 mit Anthony Hopkins verfilmt, erzählt von einem demenzkranken Mann und seiner Tochter. Das Wiener Theater in der Josefstadt brachte das Stück 2016 hoch gelobt mit Erwin Steinhauer auf die Bühne, nun fand dort in der Regie von Stephanie Mohr auch die Österreichische Erstaufführung von Zellers "Der Sohn" statt.

DerSohn 1 560 MoritzSchell uFördern und Fordern: Marcus Bluhm, Swintha Gersthofer, Julian Valerio Rehrl © Moritz Schell

Der Text ist hoch dramatisch, auch und gerade weil die meiste Zeit kaum etwas passiert und nur geredet wird. Pierre (Marcus Bluhm) und Anne (Susa Meyer) leben getrennt, Pierre hat sich in eine andere Frau (Swintha Gersthofer als Sofia) verliebt und lebt mit ihr und dem gemeinsamen Baby zusammen. Soweit ist das in Frankreich und erst recht in Paris nichts besonderes, angeblich wird dort jede zweite Ehe geschieden (wobei das vielleicht auch einfach den beengten Platzverhältnissen in dieser Stadt geschuldet ist). Aber das hier ist keine Boulevardkomödie, auch wenn es bisweilen kurz den Eindruck macht. Denn es gibt ein Problem mit Annes und Pierres 17-jährigem Sohn Nicolas (Julian Valerio Rehrl): Er geht nicht mehr zur Schule, mit der Mutter gibt es nur noch Streit, schließlich zieht er zu seinem Vater und dessen neuer Familie. Ging es in "Der Vater" um die Vater-Tochter-Beziehung, so ist es hier jene zwischen Vater und Sohn.

Hartz IV-Strategie

Pierre will alles besser machen als sein Vater, der sich nie gekümmert hat, immer nur an die Arbeit und an die Jagd dachte. Er will Nicolas fördern, träumt von all den Möglichkeiten, die sein Junge hat und setzt den mit seiner gut gemeinten Hartz IV-Strategie (Fördern und Fordern) nur noch mehr unter Druck. Denn Nicolas ist nicht einfach nur zu faul, um die Wünsche und Pläne seines allzu wohlmeinenden Vaters zu erfüllen. Wenn man ihn reden hört, davon, dass er "es" nicht schafft und damit das Leben meint, fühlt man sich sehr an Alain Ehrenbergs "Das erschöpfte Selbst: Depression und Gesellschaft in der Gegenwart" erinnert, das von der Kehrseite der unendlichen Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung erzählt. Nicolas ist nicht faul, sondern depressiv. Nur will das niemand wissen und schon gar nicht hören. Es wird geredet und gerungen, alle wollen nur das Beste, niemand kann aus seiner Haut und am Ende fällt ein Schuss.

DerSohn 3 560 MoritzSchell uSchneiden fast durchs Herz: Julian Valerio Rehrl, Susa Meyer, Marcus Bluhm © Moritz Schell

Nicht zuletzt wegen des eindringlichen und facettenreichen Spiels von Bluhm und Rehrl schneiden einem vor allem die Vater-Sohn-Dialoge bisweilen fast durchs Herz. Der Vater redet von "müssen" und "wollen", rammt Motivationstrainer-artig die Faust in die Luft, haut dem Kind die Sportzeitung um die Ohren, wenn er sich anders nicht mehr zu helfen weiß. Der Sohn kauert wippend und schweigend in der Ecke, vermeintlich verstockt, in Wahrheit nur gefangen. Er kann es ihnen ja eh nicht erklären, das ist offensichtlich. Die Eltern wollen ihr "sonniges" Kind zurück, der Sohn nicht mehr leben und alle reden ständig von einem "normal"-Sein, das "alle anderen" sind, der Sohn aber nicht mehr, weshalb er es wieder werden soll.

Alles verschoben, alles falsch

Genial ist die Bühne von Miriam Busch: Der Fußboden in der Prenzlauer-Berg-Idylle von Pierre und Sofia fällt schräg ab, im Schnürboden hängt, gespiegelt, die komplette Einrichtung noch einmal von der Decke. Es scheint normal, aber in Wahrheit ist alles verschoben und falsch, immer kurz davor, zu kippen. So muss sich die Welt ausmachen für jemanden, der sich so fühlt wie Nicolas: Das, was alle normal finden, passt hinten und vorne nicht.

Der Abend hätte manchmal ein wenig mehr Tempo vertragen und die dramatische Musik an den dramatischen Stellen hätte man sich sparen können. Aber er verliert nie an Spannung, was vor allem an den tollen Schauspieler*innen liegt (neben der Familie Oliver Huether und Alexander Strömer als Arzt und Pfleger). Hervorheben muss man Julian Valerio Rehrl, der den Nicolas mit enormer Konzentration und Präsenz auf die Bühne stellt. So sehenswert der Abend aber ist, aushalten muss man ihn können. Weil er am Ende keinen Trost und keine Erkenntnis hat, es sei denn diese: Man muss die Entscheidungen, die ein anderer Mensch für sein Leben trifft, akzeptieren. Liebe reicht nicht immer aus, wie es im Stück einmal heißt. (Auch) so ist das Leben.

 

Der Sohn
von Florian Zeller (Deutsch von Annette und Paul Bäcker)
Regie: Stephanie Mohr, Bühne: Miriam Busch, Kostüm: Nini von Selzam, Licht: Manfred Grohs, Dramaturgie: Barbara Nowotny.
Mit: Marcus Bluhm, Julian Valerio Rehrl, Susa Meyer, Swintha Gersthofer, Oliver Huether, Alexander Strömer.
Premiere am 27. Februar 2020
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.josefstadt.org



Kritikenrundschau

Florian Zeller "kann Dialoge, Spannung und verschiedene Blickwinkel, seine Plots wurzeln in konkreten Alltagsproblemen", lobt Michael Wurmitzer im Standard (28.2.2020). "In den feinfühligen Händen von Regisseurin Stephanie Mohr läuft der Abend ohne Kitsch und Pathos und in bestem Realismus inszeniert ab und birgt einige intensive Momente." Der Abend sei vom Publikum "zu Recht heftig bejubelt" worden.

 

 
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