Arche, Bunker, Lazarett

von Michael Laaages

Cottbus, 29. Februar 2020. Sehr viel Abschied ist an diesem letzten Premierenabend des scheidenden Schauspieldirektors Jo Fabian am Staatstheater in Cottbus. Der eiserne Vorhang schließt die Bühne zu, auf ihn projiziert ist das kleine, das große Wort "Danke" – immerhin war Fabian der letzte verbliebene Anker und hatte das Theater retten helfen, als vor vier Jahren im stürmisch-hausinternen Drama die Intendanz das Theater verlassen musste. Er, der nie zuvor die Schauspielsparte eines Stadt- oder Staatstheaters geleitet hatte, aber bereits auf ein reiches Lebenswerk als freier Produzent und Regisseur zurückblicken konnte, war plötzlich der einzige, der mit den Ensembles des Hauses Kontinuität in Cottbus garantierte. Und mit eigener Handschrift formte er eine Art verschworener Gemeinde – im Schlussbeifall, noch bevor sich der eiserne Vorhang senkt, hat auch darum jeder und jede im Ensemble dieser letzten Arbeit jeden und jede umarmt; und Fabian alle.

Goethe-Kritik mit Nietzsche

Goethes "Faust" umarmt Jo Fabian eher nicht. Er stellt ihn aus, stellt ihn mit Friedrich Nietzsches Worten zur Diskussion und Disposition - "Goethes lächerlicher Faust" sollte das Zeug zum National-Epos haben? Ach. Selbst der Ober-Weimaraner aus Frankfurt habe ja selbstkritisch festgestellt, dass er zur Tragik gar nicht fähig sei… . Nachdem Jo Fabian im Herbst vorigen Jahres den "Faust"-Stoff selbst erarbeitete, eröffnet er nun die Goethe-Debatte unter dem Schriftzug "Antifaust", in blutroten Buchstaben auf einen halbwegs transparenten Vorhang gemalt. Und wie theoretisch der Abend womöglich wirken mag unter Nietzsches Motto – dieser "Antifaust" wird zum durch und durch theatralischen Ereignis, über den Goethe- und "Faust"-Diskurs hinaus: als Blick auf die letzten Tage der Menschheit, auch ohne Karl Kraus.

Antifaust 1 560x MarliesKross uDie Antifaust-Installation von Jo Fabian © Marlies Kross

Als Bühnenbildner entwirft Fabian vor allem eine Installation für die Drehbühne; sie nimmt Motive aus der "Faust"-Inszenierung auf, etwa die raumgreifenden Kreuze, die den Raum strukturieren. Axel Strothmann, der "Faust" war, ist nun abendfüllend mit der schweißtreibenden Vorstellung beschäftigt, er selber halte mit angespanntester Muskelkraft Fabians Bühnen-Skulptur in (langsamer) Bewegung. Im Zentrum (und in luftiger Höhe) stehen Boris Schwiebert als schwarzer und Annegret Thiemann als weißer Engel; sie prangt stumm unter riesigen Flügelschwingen, er hält klappernde Ketten in der Hand wie die Zügel der Pferde, die Faust und Gretchen im Finale des Originals hinab in die Hölle tragen sollen. Um beide Engel herum nistet das Ensemble auf mehreren Etagen in rund um die Bühne konstruierten Podest-Kästen. Kameramann David Kasperowski folgt ihnen und liefert Bilder für zwei Projektionsflächen, die sich mit drehen. So zwingend notwendig und effektiv genutzt wie hier war Video-Arbeit lange nicht mehr.

Rettung in einer zerstörten Welt

Der Text des ersten Teils besteht im wesentlichen aus Notizen und Reflektionen, mit denen Fabian als Regisseur und Dramaturg Jan Kauenhowen den originalen "Faust" begleitet hatten. Vor allem Goethes religiöse Untertöne für das Drama sind Ausgangspunkt für "Antifaust" – immer deutlicher wandelt sich das Ensemble zur Gemeinde, und wie auf Noahs Arche sucht es Rettung in der immer massiver verstörenden, sich zerstörenden Welt. In diesen Texten steckt der Kommentar: über Goethe, über "Faust", über all das, was wir gemeinhin als "deutschen Mythos" missverstehen. Nach der Pause, die ja eher ungewöhnlich ist für Fabian-Projekte und darum auch extra annonciert wird in feiner Ironie, beginnen dann Zeit und Geschichte persönlich mitzuspielen …

Antifaust 3 560x MarliesKross uDavid Kramer im Vordergrund © Marlies Kross

Weiter dreht sich die Installation – aber Vernichtung und Zerstörung haben gerade stattgefunden. Noch immer singen Sirenen über der Szenerie, wie über dem Luftschutzbunker, und auf den Etagen-Podesten liegen jammernd und zitternd Schwerstverletzte. Schwestern mit dem Roten Kreuz auf der Uniform huschen vom einem zur anderen; helfen können sie den meisten wohl nur noch beim Sterben. Als der Immer-noch-Faust das Rad, besser die Drehbühne der Geschichte für einen Moment der Hoffnung zum Halten bringt, sind die Schreie der Sterbenden erst recht zu hören – da dreht er lieber weiter. Eine Menge Geschichte zitiert Fabian jetzt herbei auf der Sound-Ebene: Stimmen, die nach der vorigen Menschheitskatastrophe 1945 die Illusion der neuen, besseren Welt danach zu schüren versuchten, etwa mit der Gründung der Vereinten Nationen. Von heute aus betrachtet, ist es wohl wieder nur ein zahnloser Völkerbund geworden.

Beispiellos bildgewaltiger Abend

Christus ist derweil vom Kreuz gestiegen (wo er im ersten Teil hing), blutüberströmt tappt er am drehenden Inferno entlang. Der weiße Engel hat die Flügel verloren und hängt in den Ketten, die zuvor die Pferde zügelten; der Kollege in Schwarz wetzt derweil nur noch die Sense. Dann treten diese beiden seitlich aus dem Bild, und eine Choreographie führt sie erstaunlicherweise final zueinander – vielleicht ein Momentchen der Hoffnung über den Trümmern der Apokalypse.

Ein bildgewaltiger Abend ist das, wie lange keiner mehr zu sehen war. Und obendrein wird er getragen von den Musikern Lars Neugebauer und von Chris Hinze, der aus Cottbus stammt, zur legendären Ost-Band Sandow gehörte und außerdem ein weltweit gefragter bildender Künstler ist – Hinzes Skulpturen stehen zur Premiere im Theater. Als Regisseur und Raumgestalter fächert dieser wunderbar einzelgängerische, unanpassbare Jo Fabian noch einmal (und eben leider zum letzten Mal in Cottbus) das komplette Repertoire der eigenen Handwerkskünste, der eigenen Handschrift auf: profunde intellektuelle Durchdringung von Material und Motiven, szenische Phantasie ohne Grenzen, Träume von Räumen, Bewegung und Klang. Dieser Künstler wird ja erst 60 – die Bühnen, an denen er von nun an arbeiten wird, nach Cottbus, dürfen gespannt sein. Der Abschied ist ein Meilenstein.

 

Antifaust
Text, Regie Bühne und Video: Jo Fabian, Kostüme: Pascale Arndtz, Videoprojektion: Jan Isaak Voges, Dramaturgie: Jan Kauenhowen, Live-Kamera: David Kasperowski, Live-Videoschnitt: Ron Petraß.
Mit: Michael von Bennigsen, Thomas Harms, Matthias Horn, Jan Kauenhowen, Maxine Kazis, David Kramer, Boris Schwiebert, Lisa Schützenberger, Axel Strothmann, Lucie Thiede, Susann Thiede, Annegret Thiemann, Jörg Trost und Statisterie. Live-Musiker: Chris Hinze und Lars Neugebauer.
Premiere am 29. Februar 2020
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, eine Pause

www.staatstheater-cottbus.de

 


Kritikenrundschau

Dieser "Antifaust" sei eine typische, "vielleicht die typischste" Fabian-Inszenierung, schreibt Daniel Schauff in der Lausitzer Rundschau (1.3.2020). "Sie ist nicht leicht, weniger im Sinne der Intellektualität, vielmehr im Sinne der Herausforderung, zweieinhalb Stunden vielmehr einer Installation als einem Theaterstück zu folgen. Bühne (Fabian), Musik (Hinze und Neugebauer), Kostüme (Pascale Arndtz) und die Idee aber machen den Antifaust sehens- und hörenswert."

Ein "herausragender Abschied des Schauspieldirektors und vor allem des Regisseurs Jo Fabian aus Cottbus" ist dieser Abend für Mattias Schmidt in der Oderzeitung (2.3.2020). Manche Szenen dieser "großen, zugleich betörenden und verstörenden Installation" seien "so eindringlich, so atmosphärisch dicht, so bedrückend, dass man kaum anders kann als gebannt zu staunen". Fabian "sucht (und findet!) eben nicht, was die Welt im Innersten zusammenhält, sondern das, was sie zerstört". Die Geschichte, die hier erzählt wird, sei "so komplex, so vielschichtig, so andeutungs- und ideenreich, so weit über den Faust-Stoff hinausgehend, dass man sie als die Geschichte der Menschheit wahrnehmen kann".

Über "eine Ideen-, eine Bild-, eine Klangorgie", die dieser Abend sei, berichtete Matthias Schmidt auch für die Sendung "Fazit" auf Deutschlandfunk Kultur (29.2.2020). Hier im Audio in der Mediathek nachzuhören

"Das Stammpublikum ... wurde noch einmal überrascht und berührt durch das Erlebnis eines multimedialen Gesamtkunstwerks von provokanter Aussagekraft," schreib Thomas Petzold in den Dresdener Neuesten Nachrichten (5.3.2020). Allein der in zeitgemäß raffinierter Verquickung von Handarbeit und Elektronik entstehende Soundtrack, den Chris Hinze (Sandow) und Lars Neugebauer zum Teil gemeinsam mit dem Ensemble oratorisch aufweiteten, lohnte das Kommen. 

Jo Fabians "Antifaust" ist aus Sicht von Jakob Hayner im Neuen Deutschland (10.3.2020) nicht nur ein fulminanter Abgang, "sondern vor allem außergewöhnliches und abenteuerfreudiges Theater, das weit über Cottbus hinausstrahlt." 

 
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