Traumwandler mit Blumenspritzen

von Sabine Leucht

Karlsruhe, 7. März 2020. Wie und ob "der totale globale Meltdown" aufzuhalten ist, beschäftigt derzeit die Gemüter. Corona ist womöglich nur ein Teil davon. In Peter Høegs 2014 erschienenem Roman "Der Susan-Effekt" haben die selbsternannten dänischen Eliten schon einen Plan B parat. Allerdings braucht es fast dreihundert Seiten, bis das dem Leser dämmert.

Den Empathieschalter umlegen

Bis dahin hat der Autor von "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" seine erneut hyperpotente Protagonistin in so viele Intrigenfäden und seltsame familiäre Gepflogenheiten verstrickt, dass man hin und her gerissen ist zwischen der Bewunderung seines Ideenreichtums und der Sorge über eine fast zwanghaft auf Mystifizierung zielende Phantasie.

SusanEffekt1 560 Felix Gruenschloss uIm Gewächshaus für die  Nahrung der Zukunft: Ute Baggeröhr  © Felix Grünschloss

Das Badische Staatstheater Karlsruhe hat diesen gesellschaftspolitisch brisanten Stoff nun für die Bühne adaptiert und mit der Uraufführung die schwedische Regisseurin Melanie Mederlind betraut. Die macht kurzen Prozess mit dem titelgebenden "Susan-Effekt" und lässt ihre Haupt-Susan Ute Baggeröhr gleich erklären, was es mit ihm auf sich hat: Wenn Susan ihren Empathie-Schalter umlegt, packen die Menschen ihre Seele und alle Geheimnisse aus.

Deshalb hat sie die Regierung beauftragt, das letzte Protokoll einer sogenannten Zukunftskommission zu beschaffen und damit sich und ihre Familie vor einer Gefängnisstrafe zu retten. Was genau es mit dieser als gesellschaftliches Frühwarnsystem initiierten "wissenschaftlichen Kristallkugel", ihren erstaunlich exakten Vorhersagen (vom Niedergang der Sowjetunion bis zum bevorstehenden Supergau) auf sich hat und warum wer was darüber wissen oder verheimlichen will, das ist so verworren, dass Baggeröhr-Susan zwischendurch aufstöhnt: "Das versteht doch kein Mensch!"

Weihnachtskugeln und Norwegerpullis

Mederlind flüchtet sich im ersten Teil ihrer auch ästhetisch dreigeteilten Inszenierung in die Ironie und kann dabei auch auf Høeg zählen, dessen Stil fast clowneske Züge hat. Wenn Ex-Zukunftskommissare in Waschmaschinen verenden oder die Experimentalphysikerin Susan Svendsen selbst nur knapp einem Mordanschlag entkommt, haut er ein um den anderen launigen Naturwissenschaftswitz und -vergleich heraus. In Karlsruhe hat man es bei nur einem Mord belassen und auch die schrägen Physik-Analogien reduziert.

Dennoch hat Mederlind ihre liebe Mühe mit dem Stoff. Da werden Erkenntnisse ausgebreitet, bevor sie ermittelt wurden. Da sitzen die anfangs synchron sprechenden Zwillinge Thit und Harald längst mit ihrem versonnen vor sich hin dirigierenden Komponisten-Vater in der Versenkung der Kleinen Bühne und polieren Weihnachtskugeln mit den Ärmeln ihrer Norwegerpullis, und noch immer geht Susan zwischen den kulissenartigen Türen im Bühnenhintergrund hausieren und erzählt davon, dass ihre Familie in Indien ist.

Es ist was faul im Staate

Die Regisseurin, die in Schweden und Norwegen auch Musik- und Tanztheater inszeniert, biegt die Actionkrimi-Vorlage zu einem albtraumhaften Italo-Horrorfilm-Szenario um. So ploppen immer wieder neue Figuren aus den mal aufklappenden und mal sich drehenden Türen wie schräge Vögel aus Kuckucksuhren – und Lichtstimmung wie Soundtrack liefern trashige Geisterbahn-Atmo satt. Dennoch kommt der Abend bis zur Pause nur holprig voran, weil er zu viel Handlung von allen Ecken und Enden des Romans teils hölzernen Erzählern in den Mund legt – nur um das Publikum auf den Stand zu bringen.

SusanEffekt2 560 Felix Gruenschloss uTom Gramenz, Ute Baggeröhr, Marie-Joelle Blazejewski © Felix Grünschloss

Auch die inneren Konflikte der Hauptfigur werden nicht wirklich lebendig, obwohl Baggeröhr eine zupackende und charismatische Schauspielerin ist und ihr mit Anna Gesa-Raija Lappe und Sonja Viegener zwei bezaubernde Susan-Doubles assistieren oder per Old-School-Festnetzleitung als Informanten zugeschaltet sind. Wenn auch zuweilen mit semi-witzigen Einlassungen wie "Es ist was faul im Staate Dänemark". Zu einem surrealen Peak kommt der Abend, als das ganze Ensemble geisterhaft-schön Jefferson Airplanes "Somebody to love" singt. Doch solche konzentrierten Momente und beherzten Zugriffe sind selten.

Mit Greta-Thunberg-Zöpfen

Nach der Pause gibt es noch einen davon. Da wandelt ein vielköpfiger Susan-Chor – alle tragen den gleichen roten Pagenkopf und das bieder geschnittene grüne 70er-Jahre Kleid – zwischen in Reih und Glied hängenden Pflanzkübeln, in denen die Nahrung für die Gesellschaft der Zukunft wächst. Diese Traumwandler tragen mit Blumenspritzen zur Verdichtung des Bühnennebels bei und mit einer fein orchestrierten Stimmencollage zur Aufklärung über den Ort, an dem die Familie Svendsen interniert ist, um den Wirklichkeits- und Verantwortungsflüchtigen nicht in die Quere zu kommen.

Dass der Ballon bei der Premiere nicht aufgeht, mit dem sich die dänische Crème de la Crème auf eine Pazifikinsel retten will, ist noch das lustigste am Schluss, der mit dem Oberschurken aufwartet, der zufällig Susans verschollener Vater ist und ein Susan-Kind erfindet, das weniger zufällig Greta-Thunberg-Zöpfe hat. Das fragt: "Können wir die Welt nicht retten, anstatt sie zu verlassen?" und beschließt den Abend nach fast drei Stunden mit dem Appell: "Wir müssen raus auf die Straße… zu den Menschen".

Zwar macht das Kind das prima. Aber so moralinsauer und überdeutlich muss man eine ohnehin schon moralische Fabel von Machtmissbrauch und "kollektiver Ethik" wirklich nicht beschließen.

 

Der Susan-Effekt
von Peter Høeg
aus dem Dänischen von Peter Urban-Halle
Dramatisierung: Marcel Luxinger
Uraufführung
Konzept und Regie: Melanie Mederlind, Bühne und Kostüme: Maike Storf, Judith Philipp, Dramaturgie: Eivind Haugland.
Mit: Ute Baggeröhr, Marie-Joelle Blazejewski, Tom Gramenz, Jens Koch, Alexander Küsters, Gunnar Schmidt, Timo Tank, Anna Gesa-Raija Lappe, Ursula Leuchte-Wetterling, Lisa Schlegel, Sonja Viegener und Helen Gorenflo / Laura Klima (als Kind-Susan)
Premiere am 7. März 2020
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.staatstheater.karlsruhe.de

 

Kritikenrundschau

Ein ironisches, "durchaus unterhaltsames" Wechselspiel hat Sibylle Orgeldinger gesehen und bemängelt in den Badischen Neuesten Nachrichten (9.3.2020) lediglich einen "ohnehin langen" moralischen Zeigefinger, der im zweiten Teil noch weiter hoch schieße – und: "Warum die (…) Ausstattung so viele Anspielungen auf die 70er Jahre enthält, bleibt ein Rätsel, ist der Stoff rund um Klimawandel, Ressourcenknappheit und finanzielle Ungleichheit doch ganz aktuell und wird dank Coronavirus-Krise mit zusätzlicher Bedeutung aufgeladen."

 
Kommentar schreiben