Die Rückkehr der Großen Erzählung

von Christian Tschirner und Lynn Takeo Musiol

"I've seen penguins, plutonium, pollution and pollen.
But I've never seen Nature at all."
Timothy Morton

11. März 2020. Es gab Zeiten, da war die Zukunft glänzend. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts zum Beispiel: Gottes Plan, ein Himmelreich auf Erden zu errichten, stand kurz vor der Verwirklichung. Christliche Sektierer in ganz Europa fühlten sich zu den unterschiedlichsten sozialen Experimenten ermutigt: Die englischen Levellers wollten die Privilegien des Adels abschaffen. Die Diggers oder True Levellers besetzten und bearbeiteten Land, verteilten die Erträge, um Handel und Geldwirtschaft zu beenden. Einige der Täufer und Mennoniten unterstützten die aufständischen Bauern in ihren Forderungen nach Auflösung der Klöster und Armenspeisung. "Natur, du bist mein Gott, dein Recht ist meins", deklariert Bastard Edmund selbstbewusst im "King Lear". Was die Zukunft brachte, war aber nicht das Reich Gottes, sondern die Neuzeit und mit ihr den Kapitalismus.

Zweifel an den Utopien

Anfang des 19. Jahrhunderts erkannte Hegel, dass der Weltgeschichte, wenn auch kein göttlicher Wille, so doch immerhin ein Geist innewohnt, der sie zwingt, sich nach bestimmten dialektischen Gesetzen zu einem vernünftigen Endzweck hin zu entfalten.

Illustration Winstanley Diggers280 uZeitgenössische Illustration der Diggers-Bewegung um Gerrard Winstanley 1649Nur kurze Zeit später stellte Marx diesen Weltgeist von seinem idealistischen Kopf auf materialistische Füße und beschrieb "objektive Entwicklungsgesetze“ der menschlichen Geschichte: Es wäre nur eine Frage der Zeit, bis der Kapitalismus an seinen eigenen Widersprüchen zugrunde gehen würde. Aber die objektiven Gesetze erwiesen sich als so unzuverlässig wie Gott. Der Kapitalismus hatte Bestand; eine siegreiche Revolution fand zwar statt, allerdings anders als von den Gesetzen vorgeschrieben in einem osteuropäischen Agrarstaat. Und die Straße dieser Revolution führte nicht in die glänzende Zukunft, sondern in ein irrwitziges System aus Arbeitslager und Terror.

Auf das "lange 19. Jahrhundert" folgte ein "kurzes 20. Jahrhundert" mit zwei Weltkriegen, Faschismus, Holocaust und Stalinismus (Hobsbawm). Die industrialisierte Barbarei diskreditierte die Vorstellungen vom Fortschritt als Bausteine dystopischer Realität. Karl Popper spricht deshalb von der Utopie als einem "Feind der offenen Gesellschaft" (Popper). Massenmorde und Terror konnten nicht mehr als peinliche Ausrutscher gedeutet werden, sie waren das logische Ergebnis des Glaubens an den zielgerichteten Gang der Geschichte (Sex-Pistols, No Future, 1977).

Die ewige Gegenwart

1979 verpasste der geläuterte Marxist Jean-François Lyotard diesen intellektuellen Bewegungen das einschlägige Buzzword und proklamierte das Ende der "großen Erzählungen" und damit das Ende des Zukunftsprojekts der Moderne. Eine verbindliche wissenschaftliche Rationalität, wie sie von den natur- und geisteswissenschaftlichen Theorien seit der Aufklärung postuliert wurde, ließ sich seiner Meinung nach nicht mehr legitimieren. Das von Lyotard eingeläutete postmoderne Denken bedeutete das Ende moderner Kategorien: der Geschichte, des Subjekts, der großen Erzählungen. Eine Epoche des Historischen gemäß dem Credo: das Ganze ist durch und durch unverfügbar, zerbrach die Vorstellung eines umfassenden politischen Projekts (teleologischer Irrtum!), das Universelle wurde durch das gestalterische wie schöpferische Selbst ersetzt.

Keine zehn Jahre nach Lyotards "Das postmoderne Wissen" kollabierte die Sowjetunion, und die Geschichte kam tatsächlich an ihr vorübergehendes Ende: beim Hegelianer Fukuyama. Den weltweiten Sieg der liberalen und kapitalistischen Demokratien interpretierte er bekanntermaßen als Endzustand. Die Zukunft war nichts anderes als eine in die Ewigkeit verlängerte Gegenwart. An der Grundstruktur der westlichen Gesellschaften, so die Verheißung der Posthistoire, werde sich fortan nichts Wesentliches mehr ändern. Der Rest der Welt hatte zwar Nachholbedarf, würde aber schon bald zum westlichen Endpunkt aufschließen. Das Drama antagonistischer, um Vorherrschaft ringender Kräfte war Geschichte. Die Gegenwart nicht mehr wirklich dramatisch.

It's nature, stupid

"Es ist paradox, aber die deterministische Sicht der Geschichte
förderte in meiner Jugendzeit politisches Engagement."

Sergio Benvenuto

Ein gutes Vierteljahrhundert später ist diese ewige Gegenwart endgültig zu Ende. Die Geschichte hat sich zurückgemeldet und mit ihr die für tot erklärte Große Erzählung. Die Wiederauferstandene handelt vom Aussterben abertausender Pflanzen und Tiere, von der Unbewohnbarkeit ganzer Kontinente, vom Zusammenbruch unserer Zivilisation, eingelassen in Begriffe wie Artensterben und Klimakrise. Das große Ende der Geschichte hat sich in eine große Geschichte vom Ende verwandelt.

Mauerfall 560 Lear 21 wikicommons org CC BY SA 3 0 uDas Ende des Kalten Krieges war nur scheinbar das Ende der Geschichte. © Lear 21, wikicommons.org, CC BY-SA 3.0

Diese neue Erzählung vom Ende erreicht uns nicht aus der Theologie, sondern aus einer Disziplin, die auf dem Feld der Prognostik eher zurückhaltend agiert: der Naturwissenschaft. Wir dürfen beunruhigt zur Kenntnis nehmen, dass uns ein erdgeschichtliches Drama erwartet, so überwältigend, dass es jeden anderen möglichen Konflikt überstrahlt. Anders als in der Großen Erzählung des Christentums oder in der des Marxismus steuert die vor uns liegende Zukunft auf kein bestimmtes Ziel zu, etwa Gottes Herrschaft auf Erden oder die klassenlose Gesellschaft. Sie ist somit weder Erlösungsmarkierung noch politische Ideologie, sondern sie wird uns von den planetarischen Grenzen diktiert. Wenn nach Marx der Mensch "die ganze Natur zu seinem unorganischen Körper macht", so muss er jetzt begreifen, was es heißt, diesen Körper gründlich zu ruinieren. Die Natur, dieser zweite, geschundene Leib des Menschen, fordert ihre Rechte.

Die Wachstumschimäre

Die Verunsicherung ist allumfassend: Wahrheits- und Wertekonzepte geraten unter der Perspektive klimatischer Unumkehrbarkeit in Erosion. Das Nebeneinander vollkommen widersprüchlicher Annahmen und Ansprüche machen die Groteske zum politischen Genre der Stunde. Das postmoderne Selbst steht fassungslos vor der Zumutung, sich zu einer objektiven Entwicklung in Verhältnis zu setzen, die seine/ihre Privilegien radikal in Frage stellt.

Eine der großen gesellschaftlichen Konfliktlinien war und ist die Frage nach Herkunft und Verteilung gesellschaftlichen Reichtums, der in der ökonomischen Wachstumsideologie als prinzipiell grenzenlos steigerbar suggeriert wurde. Als Antwort auf die Frage der Verteilungsgerechtigkeit konnte daher das Versprechen gelten, der Reichtum der happy few sei eines Tages für alle verfügbar. Selbst die Idee einer Revolution war an die Hoffnung geknüpft, die Unterdrückten würden danach so leben können, wie ihre vormaligen Unterdrücker.

Andersherum verhinderte die kontinuierliche Steigerung des Wohlstands aller (Fahrstuhleffekt), dass die objektive Kluft zwischen Arm und Reich zu einer revolutionären Situation führte. Gerade der Erfolg des Kapitalismus bei der Vermittlung des Widerspruchs zwischen Kapital und Arbeit hat die Entstehungen einer globalen Mittelklasse nach westlichem Vorbild ermöglicht, deren Konsumhunger die ökologische Krise dramatisch verschärft.

Smog 560 by Hildegard Armbruster pixelio deVerdunkelung der Zukunft: Das industrielle Wachstum aus fossilen Energieträgern zeigt seinen versteckten Preis © Hildegard Armbruster / pixelio.de

Mit der Rückkehr der Großen Erzählung ist der Traum grenzenlosen Wachstums ausgeträumt. Wohlstand und Lebensstil westlicher Industrieländer sind nicht universalisierbar. Neue Leitwährung globaler Gerechtigkeit ist der konkrete ökologische Fußabdruck (Gretchenfrage: Wie hältst Du's mit der Emission, Dude?). Dabei ist die CO2-Konzentration in der Atmosphäre nur eine der planetaren Belastungsgrenzen, deren Überschreitung unser Überleben gefährdet: Bei der atmosphärischen Aerosolbelastung, den biochemischen Kreisläufen (Phosphor- und Stickstoffkreislauf), der Landnutzungsänderung (Waldverbrauch) als auch der Biodiversität gelten die Grenzwerte bereits als überschritten.

Der Fahrstuhl nach unten

Für die globalen Mittel- und Oberschichten kann das nichts anderes bedeuten, als den gemeinsamen Fahrstuhl nach unten zu besteigen. Eine Vorstellung, die nicht nur für das kapitalistische Wirtschaftssystem, sondern auch für große Teile der Gesellschaft unannehmbar scheint und zu neuen Diskriminierungen und Ausgrenzungen führt. Brenton Tarrant etwa, der 2019 im Neuseeländischen Christchurch 51 Muslime ermordete, bezeichnet sich selbst als ethnonationalistischer Ökofaschisten. "Als ich jung war", schreibt er in seinem Manifest, "war ich Kommunist, (…) dann Libertärer, bevor ich Ökofaschist wurde." Auch die politischen Ideologien des europäischen Vordenkers eines "White Genocide", der Franzose Renaud Camus, sind ökologisch grundiert.

Für die Linke bedeutet die Rückkehr der Großen Erzählung möglicherweise die Gefahr einer Rückkehr zur Hierarchisierung gesellschaftlicher Konfliktfelder in Haupt- und Nebenwidersprüche. Hauptwiderspruch wäre nun allerdings nicht mehr der zwischen Arbeit und Kapital, sondern der zwischen Produktion und Produktionsgrundlage oder, wie der britische Ökosozialist James O'Connor es formuliert, der ständigen "Unterproduktion der Produktionsbedingungen": Je mehr sich die ökologische Krise zuspitzt, je größer der Widerspruch zwischen Wachstumsdrang und damit verbundener Zerstörung der Produktionsbedingungen, umso größer wird auch hier die Bereitschaft sein, gesellschaftliche/politische Werte einem ökologischen Denken unterzuordnen.

OekologischeBelatstungsgrenzen 560 Steffen et al Joerg Felix Mueller Wikicommons uDeutsche Übertragung des Schemas aus dem Aufsatz "Planetary boundaries: Guiding human development on a changing planet" von Will Steffen et al. auf sciencemag.org 2015 © Felix Jörg Müller - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0

Dem ließe sich am ehesten mit dem von Haraway und Latour geprägten Begriff der "Verstrickung" von sozialen und natürlichen Prozessen begegnen. Wenn wir also beispielsweise als Die Vielen in Zeiten umkämpfter Werte Pluralität, Offenheit und Teilhabe als Grundpfeiler unserer politischen Agenda begreifen, so gilt es auch unseren aktuellen blind spot, nämlich den der ökologischen Frage, als richtungsweisendes Kriterium anzuerkennen, um Gerechtigkeit und Solidarität ganzheitlich wirksam zu machen.

Quo vadis, homo ecologicus

War Zeit in der Moderne wie Postmoderne monolithisch, auf eine hegemonial ausstaffierte Beziehung von Kapitalismus und Individuum ausgelegt, in der die Zukunft für viele zwar von Schulden kolonisiert war, stets aber mit dem Versprechen individueller Verwirklichung und generationaler Wohlstandsvermehrung einherging, verschiebt die Große Geschichte vom Ende jegliche Utopie eines subjektiven Zentrums. Die Vorstellung von Natur als einer unerschöpflichen Ressource hat sich als Trugschluss erwiesen, das Konzept eines leeren Raums, den es zu erobern gilt, als Fiktionen westlichen Imperialismus. Diesem anthropozentrischen Kolonisationsprotokoll, diesem "Vorwärts, diesem Immer-noch-weiter-Hinaus", widersetzt sich die Natur (Latour). Und von diesem Endpunkt, dieser unhintergehbaren Grenze aus, muss Zukunft gedacht und ermöglicht werden. Das bedeutet nicht weniger als dass das ganze Spektrum gesellschaftlicher Werte und individueller Ansprüche mit einem Handlungshorizont synchronisiert werden muss, dessen absoluter Referent die endliche und verletzliche Atmosphäre des Planeten selbst ist (Serres).

Der Anspruch politischen Erzählens muss sich in Zukunft an dieser erdgeschichtlichen Dimension messen lassen. Möglich, dass für das Theater, wie Frank M. Raddatz vermutet, "mit dem Kreuzungspunkt von Natur und Geschichte der dionysische Strang ins Innere der dramatischen Struktur zurückkehrt", und damit eine Auferstehung der Tragödie sowie die Rückkehr zu Konflikt und Handlung zu erwarten sind. Kreuzungspunkte von Natur und Geschichte gibt es allerdings auch in vielen außereuropäischen Theatertraditionen, beispielsweise in den verschiedenen epischen Ausprägungen des ostasiatischen Wayang. Vielleicht ist aber auch eine generelle Abkehr von den tradierten, patriarchal grundierten Erzählformen nötig. Die Vorhersage einer bestimmten theatralen Form oder der Rückkehr zu bestimmten Traditionen wird sich ohnehin als schwierig erweisen: Die Große Erzählung, in die wir unfreiwillig eingetreten sind, ist singulär. Sie kennt weder Telos noch höheren Geist. Wir spielen darin nicht die Rollen der Heilsbringer universeller Werte oder universellen Fortschritts, sondern die der Hauptverantwortlichen eines globalen Desasters. Es sind Folgen dieses Desasters, die gewissermaßen das universelle schillersche Band bilden, das Menschen, Tiere, Pflanzen und ihren Planeten künftig aneinanderfesselt. "Das Ganze der Menschheit", so die Philosophin Marina Garcés, "ist kein abstraktes Ideal mehr, kein Projekt, das es zu verwirklichen gilt. Es ist die Konkretion von Körpern der Menschen in ihrer Gesamtheit, verbunden mit einem erschöpften Planeten."

 

Musiol Lynn 280 privat uLynn Takeo Musiol wurde 1991 in Leverkusen geboren. Sie studierte Soziologie, Islamwissenschaften und Internationale Kriminologie. Zuletzt arbeitete sie als kuratorische Assistent*in beim Berliner Herbstsalon des Maxim Gorki Theaters, ab der kommenden Spielzeit wirkt sie als Dramaturg*in am Schauspielhaus Düsseldorf. Seit 2019 ist sie Stipendiat*in der Akademie der Künste in Berlin.



Tschirner Christian c bastian lomsche uChristian Tschirner
wurde 1968 in Lutherstadt-Wittenberg geboren. Er absolvierte eine Ausbildung zum Tierpfleger, später ein Schauspielstudium an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch". Er erhielt ein Engagement als Schauspieler in Frankfurt/Main, wurde dann freier Regisseur und Autor. Seit 2009 ist er Dramaturg, zunächst am Schauspiel Hannover, ab 2013 am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Seit dieser Spielzeit 2019/2020 ist er leitender Dramaturg der Berliner Schaubühne.

 

Die Artikelserie Inside Endzeit von Musiol/Tschirner erscheint vierzehntägig mittwochs auf nachtkritik.de. Hier lesen Sie den Prolog über unsere alltägliche Gleichgültigkeit und den Sog der Verschleierung.

Mehr zum Thema: Im April 2019 beschrieb Christian Tschirner auf nachtkritik.de: Wie schlechte Klimapolitik und rechte Demagogie unheilvoll zusammenhängen.

Weitere Essays und Theaterrezensionen zum Thema finden Sie in unserem Dossier Theater und Klimakrise.

 
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